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Zahnstein: Verkalkte Plaque

MEDIZIN

 
Zahnstein

Verkalkte Plaque


Von Christina Hohmann-Jeddi / Zahnstein ist mineralisierte und somit verhärtete Plaque, die durch Putzen nicht mehr zu beseitigen ist. Die Ablagerungen sollten regelmäßig entfernt werden, damit das Gebiss keinen Schaden nimmt.

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Zahnstein kennt jeder Mensch. Doch genauer auseinandergesetzt mit diesen Ablagerungen an den Zähnen haben sich vermutlich die wenigsten. Er entsteht, wenn Zahnbelag, die sogenannte Plaque, anorganische Substanzen einlagert. Diese stammen aus dem Speichel, der im Mund unter anderem die physiologische Funktion hat, die durch Säuren angegriffene Zahnsub­stanz zu remineralisieren. 

 




Ist er einmal da, kann Zahnstein mit der Zahnbürste nicht mehr weggeputzt werden. Der Zahnarzt muss ihn beseitigen.

Foto: Shutterstock/Eva Vargyasi


Er enthält neben 98 Prozent Wasser auch Mineralien wie Calciumphosphate, die in den Zahnschmelz eingebaut werden können. Wenn aber auf den Zähnen Plaque aufgelagert ist, wird diese gleich mitmineralisiert. Es entstehen innerhalb weniger Tage feste Ablagerungen hauptsächlich aus Apatit und Hydroxyl­apatit vermischt mit Mikroorganismen und Geweberesten – der Zahnstein.

 

Dieser kann weiß, gelblich oder bräunlich gefärbt sein. Die Färbung kommt durch Einlagerungen von färbenden Substanzen aus der Nahrung, wie Inhaltsstoffe aus Tee, Kaffee, Rotwein, oder auch durch Zigarettenrauch zustande.

 

In welchem Ausmaß Menschen Zahnstein entwickeln, ist individuell unterschiedlich und hängt unter anderem vom Mineraliengehalt des Speichels, aber auch von der Mundhygiene ab. Eine schlechte Mundhygiene begünstigt die Bildung von Zahnstein. Denn wo keine Plaque ist, kann sie auch nicht verkalken. Da der Speichel eine entscheidende Rolle bei der Bildung spielt, entsteht Zahnstein hauptsächlich an den Austrittsöffnungen der großen Speicheldrüsen, die sich im Mund­boden neben dem Zungenbändchen in der Nähe der Unterkieferschneidezähne befinden. Dort ist die Mineralienkonzentration des Speichels besonders hoch. Die Ablagerungen entstehen somit bevorzugt an der Innenseite der unteren Frontzähne, aber auch an der Außenseite der oberen Backenzähne (Molaren).


Plaque

Plaque ist der komplex aufgebaute Belag auf Zähnen. Grundlage ist ein dünnes Eiweißhäutchen (Pellikel), das direkt nach dem Putzen auf der Zahn­oberfläche entsteht. Dieses wird als Erstes von kugeligen Bakte­rien der normalen Mundflora, vor allem Streptococcus mutans, besiedelt. Die Keime vermehren sich und bilden durch Freisetzen von Polysacchariden einen Biofilm. Dieser saugt sich mit Wasser voll und hat eine gallertartige Konsistenz. In dieser Ma­trix, die neben Zuckern auch Proteine enthält, können sich weitere Bakterienarten ansiedeln, die zusammen in einer Art Symbiose leben. Die einzelnen Kolonien können im weiteren Verlauf zu einem Bakterienrasen verschmelzen. Wird der Zahnbelag nicht regelmäßig entfernt, kann er mineralisieren.


Über und unter dem Zahnfleischsaum

 

Je nach Entstehungsort lassen sich zwei Arten von Zahnstein unterscheiden: Der supragingivale Zahnstein bildet sich oberhalb des Zahnfleischsaums wie beschrieben. Zudem gibt es auch den subgingivalen Zahnstein (Konkrement), der in den Zahnfleischtaschen entsteht. Die Mineralien stammen dabei nicht aus dem Speichel, sondern aus dem Blutserum (bei Zahnfleischbluten) und der Zahnfleisch­taschenflüssigkeit. Zahnstein selbst gefährdet die Zähne zwar nicht, aber er bietet ideale Wachstumsbedingungen für Bakterien. Seine raue Oberfläche ist daher immer von einer vitalen Plaque überzogen. Somit erhöht er das Risiko für eine Entzündung des Zahnfleischs (Gingivitis) und des Zahnhalteapparats (Parodontitis).

 

Ist er einmal entstanden, lässt sich Zahnstein durch Spülen oder Zähneputzen nicht mehr beseitigen. Er muss vom Zahnarzt mit entsprechenden Instrumenten wie Scalern, Küretten oder Ultraschallgeräten entfernt werden. Die Krankenkassen übernehmen einmal im Jahr die Kosten für eine Zahnsteinentfernung. Zum Teil ist nach einer Zahnsteinentfernung zu beobachten, dass die Zähne vorübergehend empfindlicher gegenüber Kälte- oder Hitzereizen sind, da die Ablagerungen isolierend wirken.

 

Ein unerwünschter Effekt der Behandlung ist, dass Bakterien der Mundhöhle ins Blut gelangen und in seltenen Fällen zu einer Entzündung der Herz­innenhaut (Endokarditis) führen können. Patienten mit einem hohen Risiko für diese Komplikation wird daher eine prophylaktische Antibiose empfohlen. Zu der Risikogruppe gehören Patienten mit bestimmten Herzklappenfehlern oder angeborenen Herzfehlern sowie Patienten, die bereits eine Endokarditis entwickelt oder eine Herztransplantation erhalten haben.




Einlagerungen von färbenden Nahrungs­bestandteilen können Zahnstein gelb oder braun machen.

Foto: Fotolia/Zsolt Bota Finna


Zusätzlich zur Zahnsteinentfernung rät die Bundeszahnärztekammer auch zu einer regelmäßigen professionellen Zahnreinigung, die neben der Entfernung aller erreichbaren harten und weichen Beläge auch eine Politur und anschließende Fluoridierung der Zähne umfasst. Die Kosten dieser Maßnahme werden von der Krankenkasse nicht übernommen.

 

Nach einer Zahnsteinentfernung kann man einer erneuten Bildung durch eine effektive Mundhygiene vorbeugen. Hierzu zählt neben dem mindestens zweimal täglichen gründlichen Putzen der Zähne auch die tägliche Reinigung der Zahnzwischenräume mit Zahnseide oder Interdentalbürsten.

 

Gefangen in der Matrix

 

Seit einiger Zeit interessieren sich nicht nur Zahnärzte, sondern auch andere Fachrichtungen wie Archäologen und Anthropologen für die Ablagerungen auf den Zähnen. Sie nutzen fossile Zahnsteinfunde als Informationsquelle, die Aussagen über das orale Mikro­biom und die Ernährungsweise der Menschen in der Frühgeschichte der Menschheit zulässt. In der mineralisierten Matrix am Gebiss sind neben Millionen von Bakterien auch Speisereste eingeschlossen und konserviert, die sich anhand von DNA-Sequenzierungsmethoden analysieren lassen. So gilt Zahnstein unter Paläomikrobiologen als verbreitetes, nahezu ubiquitäres Reser­voir für Forschungszwecke. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 37/2016

 

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