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Klinikclowns: Humor – ernsthaft erforscht

MAGAZIN

 
Klinikclowns

Humor – ernsthaft erforscht


Von Ulrike Abel-Wanek / Lachen ist in jeder Lebenslage wichtig, auch oder gerade im Krankenhaus. Seit Jahren schon bringen hier professionelle Klinikclowns mit viel Humor willkommene Abwechslung in den Alltag von Patienten. Dass der Clowns-Besuch am ­Krankenbett auch hilft gesund zu werden, zeigt eine wissenschaft­liche Studie aus Greifswald.

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Zwei Teams, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten: Über zwei Wochen arbeiteten Ärzte und Pflegepersonal um Professor Winfried Barthlen, Direktor der Kinderchirurgie der Universitätsklinik Greifswald, mit den Klinikclowns der »Grypsnasen« Hand in Hand. Ziel der Zusammenarbeit war es herauszufinden, ob Lachen, wie es im Volksmund heißt »tatsächlich die beste Medizin ist«. 

 




Weniger Angst und mehr Oxytocin im Blut kleiner Patienten durch Humor am Krankenbett.Klinikclowns aus Bremen bei der »Visite«.

Foto: Kerstin Hase



Insgesamt 31 Kinder zwischen vier und 13 Jahren nahmen zu diesem Zweck an einer Studie teil. 17 Kinder erhielten zusätzlich zur medizinisch-chirurgischen Behandlung täglichen Besuch der Clown-Doktoren, 14 Kinder in der Kontrollgruppe hatten keine Clown-Intervention. Das Ergebnis: Klinikclowns können die Angst von kleinen Patienten vor einer Behandlung oder Operation mindern. Der »Glückshormonspiegel« der Kinder stieg durch die Zuwendung der Clowns deutlich an. »Wir waren selber überrascht, wie klar die Ergebnisse waren«, so Studienleiter Barthlen.

 

Gemessen wurde das seelische Wohlbefinden mithilfe eines validierten Fragebogens vom Institut für Psychologie/Sozial- und Organisations­psychologie der Humboldt-Universität, Berlin. Eltern berichteten, dass sich die Kinder mit Clowns-Kontakt wohler fühlten als die Kinder in der Kontrollgruppe. Durchweg positiv äußerten sich auch die Kinder selber und das Klinikpersonal. »Obwohl die Clownsvisiten gerade für die Schwestern und Pfleger eine massive Störung im straff organisierten Arbeitsablauf waren«, sagt Barthlen.

 

Aber nicht nur das seelische Wohlbefinden nahmen die Greifswalder unter die Lupe: »Zur wissenschaftlichen Untermauerung haben wir zusätzlich noch einen biochemischen Marker untersucht: das Oxytocin«, so der Studienleiter. Also das »Glücks«- oder »Kuschelhormon«, das dafür sorgt, dass man sich wohl und geborgen fühlt. Die Vorbereitungen für den Test waren aufwendig. Da man den Kindern kein Blut abnehmen wollte, hat das chemische Institut der Greifswalder Universität speziell für die Studie einen Speicheltest entwickelt. Eine Minute sollten die Kinder auf Wattebällchen ohne Geschmacksstoffe herumkauen – da war Überzeugungsarbeit gefragt. Wegen der kurzen Halbwertszeit von nur wenigen Minuten mussten die Speichelproben anschließend schnell aufs Trockeneis.

 

Mehr Oxytocin

 

Die Untersuchungsergebnisse aber waren eindeutig. Der Oxytocin-Spiegel der Kinder mit Clownskontakt lag etwa um ein Drittel höher als in der Kontrollgruppe. »Sowohl in den persönlichen Befragungen als auch im gestiegenen Oxytocin-Spiegel konnten wir eine deutliche Verminderung der Angstgefühle registrieren«, so Studienleiter Barthlen. Das vorläufige Resultat soll durch eine umfassende Anschlussstudie in Kooperation mit anderen Kliniken wissenschaftlich gesichert werden.

 

Evidenzbasierte Klinikmedizin einerseits und Kreativität und Improvisation der Clowns andererseits sind für Barthlen kein Widerspruch. Auch wenn seine Humor-Studie in Kollegenkreisen nicht nur Zustimmung fand. Humor und Wissenschaft: Das geht in Deutschland oft nur schwer zusammen. »Wir arbeiten absolut seriös und chirurgisch exakt. Trotzdem erlauben wir uns, auch auf die Psyche von Kindern einzugehen und mal einen Scherz zu machen«, so der erfahrene Mediziner. Wenn Kinder in den OP geschoben würden, ein schmerzhafter Verbandswechsel anstehe, Fäden gezogen werden müssten oder Blut abgenommen werde, befreie ein Lachen von Stress und Spannungen.

 

Berufsbild Klinikclown

 

Umfragen zufolge befürworten die meisten Menschen die fröhlichen Visiten in Krankenhäusern. Die Verbreitung der Klinikclowns im Gesundheitswesen ist in den letzten Jahren auch rasant gestiegen. Doch es fehlt weiterhin an finanzieller Unterstützung. Finanziert werden die deutschlandweit rund 50 Vereine fast ausschließlich aus Spenden. Andere Länder sind da weiter. Clown-Doktoren in Frankreich, Holland oder Finnland erhalten öffentliche Gelder. Clowns in Israel sind über einen Pieper mit den Krankenhäusern fest verbunden und »im Notfall« jederzeit erreichbar. In Buenos Aires ist der Einsatz von Klinikclowns in der Pädiatrie seit letztem Jahr sogar Pflicht.

 

»Unsere Arbeit ist kein Hobby«, stellt Elisabeth Makepeace vom Vorstand des Dachverbands Clowns in der Medizin und Pflege Deutschland klar. Es sei eine Arbeit, für die viel trainiert werde und die auch bezahlt werden sollte. Die meisten Clowns gehen zu festgelegten Zeiten zur »Visite« in die gleiche Klinik, auf die gleiche Station – und das über viele Jahre. Auf Dauer braucht es dafür Planungssicherheit.

 

Der Dachverband fordert schon lange, den »Klinikclown« als Beruf anzuerkennen und seine Finanzierung auf eine solide Basis zu stellen. Denkbar sei eine finanzielle Beteiligung durch die Krankenkassen. Eine entsprechende Petition liegt dem Bundesministerium für Gesundheit vor. Seit seiner Gründung 2004 fördert der Dachverband die bundesweite Vernetzung gemeinnütziger Vereine, die Clownsbesuche in Krankenhäusern, Seniorenheimen und therapeutischen Einrichtungen organisieren. »Vor allem geht es uns um die Qualitätssicherung der professionellen künstlerischen Arbeit auf einheitlich hohem Niveau«, so Makepeace. Im November 2014 stellte der Dachverband sein Qualitätssiegel vor. Wer das Siegel führen will, muss an Coachings und Fortbildungen ebenso teilnehmen wie berufliche und ethische Kriterien erfüllen.

 

15 gemeinnützige Klinikclowns-Vereine aus dem ganzen Bundesgebiet gehören dem Dachverband an. Insgesamt sind so über 200 Clowns in über 300 Einsatzorten im Dachverband organisiert und können zusammen circa 14 000 Einsätze pro Jahr realisieren. Fast alle Clowns sind freiberufliche Schauspieler – Künstler, die ihren Beruf mit viel sozialem Engagement verbinden. Eine künstlerische Ausbildung, aber auch viel menschliche Intuition und Empathie braucht ein Clown für ein Publikum, das meistens aus kranken oder alten Menschen besteht. An dem man ganz nah dran ist im Krankenzimmer oder Seniorenheim, keine Distanz hat wie auf einer Theaterbühne. Viele Klinikclowns treten im Duo auf. Das bietet Variationsmöglichkeiten im Spiel, aber auch psychische Entlastung und Stabilität, die man braucht, um zum Beispiel auch schwerkranke Kinder während der »Visite« einfach wieder nur Kind sein zu lassen.

 

»Als ich meine Stiftung ›Humor hilft heilen‹ vor acht Jahren gegründet habe, wurde Lachen als Medizin noch belächelt. Mit den Ergebnissen aus Greifswald gehen wir einen wichtigen Schritt zu einer ernsthaften Humorforschung«, sagte Dr. Eckehart von Hirschhausen, Schirmherr der Greifswalder Studie. Die dortige Universitätsmedizin macht jetzt auch ernst mit dem Humor. Für Januar 2017 ist der erste Workshop für Studierende geplant mit dem Titel: »Arzt mit Humor – Lachen ist die beste Medizin«. /


Informationen:




Beitrag erschienen in Ausgabe 07/2016

 

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