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Innovationsreport 2017: Bitte zur Nachprüfung!

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Innovationsreport 2017: Bitte zur Nachprüfung!
 


Neue Medikamente sollten einige Zeit nach Markteinführung erneut auf ihren Nutzen und ihren Effizienzgewinn im Versorgungsalltag geprüft werden. Das fordern Arzneimittel-Experten angesichts rasanter Kostensteigerungen im Markt durch «vermeintliche» Innovationen. Anlässlich des heute in Berlin präsentierten Innovationsreports 2017, der mithilfe von Routinedaten der Techniker Krankenkasse (TK) Versorgungsdaten von neuen Medikamenten aus dem Jahr 2014 untersucht, kritisieren sie mangelnde Evidenz und Effizienz dieser Präparate bei gleichzeitiger Preistreiberei.

 

Bereits im letzten Report hatte sich TK-Chef Jens Baas zufolge der durchschnittliche Packungspreis der bewerteten Arzneimittel gegenüber dem Vorjahr verdoppelt. «Dieses Jahr ist dieser Preis von 1418 Euro auf 2458 Euro noch einmal extrem stark angestiegen.» Teuer sei aber nicht gleichzusetzen mit gut. Von den 32 untersuchten neuen Wirkstoffen und Wirkstoffkombinationen aus dem Jahr 2014 erzielte demnach in der Gesamtbewertung erstmals gar kein Präparat die Bestnote, eine grüne Ampel. «Gelb» erhielten 17 der bewerteten Produkte, darunter 8 sogenannte Orphan Drugs. Fast die Hälfte der 2014 eingeführten Medikamente (15) erhielt der wissenschaftlichen Studie zufolge dagegen eine rote Ampel, und das meistens aufgrund unverhältnismäßig hoher Kosten. Auch in dieser Gruppe waren 4 Orphan Drugs.

 

«Der Schaden-Nutzen-Aspekt neuer Medikamente ergibt sich erst in der Nachbetrachtung im Versorgungsalltag», betonte der Mitherausgeber des Reports, Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen. Deshalb brauche es eine Nachbewertung. Dies sei insbesondere auch bei den Orphan Drugs der Fall, die zunehmend auf den Markt drängen.

 

Zusammen mit der Gruppe der Onkologika bilden diese Medikamente zur Behandlung seltener Leiden den Hauptanteil der Neuzulassungen 2014. Bei der Markteinführung solcher Orphan-Arzneimittel genießen Pharmahersteller gewisse Privilegien. Neben einer zehnjährigen Marktexklusivität erhält solch ein Produkt auch eine beschleunigte Zulassung, ein Zusatznutzen gilt per se als vorhanden. Dies hat zur Folge, dass Hersteller immer mehr solcher Präparate zur Marktreife bringen. Die Experten sehen dies skeptisch.

 

«Untersuchungen in den letzten zehn Jahren haben verdeutlicht, dass Wirksamkeit und Sicherheit von Orphan-Arzneimitteln zum Zeitpunkt der Zulassung häufig unzureichend belegt sind», kritisiert auch Ko-Herausgeber Professor Wolf-Dieter Ludwig. Bei vier der zwölf im Report bewerteten Orphan Drugs ist laut Studie zudem kein Zusatznutzen erkennbar. Gleichzeitig sind diese Nischen-Medikamente viel teurer als die bereits existierende Vergleichstherapie. Es sei zunehmend wichtig, «Patienten vor schlecht geprüften Wirkstoffen besser zu schützen und unangemessene finanzielle Belastungen des solidarisch finanzierten Gesundheitssystems zu verhindern», betonte Ludwig.

 

Nach Aussagen von Glaeske kann auch der verstärkte Einsatz preisgünstiger Generika (bereits jetzt 80 Prozent aller Verordnungen) die Steigerung der Arzneimittelkosten nicht kompensieren, da immer teurere Innovationen in den Markt drängen. «Bei 4 Prozent der Verordnungen fallen 40 Prozent der Arzneimittelausgaben an.» Regelungen für eine frühzeitige Kosten-Nutzen-Analyse sind für die Experten daher dringend notwendig. (et)

 

20.09.2017 l PZ

Foto: Fotolia/Gina Sanders

 

 

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