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Apothekenmarkt: Szenarien für die Zukunft

WIRTSCHAFT UND HANDEL

 
Apothekenmarkt

Szenarien für die Zukunft

Von Bettina Sauer

 

Vor der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes zum Fremdbesitz kursieren immer wieder Umfragen und Studien zur Zukunft der Apotheken. So auch letzte Woche. Doch liefern sie meist nur vage Informationen, gestützt auf die Meinung weniger Befragter. Tatsächliche rechtliche Entwicklungen vorhersagen können sie nicht.

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Gleich zwei Veröffentlichungen zum Apothekenmarkt der Zukunft erschienen letzte Woche. Den Anfang machte das Pharmaunternehmen Axicorp mit einer Umfrage unter 250 selbstständigen Apothekern. Jeweils 68 Prozent von ihnen rechnen bald mit der Zulassung von Fremd- und unbeschränktem Mehrbesitz. In Kombination bedeutet dies: Auch Nicht-Apotheker und Kapitalgesellschaften dürften Apotheken besitzen, und zwar in unbegrenzter Zahl. Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangte wenige Tage später die Studie »Apothekenmarkt 2015«. Sie stammt vom Wirtschaftsinformatiker Professor Dr. Ralf Ziegenbein von der International School of Management (ISM), einer privaten Fachhochschule in Dortmund. Er hielt vergangenen Herbst einen Vortrag bei einem Fachgespräch der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Dort kamen vor allem Fremdbesitz-Befürworter zu Wort.

 

Anhand der aktuellen Marktsituation und erwarteten rechtlichen Veränderungen entwickelte Ziegenbein Szenarien für die Apothekenlandschaft im Jahr 2015. Gemäß »Null-Szenario« bleibt die heutige Rechtslage bestehen. Dagegen sieht Szenario 1 die Aufhebung des beschränkten Mehrbesitzverbotes vor. Szenario 2 beinhaltet die Aufhebung des Fremdbesitzverbotes, kombiniert mit der des beschränkten Mehrbesitzverbotes. Szenario 3 umfasst die Aufhebung der Apothekenpflicht für OTC-Produkte, die sich dann auch über Handelskanäle wie Drogerien und Supermärkte vertreiben lassen. Szenario 4 sieht eine grundlegende Überarbeitung der Apothekenbetriebsordnung vor.

 

Diese Szenarien legte Ziegenbein 21 Experten des Arzneimittelmarktes vor, darunter zehn Apothekern, sechs Unternehmensberatern, drei Mitarbeitern der pharmazeutischen Industrie sowie einem Versicherungs- und einen Großhandelsvertreter. Lediglich 15 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass im Jahr 2015 alles ist wie bisher. Jeweils knapp 80 Prozent rechnen dagegen mit der Zulassung des unbeschränkten Mehrbesitzes, beziehungsweise Fremdbesitzes, also dem Eintritt von Szenario 1 oder 2. Die Aufhebung der Apothekenpflicht für OTC-Produkte erwarten 38 Prozent, Änderungen in der Apothekenbetriebsordnung 49 Prozent. Hier zeigt die unklare Aussagekraft solcher Studien und Umfragen. Denn es müssten mehr Befragte Änderungen in der Apothekenbetriebsordnung erwarten; sie wird derzeit neu geschrieben.

 

Ausdrücklich weist Ziegenbein darauf hin, dass diese Angaben bloß »eine Stimmung wiedergeben«. »Keinesfalls« seien sie »als Wahrscheinlichkeiten zu werten, wie die juristischen Prozesse sich entwickeln werden«. Und das gilt auch für andere Umfragen und Studien, die der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes zum Fremdbesitz vorgreifen.

 

Trotzdem nennt Ziegenbein in Abstimmung mit den Experten mögliche Auswirkungen. Demnach wird sich die Apothekenzahl bis 2015 in vier der fünf Szenarien kaum verändern. Doch wenn das Fremdbesitzverbot fällt, steigt sie um etwa elf Prozent gegenüber 2007, als sie bei 21.570 lag. Dabei betrifft das Wachstum wohl vor allem Kettenapotheken, wie der Vergleich mit dem Null-Szenario nahelegt. Versandapotheken werden auch 2015 nur eine »untergeordnete Rolle« spielen. Nur im Szenario 3 rechnet Ziegenbein mit einem Anstieg, da sich OTC-Präparate leichter vertreiben lassen. 95 Apotheken sollen dann täglich über 1000 Päckchen versenden. Derzeit schaffen das schätzungsweise 40.

 

Auswirken dürfte sich ein möglicher Fremdbesitz: in Umsatzeinbußen von rund zehn Prozent. Ziegenbein beziffert den durchschnittlichen Umsatz einer Haupt- oder Filialapotheke im Jahr 2015 auf Werte zwischen 1,91 Millionen Euro (Szenario 2) und 2,13 Millionen Euro (Null-Szenario). Dabei machen verschreibungspflichtige Arzneimittel mit etwa 80 Prozent einen ähnlichen Anteil aus wie 2007. Unabhängig vom Szenario, befinden sich 80 bis 90 Prozent der Apotheken 2015 in Kooperationen, behauptet Ziegenbein. Dabei werden wohl »horizontale« Kooperationen zwischen Apothekern neben »vertikalen« Kooperationen, etwa zwischen Großhändlern und Apothekern, bestehen bleiben. Nur im Szenario 2 dominieren vertikale Kooperationen, und zwar in besonders enger Ausprägung. Sie wandeln sich leicht zur »Kette«.

 

»Wie auch immer der Markt sich entwickelt«, schreibt Ziegenbein, »Apotheker müssen heute handeln, um die Zukunft langfristig zu gestalten.« Ein nicht eben überraschender Rat, den erfolgreiche Apotheker längst befolgen. Er fordert sie (passend zu seinen eigenen Voraussagen) auf, Kooperationen einzugehen und rät zur »strategischen Positionierung«. Damit meint er nicht so sehr Preissenkungen. Diese widersprächen der »Unternehmensphilosophie vieler Apotheker«. Vielmehr gelte es, mit »überragender pharmazeutisch-medizinischer Kompetenz«, einer »Corporate Identity« oder speziellen Dienstleistungen, Kompetenzen und Qualifikationen zu punkten.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 33/2008

 

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