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Erwartungen für 2018: »ARMIN ist Trigger für Innovationen«

POLITIK & WIRTSCHAFT

 
Erwartungen für 2018

»ARMIN ist Trigger für Innovationen«


Von Daniel Rücker / Securpharm, Digitalisierung, EuGH-Urteil und die Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen (ARMIN): Für die Apotheker gibt es 2018 viel Arbeit. ABDA-Präsident Friedemann Schmidt sieht Chancen und Risiken.

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PZ: Das Jahr 2017 war für die Apotheker sicherlich keine Offenbarung. Das wichtigste Thema war ohne Frage das EuGH-Urteil. Bislang sind die Apotheker mit ihrer Forderung nach einem Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln gescheitert. Wie groß sind die Chancen, im diesem Jahr noch Erfolg zu haben?

 




Foto: PZ/Zillmer


Schmidt: Wir sind nicht gescheitert, wir sind aber auch nicht am Ziel. Die politische Lage ändert sich derzeit täglich. Eine neue Regierung wird es nicht so schnell geben. Im Moment lässt sich nicht genau einschätzen, wie gut die Chancen für das Versandverbot sind. Wir wissen aber, dass Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe das Verbot nach wie vor auf dem Zettel hat, und dass es bei den Sondierungs- beziehungsweise Koalitionsgesprächen eine Rolle spielen wird. In jedem Fall werden wir aus den Berufsorganisationen der Apotheker das Ziel mit der gleichen Hartnäckigkeit und Intensität verfolgen wie bisher.

 

PZ: Die Apotheker kommen leidlich mit der aktuellen Situation zurecht. Lässt sich daraus ableiten, dass das Rx-Verbot keine so große Gefahr ist?

 

Schmidt: Nein. Es ist schwer zu prognostizieren, wie dynamisch sich der Online-Handel über die Zeit entwickelt. Eine vermeintlich stabile Marktsituation ist trügerisch. Die Entwicklung im Buchhandel oder im Elektronikmarkt hat gezeigt, wie plötzlich Systeme kippen. Die Anlaufphase war lang; ab einem bestimmten Punkt ging es dann aber ganz schnell. Tatsächlich zieht auch der Rx-Versandhandel seit einiger Zeit an. Es gibt keinen Grund, die Hände in den Schoß zu legen.

 

PZ: Seit einiger Zeit versuchen branchenfremde Unternehmen, wie etwa Amazon, im Arzneimittelmarkt Fuß zu fassen. Bereitet Ihnen das Sorgen?

 

Schmidt: Wenn die Regeln so bleiben, wie sie jetzt sind, und die Politik sich nicht kümmert, dann ist der Eintritt von Amazon in den Arzneimittelmarkt nur noch eine Frage der Zeit. Wir müssen uns als Gesellschaft aber insgesamt fragen, ob wir so leben wollen, dass wir von einigen wenigen weltumspannenden Unternehmen abhängig sind und vor lauter Päckchen-Ökonomie vor Ort irgendwann gar keine Infrastruktur mehr haben. Gesundheitsversorgung ist ein Teil dieser Infrastruktur. Und Heimat ist doch da, wo ich alles habe, was ich brauche.

 

PZ: Nach einigem Hin und Her hat das BMWi das Gutachten zum Apothekerhonorar veröffentlicht. Die Inhalte sind jetzt bekannt. Welche Bedeutung hat das Werk für die Apotheker?

 

Schmidt: Zunächst muss ich einfach noch mal ganz klar sagen, dass die Salamitaktik, über die die Inhalte stückweise bekannt gemacht wurden, ganz schlechter politischer Stil ist. Das Konvolut wurde kurz vor Weihnachten noch husch husch auf die BMWi-Webseite gestellt, und die Sitzung des projektbegleitenden Beirats, die vor einer Veröffentlichung zugesagt war, findet jetzt hinterher statt. Das macht das Ganze nicht besser. Nun, da wir den gesamten Text kennen, bestätigt sich der Eindruck, dass das Papier von falschen Voraussetzungen ausgeht, methodisch angreifbar inhaltlich defizitär ist. Es kann deshalb für uns keine Basis für das politische Gespräch sein. Und ich gehe auch nicht davon aus, dass es Grundlage für die gestalterische Arbeit der kommenden Bundesregierung werden wird.

 

PZ: Jenseits von Bedrohungen wird es 2018 auch neue Chancen geben. Was erwarten Sie?

 

Schmidt: Ganz wichtig ist und bleibt eine homogene Versorgungslandschaft. Das ist unser wichtigstes Anliegen. Die Politik muss die Entwicklung im ländlichen Raum fördern. Das muss auch unsere Aufgabe sein. Wir halten nichts von einer Zwei-Klassen-Pharmazie. In diesem Ziel stimmen wir mit weiten Kreisen der Politik überein. Das ist eine Chance, hier können wir viel beitragen.

 

PZ: Arbeiten Sie hier mit den Ärzten zusammen?

 

Schmidt: Ja, die haben schon länger das Problem, eine flächendeckende ambulante Versorgung zu organisieren. Es gibt eine Reihe von Ansätzen, vor allem im Nordosten, die Versorgung in den ländlichen Gebieten zu stabilisieren. Viel erreicht haben die Ärzte allerdings nicht, denn aktive In­frastrukturpolitik ist nun mal eine öffentliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wenn es Ärzte, Apotheker, Supermärkte und Schulen gibt, dann ziehen die Menschen auch nicht weg. Natürlich werden Apotheken auch in Zukunft darauf angewiesen sein, dass es verordnende Ärzte gibt. Ergänzend brauchen wir aber mehr Möglichkeiten für Apotheker, die Patientenversorgung mit gezielten Dienstleistungen zu verbessern, die auch honoriert werden. Unser Ziel muss es sein, auch dann noch als Apotheke bestehen zu können, wenn es an einem Ort für die Ärzte schwierig wird. Das wird uns aber nicht immer gelingen.

 

PZ: Sie haben gerade von Dienstleistungen gesprochen. Neue Dienstleistungen gibt es auch bei ARMIN. Wie steht es um das Vorzeigeprojekt der deutschen Apothekerschaft?

 

Schmidt: Wir sind auf einem guten Weg. Wir haben die meisten technischen Pro­bleme gelöst. Die Implementation der ARMIN-Software geht auch voran. Die Patientenzahl steigt deutlich an. Alle Beteiligten glauben mittlerweile an den Nutzen des Projektes. ARMIN ist ein Trigger für Innovationen wie das Medikationsmanagement in einem heilberuflichen Netzwerk. Wenn man Projekte in dieser oder anderer Form zukünftig in die Fläche bringt, gibt es vor allem eine He­rausforderung: Man muss klar detektieren, wo die Risikopatienten sind, für die eine bestimmte pharmazeutische Dienstleistung besonders wichtig ist. Dafür müssen wir gemeinsam mit den Ärzten klare Kriterien aufstellen. Es muss für jede Intervention einen klar umrissenen Nutzen geben. Diese Idee sollte in das geplante zweite E-Health-Gesetz eingehen, dass die Bundesregierung vorsieht. Spätestens dann müssen Apotheker auch eine aktivere Rolle beim elektronischen Medikationsplan bekommen. Auch die Ärzte sind mittlerweile davon überzeugt, dass die Apotheker einbezogen werden müssen.

 

PZ: Beim Deutschen Apothekertag in Düsseldorf haben Sie durchaus kritisch über die Digitalisierung gesprochen. Sind Sie noch skeptisch?

 

Schmidt: Ich bin nicht gegen Digitalisierung, ich bin gegen den unreflektierten Umgang mit Digitalisierung als Selbstzweck. Aus meiner Sicht ist die Digitalisierung keine technische, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung. Digitalisierung macht vieles leichter. Auf der anderen Seite folgen digitale Dienste ganz konsequent den Interessen von Konzernen, die sie anbieten. Das gilt auch im Gesundheitswesen. Dabei bleibt die eigentliche Aufgabe, die Situation des Verbrauchers oder Patienten zu verbessern, oftmals hinter den kommerziellen Interessen zurück. Es wäre gut, wenn hier alle Heilberufler an einem Strang ziehen. Menschen brauchen technische Hilfen, noch wichtiger ist aber die menschliche Hilfe.

 

PZ: In diesem Jahr startet in den Apotheken der Testbetrieb von Securpharm. Wird es ein Erfolg?

 

Schmidt: Die Verträge sind geschlossen, die IT-Architektur ist im Aufbau. Es gibt noch ein paar Details zu klären, zum Beispiel bei Krankenhausapotheken. Die Umsetzung in den Software-Häusern funktioniert. Im Großen und Ganzen sind wir startklar. Das wird ein Erfolg. Das gilt zumindest für Deutschland. In anderen EU-Staaten sieht es allerdings noch etwas trüber aus.

 

PZ: Wie steht es um das Konzept Apotheke 2030? Sind die Apotheker im Fahrplan?




»Bei der Einführung von Dienstleistungen sind wir ein gutes Stück weitergekommen.Friedemann Schmidt, ABDA-Präsident

Foto: PZ/Pietschmann


Schmidt: Ja, aber eine Reihe von Prozessen muss angestoßen werden. Sie betreffen zum Beispiel die pharmazeutische Ausbildung. In diesen Tagen wurde der kompetenzorientierte Lernzielkatalog Pharmazie veröffentlicht. Dabei geht es um die Kompetenzen für das Tätigkeitsfeld Öffentliche Apotheke. Die Implementierung diskutieren wir mit den Hochschullehrern. Bei der Einführung von Dienstleistungen sind wir auch ein gutes Stück weiter gekommen. Wir haben ein Stufenkonzept für bessere Arzneimitteltherapiesicherheit erarbeitet, in dem risikoorientiert abgestufte Leistungen für unterschiedliche Patientengruppen beschrieben werden. Diese Leistungen lassen sich auch schrittweise oder regional angepasst umsetzen, im Sinne einer evolutionären Entwicklung. Allerdings muss auch hier die Politik mitziehen und den Weg für die Umsetzung frei machen, etwa indem eine klare Anspruchsgrundlage der Patienten im SGB V geschaffen wird.

 

PZ: Stellen Sie sich bitte folgendes Setting vor: 31. Dezember 2018, Sie haben ein Glas Sekt in der Hand. Was muss in den zwölf Monaten in jedem Fall passiert sein, damit Sie sagen können »2018 war ein gutes Jahr?«

 

Schmidt: Angesichts der schwierigen aktuellen Situation erwarte ich für 2018 nicht allzu viel. Mir würde es reichen, wenn wir wieder eine stabile Regierung und eine gestaltende Gesundheitspolitik bekommen, in der wichtige Player die Ziele der Apotheker unterstützen. Dass diese Ziele das Rx-Versandverbot und eine planungssichere Vergütungsmechanik umfassen, dürfte klar sein. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 01/02/2018

 

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