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Hypoglykämie: Häufigster Notfall bei Diabetes

MEDIZIN

 
Hypoglykämie

Häufigster Notfall bei Diabetes


Von Annette Mende, Berlin / Unterzuckerungen sind bei Typ-1- und Typ-2-Diabetikern die häufigsten Notfallsituationen. Schwere Formen sind zwar selten, insgesamt kommen Hypoglykämien aber relativ häufig vor. Um sie zu vermeiden, sollten insbesondere ältere Patienten nicht zu streng eingestellt werden, hieß es beim Diabetes-Kongress in Berlin.

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Eine Hypoglykämie ist gegeben, wenn der Blutzucker – meistens im Rahmen einer Therapie mit Insulin oder oralen Antidiabetika – zu stark absinkt. Einen einheitlichen Grenzwert gibt es nicht, doch bezeichnet etwa die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) Werte zwischen 65 mg/dl (3,6 mmol/l) und 110 mg/dl (6,1 mmol/l) als Normal­bereich. Unterhalb eines Blutzuckerwerts von 65 mg/dl beginne beim ­gesunden Menschen die Hypoglyk­ämie-Gegenregulation, heißt es in ­einem Positionspapier der DDG.




Angehörige und andere Kontaktpersonen von Diabetikern sollten informiert sein, was im Fall einer Hypoglykämie zu tun ist.

Foto: iStock/KatarzynaBialasiewicz


Es gibt drei Schweregrade der Hypoglykämie. Diese werden definiert ­anhand der Maßnahmen, die zu ihrer Beendigung erforderlich sind. So kann der Patient eine leichte Hypoglykämie durch die Zufuhr schnell wirkender Kohlenhydrate rasch selbst beenden. Bei einer mäßigen Hypoglykämie braucht er Hilfe, aber die Unterzuckerung lässt sich noch durch die orale Zufuhr von Kohlenhydraten beheben. Dies ist bei einer schweren Hypoglyk­ämie nicht mehr der Fall: Hier ist der Patient auf Fremdhilfe angewiesen und benötigt den Insulin-Gegenspieler Glucagon beziehungsweise Glucose intra­venös oder intramuskulär.

 

Jeder reagiert anders

 

Erste Anzeichen einer Hypoglykämie sind unter anderem Schwitzen, Zittern oder Herzklopfen (siehe Kasten). Ist durch die Unterzuckerung bereits das Gehirn beeinträchtigt, kann es auch zu einer Wesensveränderung des Patienten kommen: »Jeder Mensch mit Diabetes reagiert individuell bei einer Unter­zuckerung. Manche werden sehr impulsiv, beschimpfen zum Beispiel ­ihren Partner und wehren Hilfe wie ­gereichten Traubenzucker mit Schlägen ab«, so Professor Dr. Thomas Haak, Chefarzt des Diabetes Zentrums Mergentheim, in einer Pressemitteilung der Deutschen Diabetes-Hilfe. Nachdem sich der Blutzucker wieder normalisiert habe, könnten sich Betroffene an ihr aggressives, eventuell gar handgreifliches Verhalten oft nicht mehr erinnern.

 

Bei den ersten Anzeichen einer Hypo­glykämie sollten Betroffene mindestens 2 bis 3 Kohlenhydrateinheiten (früher Broteinheiten) zu sich nehmen. Das entspricht 8 Stück Würfelzucker, 20 g Traubenzucker (4 Blättchen) oder 200 ml zuckerhaltige Limonade beziehungsweise Fruchtsaft. Nicht geeignet sind Light-Produkte mit Süßstoff statt Zucker, Schokolade oder Milch, weil das darin enthaltene Fett die Aufnahme des Zuckers verzögert.

 

Auch Angehörige und Freunde sollten Bescheid wissen, was im Fall einer Unterzuckerung zu tun ist. Ist der Pa­tient bewusstlos oder kann nicht mehr schlucken, können sie ihm Glucagon intramuskulär in den Oberschenkel, das Gesäß oder den Bauch spritzen. Mit der Anwendung der Spritze – das Glucagon-Pulver muss zunächst im mitgelieferten Lösungsmittel aufgelöst werden – sollten sie sich vorher schon vertraut machen. Damit er im Notfall schnell richtig reagiert, empfiehlt die Deutsche Diabetes-Hilfe, dass etwa der Partner des Patienten diesem gelegentlich die gewohnte Insulinspritze oder den Pen verabreicht. Das baue Hemmungen ab, zu spritzen.

 

»Hypoglykämien sind in den vergangenen Jahren häufiger geworden«, sagte Dr. Christof Kloos, Oberarzt am Universitätsklinikum Jena, beim Diabetes-Kongress in Berlin. Für schwere Hypo­glykämien wurde das anhand von deutschen Zahlen 2012 im Fachjournal »Diabetes Care« gezeigt (DOI: 10.2337/dc11-1470). Schwere Unterzuckerungen hatten der Studie zufolge im Zeitraum 2007 bis 2010 in Detmold zwar nur einen Anteil von 0,83 Prozent an allen Behandlungen in der Notaufnahme. Doch war die Häufigkeit gegenüber dem Zeitraum 1997 bis 2000 deutlich angestiegen, wo sie noch bei 0,68 Prozent gelegen hatte. Die Autoren machten dafür eine Intensivierung der Diabetes-Therapie verantwortlich, vor allem bei Typ-2-Diabetikern mit Komorbiditäten und Polymedikation. Von einer »möglichen Übertherapie« sprachen auch die Autoren einer 2015 in »JAMA Internal Medicine« veröffentlichten Arbeit (DOI: 10.1001/jamaintern med.2014.7345).

 

Nicht zu streng einstellen

 

Wie streng ein Diabetiker eingestellt ist, lässt sich am HbA1c-Wert ablesen. Dieser soll laut der Nationalen Versorgungsleitlinie »Therapie des Typ-2-Diabetes« zwischen 6,5 und 7,5 Prozent liegen. Insbesondere bei älteren, womöglich sturzgefährdeten Patienten sollte man aber laut Kloos mit der Blutzuckersenkung zurückhaltend sein. Denn dass eine zu scharfe Einstellung Patienten mehr schaden als nützen kann, hatte 2008 die ACCORD-Studie gezeigt. Darin war bei Typ-2-Diabetikern im Alter von durchschnittlich 62 Jahren bei einem HbA1c-Wert von 6,4 Prozent eine höhere Mortalität festgestellt worden als bei einem HbA1c-Wert von 7,5 Prozent (»New England Journal of Medicine«, DOI: 10.1056/NEJMoa0802743).

 

Das hatte aber wenig Einfluss auf die Praxis: Laut der Studie in »JAMA Internal Medicine« änderte sich der Anteil von Patienten ab 65 Jahren mit einem HbA1c unter 7 Prozent zwischen 2001 und 2010 nicht nennenswert. Die Mehrheit dieser Patienten wurde zudem entweder mit Insulin oder mit Sulfonylharnstoffen ­behandelt – beides Therapien, die ein hohes Hypoglykämierisiko bergen. /


Hypoglykämien erkennen

  • Erste Anzeichen einer Hypoglykämie sind: Blässe im Gesicht, weite Pupillen, Schweißausbruch, Zittern, Herzklopfen/schneller Puls, Unruhe, Angst und Druckgefühl, plötzlicher Heißhunger
  • Bei beginnendem Zuckermangel im Gehirn: Kribbeln in den Lippen, Kopfschmerzen, Nervosität, Konzentrations-, Gleichgewichts- und Bewusstseinsstörungen, Schwindel, Schläfrigkeit, Herzrasen, Muskelschwäche, weiche Knie, Verwirrtheit, Wesensveränderungen (Albernheit, Aggressivität), beginnende Sprachstörung, Sehstörungen (Doppelbilder, Augenflimmern)
  • Bei ausgeprägtem Zuckermangel im Gehirn: fortgeschrittene Sprach- und Sehstörung, Orientierungs­losigkeit, Lähmungserscheinungen, Krampfanfall, Bewusstlosigkeit

 

Quelle: Deutsche Diabetes-Hilfe



Beitrag erschienen in Ausgabe 20/2018

 

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