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Demenz

Ist heute Montag oder Dezember?

17.11.2008  11:30 Uhr

Demenz

Ist heute Montag oder Dezember?

Von Ulrike Abel-Wanek, Frankfurt am Main

 

Rund 1,4 Millionen Demenzkranke leben in Deutschland, jährlich erkranken 250 000 Menschen neu. Das psychobiografische Pflegemodell nach Professor Erwin Böhm hat das Ziel, Altersverwirrten einen menschenwürdigen Lebensabend zu geben.

 

Der Aufzug hält im vierten Stock - mitten im Wohnzimmer der 50er-Jahre. Der Besucher steht vor einem runden Tischchen mit Spitzendecke, zur Rechten eine plüschige Sitzecke, es tickt die Kuckucksuhr. Bilder an den Wänden, bunte Kissen, Gardinen und Vorhänge schaffen eine heimelige Atmosphäre. Zur Linken eine Küche, Marke Vorkriegsmodell, mit großer Holzanrichte, altem Herd und großem, bauchigem Kühlschrank. Im »Retrodesign« sind diese Modelle heute wieder sehr gefragt. Mitten in der Küche an einem rechteckigen wachstuchbedeckten Tisch sitzen sechs alte Männer und Frauen und unterhalten sich.

 

Die vierte Etage des Pfarrer Münzenberger Hauses in Frankfurt am Main ist einer von mehreren Wohnbereichen, die schwer- und schwerstdemenzkranken Menschen ein Zuhause bieten. Die Bewohnerinnen und Bewohner, die sich in der Welt »draußen« schon länger nicht mehr zurechtfinden, haben es hier gut getroffen. Die Einrichtung unter der Trägerschaft der Franziska-Schervier-Altenhilfe, die noch ein zweites Haus in Frankfurt betreibt, arbeitet nach dem psychobiografischen Pflegemodell des Wieners Erwin Böhm, einem inzwischen europaweit anerkannten Modell für die Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz. Böhm, Jahrgang 1940, arbeitete jahrzehntelang in der psychiatrischen Pflege, vor allem in der Geronto-Psychiatrie. 1990 gründete er die »Österreichische Gesellschaft für geriatrische und psychogeriatrische Fachkrankenpflege und angewandte Pflegeforschung« (AGPK). Im selben Jahr wurde er zum Professor honoris causa ernannt und gilt heute als bedeutender Pflegeforscher.

 

Oberstes Ziel seiner Pflegephilosophie ist »die psychische Wiederbelebung des alten Menschen, die maximale Förderung seiner noch vorhandenen Ressourcen und die Anerkennung seiner psychobiografisch gewachsenen Identität«. Mit Nachdruck wendet sich Böhm damit gegen das immer noch weit verbreitete »Warm-Satt-Sauber-Prinzip« in der Altenpflege, bei dem Betagte somatisch gut versorgt sind, ihre Seele aber vergessen wird.

 

Böhm-Einrichtungen schaffen für ihre Bewohner zunächst eine vertraute Umgebung. Die Möbel und Alltagsgegenstände für die heute 65- bis 80-Jährigen stammen aus den 30er-, 40er- und 50er-Jahren. Der demenzkranke Mensch, so Böhm, kehre in die Lebenszeit zurück, die ihn stark geprägt hat, wenn der geistige Abbau beginne. Das sind Kindheit und Jugend bis etwa 25 oder 30 Jahre. Das Altersgedächtnis wird reaktiviert, was er aus dieser Zeit kennt, wird immer wichtiger, alles danach gelöscht.

 

Zwischen den Möbeln und Frisierecken der vergangenen Jahrzehnte lässt sich die verloren gegangene Alltagsroutine leichter wieder herstellen. Der alte Mensch, vom Hier und Jetzt verwirrt, bekommt in der Umgebung seiner Kinder- und Jugendtage wieder Sicherheit, er fühlt sich weniger »unvermögend«. Dabei hilft auch die alte Gugelhupf-Form vom Trödel, mit der gebacken wird. Überhaupt darf jeder der will, arbeiten und etwas tun. Werner P. im Pfarrer Münzenberger Haus erstellt tägliche Einkaufslisten für das gemeinsame Kochen. Bevor er diese Aufgabe übernahm, gehörte der frühere Chefkoch einer Großküche zu den Bewohnern, die ständig wegliefen. Das habe vollständig aufgehört, seit Herr P. wieder »Küchenchef« ist und Verantwortung hat, sagt die nach Böhm ausgebildete Altenpflegerin Nicole K., die die alten Menschen Tag für Tag betreut. Die 1000 Äpfel, die er manchmal aufschreibt, würden natürlich nicht eingekauft, wichtig sei vielmehr, dass er selbstständig denken und mitentscheiden dürfe. Sie und ihre Kollegen besuchen die Patienten, die neu aufgenommen werden sollen, auch manchmal zu Hause, um zu schauen, wie zum Beispiel das Bett in der Wohnung steht und der Weg zum Lichtschalter und zur Tür aussieht. Denn je vertrauter die neue Umgebung im Pflegeheim eingerichtet wird, desto geringer sind Stressreaktionen, Depression und Verwirrtheit, häufige Begleiterscheinung bei der Übersiedelung in ein Altenheim. Die Pfleger erstellen individuelle, »handgeschmiedete« Umfeldanalysen für ihre Bewohner, damit sie sich im Heim so wohl wie möglich fühlen. Alte Möbel und Dekorationen allein machen dabei noch kein Böhm-Konzept, vor allem sind genaue Beobachtungen der Pflegenden gefragt, um den psychobiografischen Hintergrund zu verstehen: Was ist und war dem Erkrankten wichtig, was hat ihn in seinem Leben bewegt, weshalb hat er bestimmte Dinge getan und wie ist er mit Problemen umgegangen? Hier ist neben viel Einfühlungsvermögen und Wissen ein komplettes Umdenken der Mitarbeiter gefragt. Böhm fordert, nicht die Betten zu betreuen, sondern die Menschen. Auch wenn ein im Alter vorhandener Gehirnabbau nicht rückgängig zu machen sei, könnten damit zusammenhängende Symptome wie Wahnvorstellungen oder Aggressivität sehr wohl positiv beeinflusst werden. Auch Rückzugs- und verfrühte Sterbenswünsche, Weinerlichkeit und nächtliches Schreien sind auf Böhm-Stationen selten.

 

Altenpflegerin Nicole hält die unruhig wirkende Frau E. an der Hand, spricht besänftigend mit ihr und führt sie behutsam zurück zu ihrem Platz am großen Esstisch. Frau E. befinde sich auf einer weit zurückliegenden Entwicklungsstufe, erklärt ihre Betreuerin. Man könne ihr zurzeit nicht viel mehr zumuten als einem Kleinkind. Menschen, die von Regression betroffen sind, fallen in ihrem Verhalten in solch frühe Entwicklungsphasen zurück. Um sie emotional zu erreichen und ihnen die richtige, reaktivierende Pflege und Betreuung anbieten zu können, müssen die Altenpfleger die verschiedenen Stufen (Böhm unterscheidet sieben sogenannte Interaktionsstufen) klar zuordnen können: Liegen Gefühls- oder Denkstörungen vor, ist die Psychomotorik beeinträchtigt, was ist mit Orientierung und Kontaktfähigkeit? Gut geschulte Böhm-Mitarbeiter wissen, auf welcher Ebene sie »ihre Bewohner« erreichen können. Sie erforschen, was sie in ihrer Kindheit und Jugend mochten, welche Tätigkeiten sie einstmals motivierten. Wie muss es zum Beispiel einer Frau gehen, die 60 Jahre gut gekocht hat, und die nun ihr Image, eine hervorragende Köchin zu sein, durch die Dienstleistung »Essen auf Rädern« verliert? Deutschen Hygiene-Vorschriften zum Trotz darf sie im Böhm-Wohnbereich wieder kochen.

 

Nicole K. macht ihr Job großen Spaß. Dennoch sei es nicht einfach, Mitarbeiter zu gewinnen. »Vor den Beinen die Seele« der alten Menschen zu bewegen, wie es Böhm fordert, liege eben nicht jedem. Dabei überzeugt der Erfolg des Modells mittlerweile auch Skeptiker. Christine Sowinski vom Kuratorium Deutsche Altershilfe ist nach anfänglichem Zögern überzeugt, dass die Böhm-Mitarbeiter sehr erfolgreiche und effektive Arbeit leisten, nicht zuletzt durch strenge Ausbildungsstrukturen und ein Qualitätsmanagement-System, das die Arbeit der Altenpfleger immer wieder überprüft. Dort, wo es den alten Menschen besser geht, wo viel Engagement dafür aufgebracht wird, sie nicht auf ihre vermeintlichen »Defizite« zu reduzieren, müsste es eigentlich mehr Geld geben. Das ist aber nicht so. Erst, wenn »aus einem Gehenden ein Liegender mit Magensonde gemacht würde, fließe das Pflegegeld«, so die harsche Kritik des streitbaren Wiener Professors.

 

Insgesamt 68 Altenheime in Europa, davon allein 32 in Deutschland, arbeiten nach dem Böhm-Konzept. Die Stadt Frankfurt unterstützt die Franziska-Schervier-Heime am Ort mit großzügigen finanziellen Zuschüssen aus dem Projekt »Würde im Alter«. Diese Initiative macht auch den Einsatz von zusätzlichen Tagespräsenzkräften möglich, eine deutliche Entlastung für die festangestellten Pfleger. Alle Mitarbeiter im Haus werden nach dem Böhm-Konzept geschult. Auch Kantinenmitarbeiter und Hausmeister wissen mit den Begriffen Psychobiographie, ganzheitliches Menschbild und reaktivierende Pflege mittlerweile etwas anzufangen und begegnen den alten Menschen einfühlsam und mit Respekt: Ganz im Sinne von Erwin Böhm, der schon seit Jahren fordert: Verwirrt nicht die Verwirrten. Informationen unter www.enpp-boehm.com.

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