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Sinnvolle Ergänzung zur westlichen Schulmedizin

06.12.1999  00:00 Uhr

-TitelGovi-Verlag

TRADITIONELLE CHINESISCHE MEDIZIN

Sinnvolle Ergänzung zur westlichen Schulmedizin

von Hartmut Morck, Eschborn

Während in Deutschland schon vor Jahrzehnten die Akupunktur als eines der traditionellen chinesischen Therapieverfahren eingeführt wurde und heute anerkannt ist, haben sich inzwischen mehrere Kliniken in Deutschland (unter anderem in Ambach, Eging und Kötzting) etabliert, die das gesamte Programm der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) anbieten. Was verbirgt sich hinter der TCM? Ist sie als Ergänzung oder als Alternative zur westlichen Schulmedizin anzusehen? Mit diesem Beitrag soll versucht werden, das komplexe Gedankengebäude der TCM, die auf eine fast fünftausendjährige Geschichte zurückblickt, etwas verständlicher zu machen.

Die Traditionelle Chinesische Medizin ist eine Jahrtausende alte, umfassende, naturorientierte und ganzheitsmedizinische Heilmethode, bei der der Patient mit Körper, Seele und Geist als Einheit im Vordergrund steht. Philosophie und das Ziel der TCM lassen sich in einem Satz zusammenfassen: "Ein Mensch ist gesund,wenn er in Harmonie mit sichund der ihn umgebenden Natur lebt."

Folgerichtig ist Krankheit nichts anderes als eine Disharmonie, ein körperlich-seelisches Ungleichgewicht. Die TCM ist darauf gerichtet, die Harmonie beziehungsweise das Gleichgewicht im Menschen sowie zwischen dem Menschen und der Natur wiederherzustellen. Die Chinesische Medizin behandelt also den kranken Menschen, während die Schulmedizin die Krankheit behandelt. Das Prinzip der TCM -begründet sich auf den Vorstellungen der alten Chinesen, dass der Mensch in das allgegenwärtige Gefüge der Natur eingebunden ist. Biologisch-chemische Prozesse befinden sich ebenso wie geistig-seelische in einem steten Wandel. Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit werden nur als Modifikationen einer höheren, dynamischen Ordnung angesehen. Dieses buddhistisch-konfuzianische Gedankengut durchzieht alle Lebensbereiche in China, also auch die Medizin.

Yin und Yang – zwei Seiten einer Medaille

Das sichtbare Symbol für die polare Weltanschauung der Chinesen ist die bekannte Yin- und Yang-Monade. Die zwei Hälften des Kreises sind getrennt durch eine S-förmige Linie und enthalten einen schwarzen Punkt im weißen und einen weißen Punkt im schwarzen Feld. Im alten China bedeutete Yin "Schattenseite" und Yang "Sonnenseite". Erst später wurden Yin und Yang als abstrakte Begrifflichkeiten für die verschiedenen Polaritäten verwendet. Yang steht für das Aktive, Dynamische, Expansive und Aggressive. Im Gegensatz dazu beschreibt Yin das Ruhende, Feste, Stabilität und Entspannung. Bei vollkommener Gesundheit befinden sich Yin und Yang in den verschiedenen Funktionsbereichen des Organismus im Gleichgewicht. Wird der Organismus durch innere oder äußere Faktoren, dazu gehören zum Beispiel auch Emotionen oder Witterungseinflüsse, aus dem Gleichgewicht gebracht, entsteht eine Dysbalance zwischen Yin und Yang. Dabei kann entweder Yang oder Yin absolut, oder relativ überwiegen. Überwiegen Yang oder Yin absolut muss der Therapeut versuchen, diese zu senken. Bei relativem Überwiegen von Yin oder Yang muss die andere Antipode Yang oder Yin gesteigert werden. Diese grundsätzlichen Überlegungen sind von entscheidener Bedeutung für die Wahl der Arzneimittel und/oder der Akupunkturnadelung.

Die fünf Wandlungsphasen

Neben dem Yin und Yang wurde fast gleichzeitig das System der fünf Wandlungsphasen entwickelt. Bei diesem Gedankengebäude wird davon ausgegangen, dass alle Dinge der Welt, aber auch Gefühle und andere Sinneswahrnehmungen in einer Beziehung zueinander stehen. Jeder, der fünf Wandlungsphasen, Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser, findet ihre Entsprechung in den verschiedenen Bereichen des Mikro- und Makrokosmos. So wird zum Beispiel die Emotion in fünf charakteristische Gruppen gegliedert und den Wandlungsphasen zugeordnet. Diese Zuordnungen sind keinesfalls willkürlich. In der Wandlungsphase Holz findet sich eine Entsprechung zu dem Gefühl Wut und gleichzeitig zu den Organen Leber und Galle. Auch die fünf Wandlungsphasen stehen miteinander in Beziehung und zwar im Sinne der Entstehung: Holz lässt Feuer, Feuer lässt Erde, Erde lässt Metall, Metall -lässt Wasser und Wasser wiederum Holz entstehen. Der Zyklus der Überwindung ist dagegen gegliedert in: Holz überwindet Erde, Erde überwindet Wasser, Wasser überwindet Feuer, Feuer überwindet Metall und Metall überwindet Holz. Außerdem gibt es noch den Zyklus der Überwältigung. Chinesische Ärzte können mit Hilfe dieser Zyklen die Abhängigkeiten der zu den Wandlungsphasen gehörigen Organe untereinander erklären.

Die fünf Funktionskreise

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der TCM ist der Begriff der fünf Funktionsbereiche. Als Funktionsbereiche gelten Lunge, die Mitte beziehungsweise das Zentrum des Menschen, Herz, Niere und Leber. Diese fünf Funktionsbereiche des Organismus umfassen aber nicht nur das Hauptorgan, nach dem sie benannt werden, sondern eine ganze Reihe weiterer Organe und Gewebe. Einem Funktionsbereich, "zang" genannt, werden außerdem alle menschlichen Phänomene einer Wandlungsphase zugeordnet.

Die Therapieprinzipien

Nach der TCM ist der Mensch ein Teil seiner Umwelt. Deshalb berücksichtigt die TCM alle erkennbaren Einflüsse von außen, aber auch die Reaktionsmöglichkeiten des Individuums auf diese Einflüsse. Alle Vorgänge befinden sich in einem dynamischen Prozess und werden von einer aktiven Kraft, dem "Qi", durchströmt. Qi könnte im Deutschen mit Energie übersetzt werden. Das wäre allerdings zu wenig. Qi ist vielmehr der nichtstoffliche Anteil des Menschen. Texten aus dem 4. Jahrhundert kann die Interpretation von Qi bereits entnommen werden:

"Der Mensch lebt inmitten von Qi. Qi erfüllt den Menschen. Von Himmel und Erde bis zu den zehntausend Wesen, alles bedarf Qi, um zu leben. Wer das Qi zu führen weiß, nährt im Inneren seinen Körper und wehrt nach außen hin schädigende Einflüsse ab."

Um Qi zu beeinflussen, bedienen sich die chinesischen Ärzte der sechs Säulen der TCM:

Akupunktur

Nach chinesischer Ansicht durchzieht ein Netz von Energiebahnen, die so genannten Meridianen, den gesamten Körper. Sie werden nach den inneren Organen beziehungsweise Funktionsbereichen benannt. So zieht sich zum Beispiel der Magen-Meridian vom Gesichtsschädel an der Vorderseite des Körpers hinunter bis zur Spitze der zweiten Zehe. Auf dem Meridian liegen 45 Akupunkturpunkte, an denen der Arzt einwirken kann. Auf den insgesamt 14 Hauptlinien dieses Meridian-Netzwerkes liegen zusammen 361 Akupunkturpunkte. Durch ihre Stimulation mit feinen Stahlnadeln kann der Arzt die in den Leitbahnen fließende Lebensenergie Qi erreichen. Er kann Blockaden auflösen, das Qi unterstützen oder krankhaftes Qi ausleiten und damit Yin und Yang wieder ins Gleichgewicht bringen. Nach dem heutigen Wissen unterscheiden sich die Akupunkturpunkte durch ihren geringen Hautwiderstand und die damit verbundene erhöhte elektrische Leitfähigkeit von ihrer Umgebung. Elektronenmikroskopische Untersuchungen ergaben, dass die Lage der Akupunkturpunkte mit den Fasziendurchtrittsstellen der Gefäß-Nerven-Bündel übereinstimmen. Die Akupunktur kann auch mit den Fingerspitzen durchgeführt werden, was als Akupressur bezeichnet wird. Akupunktur wird unter anderem bevorzugt bei Migräne, Asthma, Ischias, Impotenz oder Menstruationsschmerzen angewandt

Moxibustion

Bei dieser Behandlungsmethode wird ein kleiner Zylinder aus getrocknetem und gepresstem Beifuß (Moxa-Zigarre) angezündet und dem Akupunkturpunkt angenähert, der behandelt werden soll. Moxibustion basiert auf denselben Prinzipien wie die Akupunktur und kann bei den gleichen Beschwerden angewendet werden. Das Anwärmen wird solange fortgesetzt, bis die Hitze deutlich spürbar ist. Der ganze Vorgang wird dann mehrmals wiederholt. Indikationen für Moxibustion sind Erschöpfungszustände, Appetitlosigkeit, kalte Füße und kalte Hände.

Schröpfen

Das Schröpfen ist eine Behandlungsart von Krankheiten durch Ansaugen der Hautoberfläche mit Hilfe kleiner Gefäße. In ihnen wird ein Vakuum durch Hitze in Form von entzündeten, alkoholgetränkten Baumwolltupfern erzeugt. Die Gefäße können aus Bambus oder Glas sein. Es gibt sie in verschiedenen Größen, die Ränder der Gefäße müssen gerade und glatt sein. Anwendung findet das Schröpfen unter anderem bei Rheumatismus, schmerzhaften Gelenken, Verstauchungen, Facialisparese und Asthma.

Tuina

Wie bei der Akupunktur dienen auch bei der Tuina-Massage die Meridianen zur Orientierung. Über bestimmte Punkte und Körperzonen kann der Therapeut durch die Tuina-Massage auch tieferliegende Störungen beeinflussen. Gegenüber westlichen Massage-Techniken ist die Tuina-Massage weniger oberflächlich, dafür schmerzhafter und langfristig effektiver. Die Tuina-Behandlung wird haupt-sächlich durchgeführt bei Muskelverspannungen, Rückenschmerzen, körperlichen und psychischen Belastungen.

Qi-Gong (Tai-ChiChuan)

Der Begriff setzt sich zusammen aus Qi (Lebensenergie) und Gong (Üben). Es ist eine besondere Form der Atem- und Bewegungstherapie, die mit Konzentrations- und Meditationselementen gekoppelt wird. Die Chinesen schätzen diese Behandlungsart vor allem als vorbeugende Selbsthilfetechnik. Tägliche Übungen sollen zur Harmonie der Körperfunktionen und vollkommenen Entspannung beitragen. Indikationen sind Konzentrationsschwäche, vegetative Störungen und ein geschwächtes Abwehrsystem.

Kräutertherapie

Die Kräutertherapie ist die wichtigste Säule der TCM. Im Laufe der Jahrhunderte wuchs die Zahl der in ihrer Wirkung bekannten Heilkräuter ständig. Ihre Qualität und therapeutische Wirksamkeit wurde in Arzneibüchern dokumentiert. Das derzeit gültige chinesische Arzneibuch beschreibt 509 Drogen. Obwohl man nur von chinesischen Heilkräutern spricht, gehören zu dieser traditionellen Medizin auch mineralische und tierische Stoffe. Fast nie wird ein Heilkraut alleine verordnet, sondern meistens in Kombination mit mehreren anderen Pflanzen oder Mineralien. Die Dosierung bewegt sich gewöhnlich zwischen drei und 15 Gramm pro Heilkraut. Durch Auskochen der Kräuter entsteht ein konzentrierter Tee, ein Dekokt, der über einen bestimmten Zeitraum regelmäßig eingenommen werden muss. Aber auch in Form von Kräuterkissen werden die Heilkräuter angewandt. Das internationale Interesse an den chinesischen Heilkräutern wird immer größer. So beträgt der Export von Heilkräutern aus China pro Jahr rund 120 000 Tonnen. Jährlich erwirtschaftet China über 270 Millionen Dollar mit der Ausfuhr der Kräuter. Auch nach Deutschland gelangen immer häufiger chinesische Heilkräuter. Wichtig für die Abgabe in Apotheken ist, dass diese Kräuter aufgrund ihrer Indikationen zum größten Teil als apotheken-pflichtige Arzneimittel angesehen werden müssen. Deshalb trägt die abgebende Apotheke die volle Verantwortung für die pharmazeutische Qualität. Sie zu bewerten, fällt allerdings oft schwer, weil es keine Beschreibungen für diese Drogen gibt. Die deutsche Apotheke muss deshalb vom Importeur ein Analysenzertifikat einfordern, aus der die Qualität ersichtlich wird, insbesondere über die Belastung mit Schwermetallen. Der Apotheke bleibt vorbehalten, die Identität nachzuweisen. Dazu sollten die Beschreibungen aus den chinesischen Pharmacopöen besorgt werden. Das Hauptinteresse an den chenischen Heilkräutern  in unseren Breiten gilt allerdings nicht der Anwendung, sondern der Aufklärung der Inhaltsstoffe mit dem Ziel, neue Arzneistoffe für die abendländische Medizin daraus zu entwickeln (siehe PZ 22 [1995], 9 - 23).

 

PZ-INTERVIEW

Die Rolle von TCM als Ergänzungstherapie PZ In Deutschland werden immer mehr Zentren eröffnet, die sich auf Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) spezialisiert haben. Eines dieser Zentren ist das TCM-Centrum in Eging am See, in dem Professor Dr. med. Guo-jun Diao praktiziert. Dr. Hartmut Morck sprach mit ihm über den Stellenwert der TCM.

PZ: Herr Professor Diao, herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft, mit der PZ über die Rolle der Traditionellen Chinesischen Medizin zu sprechen. Vielleicht können Sie unseren Lesern zunächst aus Ihrer Sicht den Unterschied zwischen der TCM und der westlichen Schulmedizin erklären?

Diao: Die chinesische Medizin als Naturmedizin basiert im Unterschied zur Schulmedizin auf Beobachtungen natürlicher und nicht biochemischer Abläufe. Die Grundlage der TCM ist das Wissen, das über 5000 Jahre gesammelt wurde, sich entwickelt hat, von Generation zu Generation überliefert und erfolgreich angewendet wurde. Das Wichtigste an TCM ist, die Funktion des Körpers nicht materiell zu beeinflussen, sondern in die energetische Steuerung einzugreifen. Nach unseren Vorstellungen ist bei einer Erkrankung, wie zum Beispiel einem Bandscheibenvorfall, die -Energie aus dem Gleichgewicht geraten. Die Folge sind Schmerzen. Die chinesische Medizin versucht das Gleichgewicht wiederherzustellen durch Akupunktur, Kräutertherapie, Moxa-Therapie sowie Tuina-Massagen und Atem- und Bewegungsübungen.

PZ: Sehen Sie die TCM als Alternative oder als Ergänzung zur Schulmedizin?

Diao: Ich bin selber auch Schulmediziner, habe in Tübingen Medizin studiert und promoviert, so dass ich beide Therapierichtungen beurteilen kann. Ich bin der Meinung, dass die TCM eine sinnvolle Ergänzung zur Schulmedizin ist.

PZ: Wenn TCM als Ergänzung zur Schulmedizin angesehen werden kann, dann stellt sich die Frage: Gibt es Indikationen, die ausschließlich für die Schulmedizin reserviert sind, und gibt es Indikationen, die bevorzugt mit der TCM behandelt werden können? Diao: Für die Schulmedizin sind alle akuten und lebensbedrohlichen Erkrankungen reserviert. Chronische Erkrankungen dagegen können mit TCM behandelt werden. Oft ist mit der Schulmedizin bei chronischen Krankheitszuständen keine Besserung mehr zu erzielen. Hier kann die TCM eventuell helfen. TCM ist also als Ergänzung und nicht als Alternative zur Schulmedizin anzusehen. Von den Indikationen bieten sich für die TCM in erster Linie funktionale Störungen, Erkrankungen des Bewegungsapparates und chronische Kopfschmerzen sowie Migräne an. Asthma wird kombiniert behandelt, wobei TCM in den anfallsfreien Zeiten eingesetzt wird. Bei Tumorerkrankungen kann TCM nur eine adjuvante beziehungsweise eine palliative Therapie sein, die zur Immunstärkung beiträgt. So konnte zum Beispiel nachgewiesen werden, dass die Metastaseneigung in einer Qi-Gong-Gruppe, die eine Atem- und Bewegungstherapie mit Konzentrations- und Meditationselementen begleitete, deutlich reduziert war. Ich möchte vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse aber festhalten: TCM ist nicht in der Lage, Krebs zu heilen.

PZ: Sie sind Schulmediziner, behandeln aber auch nach der Traditionellen Chinesischen Medizin. Warum in Deutschland?

Diao: Ich habe in Deutschland Medizin studiert. Das war aber nicht der Grund, warum ich wieder nach Deutschland gekommen bin. Die Idee war vielmehr, die TCM nach Deutschland zu bringen, weil sie im Gegensatz zur Schulmedizin mehr auf Vorbeugung aufbaut. Vorbeugen ist besser als Heilen. Das ist meine Ideologie, die ich gerne auch in Deutschland bewusster machen möchte. Vorbeugung durch TCM bedeutet, das Immunsystem stärken beziehungsweise mobilisieren. Während meines Aufenthaltes in Tübingen hatte ich mich schon auf das Fach Immunologie spezialisiert, weil es etwas mit der TCM zu tun hat. Mit der TCM behandeln wir keine Krankheiten, sondern Grundregulationssysteme des ganzen Körpers, also auch das Immunsystem. Die Schulmedizin dagegen greift nur lokal ein.

PZ: Können Sie dann also nebeneinander nach beiden Methoden, Schulmedizin und TCM, behandeln?

Diao: Natürlich. Auch in China werden beide Methoden parallel angewandt. Außerdem hat sich auch die TCM weiterentwickelt. Sie ist nicht mehr vergleichbar mit der TCM vor 5000 Jahren. Auch der TCM-praktizierende Arzt braucht für seine Arbeit die schulmedizinische Diagnose. In der Therapie habe ich allerdings die Erfahrung gemacht, dass die TCM zumindest bei chronisch verlaufenden Krankheiten effektiver ist als die Schulmedizin. Das heißt, wir brauchen beide Methoden, auch nebeneinander, insbesondere die modernen Diagnose-Technologien aus der Schulmedizin. Es gibt aber auch von uns angewandte Diagnosemethoden in der TCM, die sich mehr auf die Energiebahnen beziehen. So ist ein Bandscheibenvorfall nach der TCM-Di-agnose ein Energiestausyndrom. Die Meridianen sind betroffen, und wir müssen nun entscheiden, welches Problem der Patient hat.

PZ: Es fiel das Stichwort Meridiane. Lassen sich diese Energiebahnen materialisieren? Sind sie wie Nervenbahnen zu charakterisieren? Diao: Das Meridiansystem ist ein Erfahrungssystem, das sich in der fünftausendjährigen Geschichte der TCM aufgebaut hat. Anatomisch können wir nicht festlegen, was Meridiane sind. Die chinesische Medizin glaubt, dass unter der Haut ein unsichtbares Energieflussnetz zu allen Teilen des Körpers existiert. Ein Meridian ist mit einem Organ verbunden. Deshalb arbeiten wir oberflächlich, um über die Meridianen die betroffenen Organe zu beeinflussen.

PZ: Ich bin Naturwissenschaftler und kann mich natürlich nicht mit dem Hinweis begnügen, dass unter der Haut unsichtbare Energie fließt. Kann man diesen Energiefluss eventuell mit physikalischen Methoden messen?

Diao: Leider kann man das nicht. Es gibt aber viele wissenschaftliche Untersuchungen. Ich habe auch selbst einige in China durchgeführt. Wir glauben, dass die Meridianen durch das Zusammenspiel des Nervensystems mit den Gefäßen erklärt werden können, wobei wir den Mechanismus noch nicht kennen. Interessant ist, dass wir inzwischen Personen kennen, die meridianempfindlich sind, die bei Beschwerden rote Streifen entlang einer Meridiane aufweisen. Das bestätigt übrigens die Aufzeichnungen unserer Vorfahren vor mehreren tausend Jahren, die auch solche Phänomene beschrieben haben. Wir arbeiten an diesem Phänomen. Wir können es auch mit der Akupunkturnadel provozieren: Wenn wir ein Meridian getroffen haben, entsteht eine rote Linie entlang des Meridians, aber leider nicht bei jedem.

PZ: Das hiesige Gesundheitssystem setzt auf Nachweise der Wirksamkeit bei Arzneimitteln durch klinische Prüfungen, am besten doppelt blind kontrolliert. Wie sehen Sie die Chancen, für TCM-Arzneimittel in Deutschland oder Europa eine Zulassung als Arzneimittel zu bekommen?

Diao: Es gibt auch für chinesische Kräuter randomisierte, doppelblind kontrollierte Studien, sogar für Akupunkturtherapie. Aber es ist in der Tat schwer, für chinesische Vielstoffgemische Arzneimittelzulassungen in Deutschland oder in Europa zu bekommen, während für einzelne Pflanzen oder Pflanzenzubereitungen wie Ginkgo eine Arzneimittelanerkennung keine Schwierigkeit bereitet.

PZ: In Deutschland sind inzwischen 505-Kräuterkissenauflagen aufgrund der genannten Schwierigkeiten, eine Arzneimittelzulassung zu bekommen, als Medizinprodukte zur physikalischen Therapie in den Handel gekommen. Was bedeutet eigentlich 505?

Diao: 505 ist in China eine Glückszahl, wobei die Zahl 5 in China als eine äußerst wichtige Zahl angesehen wird. Wir haben zum Beispiel 5 Finger, wir haben 5 Elemente. Diese von Ihnen genannten Kräuterkissenauflagen sind Mischungen aus vielen Einzelkräutern und es ist sicher eine Illusion, zu hoffen, diese Zubereitungen in Deutschland als Arzneimittel anerkannt zu bekommen. Da bleibt nur der Umweg über die Nahrungsergänzungsprodukte oder bei äußerlicher Anwendung über die Medizinprodukte. In China ist das kein Problem, dort sind auch die TCM-Produkte als Arzneimittel anerkannt und zugelassen.

PZ: Welchen Stellenwert hat die Traditionelle Chinesische Medizin im heutigen China?

Diao: Die westliche Medizin hat inzwischen auch in China Fuß gefasst, so dass beide Systeme gleichberechtigt nebeneinander bestehen. Bei akuten Erkrankungen wird die Schulmedizin angewandt, insbesondere dann, wenn chirurgische Eingriffe nötig werden, denn die TCM kennt keine invasiven Methoden. Chronische Krankheiten werden in China nach wie vor bevorzugt mit TCM-Methoden behandelt. Prozentual lassen sich die Anteile von Schulmedizin und TCM nicht berechnen, weil es Unterschiede zwischen Stadt und Land gibt. Auf dem Land wird mehr TCM angewandt, in Städten, wie zum Beispiel in Shanghai, hat die Schulmedizin einen größeren Anteil.

PZ: Welche Chancen räumen Sie der TCM in Deutschland ein?

Diao: Bisher haben wir die Erfahrung gemacht, dass die TCM, die wir anwenden, großen Anklang bei den deutschen Patienten findet. Natürlich wollen viele auch nur einmal probieren, weil sie mit der Schulmedizin nicht mehr zufrieden sind. Auch Patienten, die von der Schulmedizin aufgegeben wurden, suchen den Weg zu uns. Das ist vielleicht auch die Chance für die TCM. Die Schulmediziner haben sich aus meiner Sicht zu sehr auf Teile des menschlichen Körpers spezialisiert und sehen nicht mehr den gesamten Menschen. Die TCM will den ganzen Körper wieder ins Gleichgewicht bringen und ist nicht auf kurzfris-tige Erfolge ausgerichtet. Außerdem vermitteln wir den Menschen nicht das Gefühl, dass sie Maschinen sind, die zur Reparatur gebracht werden. Wir nehmen den Menschen als Ganzes wahr und behandeln ihn auch als Ganzes.

PZ: Übernehmen die Krankenkassen in Deutschland die Kosten einer TCM-Behandlung?

Diao: Das ist von Krankheit zu Krankheit verschieden. Zum Teil werden die Kosten von den Krankenkassen nach Antrag ganz oder anteilig übernommen, zum Beispiel bei Akupunkturbehandlungen. Top

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