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Digitalisierung: Vorsicht vor «ethischen Freihandelszonen»

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Digitalisierung: Vorsicht vor «ethischen Freihandelszonen»
 


Von der Zeit kann sich niemand frei machen – und auch nicht von der Digitalisierung. Diese setze Erwartungen und Normen und verändere die Gesellschaft tiefgreifend, verdeutlichte Professor Dr. Stefan Selke von der Hochschule Furtwangen bei der Mitgliederversammlung des Bayerischen Apothekerverbands (BAV) in München. Der Soziologe warnte vor «ethischen Freihandelszonen» durch fragwürdige Technologien.

 

Die Vermessung des eigenen Lebens und Körpers vermittle vielen Menschen Orientierung und Kontrolle in einer unsicheren Welt. Die digitalen Geräte sind für den Soziologen aber keine klassischen Werkzeuge, sondern «Wissensobjekte, die uns manipulieren und uns als Art Beziehungspartner zur Verfügung stehen». So entstehe eine Art digitales Spiegelbild. «Sie kolonialisieren unser Denken und Fühlen.» Allerdings liefern die Mini-Computer laut Selke nicht primär Antworten, sondern werfen immer neue Fragen nach noch besserem oder effektiverem Verhalten auf.

 

Zudem hätten Studien gezeigt, dass zum Beispiel das Baby-Monitoring den Eltern eher weniger Sicherheit gibt, sondern neurotisches Denken fördert. Demenz-Logging, also Sensor-Socken für Demenzkranke, schaffen auf den ersten Blick mehr Sicherheit, kontrollieren aber das Individuum sehr stark. Je nach Gesellschaft werde dies unterschiedlich bewertet.

 

Selke beschrieb ein Schwinden des sozialen humanistischen Blicks der Gesellschaft. Nicht mehr das Gemeinsame stehe im Vordergrund, sondern das Trennende. «Der Andere wird primär in seiner Abweichung gesehen.» Daten würden zunehmend mit Chancen gekoppelt. «Das Ganze mündet in einen neuen Gesellschaftsvertrag, den Google schon 2013 vorgeschlagen hat.» Dieses Vorgehen sei erstmalig in der Geschichte, sagte der Forscher.

 

Der Fortschritt in Big Data spaltet weltweit. «2018 sind das Grundgesetz, die Menschenwürde und -rechte nicht mehr der Referenzmaßstab für Menschen, die im Bereich Digitalisierung forschen.» Die Heilversprechen seien sehr umfassend, bis hin zur digitalen Unsterblichkeit. «Es entstehen ethische Freihandelszonen durch fragwürdige Technologien», mahnte Selke. So gebe es bereits Technologien, die die Lebenszeit schwer kranker Menschen errechnen und daraus schließen, wann eine Behandlung aus ökonomischen Gründen eingestellt werden soll.

 

Die Gesetzgebung könne solche Entwicklungen nicht dauerhaft bremsen und hinke der technologischen Entwicklung weit hinterher. «Die Entwickler selbst müsse die Moralität in die Software einbauen, aber ob das greift, ist sehr fraglich.» (bmg)

 

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13.07.2018 l PZ

Foto: Fotolia/sdecore

 

 

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