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«Body Shaming»: Stigmatisierung trifft Übergewichtige häufig

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«Body Shaming»: Stigmatisierung trifft Übergewichtige häufig
 


Schön und schlank – für viele gehört das zusammen. Der perfekte Körper, so die gesellschaftliche Norm, ist dünn. Nicht jeder aber kann diesem Ideal gerecht werden. Wer dick ist, spürt oft, was andere von dem vermeintlich nicht-perfekten Körper denken. Das Phänomen nennt sich Body Shaming, es bedeutet, dass Menschen aufgrund ihres Körpers wörtlich «beschämt» werden.

 

Einer DAK-Studie zufolge finden 71 Prozent der Erwachsenen in Deutschland Fettleibige unästhetisch, 38 Prozent denken das über Dicke. «Die Stigmatisierung von Übergewichtigen ist ein großes Problem», sagt Professorin Martina de Zwaan, Präsidentin der Deutschen Adipositas-Gesellschaft. «Menschen, die diskriminiert werden, beginnen sich selbst zu diskriminieren», erklärt sie. Das führe dazu, dass sie glauben, nicht glücklich sein zu können, solange sie dick sind. Sie definieren sich dann fast ausschließlich über ihren Körper.

 

Dass ihr Gewicht immer ein Thema ist, musste etwa die Politikerin Ricarda Lang erfahren. «Egal, wozu ich mich äußere – Lohngleichheit, Kinderarmut oder Kohlekraft: Ich bekomme als Antwort Kommentare zu meinem Äußeren», schrieb die Sprecherin der Grünen Jugend im Januar im «Spiegel»-Jugendmagazin «Bento». «Warum nehmen sich diese Fremden raus, mir ungefragt Tipps zu geben? Ist es so schwer zu verstehen, dass es weder ihre Aufgabe noch ihr Recht ist, meinen Körper zu kommentieren?», fragt sie. In den sozialen Netzwerken ist sie regelmäßig üblen Beleidigungen ausgesetzt.

 

Übergewichtige müssen sich im Alltag mit Vorurteilen und Ausgrenzung auseinandersetzen: Dass füllige Menschen Nachteile im Job haben, zeigt etwa eine Studie der Universität Tübingen aus dem Jahr 2012. Die Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass Personaler dickeren Menschen fast nie einen Job mit hohem Prestige zutrauen. Für eine Abteilungsleiterstelle wurden sie ebenfalls selten ausgewählt. Besonders betroffen waren demnach Frauen von den Vorurteilen.

 

Doch warum werden immer wieder gerade füllige Menschen diskriminiert? Professorin Lotte Rose und Friedrich Schorb werfen einen wissenschaftlichen Blick auf das Thema. In einem von ihnen veröffentlichten Buch über «Fat Studies in Deutschland» notieren sie kritisch, dass dicke Menschen zu einer «gesellschaftlichen Belastung» erklärt würden. Sie würden bedrängt, ihr Körpergewicht zu ändern. «Diese Zugriffe erscheinen legitim, fürsorglich und verantwortungsvoll gegenüber den betroffenen Menschen», schreiben sie. Ob sie das tatsächlich sind, zweifeln die Forscher an.

 

«Viele meinen, das Gewicht lasse sich leicht kontrollieren», sagt Professorin de Zwaan. Ein bisschen mehr Bewegung, ein bisschen gesünder essen – dann werde das schon. Wer das nicht schaffe, habe scheinbar keine Selbstbeherrschung, sei selbst schuld und schwach. «Doch ganz so einfach ist das nicht.» Warum jemand dick sei, könne ganz unterschiedliche Gründe haben. Und: «Unsere Biologie sagt uns immer noch: Wenn Essen da ist, bitte essen», erklärt die Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie aus Hannover.

 

Um abzunehmen, brauche es einen enormen Willen – und um das Gewicht dann zu halten, noch viel mehr. Wer seinen Körper mit viel Selbstdisziplin trimme, schaue vielleicht leichter auf andere herab, die das nicht so beherrschten. Natürlich können zu viele Kilos auch Gesundheitsrisiken bergen. Deshalb, erklärt de Zwaan, sei es als dicker Mensch zumindest sinnvoll, nicht weiter zuzulegen. Aber sie fordert auch: «Die Menschen sollen mit ihrem Körper zufrieden sein, auch wenn er nicht perfekt ist.»

 

05.04.2018 l dpa

Foto: Fotolia/Olivier Le Moal

 

 

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