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Sexualforschung: In Deutschland ein «Armutszeugnis»

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Sexualforschung: In Deutschland ein «Armutszeugnis»
 


Angesichts der Anzahl der sexualwissenschaftlichen Lehrstühle in der Bundesrepublik ist «die aktuelle Situation ein Armutszeugnis», sagt Heinz-Jürgen Voß von der Gesellschaft für Sexualwissenschaft. Überall dort, wo Menschen mit Menschen zu tun haben – in Kitas, Schulen, Einrichtungen der Sozialen Arbeit sowie Bildungseinrichtungen für Erwachsene –, spielten Fragen zu Körper, Geschlecht und Sexualität eine Rolle. «Das bedeutet, dass Fachkräfte ausgebildet sein sollten, professionell mit den entsprechenden Fragen umzugehen.»

 

Das Problem werde zwar zunehmend erkannt, gerade im Zuge der Prävention vor sexualisierter Gewalt. «Aber bislang gehen die entwickelten Curricula zur Prävention vor sexualisierter Gewalt und zur sexuellen Bildung nicht oder nur ganz zögerlich in die Aus-, Fort- und Weiterbildung ein», sagt Voß, der an der Hochschule Merseburg Professor für Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung ist. Dort kommen 180 Bewerbungen auf 24 Master-Plätze, wie Voß sagt. Hier lernen Studenten etwa rechtliche Grundlagen sexueller Bildung und Beratung oder religiöse und kulturelle Hintergründe. Jobs könnten sie unter anderem in Familienberatung, Aids-Hilfen, Kinderschutzdiensten, bei Gesundheitsämtern, Verbänden und in der Behindertenpädagogik finden.

 

Ein zweites sexualwissenschaftliches Zentrum in Deutschland ist Hamburg mit einem medizinischen und interdisziplinären Schwerpunkt. Am Uniklinikum Eppendorf (UKE) müssen alle Medizinstudierenden Kurse über sexuelle Störungen belegen und lernen mit Simulationspatienten Sexualanamnese. «Jeder Hausarzt sollte in der Lage sein, Fragen zur Sexualität zu stellen», sagt der Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am UKE, Peer Briken. «Probleme in der Sexualität können wegweisend für andere Erkrankungen sein.» So tauchten Erektionsstörungen als Vorboten von Herz-Kreislauf-Problemen auf. Aber auch Internisten, Urologen, Gynäkologen und Dermatologen, die etwa sexuell übertragbare Krankheiten behandeln, sollten aus Brikens Sicht für Anamnese-Gespräche geschult sein. «Untersuchungen zeigen, dass Patienten auf solche Themen angesprochen werden möchten und dass sie sie nicht selbst ansprechen müssen.»

 

Sexualwissenschaftliche Angebote gibt es auch in Kiel (Sexualpädagogik), Berlin (medizinisch) und seit kurzer Zeit an der Angewandten Hochschule in Frankfurt/Main (Sexualpädagogik). An anderen Hochschulen gibt es lediglich einzelne Projekte. «Wir brauchen an drei oder vier Standorten eigene Masterstudiengänge, um die Leute fit zu machen», sagt Voß.

 

Die Frankfurter Goethe-Universität schloss ihr Institut für Sexualwissenschaft im Jahr 2006. Ein Sprecher nennt als Gründe eine Neustrukturierung der Universitätsmedizin, auch unter Berücksichtigung finanzieller Ressourcen, sowie ein neues Konzept der hessischen Hochschulmedizin. Volkmar Sigusch, ehemals Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft am Universitätsklinikum Frankfurt am Main, sieht dagegen die politische Einstellung insbesondere konservativer Politiker und Missgunst anderer Wissenschaftler als ausschlaggebend an. «An den allermeisten Universitäten gibt es nicht einmal eine einzige Person, die fachlich in der Lage ist, wenigstens einen wesentlichen Teil der Sexualwissenschaft zu lehren». Entsprechend sei die Praxis. Für ernste sexuelle Störungen oder Krankheiten würden verzweifelt qualifizierte Therapeuten gesucht. Sigusch spricht sich für Spezialisierungen etwa in Psychologie und Medizin aus.

 

Die Entwicklung gerade in Deutschland hält der Merseburger Professor Konrad Weller für paradox, liege hier doch die Wiege der Sexualwissenschaften. Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft in Berlin zerstörten die Nationalsozialisten. Nach dem Krieg dauerte es rund zehn Jahre, bis das erste universitäre Institut in Hamburg die Arbeit aufnahm. «Heute sind viele Ansätze merkwürdig distanziert», sagt Weller. Es gehe um politische Fragen der Diskriminierung oder um Genderstudies. «Das hat aber wenig mit Sexualität an sich zu tun.»

 

Die Kultusministerkonferenz (KMK) verweist auf die Hochschulautonomie – es ist den Hochschulen überlassen, wie sie welche Fächer abdecken. In der «Empfehlung zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule» der KMK werden Sexualerziehung und Prävention von sexuell übertragbaren Krankheiten als Themen aufgeführt, die in den Unterricht und in das Schulleben integriert werden sollen. Etwa mit Blick auf Bildungspläne spricht Voß von mehr Relevanz sexualwissenschaftlicher Aufklärung. «Wir hatten eine lange Zeit der Tabuisierung.» Inzwischen sei der Bedarf zwar erkannt, ihm werde aber nicht ausreichend Rechnung getragen. 

 

12.02.2018 l dpa

Foto: Fotolia/Detailblick

 

 

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