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Großbritannien: 3000 Apotheken weggespart

POLITIK & WIRTSCHAFT

 
Großbritannien

3000 Apotheken weggespart


Von Arndt Striegler, London / In Großbritannien droht bis zu 3000 Apotheken die Schließung. Grund sind drastische Budget­kürzungen der Regierung. Doch der Widerstand gegen die geplanten Sparmaßnahmen wächst.

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Nach Angaben des »Pharmaceutical Journal« könnten aufgrund der Kürzungen zwischen 1000 und 3000 Apotheken vor dem Aus stehen. Die Zeitschrift beruft sich dabei auf Angaben der All Party Pharmacy Group, einer parlamentarischen Interessenvertretung für Apotheken.




Im kommenden Jahr will die britische Regierung die Budgets für Apotheken um 6 Prozent kürzen. Zahlreiche Schließungen drohen.

Foto: Imago/Jürgen Schwarz


Sowohl Apothekerschaft als auch Patienten­verbände machen zunehmend gegen die Kürzungen mobil. Gesundheitspolitische Beobachter im Königreich rechnen damit, dass der wachsende Widerstand der Apotheker die im Januar publik gewordenen Pläne der Massenschließungen noch abwenden könnte.

 

Hintergrund für die Sparmaßnahmen ist die anhaltende Geldknappheit der öffentlichen Hand in Großbritannien. Bis zum Jahr 2020 sollen im staatlichen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) nach Angaben eines Regierungssprechers »rund 22 Milliarden Pfund« (umgerechnet mehr als 32 Milliarden Euro) eingespart werden. Interessant: betrafen die Kürzungen des Londoner Gesundheitsministeriums in bisherigen Sparrunden vornehmlich die Hausarztpraxen (Primärärzte) und die staatlichen Krankenhäuser, so sollen jetzt auch die Apotheker »einen Beitrag zur Sanierung der Staatsfinanzen leisten«, so der Sprecher gegenüber der PZ in London.

 

Kürzungen um 6 Prozent

 

Im kommenden Jahr plant der britische Gesundheitsminister Alistair Burt die Gelder, die das Londoner Gesundheitsministerium an die Apotheken ausschüttet, um 6 Prozent auf 2,63 Milliarden Pfund zu kürzen. Die Apotheken erhalten dieses Geld für ihre Leistungen bei der Gesundheitsversorgung der NHS-Patienten. Der 1948 gegründete und überwiegend aus allgemeinen Steuermitteln finanzierte staatliche Gesundheitsdienst basiert auf dem sogenannten Primärarztprinzip. Allerdings ist die Rolle der Apotheker bei Therapie und Diagnose in den vergangenen Jahren stetig gewachsen, was immer wieder zu Rangeleien um Kompetenzen mit der Ärzteschaft führte.

 

Bevor die angekündigten Budgetkürzungen für die britischen Apotheken tatsächlich in diesem Frühjahr wirksam werden, dürfte es landesweit zu Protesten kommen. Außerdem rechnen gesundheitspolitische Beobachter damit, dass Berufsverbände wie die Royal Pharmaceutical Society (RPS), die die beruflichen Interessen der Apotheker vertritt, versuchen werden, die Sparpläne zu mildern. Entsprechende Gespräche zwischen Vertretern des Gesundheitsministeriums und der Apothekerschaft laufen nach Informationen der PZ bereits, gestalten sich aber als schwierig.

 

»Wir sind gegen diese Reformpläne der Regierung, denn sie werden letztlich kaum zu den erhofften Einsparungen im Gesundheitswesen führen«, so ein Sprecher der RPS in London. »Es wird lediglich Verlagerungseffekte geben. Patienten werden anstatt in die lokale Apotheke, die dann geschlossen ist, direkt zum Hausarzt gehen. Das ist teurer.«

 

Auch die britischen Patientenverbände stehen den Streichungen im Apothekensektor kritisch gegenüber und lehnen sie ab. Eine Sprecherin des größten und politisch einflussreichsten Patientenverbandes »Patients Association« (PA) sagte in London: »Das ist eine verfehlte Politik, die vielen Patienten schaden wird und die zu einer deutlichen Verschlechterung der Versorgungsqualität vor allem in sozial ohnehin schlechter gestellten Landesgegenden führen.« Die PA wollte landesweite Demonstrationen nicht ausschließen. Erst kürzlich hatten Tausende Assistenzärzte in Großbritannien aus Protest gegen die Sparpolitik der Regierung Cameron die Arbeit verweigert.

 

Das Gesundheitsministerium beharrt unterdessen auf seinen Plänen. Ein Sprecher argumentierte, allein im Haushaltsjahr 2016/17 20 Millionen Pfund zusätzlich zur Verfügung stellen zu wollen, um Apotheken »besser in die Erstversorgung« von Patienten einzubeziehen. Bislang sei diese Einbindung »bestenfalls lückenhaft geglückt«.

 

Das Geld, das auch in den Folgejahren weiter fließen soll, sei unter anderem dafür vorgesehen, Apotheken und Apotheker in staatliche Hausarztpraxen zu integrieren sowie mehr Offizinen in Pflegeheimen und anderen NHS-Versorgungseinrichtungen zu positionieren. Ebenfalls umstritten ist die Absicht der Regierung, sowohl Online-Apotheken als auch zentrale Abgabestellen für verschreibungspflichtige Arzneimittel weiter zu stärken. Fazit: Dem britischen Apothekensektor stehen ungewisse Zeiten bevor. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 07/2016

 

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