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Typenforschung: Durch die Augen meines Kollegen

MAGAZIN

 
Typenforschung

Durch die Augen meines Kollegen


Von Jennifer Evans / Die Enneagramm-Lehre unterteilt Menschen in neun Persönlichkeitstypen und beleuchtet deren Denken, Fühlen und Handeln. Entwickelt jeder ein wenig mehr Verständnis für den anderen, entstehen weniger Konflikte – besonders im Job. Auch in der Wissenschaft ist dieser Ansatz angekommen.

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Das Wort Enneagramm kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Neunerbild. Es stellt ein Erklärungssystem für menschliche Charaktereigenschaften dar, das durch einen in neun Teile gegliederten Kreis symbolisiert wird. Vermutlich gehe das Enneagramm auf die Schule des griechischen Mathematikers Pythagoras zurück, so Gabriele Labudde, die jetzt ein Buch zum Thema geschrieben hat. Analogien zu dem Modell finden sich der Autorin zufolge außerdem in christlichen und buddhistischen Traditionen sowie der hebräischen Kabbala-Lehre wieder. Als Urheber der modernen Version des Enneagramms gilt der bolivianische Philosoph Oscar Ichazo, der in den 1960er-Jahren aus dem alten Erklärungssystem besonders die Persönlichkeitstypen herausarbeitete. In den 1970er-Jahren übernahm der chilenische Arzt Claudio Naranjo das Enneagramm erstmals als psychologisches Konzept und verknüpfte dessen Typen-Psychologie mit den Persönlichkeitsstörungen des sogenannten »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders«, einem Klassifizierungssystem der amerikanischen Psychiatervereinigung. Auf diese Weise habe das Enneagramm Einzug in Wissenschaft und Therapie gefunden, so Labudde.

 




Foto: Shutterstock/wavebreakmedia



Drei mal drei

 

Grob unterteilt das Enneagramm in drei Intelligenzzentren: Herz, Kopf und Bauch. Jedem Zentrum sind je drei ­Typen zugeordnet, die durchgehend nummeriert sind. Im Leben der Herzmenschen (Typ Zwei, Drei und Vier) geht es vor allem um intuitive Empfindungen und die Beziehungen zu anderen Menschen. Beachtung und Anerkennung von außen sind für sie essenziell. Diese Typen kämpfen ständig gegen das Gefühl an, nicht liebenswert zu sein. Kopfmenschen (Typ Fünf, Sechs und Sieben) benutzen ihren Verstand und ihre Beobachtungsgabe, um Zusammenhänge rational zu erfassen. Das gibt ihnen die nötige Sicherheit, um sich gegen ihr Gefühl der Unfähigkeit zu wehren. Bauchmenschen (Typ Acht, Neun und Eins) liegt instinktives Handeln. Sie haben ein starkes Ich-Gefühl und schützen ihre Autonomie, um dem dauernden Gefühl zu trotzen, unwichtig zu sein. Treffen nun ungleiche Intelligenzzentren beziehungsweise Typen aufeinander, können schnell Konflikte entstehen, weil jeder die Welt unterschiedlich wahrnimmt und anders denkt, fühlt und handelt. Gerade im Job kann das knifflig werden, bestätigt die Autorin aus ihrer Coaching-­Praxis. Ihrer Ansicht nach ist es dem Betriebsklima nur zuträglich, wenn jeder seine Kollegen ein wenig besser verstehen lernt.

 

Eine Frage des Typs

 

Einser sind disziplinierte und organisierte Typen, die hohe Anforderungen an sich selbst und andere haben. Kollegen fühlen sich von ihnen oft kritisiert und korrigiert. Sie seien aber auch eifrige Fürsprecher für all jene, die sich verbessern wollen, hebt die Autorin hervor. Einser verlassen sich nicht gern auf andere, weil sie glauben, niemand geht so gründlich vor wie sie selbst. Sie freuen sich über qualitativ hochwertige und präzise Arbeit. Jedoch fehlt ihnen oft Flexibilität.

 

Im Job sind Zweier gern die »Macht hinter dem Thron«, sagt Labudde. Sie bereiten gern Informationen auf und wissen, wer für ein Projekt wichtig ist. Sie seien Personen, die bereits eine halbe Stunde nach dem ersten Kennenlernen – meist ungefragt – etwas für einen täten. Wird diese Hilfeleistung nicht gewürdigt, sind sie jedoch schnell gekränkt und verhalten sich dann manipulativ. Werden sie bewundert, steigt ihr Selbstwertgefühl. In Führungspositionen legen sie Wert auf Menschlichkeit, sind Teamplayer und »gut fürs Betriebsklima«, so die Autorin.

 

Dreier-Typen blühen bei Stress auf, sind selten krank, erwarten aber oft, dass andere im gleichen Tempo mitziehen. Sie werden ungeduldig und wütend, wenn sie auf Unproduktivität und Unfähigkeit stoßen. Tauchen Schwierigkeiten auf, ändern diese Kämpfernaturen ihre Strategie, um das Ziel dennoch zu erreichen. Statussymbole und Karriere seien ihnen meist wichtiger als die eigenen Gefühle, schildert Labudde.

 

Vierer-Menschen führen häufig ein Doppelleben. Tagsüber machen sie Karriere und abends widmen sie sich ihrer eigentlichen Berufung. Das kann ein Hobby wie Malerei oder Tanz sein. In beiden Bereichen sind sie sehr kreativ bis exzentrisch. Originalität und Kultiviertheit sind ihnen sehr wichtig. Nur ungern sind sie Teil einer Gruppe, denn sie möchten sich lieber von ihren Kollegen abheben. Schätzen Vorgesetzte sie, kommt das einer Gehaltserhöhung gleich.

 

Selbstständiges Arbeiten und abwechslungsreiche Themen sind Fünfer-Typen wichtig. Sie scheuten das Rampenlicht und seien meist die klugen Berater und aufmerksamen Beobachter im Hintergrund, so Labudde. Oft glänzen sie als Planer oder Entwickler, weil sie gründlich, logisch und methodisch vorgehen. Allerdings nur, wenn sie ungestört arbeiten. Mittagspausen verbringen Fünfer gern allein. Distanz zu Inhalten und Menschen zu bewahren, ist ihr Verständnis von Objektivität.

 

Sechser arbeiten genau und pflichtbewusst. Sie sind fair, kooperativ und loyal. Mit ihrem Einsatzwillen vollenden sie jedes Projekt. Zuverlässigkeit hat für sie einen enormen Stellenwert. Gerne arbeiten Sechser im Team, weil sie Zwischenmenschliches schätzen. Am sichersten fühlt sich dieser Typ, wenn er sich an Regeln und Gesetze halten kann. Risiken zu vermeiden ist ihm lieber, als negativ überrascht zu werden. Appelliert man an sein Pflichtgefühl, gibt er alles und verschiebt jegliche Erholung auf später.

 

Siebener lieben Freiräume. Sie denken und planen gern und sehen blitzschnell Zusammenhänge. »Brainstorming könnte eine Siebener-Erfindung sein«, sagt Labudde. Routinearbeiten hingegen sind ihnen ein Graus. Nur kleine Auszeiten und Belohnungen halten sie dann bei Laune. Ihre Vielseitigkeit und Energie machen sie oft erfolgreich. Mit Autoritäten gehen sie meist locker um, da sie nichts von Hierarchien halten. Ihr Antrieb: Begeisterung und Optimismus.

 

In Führungspositionen sind oft Achter zu finden. Sie wollen etwas bewirken und strengen sich an, um die Besten zu sein. Während Dreier sich fürs Image ins Zeug legten, rackerten sich Achter für Macht und Einfluss ab, erläutert Labudde die Unterschiede. Herausforderungen und Schwierigkeiten gehen Achter direkt an. Sie wollen statt Lob lieber Geld und Respekt. Die Kompetenz anderer testen sie, indem sie streiten oder provozieren. Ausflüchte, Ausreden und Heimlichkeiten machen sie wütend.

 

Neuner mögen wie Sechser klare Richtlinien und Strukturen. Eine harmonische Atmosphäre zwischen den Kollegen ist ihnen wichtig. Begabungen leben sie kaum aus, da sie ungern im Vordergrund stehen. Neuner wirken bescheiden und sind geduldig. Für neue berufliche Ziele fehlt ihnen aber oft die Energie und der Ehrgeiz. Diese Typen bereichern aber die Zusammenarbeit durch ihre Ausdauer und ihr diplomatisches Geschick.

 

Keine Schubladen




Gabriele Labudde: Enneagramm. 9 Chancen, sich selbst und andere besser zu verstehenGräfe & Unzer, 2017, kartoniert, 192 Seiten,ISBN: 978-3-8338-6256-4, EUR 19,99

Kritiker halten die Enneagramm-Lehre für ein negativ und schablonenhaft gezeichnetes Bild der menschlichen Charaktere. Ihnen entgegnet Labudde: »Es geht auf keinen Fall darum, Menschen in Schubladen zu stecken, sondern ­jeden Einzelnen in seinem Per­sönlich­keits­typ wahrzunehmen.« In dieser Lehre existierten weder Wertunterschiede noch Hierarchien. Es geht der Autorin zufolge vielmehr darum, die Unterschiedlichkeit der Menschen zu erkennen, urteilsfrei zu akzeptieren und sich bestenfalls in sein Gegenüber einzufühlen. Jede Lebensgeschichte, ­jeder Mensch bleibe einmalig und unverwechselbar, betont sie. Um allen menschlichen Facetten gerecht zu werden, müsse man bei der Arbeit mit diesem System auch auf die sogenannten Flügel eines Typen zu seinem Nachbartyp achten, Teile dessen Eigenschaften dieser ebenfalls zeigen kann. In Stresssituationen nehmen laut Labudde einige Typen sogar Verhaltensweisen des ihm im Kreis gegenüberliegenden Charakters an. Die Stärke des Enneagramms liege darin, ein Spiegel zu sein. Dieser ermögliche jedem, sich einmal von seinem sogenannten Autopiloten zu lösen, der einen stets durchs Leben steuere, so die Autorin. Ihrer Ansicht nach zeigt das System vielmehr Potenzial und Probleme auf als bloße Stereotypen abzubilden. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 45/2017

 

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