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Phagro-Chef Thomas Trümper: Wir stehen mit dem Rücken zur Wand

POLITIK & WIRTSCHAFT

 
Phagro-Chef Thomas Trümper

Wir stehen mit dem Rücken zur Wand


Von Daniel Rücker und Caroline Wendt, Frankfurt am Main / Der pharmazeutische Großhandel hat es derzeit nicht leicht. Das sogenannte Skonto-Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem vergangenen Herbst hat der Branche Probleme bereitet. Thomas Trümper, Chef des Bundesverbands des pharmazeutischen Großhandels (Phagro), erwartet eine Korrektur von der Politik, doch die hält sich offensichtlich zurück.

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PZ: Wie ist die Stimmung unter den Pharmagroßhändlern?

 



Trümper: Wir sind reichlich desillusioniert, um nicht zu sagen, enttäuscht. Wir sind bis heute die einzigen, die seit der Einführung des AMNOG einen dauerhaften Sparbeitrag von 200 Millionen Euro leisten. Die Industrie und die Apotheken haben von der Politik verschiedene Unterstützungen erhalten, die die Sparmaßnahmen weitestgehend aufgehoben haben. Doch keiner denkt daran, uns dieses Geld zurückzugeben, das man uns von der eigentlich zugesprochenen Marge abgenommen hat. Die Tatsache, dass Apotheken Rabatte von den Großhändlern erhalten, bedeutet nicht, dass hier noch etwas zu holen ist. Betrachtet man die Geschäftsberichte der Großhändler, ist zu erkennen, dass in diesem Markt im Moment nichts verdient wird.

 

PZ: Welches Thema würden Sie mit der neuen Bundesregierung gerne als erstes besprechen?

 

Trümper: Das 2HM-Gutachten im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums steht immer noch im Raum. Da ist unser Großhandelsgeschäft zwar sehr korrekt erfasst worden, doch am Ende ist ein Ausrutscher passiert: Die uns zustehende Vergütung wurde nur nach den Kosten berechnet. Nun haben wir alle Betriebe, die ein unternehmerisches Risiko eingehen müssen. Dieses Risiko muss auch vergütet werden. Das Argument, dass die Kosten auch die Gehälter der Vorstände beinhalten, ist zu kurz gedacht. Die Aktionäre erwarten eine Dividende. Wir setzen unser Geld ein, gehen ins Risiko und rechnen damit, dass es für uns immer noch reicht. Wir hoffen, dass die neue Bundesregierung und die neuen Ministerien marktwirtschaftlich denken. Wenn man den Pharmagroßhändlern nur die Kosten erstattet, kann man sie auch gleich verstaatlichen. Nur für den Ausgleich der Kosten geht niemand ein Risiko ein.

 

PZ: Der neue Gesundheitsminister Jens Spahn hat einen merkantileren Ansatz als sein Vorgänger Hermann Gröhe. Für die Apotheker ist das nicht unbedingt ein Vorteil, für den Großhandel aber schon, oder?




Thomas Trümper, Vorsitzender des Phagro

Foto: Phagro



Trümper:
 Wir als Händler sind alle marktwirtschaftlich orientiert. Wenn wir einen Minister haben, der in ähnlicher Weise denkt, kann das nur von Vorteil sein. Wir Großhändler sind mit Gröhe gut zurechtgekommen und werden auch mit Spahn gut zusammenarbeiten können.

 

PZ: Im vergangenen Herbst hat der Bundesgerichtshof Skonti und Boni für den Großhandel komplett freigegeben. Sie haben damals das Urteil heftig kritisiert. Wie stark hat es den Pharmagroßhandel verändert?

 

Trümper: Ich will den Begriff »Skonto-Urteil« überhaupt nicht mehr in den Mund nehmen. Denn über die eigentliche Frage, ob Boni und Skonti Rabatte sind, hat der BGH aus meiner Sicht gar nicht entschieden. Er hat in seinem Urteil und in dessen Begründung sehr klar festgestellt, dass der Gesetzgeber eine bestimmte Intention mit § 2 der Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV) hatte. Und er hat festgestellt, dass der Wortlaut der Verordnung den Willen des Gesetzgebers nicht trifft.

 

PZ: Wie hoch bewerten Sie die Chance, dass die Sorgen der Branche erhört werden?

 

Trümper: Es muss sich etwas ändern. Wir stehen mit dem Rücken an der Wand. Es gibt mittlerweile Generika-Unternehmen, die aufgrund des BGH-Urteils sogar auf die 70 Cent Großhandelszuschlag verzichten, obwohl diese zwingend zu berechnen sind. Wir erwarten deshalb, dass die Politik einen Satz in § 2 AMPreisV formuliert, der dieses Problem eindeutig klärt. Das muss jetzt bald geschehen.

 

Wir arbeiten alle sehr seriös an einer Sache: die Patienten in Deutschland gut und preisgünstig flächendeckend mit Medikamenten zu versorgen. Aber wir können es nur ordentlich machen, wenn wir auch unsere Leute bezahlen und in die Zukunft investieren können. Seit zwei bis drei Jahren investieren die Großhändler nur noch das aller Notwendigste. Das kann so nicht weitergehen. Deshalb erwarten wir von der Bundesregierung, dass sie den Hinweis des BGH aufgreift und damit auch den Zusagen und den Vereinbarungen nachkommt, die im Rahmen des AMNOG getroffen wurden.

 

PZ: Die Zahl der Apotheken nimmt seit einigen Jahren kontinuierlich ab. Ist das auch für den Großhandel ein Pro­blem?

 

Trümper: Wenn die Zahl der Apotheken sinkt, das Marktvolumen aber konstant bleibt, ist das für den Großhandel zunächst einmal neutral. Wenn neue Player in den Markt eintreten und damit Apotheken verdrängen, dann wäre das natürlich ein Problem. Gravierend allerdings sind für den Großhandel Insolvenzen. Wenn eine Apotheke nicht mehr zahlungsfähig ist, kann es Wochen dauern, bis der Großhandel das merkt. Bis der Fall endgültig geklärt ist, sind drei Monatsumsätze verlorengegangen.

 

PZ: Bislang haben sich die Pharma­großhandlungen untereinander Konkurrenz gemacht. Mittlerweile haben Sie mit Amazon und Google auch branchenfremde Konkurrenz. Wie bewerten Sie den Markteintritt der US-Konzerne?

 

Trümper: Einfach ist das ganz sicher nicht. Es haben sich schon einige externe Unternehmen deutlich verschätzt, wie viel man in Deutschland mit Arzneimittelversorgung verdienen kann. Die Rendite ist durchaus überschaubar. Wir haben keinen freien Markt, es gibt eine ganze Reihe von Regulierungen, die das Geldverdienen deutlich erschweren. Etliche täuschen sich, weil wir so viele Packungen im Monat haben. Das bedeutet aber nicht, dass wir damit viel verdienen.

 

Ich glaube nicht, dass Google oder Amazon auf dem deutschen Arzneimittelmarkt bestehen könnten, wenn alle Akteure gleich lange Spieße hätten. Das Problem ist aber, dass es schon heute keine gleich langen Spieße mehr gibt. Wenn wir im Sommer temperaturkritische Arzneimittel ausliefern, dann gibt es für uns eine ganz klare Vorschrift dafür, an die wir uns unbedingt halten müssen. Wenn ein Lieferdienst dasselbe Medikament stundenlang ohne Kühlung durch die Stadt fährt, ist das nicht von Belang. Das ist ein Skandal. So lange die Bundesregierung und die Europäische Union solche Qualitätsunterschiede und Löcher in der Arzneimittelsicherheit zulassen, können sich Unternehmen wie Google und Amazon wesentlich leichter im Markt ausbreiten. Dass dabei auch der Patientenschutz auf der Strecke bleibt, interessiert niemanden – weder in Berlin noch in Brüssel.

 

PZ: Warum ist das so? Gesundheit ist ein hohes Gut.




»Wenn man den Groß­händlern nur die Kosten erstattet, kann man sie auch gleich ver­staatlichen.«

Foto: PZ/Wendt


Trümper: Mit Hermann Gröhe habe ich einmal darüber gesprochen. Er kennt den Sachverhalt auch. Es gibt aber eben auch noch die Europäische Kommission, die wesentlich wirtschaftsliberaler aufgestellt ist. Das hat sich auch 2016 beim EuGH-Urteil gezeigt. Wir werden nicht gleich behandelt und wir haben keine Politiker, die sich darum kümmern, dass sich das ändert. Ich kann auch nicht nachvollziehen, warum sich die Krankenkassen so wenig dafür interessieren, ob ihre Versicherten qualitativ hochwertige Arzneimittel bekommen.

 

Der Phagro akzeptiert, dass unserem Geschäftsmodell eine Mischkalkulation zugrunde liegt. Das ist absolut in Ordnung. Was wir allerdings nicht akzeptieren, ist, dass Dritte in diesen Markt einziehen und sich nur auf die attraktiven Angebote konzentrieren. Das führt das System ad absurdum. Es ist ja gerade das Wesen einer Mischkalkulation, dass es Produkte mit attraktiven Margen und solche mit weniger attraktiven Angeboten gibt.

 

PZ: Vor drei Wochen hat die Securpharm-Testphase begonnen. Die Logistik läuft über den Großhandel. Müssen sich der Großhandel und die Apotheker auf Veränderungen einstellen?

 

Trümper: Nein, der pharmazeutische Großhandel in Deutschland ist auf Securpharm gut vorbereitet. Wir werden im Februar 2019 und darüber hi­naus keine Probleme mit der Einführung und Umsetzung haben. Ich habe aber große Zweifel, dass dies für alle Beteiligten gilt. Nach meinen Informationen gibt es zwar EU-weit rund 1700 Vertragspartner, aber nur ein Zehntel abgeschlossene Verträge. Es ist noch viel zu tun, damit Securpharm im nächsten Februar EU-weit starten kann.

 

PZ: Welche Bedeutung hat für Sie die Digitalisierung?

 

Trümper: Wir im Pharmagroßhandel arbeiten seit mehr als 50 Jahren mit IT-Experten zusammen. Wir haben die Steckkärtchen abgeschafft, MSV 3 aufgelegt und ein einheitliches Bestellsystem entwickelt. Von der Warenannahme bis hin zur Auslieferung sind bei uns alle Prozesse digitalisiert. Wenn wir aber weiterhin keine gerechte Entlohnung angeboten bekommen, werden wir das System nicht mehr weiterentwickeln können. Neue Konzepte entwickeln können wir nur, wenn wir vernünftig entlohnt werden. /


 

 



Beitrag erschienen in Ausgabe 15/2018

 

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