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Fersensporn

Schmerz bei jedem Schritt

23.08.2016  15:47 Uhr

Von Inga Richter / Bei Schmerzen in den Fersen spricht man oftmals von einem Fersensporn. Doch in den meisten Fällen steckt eine Entzündung der Sehnenplatte der Fußsohle, eine Plantarfasziitis, dahinter. Diese kann mit oder ohne eine Knochenneubildung auftreten. Entsprechend wird die Erkrankung mit konservativen, entzündungshemmenden Methoden behandelt.

Patienten beschreiben den Schmerz als stechend. So, als ob sie in eine Glasscherbe getreten wären. Etwa jeder zehnte Bürger in Deutschland leidet einmal in seinem Leben an Episoden von Fersenschmerzen. Ursache ist oftmals eine Überbelastung der Füße.

 

 In den meisten Fällen treten die Beschwerden im Alter zwischen 40 und 60 Jahren auf, insbesondere bei Fußfehlstellungen wie dem Knick-Senkfuß, Plattfuß, Spreizfuß oder Hohlfuß.

 

Ein erhöhtes Risiko tragen auch Langstreckenläufer, Menschen in Berufen, bei denen man viel stehen und gehen muss, und Ältere, bei denen das sich zurückbildende Fettpolster unter der Sohle weniger Puffer bietet. Falsches Schuhwerk erhöht ebenfalls das Risiko sowie Übergewicht, da die Füße bei jedem Schritt das gesamte Körpergewicht auffangen müssen. »In 70 Prozent der Fälle wissen wir aber die Ursache nicht«, sagt Dr. André Morawe, Chefarzt der Fuß- und Gelenkschirurgie und stellvertretender Ärztlicher Direktor der Orthoparc Klinik in Köln, gegenüber der PZ.

 

Zwei Krankheitsbilder

 

Der Begriff Fersensporn werde oftmals synonym für zwei vollkommen unterschiedliche Krankheitsbilder verwendet, so der Experte. Je nach Ort der Knochenneubildung werde vielfach von einem oberen (dorsalen) und einem unteren (plantaren) Fersensporn gesprochen. »Doch der plantare Fersensporn ist stets eine Plantarfasziitis«, sagt Morawe. Beide Krankheitsbilder unterscheiden sich hinsichtlich Symptomatik und Therapie.

 

Bei dem selteneren oberen Fersensporn handelt es sich um eine knöcherne Neubildung am Fersenbein, die in Röntgenaufnahmen gut erkennbar ist. Dabei setzt der knöcherne Auswuchs an der Achillessehne an und verläuft von dort aus nach oben. »Üben die zusätzlichen Knochen Druck aus, wird die Sehne verletzt und das kann zu Entzündungen und somit zu Schmerzen führen«, so Morawe Diese Erkrankung kann nach ausgeschöpfter konservativer Therapie gut und sicher operativ behandelt werden.

Fußgymnastik

Zwei einfache Übungen bei Plantarfasziitis (am besten wirken die Übungen, wenn der Fuß gut durchblutet ist): 

  1. Abwechselnd beide Füße regelmäßig und mehrfach zwischen Zehenballen und Ferse umfassen und den inneren und äußeren Fußrand kräftig nach oben biegen.
  2. Abwechselnd beide Füße: Die Ferse in einen Hand­ballen stellen, mit der anderen Hand die Fußspitze umgreifen und die Zehen nach oben dehnen.

Nach der Patienteninformation der Orthoparc Klinik in Köln

Mit oder ohne Knochensporn

 

Bei 70 Prozent der Patienten mit Beschwerden an den Fersen handele es sich jedoch um eine Plantarfasziitis, so Morawe. Bei dieser ist die Plantarfaszie (Aponeurosis plantaris) betroffen, die an der Unterseite des Fersenbein­höckers entspringt und von dort aus nach vorne zieht. Durch Überlastung der Sehnenplatte können wiederholt winzige Verletzungen oder Risse entstehen. Um diese Schäden zu beheben, ruft der Körper selbstverdauende Enzyme auf den Plan, die lokale Entzündungsprozesse einläuten. Was eigentlich zur Reparatur des Gewebes gedacht ist, stößt bei weiterer Belastung einen Umbau der Knochen an. Doch: »Bei einer Plantarfasziitis muss nicht zwangsläufig ein Knochensporn entstehen«, sagt Morawe. Andersherum müsse ein Knochensporn nicht unbedingt schmerzhafte Entzündungen hervor­rufen.

 

Ein bestehender Knochensporn bildet sich nicht mehr zurück. Tritt eine solche Verknöcherung im Rahmen einer Plantarfasziitis auf, sollte eine Operation dennoch nur im äußersten Notfall in Betracht gezogen werden. Der Eingriff führt längst nicht in allen Fällen zur Heilung, birgt demgegenüber aber Risiken wie Nervenschädigungen, Infektionen oder Verletzungen von Blutgefäßen. Oberstes Ziel ist es demnach, die Schmerzen zu lindern, die Entzündung abklingen zu lassen und einer erneuten vorzubeugen. »Als Erstes muss der Körper geschont werden«, sagt Morawe. Eine Sportpause sei dringend zu empfehlen. Im Akutfall kann die Entlastung des Fußes durch Hochlegen, Kühlung mit Eis, Kryopacks oder Kältespray die Schmerzen mindern und zudem die Durch­blutung fördern, wodurch die Entzündung abklingt.

 

»Kommen die Patienten in die Praxis, müssen sie zunächst umfassend aufgeklärt werden«, so Morawe. Anschließend würden orthopädische Schuheinlagen verordnet, damit die Sehnen oder Faszien weich gebettet sind. Bei einer Plantarfasziitis helfen Einlagen mit entsprechenden Aussparungen, viskoelastische Einlagen mit einer Art Gel oder breite Pufferabsätze. Beim dorsalen Fersensporn bestehen die Einlagen aus Fersenkissen, -keilen oder eingeklebten Filzstückchen.

 

»Studien haben ergeben, dass physiotherapeutische Übungen die Heilungsprozesse anschieben«, sagt Morawe. Empfehlenswert ist es, diese unter fachlicher Anleitung zu erlernen und danach täglich zu Hause durchzuführen.

 

Die Entzündung hemmen

 

Die Anleitung für zwei einfache Übungen bei Plantarfasziitis gibt er seinen Patienten als Information mit nach Hause (Kasten). Sind die Schmerzen zu stark und treten sogar im Ruhezustand auf, können in der ersten Woche Antiphlogistika verordnet werden, entweder als Tabletten oder als Salbenverband. »Wenn diese Stoßtherapie nach der ersten Woche nicht hilft, spritzen wir Depot-Cortison«, so Morawe. Allerdings dürfe auch dies nicht zu oft eingesetzt werden.

Viele Ratgeber empfehlen einen dehnbaren Tapeverband, der sich positiv auf die Durchblutung auswirken soll. Die Fasern können bei Bewegung die Schmerzrezeptoren, die Muskel- und Sehnenansätze stimulieren. Vielfach taucht der Begriff »Stoßwellentherapie« auf. Dabei handelt es sich um akustische Druckwellen, deren Energie die Durchblutung fördern und den Zellstoffwechsel anregen soll. »Wissenschaftliche Nachweise existieren für diese Methoden nicht«, so Morawe. Eine weitere umstrittene Möglichkeit ist die Bestrahlung des Fußes in der Röntgenröhre. Mit einer geringen Strahlendosis sollen nach sechs wenige Minuten dauernden Behandlungen die Schmerzen verschwunden sein. Aufgrund des Mangels an Studien beziehungsweise positiven Studienergebnissen werden diese Therapien von den Krankenkassen nicht übernommen.

 

Aus denselben Gründen müssen auch die oftmals empfohlenen homöopathischen Mittel und Schüßler-Salze aus eigener Tasche bezahlt werden. In der Homöopathie ist meist von Hekla-lava-Globuli in der Potenz D3 die Rede. Die Idee beruht auf einer Überlieferung, nach der vor mehr als 100 Jahren bei Schafen, die am Fuß des isländischen Vulkans Hekla grasten, ungewöhnliche Knochenauswüchse entdeckt wurden. Dadurch angespornt, entwickelte man nach dem Ähnlichkeitsprinzip von Samuel Hahnemann aus der fluorid­reichen Lava-Asche dieses homöopathische Mittel, das gegen diese Exostosen und die dadurch verursachten Entzündungen beim Menschen wirken soll.

 

Die Schüßler-Salze Calcium Fluoratum D12, Calcium phosphoricum D6 oder Silicea D12 hingegen sollen Knochen und Sehnen stärken. »Alternative Methoden wie Homöopathie und auch Akupunktur haben unterstützend zu anderen Maßnahmen absolut einen Stellenwert«, sagt Morawe. Die modernste Therapieform sei jedoch das Botulinumtoxin: »Das aus der Schönheitschirurgie bekannte Botox wird inzwischen bei verschiedenen Erkrankungen benutzt, um die Nerven an der motorischen Endplatte zu beruhigen.«

 

Einer Untersuchung mit 25 Patienten zufolge entspannt bereits eine einmalige Behandlung mit der Substanz die entzündete Plantarsehne, lässt die schmerzhafte Verdickung abklingen und dämmt so den Schmerz der Betroffenen ein (»American journal of physical medicine & rehabilitation« 2005, Sep; 84(9): 649-54). Eine andere Studie zeigt nur eine minimale Überlegenheit gegenüber einer Placebobehandlung (»Clinical Journal of Pain« 2012, DOI: 10.1097/AJP.0b013e31823ae65a). /

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