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Stress im Kindesalter kostet 15 bis 20 Lebensjahre

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Stress im Kindesalter kostet 15 bis 20 Lebensjahre
 


Sind Kinder dauerhaftem Stress ausgesetzt, schadet das ihrer Gesundheit langfristig. Als Erwachsene haben sie ein erhöhtes Risiko für diverse Erkrankungen, was ihre Lebenserwartung im Schnitt um 15 bis 20 Jahre verkürzt. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin (DGPM) aktuell in einer Mitteilung hin.

 

«Psychosoziale Belastungen haben oft langfristige Folgen und machen die Betroffenen im Erwachsenenalter anfälliger für psychische und körperliche Leiden», sagt Professor Dr. Ulrich Egle von der Klinik Barmelweid im schweizerischen Aargau, der Erstautor der im «Bundesgesundheitsblatt» veröffentlichten Übersichtsarbeit ist. Das Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen ist bei Betroffenen um das Doppelte erhöht, das für Essstörungen um das Drei- bis Fünffache. Auch körperliche Beschwerden ohne erkennbare organische Ursache, sogenannte somatoforme Erkrankungen, kommen zwei- bis viermal häufiger vor. Dazu zählen etwa das chronische Fatigue-, das Fibromyalgie- und das Reizdarm-Syndrom.

 

Wie kommen diese Schäden zustande? Eine zentrale Rolle spielt dabei das Stresshormon Cortisol. Bei anhaltendem Stress im Kindesalter ändern sich Menge und tageszeitlicher Rhythmus dieses und anderer Hormone, das Schmerzempfinden wird gesteigert und die Entzündungsneigung nimmt zu. Dauerhaft hohe Cortisolspiegel lösen in bestimmten Hirnbereichen anhaltende Funktionsstörungen aus, die Konzentrationsfähigkeit sinkt, Affekt- und Selbstregulation sind eingeschränkt und die Betroffenen entwickeln oft nur unzureichende Strategien zur Stressbewältigung.

 

Als Erwachsene greifen Menschen, die als Kinder unter Dauerstress standen, häufiger zu weichen, aber auch harten Drogen, ernähren sich problematisch und neigen zu riskantem Sexualverhalten. «Dadurch werden auch Krankheiten gefördert, die auf den ersten Blick keine psychischen Ursachen haben», so Egle, etwa Typ-2-Diabetes, Herzinfarkt und Schlaganfall, chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen sowie bestimmte Krebsarten. Auch das Suizidrisiko ist erhöht, was alles in allem die verkürzte Lebenserwartung erklärt.

 

Faktoren, die Kinder stark stressen können, sind unter anderem eine Trennung oder Scheidung der Eltern, eine anhaltende Missstimmung in der Familie, die Geburt eines jüngeren Geschwisters innerhalb von 18 Monaten oder eine mehrwöchige Trennung von der primären Bezugsperson. «Jeder dieser Faktoren mag für sich genommen ohne Folgen bleiben. In manchen Familien kommen jedoch mehrere Faktoren zusammen, und die Risiken summieren sich», sagt Egle.

 

Um Betroffene vor den negativen Auswirkungen kindlichen Stresses zu bewahren, fordert die DGPM die flächendeckende Umsetzung von Präventionsansätzen, mit denen besonders gefährdete Familien identifiziert und unterstützt werden können. Auch die frühzeitige Behandlung bereits beginnender psychosomatischer Störungen bei Erwachsenen sei ein vielversprechender Ansatz. (am)

 

DOI: 10.1007/s00103-016-2421-9

 

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11.01.2017 l PZ

Foto: Fotolia/Tomsickova

 

 

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