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Tee: Genussgetränk mit Zusatznutzen

TITEL

 
Tee

Genussgetränk mit Zusatznutzen


Von Karen Nieber / Tee trinken gehört seit Jahrtausenden zur menschlichen Geschichte. Tee war schon im alten China als Heilmittel bekannt und wurde im Lauf der Zeit zum alltäglichen Getränk. Tee ist eine kleine Apotheke, ein Supercocktail mit allerlei Wirkungen und erfreut sich immer größerer Beliebtheit.

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28 Liter Tee hat jeder Deutsche im Jahr 2016 durchschnittlich getrunken. Nach Angaben des Deutschen Teeverbands wurden 72 Prozent davon als schwarzer und 28 Prozent als grüner Tee aufgebrüht (1). Kräuter- und Früchtetees sind dabei nicht berücksichtigt, denn streng genommen sind das keine Tees, sondern nach gesetzlicher Definition »teeähnliche Erzeugnisse«. Nicht nur aufgrund des Genusses von Duft und Aroma tut man sich mit einer Tasse Tee etwas Gutes. Auch unsere Gesundheit kann von den positiven Eigenschaften der Teeblätter profitieren. Daher befassen sich Wissenschaftler aus aller Welt mit der Erforschung der Wirkungen, die Tee auf die menschliche Physiologie ­haben kann.




Teepflückerin auf Sri Lanka: Die Insel gehört zu den wichtigsten Herkunftsländern des Tees.

Foto: Deutscher Teeverband


Viele Sorten und Arten

 

Die Teepflanze (Camellia sinensis) gehört zur Gattung der Kamelien ­(Camellia) innerhalb der Familie der Teestrauchgewächse (Theaceae). Die Camellia-sinensis-Arten wachsen als immergrüne Sträucher oder kleine Bäume mit Wuchshöhen von 1 bis 5, selten auch bis zu 9 Metern. Die Teepflanze gedeiht in subtropischen und tropischen Gebieten bei Temperaturen von 18 bis 32 Grad Celsius. Sie braucht täglich mindestens vier Stunden Sonne. Voraussetzung sind auch gleichmäßig über das Jahr verteilte Niederschläge von mindestens 1600 Millimetern pro Quadratmeter (2).

 

Die wichtigsten Erzeugerländer sind China, Indien, Kenia, Sri Lanka und Indonesien, die zusammen etwa drei Viertel der Weltproduktion liefern. Japan produziert nur grünen Tee (3). Für 1 kg Tee sind etwa 4 kg frische Blätter nötig.

 

Es gibt zahlreiche Arten und Sorten von Tee und dementsprechend viele unterschiedliche Methoden zur Herstellung. Je nach Verfahren entstehen die vier klassischen Arten (Kasten):

 

  • schwarzer Tee (fermentiert),
  • grüner Tee (nicht fermentiert,)
  • weißer Tee (nicht fermentiert) und
  • Oolong (halbfermentiert).

 

Ob Tee schwarz oder grün ist, hängt von der Verarbeitung ab. Schwarzer Tee wird fermentiert. Durch Belüftung werden die Blätter getrocknet, verlieren etwa 30 Prozent ihrer Feuchtigkeit und sind nach etwa acht bis zwölf Stunden weich und geschmeidig. Die Weiterverarbeitung erfolgt in kreisenden Pressen, die die Zellwände der ­Blätter aufbrechen, sodass Zellsaft austritt und mit Sauerstoff in Berührung kommt (Oxidations- und Gärungsprozess). Durch diesen Prozess werden die Aromastoffe freigesetzt und die Blätter verlieren einen Großteil der enthaltenen Catechine, die durch Oxidation zu Theaflavinen reagieren. Dadurch entstehen die charakteristische braun-rote Farbe und der Geschmack des schwarzen Tees. Koffein und Aminosäuren bleiben durch die Verarbeitung in gleichen Mengen erhalten, während die Gruppe der Polyphenole wesentlich beeinflusst wird.


Schwarz, grün, weiß oder Oolong

Das Ausgangsmaterial, die Teeblätter, stammen immer von Camellia sinensis. Je nach Verarbeitung entstehen unterschiedlich schmeckende Varianten.

 

Schwarzer Tee oder Schwarztee, in Ostasien als roter Tee bezeichnet, entsteht durch eine spezielle Variante der Herstellung. Die Teeblätter der Teepflanze werden dafür gewelkt, gerollt und fermentiert/oxidiert. Die wichtigsten Sorten sind Assam, Ceylon, Darjeeling und Keemun.

 

Grüner Tee stammt von der gleichen Teepflanze wie schwarzer Tee. Er wird allerdings nicht fermentiert, durchläuft also keinen Gärungsprozess, bei dem sich das Blatt und der Zellsaft durch Luftsauerstoff verändern.

 

Weißer Tee wird getrocknet und nur minimal verarbeitet (teilfermentiert), sodass die Blattstruktur weitgehend erhalten bleibt. So verbleiben die feinen Härchen an den Blättern, was dem trockenen Tee ein weißliches Erscheinungsbild gibt. Weißer Tee ist eher mild im Geschmack. Vor allem der besonders hohe Gehalt an Antioxidanzien ist für die gesundheit­lichen Wirkungen des weißen Tees verantwortlich. Antioxidanzien fangen sogenannte freie Radikale ab.

 

Oolong-Tee gewinnt in Deutschland erst seit einigen Jahren an Bekanntheit und wird hier allgemein als halbfermentierter Tee bezeichnet. Für die Herstellung wird eine besondere Varietät der Camellia sinensis verwendet, die größere Blätter hat. Im Gegensatz zu anderen Teesorten werden reifere Teeblätter gepflückt. Interessant macht diesen Tee, dass er Eigenschaften eines grünen und eines schwarzen Tees in sich vereinigt und beide Komponenten in seinem feinen, duftigen bis hin zu brotartig reichenden Geschmack widerspiegelt.


Grüner Tee wird nicht fermentiert, also nicht oxidiert. Kurzes Erhitzen, Rösten oder Dämpfen der Teeblätter verhindert durch Hemmung der Polyphenoloxidase den Oxidations- und Gärungsprozess. Dadurch bleiben nahezu alle in den frischen Blättern vorhandenen Wirkstoffe erhalten. Diese Sorte enthält mehr Catechine, insbesondere mehr Epigallocatechingallat (EGCG). Wichtig für den Geschmack eines grünen Tees sind die Aminosäuren, vor allem das Theanin (5).

 

Der Gesamtpolyphenolgehalt von grünem und schwarzem Tee ist ähnlich, jedoch mit unterschiedlichen ­Arten von Flavonoiden aufgrund der Oxidation während der Verarbeitung.

 

Fülle an Inhaltsstoffen

 

Im Tee wurden bisher mehr als 300 verschiedene Substanzen entdeckt. Die wichtigsten Inhaltsstoffe sind das Alkaloid Koffein und Polyphenole (Tabelle 1). Die unbearbeitete Pflanze enthält Koffein mit einem Mengenanteil bis zu 4,5 Prozent und Polyphenole mit bis zu 30 Prozent. Frühere Bezeichnungen wie Thein, das chemisch identisch mit Koffein ist, und Gerbstoffe oder Tannin für die große Gruppe von Polyphenolen sorgten für Verwirrung und werden heute nicht mehr verwendet.




Die geernteten Teeblätter werden aufwendig verarbeitet. Oben: Teeblätter beim Rollen; unten: die Blätter vor und nach der Fermentation

Fotos: Deutscher Teeverband


Koffein wirkt anregend auf das zentrale Nervensystem. Es steigert die Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit. Nur ein Drittel des Koffeins aus dem Tee wird beim Aufguss gelöst. Da Koffein im Tee länger an Polyphenole gebunden ist und somit langsamer resorbiert wird als aus Kaffee, belebt Tee länger anhaltend. Zudem soll das Koffein im Tee nicht so stark auf das Herz-Kreislauf-System wirken, da die rasche Adrenalinfreisetzung ausbleibt, sondern erhöht eher die Gehirndurchblutung und stimuliert somit das zentrale Nervensystem.

 

Eine Untergruppe der Polyphenole sind die Flavonoide, die wiederum in Flavanole und Catechine eingeteilt werden. Die Catechine des grünen Tees machen bis zu 30 Prozent der Trockenmasse aus (Tabelle 1). EGCG gilt als Hauptwirkstoff des grünen Tees und zeigt in vitro antioxidative, antikanzerogene, antiinflammatorische, anti­virale und antibakterielle Wirkungen. ­Zudem sind tumorpräventive, neuroprotektive sowie Blutdruck- und ­Cholesterol-senkende Eigenschaften beschrieben (5). Darauf wird im Folgenden näher eingegangen.



Neben Koffein und Polyphenolverbindungen sind Aminosäuren, Vitamine (A, B1, B2, C, D), Enzyme, Pigmentstoffe (Chlorophyll), Kohlenhydrate, Mineralien wie Calcium, Magnesium, Eisen und Fluor sowie organische Fette als Bestandteile der Teeblätter identifiziert worden.

 

Tee und Herz-Kreislauf-System

 

Epidemiologische Studien haben den Konsum von schwarzem Tee mit einem verringerten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht (6). Allerdings sind die Ergebnisse von Interventionsstudien widersprüchlich. So fand eine randomisierte Studie bei älteren Erwachsenen mit bekannter kardiovaskulärer Vorerkrankung keinen nennenswerten Einfluss (7), während andere Autoren einen direkten kardioprotektiven Effekt auf die Endothelfunktion beim Menschen durch das Trinken von schwarzem Tee beschrieben (8).

 

Einen Überblick über die Studienlage zur Auswirkung von schwarzem Tee auf den Blutdruck gibt eine Metaanalyse von 2014, in der elf randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 378 Probanden ausgewertet wurden. Die Analyse der gepoolten Daten zeigte, dass der tägliche Konsum von Schwarztee für eine Woche und länger mit einer statistisch signifikanten Reduktion von systolischem und diastolischem Blutdruck von 2 und 1 mmHg verbunden ist (9). Obwohl dieser Effekt sehr mäßig war, kann er aufgrund des weitverbreiteten Konsums von schwarzem Tee und der hohen Prävalenz von Bluthochdruck sowie dem damit verbundenen Risiko einer kardiovaskulären Erkrankung von Bedeutung sein.

 

Tatsächlich zeigte eine sehr große Metaanalyse, dass ein um 2 mmHg niedrigerer Blutdruck mit einer um 10 Prozent geringeren Schlaganfallmortalität und einer um 7 Prozent niedrigeren Mortalität durch ischämische Herzkrankheit oder andere vaskuläre Ur­sachen bei Personen mittleren Alters assoziiert ist (10). Die Wirkung der Flavonoide auf die Endothelfunk­tion könnte zumindest teilweise die Blutdruck senkende Wirkung erklären (11).

 

Ähnliche Ergebnisse wurden auch mit grünem Tee gefunden. Beobachtungsstudien zeigten, dass eine Tasse pro Tag das Risiko für die Entwicklung von Erkrankungen der Herzkranzgefäße um 10 Prozent senkt (12). Eine Metaanalyse bestätigte, dass der Konsum von grünem Tee den Blutdruck bei Pa­tienten mit Hypertonie oder Prähyper­tonie (120 bis 139 mmHg/ 80 bis 89 mmHg) signifikant verringert (13). Übereinstimmend mit den klinischen Studien bestätigten In-vivo-Untersuchungen, dass Grüntee-Extrakt den ­experimentell induzierten Blutdruckanstieg bei Tieren deutlich reduziert und die Endothelfunktion bei hypertensiven Ratten verbessert (14, 15).


Tabelle 1: Typische Inhaltsstoffe von grünem und schwarzem Tee in einer Tasse; Aufguss von 2,3 g Teeblättern mit 150 ml Wasser, entsprechend 750 mg Trockenextrakt (4)

Inhaltsstoff Grüner Tee  Schwarzer Tee  
 Trockenextrakt (in Prozent) mg/Tasse Trockenextrakt (in Prozent) mg/Tasse 
Koffein 7,43 56 7,56 57 
Epicatechin 1,98 15 1,21 
Epicatechingallat 5,2 39 3,86 29 
Epigallocatechin 8,42 63 1,1 
Epigallocatechingallat 20,3 152 4,63 35 
Flavonole 2,23 17 Spuren Spuren 
Theaflavine 2,62 20 
Thearubigine 35,9 269 
Aminosäuren, davon Theanin 7,2 4,7 54 35 6,5 3,6 49 27 
organische Säuren 2,76 21 
Monosaccharide 6,85 51 6,68 50 

Es wurden verschiedene Mechanismen diskutiert, die der positiven Wirkung auf den Blutdruck zugrunde ­liegen könnten. Catechine aus dem grünen Tee können oxidativen Stress mindern, die Plättchenaggregation ­reduzieren, antioxidativ wirken, indem sie antioxidative Enzyme induzieren, prooxidative Enzyme hemmen und freie Radikale abfangen. Sie wirken entzündungshemmend durch Hemmung der durch den Transkriptionsfaktor ­NF-κB-vermittelten Bildung von Zytokinen und Adhäsionsmolekülen. Grüntee-Catechine beeinflussen vaskuläre Wachstumsfaktoren und hemmen somit die Proliferation vaskulärer glatter Muskelzellen sowie die Thrombogenese durch Unterdrückung der Thrombozytenadhäsion. Zusätzlich könnten ­Catechine vaskuläre Endothelzellen schützen und die vaskuläre Integrität verbessern (16, 17). Auch protektive Eigenschaften in Bezug auf die Oxidation von Lipo­proteinen könnten der Entstehung von Atherosklerose und anderen kardiovaskulären Erkrankungen vorbeugen (18).

 

Effekte auf Tumorentstehung und -progression




Tierischer Teeliebhaber

Foto: Fotolia/Olexandr


Bislang wurde der Anti-Tumor-Wirkung von Tee in Tier- und Zellkulturversuchen viel Aufmerksamkeit geschenkt. Die meisten Studien beschreiben eine präventive Wirkung bei verschiedenen Tumorarten wie Lungen-, Prostata-, Brust-, Haut-, Leber- oder gastrointestinalen Tumoren (19, 20). Polyphenole und Koffein wurden als mögliche präventive Inhaltsstoffe diskutiert (21).

 

Die genauen molekularen Zielstrukturen sind bisher nicht bekannt. Eine Reihe möglicher Mechanismen wurde ­vorgeschlagen, um die präventiven Wirkungen zu erklären, einschließlich der Modulation des Phase-II-Metabolismus, Veränderungen des Redoxpotenzials, Hemmung der Signalwege von Wachstumsfaktoren, Aktivierung von Tumorsuppressor-Genen wie p53 und PTEN/p21, Regulation von Apoptose (bcl/Bax) sowie antiinflammatorische Mechanismen (22). Diese mole­kularen Mechanismen können zur Hemmung des Tumorzellwachstums, zu Apoptose sowie zur Hemmung von Invasion, Angiogenese und Metastasierung führen.

 

Besondere Aufmerksamkeit galt der Wirkung von (-)-EGCG im grünen Tee. EGCG hemmte die Chymotrypsin-ähnliche Aktivität des Proteasoms sowohl in vitro als auch in kultivierten Tumorzellen wirksam und spezifisch (23). Die Hemmung des Proteasom-Signalwegs könnte eine vielversprechende Strategie zur Prävention und Behandlung von Tumoren beim Menschen sein.

 

Zusätzlich zu den Laboruntersuchungen wurden mehr als 50 epidemiologische Studien über den Zusammenhang zwischen Teeverbrauch und Tumorrisiko seit 2006 veröffentlicht. Die Ergebnisse dieser Studien sind oft widersprüchlich, aber einige haben den Konsum von Tee mit reduzierten Risiken von Tumoren des Dickdarms, der Brust, Eierstöcke, Prostata und Lunge in Verbindung gebracht (42).




Kann schwarzer Tee den Blutdruck senken?

Foto: Fotolia/One


Die unterschiedlichen Ergebnisse sind möglicherweise auf verschiedene Störfaktoren in epidemiologischen Studien und die Schwierigkeit der Extra­polation von Ergebnissen aus Tierversuchen auf Menschen zurückzuführen (24). Nur wenige randomisierte kon­trollierte klinische Studien haben ­bisher die Auswirkungen von Tee oder Polyphenolen auf Tumorinzidenz oder Mortalität untersucht, ebenfalls mit unterschiedlichen Ergebnissen.

 

Obwohl die experimentellen Daten vielversprechend sind, sind die Belege für die potenziellen Vorteile des Teekonsums auf die Tumorprogression derzeit nicht eindeutig zu beurteilen. Es bleiben viele Fragen hinsichtlich der Dosis-Wirkungs-Beziehungen und der primären Wirkungsmechanismen offen.

 

Hautschutz durch Tee-Polyphenole?

 

Ultraviolette Strahlung (UVR) ist eine Hauptursache für Umweltschäden an der Haut. Deren Wirkung auf das Immunsystem der Haut spielt eine wichtige Rolle bei Lichtalterung, Entzündung und Karzinogenese (25). Experimentelle Studien zeigten nach topischer und oraler Anwendung von Grüntee-Polyphenolen eine entzündungshemmende, antioxidative, photoprotektive und antikanzerogene Wirkung an der Haut (Tabelle 2). In Tierstudien schützten ­Polyphenole aus grünem Tee nach ­topischer und oraler Anwendung signifikant vor UV-induzierten Hautschäden und Immunsuppression.

 

Als äußeres Organsystem ermöglicht die Haut eine direkte pharmakologische Intervention mit topischen Produkten. Die topische Anwendung von EGCG in einer hydrophilen Salbe zeigte bei Mäusen bessere lichtschützende Eigenschaften als nach oraler Gabe (27).

 

Bisher liegen zur UV-Schutzwirkung von Tee nur Ergebnisse aus tierexperimentellen Untersuchungen und einigen Beobachtungsstudien vor. Diese sind durchaus vielversprechend, müssen aber durch klinische Studien bestätigt werden (28).

 

Abnehmen mit Tee

 

Grüner Tee kann die Körper- und Fettmasse reduzieren (29). In-vitro- und In-vivo-Studien zeigten, dass grüner und schwarzer Tee die Verdauung von Nahrungsfetten hemmen kann (30, 31). Drei Hauptmechanismen werden gegenwärtig diskutiert:

 

  • Verringerung der Resorption von Lipiden und Proteinen im Darm, wodurch die Kalorienaufnahme verringert wird.
  • Aktivierung der AMP-aktivierten Proteinkinase durch Polyphenole, die in der Leber, im Skelettmuskel und im Fettgewebe bioverfügbar sind. Die aktivierte AMP-aktivierte Proteinkinase verringert die Gluconeogenese und die Fettsäuresynthese und erhöht den Katabolismus, was zur ­Reduktion des Körpergewichts und des metabolischen Syndroms führen könnte (32).
  • Ein Synergismus zwischen Koffein und Polyphenolen kann die sympathische Stimulierung der Thermogenese verlängern. Außerdem kurbelt Kof­fein die Fettverbrennung an (33).

Eine Reihe von randomisierten kontrollierten Studien bewertet die Rolle von grünem Tee zur Gewichtsabnahme. Da der Gewichtsverlust gering war, ist die klinische Bedeutung bisher fraglich, so das Fazit eines Cochrane-Reviews im Jahr 2012 (34).

 

Vorsicht: Interaktionen mit Arzneimitteln




Zwei bis drei Tassen pro Tag: Mehr Tee sollten schwangere Frauen nicht trinken.

Foto: Fotolia/Luna


Die Polyphenole im Tee können die Resorption von Arzneistoffen verhindern. So wird etwa Eisen fest gebunden. In der Folge wird es verstärkt ausgeschieden anstatt über die Darmwand in den Blutkreislauf zu gelangen (35). Daher sollten Personen, die ihr Eisenpräparat zum Frühstück einnehmen, mindestens zwei Stunden vor und nach der Einnahme keinen Tee trinken.

 

Die meisten Angaben in der Literatur ­finden sich zu Interaktionen zwischen grünem Tee und Zytostatika in präklinischen Untersuchungen. Catechine aus grünem Tee, insbesondere EGCG, wurden mit der Tumorpräven­tion und -behandlung in Verbindung gebracht (36). EGCG könnte die Wirkung etablierter Chemotherapien, zum Beispiel mit 5-FU (5-Fluorouracil), ­Cis­platin, Daunorubicin oder Doxorubicin, durch additive oder synergistische Effekte verstärken und Nebenwirkungen lindern. Weitere Forschungen, insbesondere auf klinischer Ebene, sind erforderlich, um die mögliche Rolle von EGCG als Adjuvans in der Tumortherapie zu ermitteln (36).


Tabelle 2: Auswirkungen von Polyphenolen aus grünem Tee auf die Haut; modifiziert nach (26)

Effekte von Polyphenolen Zelluläre/molekulare Antwort 
UV-Schutz Hemmung der UVB-induzierten Oxidation von Lipiden und Proteinen, Hemmung der Depletion antioxidativer Enzyme und der Phosphorylierung von MAPK-Proteinen 
antioxidativer Schutz Hemmung freier Radikale, Hemmung der Bildung von Stickoxid-Synthase und Wasserstoffperoxid-induzierten ROS, Hemmung von UVB-induzierter Freisetzung von Enzymen: Katalase, Glutathionperoxidase, Superoxiddismutase und Glutathion, Hemmung der UVB-induzierten Lipidperoxidase und Proteinoxidation 
entzündungshemmend Hemmung der UV-induzierten Freisetzung von CD1a, Hemmung der UVB-induzierten Phosphorylierung von Mitogen-aktivierten Proteinkinasen und NFκB, Hemmung der Infiltration von Monozyten, Makrophagen und Neutrophilen, Hemmung der Histaminfreisetzung aus Mastzellen, Schutz vor UVB-induzierter Immunsuppression durch IL-12-Bildung 
antikanzerogene Wirkung Hemmung von DNA-Schäden, Aktivierung von DNA-Reparaturenzymen, Beeinflussung von Transkriptionsfaktoren, Hemmung von Tumorwachstum, Progression und Angiogenese 

Andere Untersuchungen an Mäusen belegen, dass EGCG und das Zytostatikum Bortezomib, ein potenter spezifischer Proteasom-Inhibitor, eine direkte Wechselwirkung mit Bildung eines kovalenten zyklischen Boronats eingehen. Dadurch wird die Wirkung von Bortezomib aufgehoben (37).

 

Problematisch ist die gemeinsame Einnahme von Tee und dem nicht-selektiven Betablocker Nadolol (in Deutschland nicht im Handel). Eine internationale Studie fand bei gesunden Freiwilligen, dass Grüntee (700 ml/Tag) die Plasmakonzentration von Nadolol um 85 Prozent verminderte. Die Wirkung des Betablockers auf den systolischen Blutdruck nahm signifikant ab. Vermutlich verringert grüner Tee die Plasmakonzentrationen von Nadolol teilweise durch die Hemmung der ­OATP1A2-vermittelten Aufnahme des Arzneistoffs im Darm (38).

 

Wie viel Tee ist gesund?

 

Wer regelmäßig 1 l schwarzen Tee oder 0,5 bis 0,75 l grünen oder weißen Tee am Tag trinkt, kann möglicherweise seinen antioxidativen Schutz verbessern (39). Dies könnte wiederum dazu beitragen, besonders das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu vermindern. Vor einem übertrieben hohen Konsum, auch in der Schwangerschaft, ist aber zu warnen.


Mate- und Rooibos-Tee

Mate-Tee wird aus dem Mate-Strauch gewonnen, der seinen Ursprung in Südamerika hat. Er gilt nach der Definition nicht als echter Tee, enthält aber eine beachtliche Menge ­Koffein. Durch die Zugabe ätherischer Öle wird ein vollmundiger und ­angenehmer Geschmack erzielt. Der hohe Vitamingehalt des Mate-Tees verspricht außerdem eine gesundheitsfördernde Wirkung. Gerbstoffe fördern den Stoffwechsel und die ­Verdauung.

 

Rooibos-Tee stammt aus den Nadeln des südafrikanischen Rotbuschstrauches. Der Tee hat günstige Wirkungen auf die Haut, etwa bei Ekzemen, Sonnenbrand und allergischen Hauterscheinungen und kann innerlich als Tee oder äußerlich, zum Beispiel als kalte Umschläge, angewendet werden. Ätherische Öle werden dafür ­verantwortlich gemacht. Rooibos-Tee enthält kein Koffein, ist aber reich an Mineralien wie Eisen, Fluor, Zink, Magnesium, Kalium und Vitamin C.


Schwangere und Stillende sollten Tees grundsätzlich mit anderen Getränken abwechseln. Da Tee Koffein enthält und einige Inhaltsstoffe die Eisenresorption hemmen, sollten Schwangere nicht mehr als zwei bis drei Tassen am Tag trinken. In Interventionsstudien verursachten Schwarz- und Grüntee kaum unerwünschte Wirkungen.

 

Für Kleinkinder ist Schwarz-, Grün- oder Mate-Tee nicht geeignet, da der Koffeingehalt zu Nervosität und Schlafstörungen führen kann. Eine Alternative sind milde Kräutertees oder Rooibos-Tee (Kasten). Er enthält kein Koffein und ist reich an Mineralstoffen und Vitamin C und bekämpft freie Radikale.

 

Heterogene Ergebnisse

 

Obwohl die Inhaltsstoffe des Tees, besonders Koffein und Polyphenole, in ­vitro antioxidative, entzündungshemmende, antimikrobielle, antikarzino­gene, blutdrucksenkende, neuroprotektive, cholesterinsenkende und thermogene Eigenschaften zeigen, sind die Ergebnisse am Menschen ­bisher sehr heterogen und nur durch wenige Studien mit geringen Patientenzahlen belegt. Gemäß einer Metaanalyse von 2015 (40) senkt die tägliche Aufnahme einer Tasse grünen Tees die Herz-Kreislauf-Mortalität um 5 Prozent und die Gesamtsterblichkeit um 4 Prozent. Das Trinken von schwarzem Tee war signifikant invers korreliert mit der Tumor- und der Gesamtmortalität. Ob daraus konkrete Empfehlungen bezüglich einer präventiven Wirkung abzu­leiten sind, müssen weitere Studien zeigen.

 

Nach wie vor ist grüner Tee von hohem wissenschaftlichen Interesse. Es gibt einige Anhaltspunkte dafür, dass ein regelmäßiger Konsum die antioxidativen Effekte erhöhen und die Lipidperoxidation, insbesondere die Oxidation von LDL, reduzieren kann (41). Dies könnte zum Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen beitragen.

 

Literatur bei der Verfasserin


Die Autorin

Karen Nieber studierte an der Technischen Hochschule in Magdeburg und arbeitete nach dem Diplom als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Wirkstoffforschung der Akademie der Wissenschaften und am Forschungsinstitut für Lungenkrankheiten und Tuberkulose in Berlin (Ost). 1981 wurde sie promoviert und erhielt 1990 die Promotion B für Experimentelle Biowissenschaften. Von 1991 bis 1995 war Nieber am Pharmakologischen Institut der Universität Freiburg tätig. Sie habilitierte sich 1994 im Fach Pharmakologie und Toxikologie und folgte 1995 einem Ruf auf den Lehrstuhl Pharmakologie für Naturwissenschaftler am Institut für Pharmazie der Universität Leipzig. Von 2002 bis 2009 war Professor Nieber Geschäftsführende Direktorin des In­stituts. Sie wurde 2013 emeritiert und arbeitet freiberuflich als Referentin und Autorin.

 

Professor (em.) Dr. Karen Nieber

Bahnhofstr. 8

39235 Gommern

E-Mail: nieber@rz.uni-leipzig.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 20/2018

 

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