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Nutzen und Schaden durch Alkohol: die Menge macht es

09.06.1997
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-Pharmazie

  Govi-Verlag

Nutzen und Schaden durch Alkohol:
die Menge macht es

Pharmacon Meran

  "Nur die koronare Herzerkrankung wird durch Alkohol günstig beeinflußt und auch nur dann, wenn nicht mehr als 40g pro Tag zugeführt werden". Der Marburger Kardiologe Professor Dr. Bernhard Maisch rückte in Meran die von Alkoholliebhabern immer wieder gern zitierte kardioprotektive Wirkung des Alkohols ins rechte Licht. Richtig sei, so Maisch, daß in mediterranen Ländern die kardiovaskuläre Mortalität geringer ist als im hohen Norden. Und Untersuchungen wie unter anderem die Monica-Studie belegen, daß mit der Menge des konsumierten Alkohols die Herzinfarktrate sinkt - bei der empfohlenen Höchstdosis von täglich 40g um etwa die Hälfte.

Man gehe davon aus, daß die kardioprotektive Wirkung des Alkohols ein Summeneffekt ist aus der Erhöhung von gefäßprotektiven HDL (high density lipoproteins) im Blut und aus fibrinolytischen Effekten, die durch Abnahme des Plasminogenspiegels, Anstieg des Plasminogenaktivators und Veränderungen des Fibrinogens zustande kommen, erklärte Maisch. Beim Rotwein würden zusätzlich Radikalfängereigenschaften durch die enthaltenen Phenole diskutiert. Neueren Untersuchungen zufolge ist die kardioprotektive Wirkung allerdings unabhängig von der Art der Alkoholzufuhr - Hauptsache 40 g täglich werden nicht überschritten. Um auf der sicheren Seite zu sein, empfiehlt Maisch maximal 0,5l Bier oder 0,2l Wein oder 0,04l Spirituosen täglich. Diese Mengen entsprechen jeweils 20g reinem Alkohol.

Genußmittel, Nahrungsmittel, Rauschmittel oder Noxe? Die Menge macht's wie Maisch an den negativen gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums verdeutlichte. So stehen der akuten vasodilatierenden Wirkung, die bereits im Mittelalter bei Angina pectoris therapeutisch genutzt wurde, die pressorischen Effekte bei chronischem Mißbrauch gegenüber. Zurückgeführt werden sie unter anderem auf eine gesteigerte Aktivierung des sympathoadrenergen Systems und auf Stimulation der Nebennierenfunktion. Aufgrund der diuretischen Wirkung kommt es zu einem Vasopressinanstieg. "Würde durchgängig weniger als 40g Alkohol pro Tag getrunken, hätten wir in Deutschland rund 10 Prozent weniger Hochdruckerkrankungen", mutmaßte Maisch. Jede 10g Alkohol, die über einen Grenzwert von 30g täglich hinausgehen, kämen einer Blutdrucksteigerung um mindestens 2mmHg systolisch und 1mmHg diastolisch gleich.

Damit noch nicht genug der negativen Folgen: Gegenüber der kardioprotektiven Wirkung stehen Myokardzirrhosen, alkoholische Kardiomyopathien, Herzrhythmusstörungen oder die Prädisposition für Myokarditis als Folgeschäden von chronischem Alkoholkonsum von mehr als 30 bis 40 g täglich. Bereits bei regelmäßigem Genuß von mehr als 50 g Alkohol pro Tag gehe man unter epidemiologischen Gesichtspunkten von einer Alkoholabhängigkeit aus, erklärte Maisch. Im Vergleich zum Nichtalkoholiker leiden die Betroffenen rund neunmal häufiger unter Leberzirrhose, zwölfmal häufiger unter Magenkrebs und mindestens 1,5mal häufiger unter Herzinsuffizienz; ihre Selbstmordrate liegt um den Faktor 70 höher und alkoholassoziierte Unfälle um den Faktor drei.

In der deutschen Bevölkerung sind diese Zusammenhänge offenbar nicht bekannt oder aber werden ignoriert. Wie sonst ließe sich erklären, daß die Bundesrepublik seit 1994 "fragwürdiger Weltmeister" ist, was den im Genuß alkoholischer Getränke angeht. 143 l Bier, 23 l Wein und 2,2 l reinen Alkohol trinkt der Deutsche pro Jahr, eingerechnet Säuglinge und Greise. Unter dem Strich komme man auf einen jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 12 l Weingeist, rechnete Maisch vor.

6 von 100 Bundesdeutschen gehören zu der Gruppe der Alkoholiker mit >50g Alkohol/d; 10 von 100 sind zwar nicht selbst Trinker, aber dennoch akoholgeschädigt, beispielsweise durch Unfälle. Ausgaben für Alkoholika in Höhe von rund 50 Milliarden DM und 37 Milliarden DM zur Behandlung von Alkoholfolgekrankheiten stehen Steuereinnahmen von circa 7,5 Milliarden DM gegenüber. Die Zahl der Todesfälle durch alkoholbedingte Gesundheitsschäden liegt, Unfallopfer nicht eingerechnet, zwischen 35000 und 40000 pro Jahr. Alles in allem ein wenig erfreuliches Bild, das für Maisch die bereits 1884 von dem Entdecker des "Münchner Bierherzens" (Herzverfettung mit Hypertrophie und bindegewebigem Umbau) gewonnene Erkenntnis bestätigt: "Während bei mäßigem Genuß vom hygienischen Standpunkt Bier wohl als Genußmittel unerreichbare Vorzüge besitzt, ist der Abusus wie auch bei anderen Spirituosen gesundheitlich von größten Gefahren begleitet."

PZ-Artikel von Bettina Schwarz, Meran
   

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