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Pharmaziehistorische Quellen im Internet

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Virtueller Blick zurück

Pharmaziehistorische Quellen im Internet

von Michael Mönnich, Karlsruhe

 

Viele kennen und schätzen das Internet als ergiebige Quelle für Informationen aller Art, insbesondere für technische oder aktuelle Themen. Noch wenig bekannt ist hingegen, dass das World Wide Web einen stetig wachsenden Fundus an Quellentexten bietet. Hier wird auch der Pharmaziehistoriker fündig.

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Vor allem in den letzten Jahren ist die Zahl der Quellentexte im Netz rapide angestiegen. Dies hat verschiedene Gründe: Zum einen ist die Technik heute so weit fortgeschritten, dass leistungsfähige Scanner das schnelle Digitalisieren von gedruckten Vorlagen in hoher Qualität für wenig Geld ermöglichen. Da zudem die Preise für Massenspeichermedien (Festplatten, CD und DVD) ständig fallen - die Kosten liegen unter 50 Cent pro GigaByte - stellt auch die Speicherung der beim Einscannen anfallenden Datenmengen kein finanzielles Hindernis mehr dar. Zum Dritten sind die Bandbreiten der Internetanschlüsse bei den Endnutzern stetig gewachsen.

 

Die Kombination von leistungsfähiger Scannertechnik, günstigen Speicherkosten und schnellen Datenleitungen hat die Voraussetzungen geschaffen, um digitalisierte Bilder und Texte über das Web effizient zu nutzen. Dabei werden gerade auch ältere Texte in größerem Umfang digitalisiert. Dies erklärt sich damit, dass - anders als bei rezenter Literatur - das Urheberrecht der Verbreitung älterer Texte nicht entgegensteht; in Deutschland zum Beispiel erlischt es 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Aus Sicht der Anbieter, zum Beispiel Bibliotheken und Museen, bieten die digitalisierten Bilder den Vorteil, dass die Originale weniger nachgefragt und damit geschont werden.

 

So sind in jüngster Zeit beachtliche Online-Kollektionen interessanter Quellentexte entstanden, in denen man auch zahlreiche für die Pharmazie und deren Historie relevante Werke findet. Der bequeme Zugriff am Arbeitsplatz und von zu Hause eröffnet dabei ganz neue Perspektiven im Umgang mit Texten, die teilweise Tausende von Jahren alt sind.

 

Digitale Abbilder und Volltexte

 

Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass man auf zwei verschiedene Arten historischer Dokumente im Web trifft: echte Texte oder digitale Abbildungen (Images).

 

Die Herstellung von digitalen Texten aus Papiervorlagen erfordert immer das digitale Abbild als Vorstufe: Zunächst wird durch Einscannen ein digitales Bild erzeugt. Enthält dieses Abbild Text, so ist dieser für den Menschen möglicherweise schon lesbar, für den Computer besteht er aber nur aus schwarzweißen oder farbigen Pixeln. Eine Recherche nach Worten oder das Kopieren von Textteilen ist deshalb nicht möglich.

 

Um einen digitalen Text zu erzeugen, müssen die im Bild enthaltenen Pixel mit einer Software analysiert und die Buchstaben rekonstruiert werden. Diese als Optical Character Recognition (OCR) bezeichneten Verfahren sind immer fehlerbehaftet und liefern nur gute Ergebnisse, wenn die Vorlage ein klares Schriftbild hat und in einer gängigen Sprache verfasst ist. Die Fehlerrate steigt bei schlechten Vorlagen, unüblichen Schrifttypen, bei Frakturschrift oder gar Handschriften dramatisch an. Da diese Eigenschaften auf die meisten historischen Dokumente zutreffen, wird bei alten Texten häufig auf die Texterkennung verzichtet und nur das Abbild, das Image, im Web angeboten.

 

Es gibt aber auch Webseiten, auf denen Texte angeboten werden, die nicht als Image erstellt wurden, zum Beispiel das Projekt Gutenberg (http://gutenberg.spiegel.de). Hier wurden die Texte vielfach nicht eingescannt und anschließend mit OCR erfasst, sondern von Fachleuten abgeschrieben. In diesem Fall ist der Text zwar durchsuchbar und kann mit Textverarbeitungsprogrammen verarbeitet werden, der originale Schriftsatz geht aber verloren.

 

Unterschiedliche Anbieter

 

Wer bietet nun digitale Dokumente zur Pharmaziegeschichte im Web an und warum? Ein Teil stammt von Privatpersonen, die die in ihrem Besitz befindlichen Dokumente einscannen und der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung stellen. Hinzu kommen die Webseiten von Digitalisierungsprojekten, die durch öffentliche oder Stiftungsgelder finanziert werden.

 

Bibliotheken haben ebenfalls ein Interesse daran, ihre Schätze per Internet anzubieten, da so die Nutzung weltweit ohne Fernleihe, Porto und Verpackung möglich ist und die empfindlichen Originale weniger belastet werden.

 

Auch Museen stellen begleitend zu Ausstellungen vermehrt digitale Schaukästen ins Web. Dazu werden Bücher komplett oder auszugsweise digitalisiert und im Internet angeboten.

 

Rein pharmazeutische Sammlung

 

Die einzige umfassende Sammlung speziell pharmazeutischer Literatur ist die Digitale Bibliothek Pharmazie, die von der Universitätsbibliothek Braunschweig als Teil des Sondersammelgebiets Pharmazie erstellt wird (www.vifapharm.de).

 

In der Digitalen Bibliothek findet man derzeit über 200 Bücher zur Pharmazie und zum Apothekenwesen, nicht nur wissenschaftshistorisch wertvolle Bestände, sondern auch neuere Literatur wie das DAB 6, das Arzneibuch der DDR oder die 4. Auflage von Hagers Handbuch. Einen großen Anteil nehmen Arzneibücher und Taxen des 19. Jahrhunderts ein. Aber auch Werke von Paracelsus, Saladin von Ascolos Compendium aromatariorum, Johann B. Trommsdorffs Systematisches Handbuch der Pharmacie für Aerzte und Apotheker von 1827 oder Köhlers Medizinal-Pflanzen (Gera 1887) sind ins Netz gestellt.

 

Es handelt sich nicht um Texte, sondern um Bilddateien, die für die Bildschirmanzeige optimiert und deshalb auf Grund der geringen Auflösung nicht immer ausreichend detailgetreu sind. Jedes Buch besitzt ein Inhaltsverzeichnis, das den direkten Zugang zu den Kapiteln ermöglicht. Man kann nach Autoren und Titeln suchen oder die Liste aller Werke über das Sachgebiet »315 Pharmazie« anzeigen lassen.

 

Biblioteca Digital Dioscórides

 

Eine weitere Quelle für pharmazeutische, aber auch andere Literatur ist die »Biblioteca Digital Dioscórides« an der Biblioteca della universidad complutense de Madrid (http://cisne.sim.ucm.es/search*spi~S4). Mehr als 3000 Werke, vorwiegend in lateinischer, französischer oder spanischer Sprache, die zumeist aus der Zeit vor 1800 datieren, sind hier versammelt. Der Bestand ist in verschiedene Kollektionen aufgeteilt, zum Beispiel Pharmazie, Alchemie, Botanik oder Materia medica. Neben der Anzeige der Sachgebiete kann man nach Autor, Titel und Jahr suchen.

 

Leider sind Navigation und Suche nicht sehr intuitiv und da es keine englische Version gibt, eröffnet sich die Sammlung nur schwer dem Nutzer, der des Spanischen nicht mächtig ist. Es ist aber der Mühe wert, verzeichnet die Biblioteca digital Dioscórides unter Pharmazie doch 43 Titel, unter Alchemie 124, unter Materia medica 153, unter Botanik 112 und bei Medizin über 600 Werke. Als Beispiele seien Scribonius Largus' De compositione medicamentorum (Paris 1528), Giuseppe Donzellis Teatro farmaceutico (Neapel 1667), Dioscorides Libri octo Graece et Latine (Paris, 1549) oder die Pharmacopoeia regia seu Dispensatorium novum von Johannes Zwelfer (Nürnberg, 1668) genannt.

 

Sammlungen aus Frankreich

 

Dass man in Frankreich den überlieferten literarischen Kulturschätzen eine hohe Wertschätzung erweist, zeigen sowohl Inhalt als auch Name der mehr als 70.000 Objekte umfassenden digitalen Büchersammlung Gallica - bibliothèque numérique de la Bibliothèque nationale de France (http://gallica.bnf.fr). Die Sammlung ist in mehrere Unterbereiche aufgeteilt. Die Abteilung Naturwissenschaften und Technik umfasst über 11.000 Dokumente und schließt die Medizin mit ein. Die Gallica enthält indes nicht nur Bücher und Zeitschriften französischer Provenienz, sondern auch zahlreiche deutsche Werke, zum Beispiel von Hahnemann oder Liebig.

 

Zu den Dokumenten gibt es verschiedene Zugänge. Über den Katalog kann man wie üblich nach Autor, Titel und so weiter suchen. Eine systematische Suche ermöglicht das Suchfeld »sujet« im Katalog sowie der Zugang »Découverte/Thèmes/Sciences«. Darunter verbirgt sich eine Auswahl von Themen wie »Les sciences au XVIIIe siècle: Les classifications botaniques« mit Werken von John Ray (11 Dokumente), Tournefort (10) und Linné (105).

 

Nicht nur Bücher sind digitalisiert, sondern auch mehr als 800 Zeitschriften. Für die Pharmazie sind das Journal de pharmacie et de chimie (1842 bis 1895) und das Journal de pharmacie et des sciences accessoires (1815 bis 1841) nennenswert. Natürlich findet man auch zahlreiche pharmazeutische Bücher wie das Dictionnaire raisonné de pharmacie-chimique (Lyon 1803) von Jean Baptiste Rivet sowie botanische und chemische Werke, zum Beispiel Pierre Joseph Macquers Élémens de chymie théorique (Paris 1749) und Élémens de chymie-pratique (Paris 1751).

 

Die Navigation in den Abbildern ist leider recht umständlich, da jede Seite als eigene PDF-Datei geöffnet wird. Teilweise sind die Dokumente mit Inhaltsverzeichnissen versehen, teilweise nur mit Seitennummern.

 

Eine weitere große Sammlung stellt die historische Abteilung der BIUM, der Bibliothèque interuniversitaire de Médecine in Paris, ins Netz (www.bium.univ-paris5.fr/histmed/medica.htm). Ein Schwerpunkt der 1000 Texte umfassenden Kollektion liegt bei den medizinischen Autoren der Antike. Man findet Schriften von Aetius, Alexander von Tralles, Galen, Celsus, Dioscorides, Hippokrates, Paulus von Aegina in verschiedensten Ausgaben. Zudem umfasst die Sammlung Hunderte von Texten zu allen Teildisziplinen der Medizin.

 

Pharmazeutisch interessant sind zum Beispiel Andreas Libavius' Alchymia (Frankfurt 1606) sowie botanische Werke wie Mattiolis De plantis Epitome (Frankfurt 1586). Die Aufbereitung ist sehr übersichtlich, der Katalog wird auch als PDF-Datei angeboten.

 

Virtuelle Early English Books

 

Eine weitere, sehr umfangreiche Sammlung sind die Early English Books. Diese digitale Sammlung umfasst 125.000 englische oder englischsprachige Druckwerke des 15. bis 17. Jahrhunderts und deckt das gesamte Spektrum der frühneuzeitlichen Wissenschaft von der Astronomie über Geographie, Geschichte, Literatur, Medizin und Religion bis hin zur Wirtschaft ab.

 

Seit 2005 ist der Zugriff von deutschen Hochschulen auf die Datenbank »Early English Books Online«, den die Bayerische Staatsbibliothek unter www.bsb-muenchen.de/datenb/eebo.htm anbietet, kostenlos möglich. Privatpersonen mit Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland können sich persönlich bei der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen für einen kostenlosen Zugriff registrieren lassen, falls ihnen der Zugang über ein Universitätsnetz oder über eine Bibliothek am Ort nicht zur Verfügung steht.

 

Pharmazeutisches findet sich in Hülle und Fülle, zum Beispiel 53 Pharmakopöen und Dispensatorien, Monographien wie Thomas Willis' Pharmaceutice rationalis (London, mehrere Ausgaben) oder auch kleinere Texte wie einen Apothekereid der Society of Apothecaries zu London von 1695. Die Dokumente liegen als Abbilder vor, die als verkleinerte Bilder im Webbrowser betrachtet oder seitenweise als PDF-Dateien heruntergeladen werden können. Die umfangreichen Möglichkeiten bei der Katalogrecherche lassen keine Wünsche offen.

 

Texte aus Skandinavien

 

Zuletzt sei noch auf das Projekt Runeberg (http://runeberg.org) hingewiesen. Hier haben sich Freiwillige das Ziel gesetzt, Texte von bedeutenden, aus Skandinavien stammenden Autoren im Internet anzubieten. Der Schwerpunkt der über 500 Dokumente liegt auf Belletristik, doch findet man auch eine elektronische Ausgabe von Carl Wilhelm Scheeles Chemischer Abhandlung von der Luft und dem Feuer (1777) oder Jöns Jakob Berzelius' Schriften De electricitatis galvanicae apparatu (1802) und Nova analysis aquarum medeviensium (1800).

 

Einzelobjekte

 

Die Zahl der von Universitäten, Bibliotheken und anderen Instituten im Netz angebotenen Einzeltexte ist immens. Bemerkenswert ist die relativ große Zahl von klassischen botanischen Werken, die auch für Pharmazeuten interessant sind, zum Beispiel:

Circa instans (um 1150), Universität Basel, www.circainstans.ch
Macer floridus (Paris 1489), UB Bielefeld, www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/kes mark/macerfloridus
Leonhard Fuchs' Historia stirpium (Basel 1545), Universität Yale, www.med.yale.edu/library/historical/fuchs
Jacobus Tabernaemontanus' Neuw Kreuterbuch (Frankfurt 1625), Zeller-Apotheke in Romanshorn, www.kraeuter.ch
Hieronymus Brunswigs Distillerbuch (1560), Teil der Polska Biblioteka Internetowa, www.pbi.edu.pl/book_reader.php?p=14099

 

Zudem sei noch auf einige bedeutende Nachschlagewerke hingewiesen, die den Wissensstand einer Epoche wiedergeben und somit auch die zeitgenössische Pharmazie dokumentieren. Als Erstes ist das Grosse Vollständige Universal-Lexicon von Heinrich Zedler (www.zedler-lexikon.de) zu nennen, dessen 68 Foliobände auf 68.000 Seiten das gesamte Wissen des 18. Jahrhunderts dokumentieren. Die Benutzung der Online-Version, die von der Bayerischen Staatsbibliothek betreut wird, ist sehr komfortabel. In dem Werk kann man nicht nur seitenweise blättern, sondern auch nach Stichworten oder Verweisen im Text suchen, da alle Seiten nicht nur als Abbilder, sondern auch als Text aufbereitet sind. Ab 2006 wird sogar eine nach verschiedenen Kategorien differenzierte Suche möglich sein, zum Beispiel nach »Heilpflanzen« oder »Therapie«.

 

Sehr viel jünger, aber ähnlich umfangreich ist die elektronische Ausgabe von Meyers Konversationslexikon (Leipzig und Wien 1888 bis 1890, www.meyers-konversationslexikon.de). Zu Grunde liegt die in 16 Bänden erschienene vierte Auflage mit etwa 16.000 Seiten. Die Digitalisierung, die auf Initiative von Christian Aschoff in Ulm zurückgeht, ist vorbildlich; sie bietet eine Suchfunktion im Text und zusätzlich eine Ansicht der Originalseiten.

 

Ebenfalls in Ulm wurde eine Onlineversion des Warenlexikons von Klemens Merck erstellt (3. Auflage, Leipzig 1884), einem zu seiner Zeit weit verbreiteten Nachschlagewerk für Handel, Industrie und Gewerbe. Man kommt zum Inhaltsverzeichnis des Warenlexikons über den Link »Stöbern« bei Meyers Konversationslexikon.

 

Auch das neueste Projekt, die Digitalisierung von Springers Handbuch der Drogisten-Praxis (3. Auflage Berlin 1893; http://susi.e-technik.uni-ulm.de:8080/Meyers2/stoebern/werk/drogisten/drogisten.html), wird für Apotheker interessante Inhalte bieten.

 

Als antikes Pendant zu den Enzyklopädien von Zedler und Meyer kann die Historia naturalis von Plinius dem Älteren gelten, in deren 37 Büchern der Autor das naturkundliche Wissen seiner Zeit zusammentrug. Die lateinische Ausgabe von Karl Mayhoff wurde von dem Amerikaner Bill Thayer komplett von Hand in digitalen Text übertragen(http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts). Thayer bietet zudem eine elektronische Version von Celsus' De Medicina nach der von Friedrich Marx 1915 erstellten Ausgabe an.

 

Virtuelle Ausstellungen

 

Eine andere Art von Sammlung stellen virtuelle Ausstellungen dar. Hier werden meist nicht komplette Werke, sondern nur Auszüge angeboten. Als ein Beispiel mit pharmazeutischem Bezug sei die Ausstellung »From Alchemy to Chemistry: Five Hundred Years of Rare and Interesting Books« der University of Illinois at Urbana-Champaign angeführt (www.scs.uiuc.edu/\~mainzv/exhibit). Hier findet man die Klassiker der Chemiegeschichte, jeweils das Titelblatt und einige repräsentative Seiten, von Geber über Brunswig und Stahl zu Linus Pauling.

 

Als weitere interessante Online-Ausstellung sind die »Schätze der Bibliothek des Deutschen Museums« in München zu nennen (www.deutsches-museum.de/bib/biblio/biblio.htm). Auch hier findet man Auszüge aus klassischen Werken der Naturwissenschaften und Technik. Einige Beispiele: die europäische Zuckerfabrikation aus Runkelrüben von Apotheker Franz Achard (Leipzig 1809), Basilius Beslers Hortus Eystettensis oder der Wiener Dioscurides in der Faksimileausgabe von 1970.

 

Die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel besitzt eine der umfangreichsten Sammlungen alter Drucke in Deutschland, von denen einige als Wolfenbütteler Digitale Bibliothek in elektronischer Form im Internet vorliegen (www.hab.de/bibliothek/wdb).

 

Diese Images nutzt die Bibliothek für virtuelle Ausstellungen, zum Beispiel zur Geschichte der Seuchen in der Frühen Neuzeit (34 Texte, www.hab.de/ausstellung/seuchen). Daneben werden umfassende inhaltliche Digitalisierungsprojekte vorangetrieben.

 

Für Pharmaziehistoriker hoch interessant ist das Projekt »Digitalisierung naturwissenschaftlicher, technischer und medizinischer Texte der Leibnizzeit« (www.hab.de/forschung/projekte/leibnizressourcen.htm). Die Liste der Titel umfasst Francis Bacons Historia naturalis (Leiden 1648), Johann Joachim Bechers Parnassus medicinalis illustratus (Ulm 1663), Schriften von Herman Boerhaave, Robert Boyle, Andreas Libavius und vielen anderen zeitgenössischen Verfassern bis hin zu Thomas Willis.

 

Von weiteren, knapp 3000 digitalisierten Texten der Herzog-August-Bibliothek sei die Chirurgia von Hieronymus Brunswig (Augsburg 1497) mit der berühmten Arzt-Apotheker-Szene erwähnt.

 

Überblick in der Fülle behalten

 

Mit der wachsenden Fülle an digitalisiertem Material nimmt auch die Unübersichtlichkeit zu. Bis auf eine Ausnahme sind pharmaziehistorische Texte in unterschiedlichen Sammlungen verstreut. Diese wiederum sind allesamt völlig unterschiedlich erschlossen. Oft kann man nur nach Autoren und Titeln suchen. Eine sachliche Suche, zum Beispiel nach pharmazeutischer Literatur, ist meist unmöglich; wenn sie überhaupt angeboten wird, dann arbeitet jede Sammlung mit unterschiedlichen Sacherschließungssystemen. Umso hilfreicher ist es, dass in dem pharmaziehistorischen Internetportal Navigator Pharmaziegeschichte (www.pharmaziegeschichte.de) die wichtigsten Sammlungen zusammengestellt sind.

 

Ein wichtiges Nachweisinstrument zumindest für neuere lateinische Texte ist die Analytic Bibliography of Online Neo- Latin Texts. Diese von Dana F. Sutton begründete Bibliographie erfasst digitalisierte lateinische Texte seit der Renaissance, die im Internet frei zugänglich sind (www.philological.bham.ac.uk/bibliography). Dazu zählen Bücher aus den genannten Sammlungen wie Gallica oder Biblioteca Digital Dioscórides und zahlreiche andere. Neben Büchern sind auch Auszüge aus längeren Werken und Aufsätze in Gelehrten-Zeitschriften verzeichnet. Die 13.000 Einträge umfassende Liste wird derzeit von der Universität Birmingham im Internet angeboten und besteht aus einer alphabetischen Liste der Autoren. Eine Suchfunktion gibt es leider nicht.

 

In Deutschland arbeitet man ebenfalls daran, die unbefriedigende Situation bei der Quellensuche zu verbessern. So hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit dem Zentralen Verzeichnis Digitalisierter Drucke ein übergeordnetes Portal eingerichtet (www.zvdd.de). Dieses im Aufbau befindliche Portal verzeichnet zwar nicht die Titel, sondern nur die Sammlungen, bringt aber dennoch einen erheblichen Fortschritt. 

 

Neben der Erschließung besteht eine andere Schwierigkeit darin, dass viele Sammlungen digitalisierter Texte nicht einzeln referenzierbare Objekte enthalten, sondern die Seiten dynamisch aus einer Datenbank erzeugen. Das heißt, die Internetadresse (URL) eines Dokuments ist nicht dauerhaft, sondern wird bei jedem Aufruf neu aus einer Datenbank erzeugt. Da diese Adressen bei jedem Aufruf anders erscheinen, kann man sie weder sinnvoll verlinken noch als Bookmark abspeichern, geschweige denn zitieren.

 

Ein weiteres Problem der Quellentexte im Internet liegt darin, dass aus urheberrechtlichen Gründen bei der Digitalisierung von Büchern meist auf veraltete Ausgaben zurückgegriffen wird. Dies muss für den Historiker zwar nicht unbedingt ein Nachteil sein, doch wäre es wünschenswert, wenn zum Beispiel bei lateinischen Texten die aktuellen Editionen zusätzlich herangezogen würden.

 

Die Problematik der Erschließung könnte mittelfristig über die zunehmende Verbreitung der OAI-Schnittstelle (www.openarchives.org) entschärft werden. Die in der Open Archives Initiative zusammengeschlossenen Anbieter von elektronischen Texten haben diese Standardschnittstelle definiert, um einen standardisierten Austausch der Dokumentbeschreibungen ­ aber nicht der Dokumente selbst! ­ zwischen verschiedenen EDV-Systemen zu ermöglichen. Die OAI regelt, wie welche Informationen über die vorhandenen Dokumente abgefragt werden. Dadurch ist es möglich, einen Suchdienst aufzubauen, der regelmäßig die wichtigen Datensammlungen abfragt, die Beschreibungen der Dokumente einsammelt und aufbereitet und diese Information als Katalog anbietet. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg, zumal diese rein technische Lösung nicht das Problem der Erschließung lösen wird. So wird es wohl weiterhin einiger detektivischer Arbeit bedürfen, um pharmaziehistorische Schätze im Internet aufzuspüren.


Der Autor

Michael W. Mönnich studierte Chemie und Pharmazie (Approbation als Apotheker 1985). Anschließend studierte er Geschichte der Pharmazie, der Historischen Hilfswissenschaften und der Lateinischen Philologie des Mittelalters an der Universität Marburg und wurde 1989 an der Universität Heidelberg promoviert. Nach einem Referendariat für den höheren Bibliotheksdienst wurde Dr. Mönnich 2001 zum Bibliotheksdirektor und Leiter der Abteilung für Medienbearbeitung an der Universitätsbibliothek Karlsruhe ernannt. Er ist Vorsitzender der Landesgruppe Baden der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie, Mitglied im Beirat der Deutschen Pharmazeutischen Zentralbibliothek und Herausgeber der Pharmaziehistorischen Bibliographie (PhB) im Govi-Verlag. Zudem lehrt er Geschichte der Pharmazie an der Universität Tübingen.

 

 

Anschrift des Verfassers:

Dr. Michael W. Mönnich

Universitätsbibliothek Karlsruhe

76049 Karlsruhe

michael.moennich(at)ubka.uni-karlsruhe.de


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 09/2006

 

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