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Grimmwelt: Rotkäppchen und das Wörterbuch

MAGAZIN

 
Grimmwelt

Rotkäppchen und das Wörterbuch


Von Ulrike Abel-Wanek, Kassel / Wer mit den sieben Zwergen mal an einem Tisch sitzen will, sollte der »Grimmwelt« in Kassel einen Besuch abstatten. Jacob und Wilhelm Grimm sind vor allem als Märchensammler weltberühmt geworden. Das eigens für sie errichtete Museum zeigt das vielseitige Brüderpaar aber auch von einer anderen Seite.

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In Kassel sitzt der Froschkönig mit im Zug. Zitate aus vielen Märchen auf den Scheiben der Bahnen des öffentlichen Nahverkehrs lassen keinen Zweifel da-ran, wo man ist: in der Stadt, in der die Brüder Grimm die Grundlage für ihren weltweiten Ruhm legten. Neben Hanau, Steinau und Marburg ist Kassel die wichtigste deutsche Grimm-Stätte. Hier verbrachten die Brüder die längste Zeit ihres Lebens, und »vielleicht auch die fruchtbarste Zeit«, so Jacob Grimm in seiner Selbstbiografie. Die Sammlung ihrer Kinder- und Hausmärchen ist mittlerweile in Milliardenauflage und vielen verschiedenen Sprachen erschienen.



Zweifellos sind die Märchen die populärste Facette ihres umfangreichen Werks. Die sogenannten Hand-exemplare der Kinder- und Hausmärchen von 1812/1815 wurden 2005 in die UNESCO-Liste »Memory oft the World« aufgenommen. Aber sie sind dennoch nur ein Teil der Grimmschen Gesamtleistung. Nicht weniger bedeutend als das Schreiben und Herausgeben von Märchen sind ihre wissenschaftlichen Arbeiten und Verdienste für die deutsche Sprache – als Verfasser des »Deutschen Wörterbuchs«, als Sprachforscher und Mitbegründer der Germanistik. Der »Grimm« ist nach wie vor das umfangreichste Wörterbuch der deutschen Sprache.

 

Wer waren diese Brüder? Was haben sie gemacht? Und wen interessiert das heute noch? Diese Fragen zu beantworten, das enge Bild von den »Märchenonkeln« auszuweiten und das komplexe Leben der Grimms zu präsentieren, ist das zentrale Anliegen der 2015 auf dem Kassler Weinberg eröffneten »Grimmwelt«. Dass sich dabei Kunst, Bildung und Vergnügen nicht ausschließen, ist ein Verdienst dieser großartigen Schau.

 

Bevor es zu den Hexen, Zwergen und Wölfen geht, führt der erste Teil der Präsentation zunächst in die Sprach- und Kulturforschung. Dieser Teil ist als Glossar von A bis Z angelegt. Der Besucher wandelt von Buchstabe zu Buchstabe und erfährt, wie das Wörterbuch entstand und welchen Einfluss es in der Folge hatte. Man kann selber mitschreiben an der »unendlichen Wortarbeit« und wer will, kann sogar Schimpfwörter mit den Grimms austauschen.

 

Zettelwirtschaft

 

Der Ausstellungsparcours folgt dem Alpha­bet nicht linear, sondern setzt thematische Schwerpunkte. Los geht es mit Z wie Zettel, denn diese spielten eine zentrale Rolle im Grimmschen Werk.



Für die gigantische Sammlung aus mehr als 300 000 Einträgen für das Deutsche Wörterbuch recherchierten die Brüder – und später ihre Nachfolger – den literarischen Gebrauch einzelner Wörter in der Zeit von Luther bis zu ihrer Gegenwart. Sie notierten sie auf Tausenden von Zetteln, bevor sie zu Wörterbucheinträgen weiterverarbeitet wurden. Für das Wort »Zettel« selber existieren allein 1119 notierte Belege. Die Brüder konnten das Wörterbuch bis zu ihrem Tod in den Jahren 1859 und 1863 nur bis zum Buchstaben F selber bearbeiten. »Froteufel« (Dämon) war der letzte Eintrag. Fertig gestellt wurde das umfangreiche Werk rund 100 Jahre später, und erst 2012 stellte die Berliner Akademie der Wissenschaften die Bearbeitung der Bücher endgültig ein. Heute arbeiten Lexikographen an einer digitalen Version.

 

Moderne Märchen

 

Über O wie Organisierung der Grimmschen Arbeitsweise geht es über B wie Buch weiter zu den weltberühmten Märchen. Viele Geschichten trugen die Brüder aus mündlichen Erzählungen zusammen, verglichen sie mit schrift­lichen Quellen und bearbeiteten sie ­immer wieder neu. Sprache verändert sich, ist nichts Feststehendes und entwickelt sich laufend weiter.




Man kennt sie vor allem als »Märchen­onkel«, doch die Brüder Grimm arbeiteten auch als Wissenschaftler und Sprachforscher. Unten: Ausstellungsexponat »Schimpf­wort­aus­tausch­maschine«.

Fotos: Nikolaus Frank


Diesen aktuellen Aspekt der Ausstellung schätzt auch die Leiterin des Hauses, Susanne Völker: »Wir wollen nicht in der Präsentation des Historischen verharren, sondern richten den Blick auch in die Gegenwart«, so Völker zur Eröffnung der Sonderausstellung »HörenSagen« am vergangenen Donnerstag in Kassel (siehe Kasten).

 

Im für Kinder besonders attraktiven Ausstellungsteil der Märchen kann man dem Rumpelstilzchen in 28 Sprachen lauschen, dem Frosch­könig ins flüsternde Labyrinth der Dornenhecke folgen oder als multimediales Schneewittchen am Tisch der sieben Zwerge Platz nehmen. Auch Rotkäppchen und der böse Wolf fehlen in der Sammlung nicht und zeigen einmal mehr das Potenzial, das Märchen auch heute noch haben. Die Geschichte von dem Mädchen mit der roten Kappe, das vom Weg abkommt und gefressen wird, fand zu erzieherischen Zwecken schon in den 1860er-Jahren Eingang in viele Schulbücher. Bis heute weisen Eltern ihre Kinder darauf hin, dass das eigene, selbstbestimmte Leben große Gefahren bereithalten kann. Doch zeigt das Märchen, dass Abwege auch helfen können, Ängste zu bewältigen. Die Lust, vom vorbestimmten Weg abzuweichen, ist jedenfalls nach wie vor ungebrochen.

 

Wissenschaft trifft in der Grimmwelt auf Fantasie, historische Objekte treffen auf moderne mediale Installa­tionen. Das alles bildet keine Gegen­sätze, sondern ein geniales, lehrreiches Ganzes. Für Erwachsene ebenso wie für Kinder, für Experten und Laien, Kunst- und Sprachinteressierte und natürlich für Märchenliebhaber. /


Sagen und Fake News

Jacob und Wilhelm Grimm hinterließen nicht nur Märchen, sondern auch eine umfangreiche Sammlung von Sagen. Sie haben, anders als Märchen, einen wahren Kern, beziehen sich auf konkrete Orte und Personen und sind in historische Zusammenhänge eingebunden.

 

Die Sonderausstellung »HörenSagen« spannt den Bogen von den antiken Mythen als Ursprung dieser Erzählform bis zu den »Fake News«. Denn heute beeinflussen nicht nur menschliche Erzähler, sondern zunehmend auch Algorithmen die Kommunikation.

 

Die Präsentation zeigt in vier Bereichen Variationen des Erzählens als Grundkonstante menschlichen Verhaltens und führt den Besuchern vor Augen, wie Störungen entstehen und – bewusst oder unbewusst – der Wahrheitsgehalt vieler Aussagen verändert wird.


Grimmwelt Kassel

Weinbergstraße 21, 34117 Kassel

www.grimmwelt.de

 

Sonderausstellung: HörenSagen  – Antike Mythen – Grimmsche Sagen – Digitales Erzählen.

 

1. Dezember 2017 bis 21. Mai 2018



Beitrag erschienen in Ausgabe 49/2017

 

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