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Gute Rezepturen kommen aus der Apotheke

12.10.1998
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-Pharmazie

Govi-Verlag

Gute Rezepturen kommen aus der Apotheke

Magistralrezepturen sind aus den deutschen Apotheken nicht wegzudenken. Darin waren sich sowohl Podium als auch die Zuhörer nach einer Diskussion während des Expopharm-Kongresses am Sonntag, den 4. Oktober im Münchner Kongreßzentrum einig. Dermatologen sollten jedoch möglichst nur standardisierte und bewährte Rezepturen verordnen.

Fast 40 Prozent aller verordneten Arzneimittel werden in der Apotheke hergestellt; bei den Externa sind es sogar 47,5 Prozent, berichtete PD Dr. Wolfgang Gehring, Karlsruhe. Durch Inkompatibilitäten, die meist aus Rezeptur- und Herstellungsfehlern resultieren, seien die Zubereitungen jedoch in eine kontroverse Diskussion geraten. Apotheken sind besonders bei Rezepturen, die Tretinoin, Erythromycin und Harnstoff enthalten, gefordert. Hier muß immer mit Stabilitätsschwierigkeiten gerechnet werden.

Nach Meinung Gehrings sind Magistralrezepturen oftmals auch im Hinblick auf Wirkstofffreigabe und –penetration nicht wissenschaftlich abgesichert. Der Referent warnte vor bedenklichen Inhaltsstoffen. Zum Beispiel Fabry-Spiritus enthalte Phenol und Resorcin, die beide toxisch sind. Auch in Solutio Castellani sei Resorcin und Chlorocresol verarbeitet.

"Es geht aber auch ohne bedenkliche Rezepturen", betonte Gehring. Castellani-Lösung könne durch ethanolische Fuchsinlösung NRF oder eine Mischung aus Chlorhexidingluconat (20 Prozent) und Ethanol (70 Prozent) ersetzt werden.

Magistralrezepturen haben seiner Meinung nach auch Vorteile: Für manche Therapiekonzepte gibt es häufig keine Fertigarzneimittel. Es fehle beispielsweise eine lückenlose Dosierungsskala von Dithranol- oder Tetracyclin-Zubereitungen. Auch die Wahl einer geeigneten Grundlage könne maßgeblich den Erfolg der Medikation beeinflussen. Das Samenöl der Nachtkerze wird bei Neurodermitis atopica eingesetzt. Gehring: „Unsere Studienergebnisse belegen, daß das Öl besonders in einer W/O-Emulsion nach längerer Anwendung positive Effekte zeigt."

Antibiotika durch Antiseptika ersetzen

Große Probleme bereiten den Dermatologen Antibiotika-Resistenzen. Bei Akne-Patienten zeigten sich schon beim Erstkontakt 100prozentige Resistenzen gegen Metronidazol. Nach einer achtwöchigen Therapie mit Erythromycin ließe auch dessen Wirksamkeit deutlich nach. Antiseptika wie Triclosan seien deshalb eine wichtige Alternative. "Es ist uns wichtig, immer mehr Antiseptika einzusetzen und so Antibiotika einzusparen."

Gehrings klares Votum für Magistralrezepturen: Dermatologen sollten sichere Rezepturen, zum Beispiel aus dem NRF, verordnen, auf bedenkliche Inhaltsstoffe verzichten und Arzneistoffe einsetzen, deren Wirksamkeit belegt ist.

"Kein Argument ist derzeit so real, daß es geeignet wäre, ernsthaft am Grundkonsens über die Notwendigkeit der dermatologischen Rezeptur zu zweifeln", sagte auch Dr. Holger Reimann, Leiter Abteilung DAC/NRF im Govi-Verlag. Beide Berufsgruppen, Dermatologen und Apotheker, müßten jedoch fortwährend die fachliche Basis an den medizinischen Fortschritt und die GMP anpassen. Er wünschte sich von den Hautärzten mehr Sensibiltät für galenische Probleme und forderte auch die Pharmaindustrie auf, bei der Entwicklung neuer Rezepturen mitzuarbeiten. Schließlich profitierten auch die Hersteller von bewährten und etablierten Magistralrezepturen.

Magistralrezepturen hätten in Deutschland Tradition. Die Apotheker sollten darauf nicht verzichten und dadurch eventuell Märkte verlieren. Schließlich beweise der Pharmazeut so auch seine Kompetenz. "Wir stehen in Deutschland gut da, das muß so bleiben."

In der anschließende Podiumsdiskussion berichtete Dr. Joachim von Essen, niedergelassener Dermatologe aus Hamburg, von seiner guten Zusammenarbeit mit Apothekern. Er habe in der Hansestadt eine Arbeitsgruppe gegründet. Hautärzte könnten so ihre traditionellen Rezepturen auf Plausibilität prüfen lassen und mit ihren Apothekern nach sinnvollen Alternativen suchen. "Ich kann jedem Dermatologen nur raten, sich mit seinem örtlichen Apotheker an einen Tisch zu setzen."

Gerhard Reichert, Vorsitzender des Bayerischen Apothekerverbands, sagte, daß es für die Apotheker nicht rentabel sei, Rezepturen herzustellen. Die Kosten würden lange nicht gedeckt. Deshalb sei der Nachbau von Fertigarzneimitteln unsinnig. Auf die Herstellung von Magistralrezepturen sollte dennoch keine Apotheke verzichten.
Von einer teilweise schlechten Geschäftspraxis in der Industrie sprach Dr. Hans Walter Reinhardt, Stiefel, Offenbach. Die Pharmazeutischen Hersteller überschwemmten die Dermatologen mit Rezepturvorschlägen, um ihre Produkte verordnungsfähig zu machen. Dabei gingen viele Betriebe zu lasch mit dem Begriff Stabilität um, gäben mitunter Ergebnisse auf der Zubereitung an, die nicht genau geprüft seien. Bei den Apotheken fehle manchmal die nötige Sorgfalt.

Dr. Christian Pflugshaupt, Egerkingen, Schweiz, sagte, die Industrie sei gefordert, moderne geeignete Vehikel zu entwickeln. Gerade in der Therapie der Akne und Neurodermitis könne man auf Magistralrezepturen nicht verzichten. "Wenn es ein passendes Fertigarzneimittel gibt, dann nehmen sie es bitte. Fehlt es, ist die Rezeptur unersetzlich."

PZ-Artikel von Ulrich Brunner, MünchenTop

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