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Die "Strafe Gottes" ist heilbar

29.04.2002
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Lepra

Die "Strafe Gottes" ist heilbar

von Christina Hohmann, Berlin

Weiße, fleckige Haut, deformierte Gesichter, Geschwüre, Verstümmelungen - die Folgen der Lepra sind so erschreckend, dass die Menschen sie jahrhundertelang für eine Strafe Gottes hielten. Die Krankheit stellte sich als bakterielle Infektion heraus, die heute heilbar ist. Ausgerottet ist sie aber noch lange nicht.

Seit Menschengedenken fürchtete man Lepra, den Aussatz, als eine Bestrafung der Sünden. In allen Kulturen der Antike, im Mittelmeerraum, China, Ägypten und Indien, war die Krankheit bekannt. Die ältesten schriftlichen Aufzeichnungen stammen aus der Zeit um 600 vor Christus. Die Angst vor den Entstellungen und Deformationen brachte soziales Leid für die Kranken mit sich: Sie wurden aus der Gesellschaft verstoßen, isoliert, erniedrigt.

Erst 1873 zeigte die Entdeckung des Norwegers Armauer Hansen, dass Lepra weder eine Strafe noch ein Fluch war: Der Arzt identifizierte Mycobacterium leprae als Erreger des Aussatzes und damit das erste humanpathogene Bakterium überhaupt. Um die Stigmatisierung der Patienten zu verhindern, wird heute anstatt Lepra häufig die Bezeichnung Hansen-Erkrankung verwendet.

Der Erreger der Lepra zählt zu den Mycobakterien, die beim Menschen auch die Tuberkulose, das Buruli-Ulcus (chronisch ulcerierende Hautkrankheit in Ost- und Zentralafrika, hervorgerufen von Mycobacterium ulcerans), das so genannte Schwimmbadgranulom und atypische Pneumonien hervorrufen. Mycobacterium leprae ist ein säurefestes Stäbchen, das als obligater, intrazellulärer Parasit außerhalb des menschlichen Körpers nur bis zu zehn Tage überleben kann. Es wächst auf keinem bekannten Nährboden, lässt sich aber in der Pfote der Maus und im neunbändigen Gürteltier anzüchten. Der Keim teilt sich nur etwa alle zwölf Tage und bildet keine Sporen.

Infizierte Menschen sind die häufigste Infektionsquelle. Aber auch Gürteltiere (in Louisiana, USA), Schimpansen und andere Affenarten (Westafrika) können die Erreger übertragen. Der genaue Ansteckungsweg ist noch nicht bekannt, jedoch gilt die Inhalation kontaminierter Luft als häufigste Übertragungsart. Aber auch Schleimhautsekrete von Infizierten enthalten viele Erreger.

Die Krankheit

Lepra ist eine chronische Infektion, die vor allem kühlere Körperregionen wie Haut, periphere Nerven, Schleimhäute und obere Luftwege betrifft. Die Erkrankung tritt in zwei Formen auf: die tuberkuloide (TL) und die lepromatöse Lepra (LL). Während die tuberkuloide Form einen gutartigen, nicht progressiven Verlauf nimmt und durch fleckige Depigmentierungen der Haut gekennzeichnet ist, schreitet die lepromatöse, maligne Form der Lepra ständig voran. Typisch sind zahlreiche knötchenartige Hautläsionen (Granulome) und Nervenverdickungen, in denen sich Erreger massenhaft ansammeln. Zwischen den beiden Manifestationen der Lepra gibt es Übergangsformen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifiziert die Erkrankung nach der Erregerlast: Bei der paucibacillären Form weisen die Patienten bis zu drei Hautläsionen auf, bei der multibacillären Form sind mehr Regionen betroffen. Meist sterben die Menschen nicht an der Erkrankung, sie führt aber sehr häufig zu Behinderungen. Dabei entstehen die Verstümmelungen meist nicht durch die Bakterien direkt, sondern sind vielmehr eine Folge der Nervenschäden, die bei beiden Formen der Lepra auftreten. Durch die Gefühllosigkeit in Händen und Füßen kommt es leicht zu Verletzungen, die die Betroffenen kaum beachten. Infektionen der Wunden können bis zum Verlust der Gliedmaßen führen.

Mit einer gewissen Übung können Ärzte Lepra anhand der Hauptsymptome diagnostizieren, den charakteristischen knötchenartigen oder weißen Hautläsionen sowie den Schwellungen der peripheren Nerven. Sicherheit gibt der mikroskopische Nachweis der Erreger aus Haut- oder Nasenschleimhautproben durch Anfärben nach dem Ziehl-Neelsen-Verfahren.

Effizient und erfolgreich

Dank der in den 70er-Jahren entwickelten "Multi Drug Therapy" (siehe Kasten) ist Lepra innerhalb von sechs bis zwölf Monaten vollständig heilbar. Schätzungen der WHO zufolge konnten mit Hilfe der Kombinationstherapie elf Millionen Leprapatienten geheilt werden. Die Krankheit ist dadurch aus 98 Ländern verschwunden. Die Therapie verhindert auch die Ausbreitung des Erregers: Ab der ersten Dosis sind die Patienten für andere nicht mehr infektiös.

 

Geschichte der Lepratherapie Jahrhundertelang behandelte man Lepra allein durch Ausschluss aus der Gesellschaft und mit einer symptomatischen Therapie. Erst nach Entdeckung von Mycobakterium leprae versuchten Ärzte, gegen die Ursache der Krankheit vorzugehen. Von etwa 1900 bis in die 40er-Jahre injizierten Mediziner ihren Lepra-Patienten Öl der Chaulmoogra-Nuss. Diese schmerzhafte Therapie schlug bei einigen Kranken an, der Langzeiteffekt war aber umstritten. Die erste erfolgreiche Therapie stand ab 1941 in Form des Sulfonamids Promin zur Verfügung, das in Carville, Louisiana, eingesetzt wurde. Der Wirkstoff hatte allerdings den schmerzhaften Nachteil, dass zu viele Injektionen täglich nötig waren. 1947 führte Dr. Robert G. Cochrane das bis heute bedeutsame Sulfonamid Dapson ein. Das Medikament wurde in den 50er-Jahren zum Mittel der Wahl, bis die Mycobakterien schließlich Resistenzen gegen den Wirkstoff entwickelten. In den frühen 60er-Jahren kamen die beiden Chemotherapeutika Clofazimin und Rifampicin hinzu. Mehrjährige Feldversuche auf der Insel Malta führten in den 70er-Jahren zu einer effektiven Kombinationstherapie aus diesen drei Substanzen. Seit 1981 empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Kombination Dapson, Clofazimin und Rifampicin (Multi Drug Therapy, MDT) zur Lepratherapie. Novartis und die Novartis Foundation for Sustainable Development stellen MDT allen Leprapatienten kostenlos zur Verfügung. Millionen von Patienten konnten seit 1981 geheilt werden, ohne dass jemals Resistenzen oder Rückfälle auftraten. Bis heute existiert kein Impfstoff gegen Lepra.

 

In der seit 1981 von der WHO empfohlenen MDT sind die drei Wirkstoffe Dapson, Clofazimin und Rifampicin kombiniert. Dapson (Diamino-Diphenyl-Sulfon) hat in der für die MDT vorgeschriebenen Dosierung (100 mg täglich, siehe Tabelle) kaum Nebenwirkungen. Selten treten Allergien, Juckreiz oder eine schuppige Dermatitis auf. Clofazimin wirkt am besten bei täglicher Gabe von 600 mg. Der Wirkstoff ist sehr gut verträglich, trocknet die Haut allerdings aus und verfärbt sie bräunlich, was nach Absetzen der Therapie wieder zurückgeht. Die dritte Substanz Rifampicin wird einmal monatlich (600 mg) eingenommen. In dieser Dosierung weist sie keine Nebenwirkungen auf, allerdings kann der Urin der Patienten mitunter rot verfärbt sein.

Bei einzelnen Hautläsionen empfiehlt die WHO die einmalige Gabe von 600 mg Rifampicin in Kombination mit 400 mg Ofloxacin und 100 mg Minocylin. Die Behandlung mit einem einzigen Chemotherapeutikum führt unweigerlich zu Resistenzbildungen.

 

MDT-Therapie nach WHO

 Mutibacilläre Lepra Paucibacilläre Lepra Einzelne HautläsionenRifampicin 600 mg 1x monatlich über 12 Monate 600 mg 1x monatlich über 6 Monate 600 mg einmalig Dapson 100 mg täglich über 12 Monate 100 mg täglich über 6 Monate   Clofazimin 50 mg täglich über 12 Monate - 
einmal monatlich 300 mg     Ofloxacin     400 mg einmalig Minocylin     100 mg einmalig

 

Noch nicht verschwunden

Auch wenn die Krankheit in industriell entwickelten Ländern nicht mehr vorkommt, stellt Lepra vor allem in armen südlichen Ländern noch immer ein großes Problem dar: Rund 1,2 Millionen Menschen sind nach Schätzungen der WHO von Lepra betroffen. Die Zahl der Neuinfektionen bleibt mit jährlich etwa 600.000 seit Jahren konstant. Stündlich werden durchschnittlich etwa 60 Kranke neu entdeckt, elf von ihnen sind Kinder, fünf sind bereits behindert, berichtet das Deutsche Aussätzigen Hilfswerk (DAHW). Rund zwei Millionen werden auf Grund einer Lepraerkrankung ihr Leben lang behindert sein. Am stärksten verbreitet ist die Krankheit in Indien (rund 60 Prozent aller Fälle weltweit), aber auch Brasilien, Myanmar (das ehemalige Burma), Indonesien und Nepal sind betroffen.

Bis zum Jahr 2005 will die WHO Lepra weltweit ausgerottet haben. Ihre bereits 1999 begonnene Global Alliance for Leprosy Elimination soll die Inzidenzrate auf 1 pro 10.000 Personen senken. Auf diesem niedrigen Niveau würde die Krankheit von selbst verschwinden, hofft die WHO. Andere Organisationen halten diese Pläne allerdings für deutlich zu optimistisch. "Sich Ziele zu setzen ist gut", meinte Bernard Farmer von der britischen Hilfsorganisation LEPRA. "Aber die Öffentlichkeit sollte nicht den Eindruck erhalten, dass Lepra am Verschwinden ist." Top

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