Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

Entdeckerlust trifft Wissenschaft

MAGAZIN

 
Science-Center Wolfsburg

Entdeckerlust trifft Wissenschaft

von Sven Siebenand, Wolfsburg

 

Wissenschaft zum Anfassen bietet das  Phæno-Museum in Wolfsburg. 250 Mitmach-Stationen laden zum spielerischen Entdecken naturwissenschaftlicher Phänomene ein - unter dem Dach eines spektakulären Gebäudes der Stararchitektin Zaha Hadid.

ANZEIGE

 

»Komm, mach noch mal den Dino«, bettelt ein kleiner Junge. Mit Blasebalg und unterschiedlichen Trichtern erzeugt sein Vater Vokalklänge. Laut dröhnt es durch das Gebäude. Die Dinos aus Jurassic-Park kommen, könnte man meinen. Der Geräuschpegel ist auch an anderen Experimentierstationen im größten deutschen Wissenschaftsmuseum nicht gerade niedrig. Seit Ende vergangenen Jahres heißt es hier Schütteln, Drücken, Springen und Beobachten. Alle Sinne sind gefordert. Die Besucher spielen die Hauptrolle, sie ergreifen die Initiative, können - und sollen - selbst Wissenschaft betreiben, Natur erkunden, die Welt entdecken. Hier geht niemand weg ohne das gute Gefühl eines Aha-Erlebnisses. An der Station »Traffic« beispielsweise kann jeder mit Schaumstoffteilchen einen Stau simulieren. Man lernt nicht nur, wie im echten Straßenverkehr ein Stau entsteht, sondern auch wie schnell er sich wieder auflösen kann. In einem mit Kies gefüllten Becken demonstrieren Wasserquellen wie Erosion entsteht. Der größte Feuertornado der Welt wird alle 30 Minuten gezündet und schießt dann über fünf Meter in die Höhe. Mit Joysticks werden zwei überdimensionale, futuristisch wirkende Marienkäfer über eine Glasscheibe in Bewegung gesetzt. Drei der sechs Beine müssen immer im gleichen Rhythmus bewegt werden. Wie? Dieses Geheimnis gilt es zu lüften, danach kann das Käferrennen sofort beginnen.

 

Möglichst sanft zu landen ist das Ziel bei »Land like a cat«. Vor dem Sprung von einem Podest wird das Gewicht gemessen und nach der Landung auf dem Boden in Relation zum Aufprall gesetzt. Ob Jung oder Alt, jeden packt der Ehrgeiz. Auch ein Rentnerehepaar bei »Smackfaktor«. Aufgabe ist es, gegen die Wand zu rennen. Wie bei einem Crashtest wird an dieser Station die Härte des Aufpralls auf die Matte an der Wand gemessen. »Horst, halt mal meine Brille«, bittet die »Dummie-Seniorin« ihren Mann und schon läuft sie los. Mit 227 erreicht sie zum Erstaunen aller einen wesentlich höheren Wert als ihre Vorgänger.

 

Vertraute Stimmen werden fremd

 

Staunen kann man auch an der Station »Jeder ist Du und Ich«. Die Gesichter von zwei Menschen, die sich an einem halb transparenten Spiegel gegenüberstehen, verschmelzen durch Lichteinfall zu einem Gesicht. »Schau, so sehen unsere Kinder einmal aus«, witzelt ein Pärchen, während ein anderes sich in zwei Telefonzellen gegenübersteht. Hier werden die Stimmen beim Sprechen verzerrt wiedergegeben. Mal Sopran, mal Bass, die Stimme des vertrauten Gegenübers ist nicht wiederzuerkennen.

 

»Im Phæno geht es darum, Spaß zu haben, neugierig zu werden und sein Wissen zu vertiefen«, sagt der Direktor Dr. Wolfgang Guthardt. Er hat das Projekt 1999 ins Leben gerufen und erwartet nun 180.000 Besucher pro Jahr. Bis Januar 2006 waren es schon mehr als 50.000. Insgesamt hat das Phæno rund 80 Millionen Euro gekostet. Eine so hohe Summe wurde in Deutschland noch nie zuvor von einer Stadt in ein Science-Center investiert.

 

Zusammengestellt und teilweise auch selber entwickelt wurde die Ausstellung vom Kurator Joe Ansel. Der US-Amerikaner ist auch dafür verantwortlich, wo welches Exponat in der Wolfsburger Ausstellung steht. Ansel besitzt fast drei Jahrzehnte Erfahrung in der Entwicklung und dem Management interaktiver Museen. Unter seiner Regie trugen 31 Science-Center und Exponate-Hersteller aus neun Ländern Europas und Amerika die Experimentierlandschaft zusammen. Zu den Ideen zählen auch die Phæno-Science-News, die von zwei Moderatoren stündlich verlesen werden. Tagesschau à la Phæno.

 

Sekundenlang schweben

 

In diesem Museum passiert fast nichts, wenn es nicht angefasst wird. »Komm wir kämpfen um Franzi«, rufen sich zwei Erstklässler zu. Während sich das Mädchen auf einen Hocker in der Mitte eines Kreises setzt, versuchen die Jungen mit unterschiedlichen Seilzügen das Mädchen zu sich herüberzuziehen. Nebenan werden Besucher zu Brückenbauern. Mit großen Bausteinen aus Schaumstoff entsteht in Gemeinschaftsarbeit schnell ein zwei Meter hoher, stützenfreier Brückenbogen.

 

Nicht alle Mitmach-Stationen des Museums sind derart kräftezehrend: An einer Leinwand regnet es Buchstaben. Man muss nur die Arme ausstrecken und schon ordnen sie sich zu Wörtern. Auf dem »Fliegenden Teppich« sitzend, gleiten die Besucher über ein Luftpolster und fühlen sich wie Sindbad. An der Station »Mind Ball« schließlich siegt sogar derjenige, der sich am besten entspannt. Mit Elektroden um den Kopf sitzt man seinem Mitspieler in großen roten Plastiksesseln gegenüber. Fast magisch ist es, den kleinen Spielball allein durch seine Hirnströme in Bewegung zu versetzen und ihn ins gegnerische Tor zu rollen.

 

Phænomenal ist auch das Gebäude der Architektin Zaha Hadid, in dem kein einziger rechter Winkel zu existieren scheint. Die 53-Jährige gehört unbestritten zu den großen Meistern der Gegenwartsarchitektur. Im Jahr 2004 erhielt sie als erste Frau den Pritzker-Preis, der als Nobelpreis der Architekten gilt. Mehr als vier Jahre nach dem ersten Spatenstich wurde der Museumsbau in der Käferstadt Ende November 2005 eröffnet. Bereits von außen ist das Gebäude ein Hingucker. Der beeindruckende Baukörper wird von Kegelfüßen getragen und thront hoch über der Straße direkt an der ICE-Linie, gegenüber dem Volkswagen-Werk und der Autostadt. Mit Rolltreppen gelangen die Besucher in den sieben Meter hohen, offenen Innenraum. Hier entfaltet sich ein Abenteuerland, geformt aus Kratern, Höhlen, Terrassen und Plateaus. Der passende Ort für Experimentierstationen, Gastronomie, Ideenforum, Shops und die drei Besucherlabore.

 

Mit Kittel und Schutzbrille ausgerüstet, sind die Besucher eingeladen, zu experimentieren. An einem der Labortische kann zum Beispiel die antimikrobielle Kapazität von Chemikalien untersucht werden. Toilettenreiniger, Spülmittel oder Flüssigseife? Welches Mittel ist am effektivsten? Zudem  finden in den Mitmach-Laboren Workshops statt. Besucher können im Biologielabor die eigene DNA analysieren. »Die Gene« heißt dieser Workshop, der die Geheimnisse der Doppelhelix lüftet.


Informationen

Das Phæno befindet sich am ICE-Bahnhof Wolfsburg (Willy-Brandt-Platz 1). Die Experimentierlandschaft ist Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Eine Besuchsdauer von mindestens drei bis vier Stunden sollte eingeplant werden.

 

Für Erwachsene kostet der Eintritt 11 Euro (ermäßigt 8,50 Euro), Kinder ab 6 Jahre bis unter 18 Jahre zahlen 7 Euro. Daneben gibt es Familienkarten, Kleinfamilienkarten und Gruppenkarten. Die Phæno-Gastronomie steht bis in die Abendstunden auch ohne Eintritt  zur Verfügung. Weitere Fragen rund um phæno werden unter (01 80) 10 60 600 (bundesweit zum Ortstarif aus dem Festnetz) oder unter www.phaeno.de beantwortet.

 

Einzelne Themen der Ausstellung können auch in Gruppen erkundet werden. Dazu gibt es einen Handzettel, der durch das Experimentierfeld führt. Für einige Mitmach-Stationen sind darauf Aufgaben zusammengestellt. Diese stellen keinen Wissenstest dar oder fragen nach Details aus der Stationsbeschreibung, sondern sollen dazu anregen, sich länger mit einem Phänomen zu beschäftigen. Die Entdeckertouren eignen sich zum Beispiel auch für PTA- oder PKA-Klassen, um ihnen eine Starthilfe in den Dschungel der Experimentiermöglichkeiten zu geben. Die Gruppe wird von Phænos Gästebetreuern begrüßt und steigt mit einem Spiel, einem Wettbewerb oder einer Gruppenaufgabe in das Thema ein. Preis für Gruppen: 0,50 Euro pro Person Aufpreis zum Eintritt (Anmeldung erforderlich).


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2006

 

Das könnte Sie auch interessieren

 




PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 




ARCHIV DER HEFT-PDF

 
PDF der Druckausgabe zum Download
 







DIREKT ZU