Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

Schweinegrippe-Impfung kann Narkolepsie auslösen

NACHRICHTEN

 
Schweinegrippe-Impfung kann Narkolepsie auslösen
 


Dutzende zusätzliche Narkolepsie-Fälle vor allem bei Kindern und Jugendlichen wurden nach der Schweinegrippe-Impfung mit Pandemrix europaweit registriert. Über die Ursache dieser Schlafkrankheit wurde lange gerätselt, nun legen Forscher einen möglichen Mechanismus dar. Auslöser ist demnach ein bestimmtes Virus-Protein, das einer Andockstelle im Gehirn ähnelt. In der Folge richte sich das Immunsystem gegen bestimmte, für das Schlafverhalten wichtige Zellen im Gehirn, berichtet das Team im Fachmagazin «Science Translational Medicine».

 

Die Ergebnisse unterstrichen, wie wichtig es sei, aus Impfstoffen alle Bestandteile zu entfernen, die vom Immunsystem mit körpereigenen Strukturen verwechselt werden könnten, betonen die Wissenschaftler um Lawrence Steinman von der Stanford University (Kalifornien). Die Narkolepsie ist eine seltene Schlaf-Wach-Störung. Typische Symptome sind Tagesschläfrigkeit und sogenannte Kataplexie, ein plötzlicher Verlust des Muskeltonus bei starken Gefühlen. Sie entsteht, wenn bestimmte Zellen im Gehirn verloren gehen, die den Botenstoff Hypocretin herstellen, der das Wachsein steuert. Vor allem Menschen mit einer bestimmten Genvariante in ihrem Erbgut erkranken.

 

Millionen Menschen in der Europäischen Union hatten sich nach Empfehlungen der zuständigen Behörden in der Grippesaison 2009/2010 gegen die sogenannte Schweinegrippe, inzwischen auch Neue Grippe genannt, impfen lassen. Einer der dafür entwickelten Impfstoffe war Pandemrix des Pharmakonzerns GlaxoSmithKline (GSK). Bei weniger als 1 von 10.000 Geimpften sei anschließend eine Narkolepsie registriert worden, schreiben die Forscher. Die Impffolge sei damit zwar selten, für die Betroffenen aber schwerwiegend.

 

«Wir nehmen die Sicherheit der Patienten, die ihre Gesundheit unseren Impfstoffen und Medikamenten anvertrauen, sehr ernst», heißt es bei dem britischen Pharmakonzern. Ein Sprecher sagte, das Unternehmen erforsche den beobachteten Zusammenhang zwischen Pandemrix und Narkolepsie sowie Wechselwirkungen, die der Impfstoff mit anderen Risikofaktoren im Körper der Betroffenen gehabt haben könnte. Zudem unterstütze GSK die Forschung externer Experten dazu.

 

Nicht nur in Europa, auch in China waren im Zuge der Schweinegrippe-Welle mehr Narkolepsie-Fälle registriert worden – dort allerdings bei nicht geimpften Menschen, die an Schweinegrippe erkrankt waren. Das lieferte einen ersten Hinweis, dass das Virus, wie auch der Virusteile enthaltende Impfstoff, Ursache der Erkrankung sein könnte. Grippeimpfstoffe enthalten generell verschiedene Virus-Proteine in variierenden Konzentrationen.

 

Die Wissenschaftler verglichen nun die Zusammensetzung von Pandemrix mit der des Impfstoffs Focetria der Novartis Pharma Schweiz AG. Dabei stießen sie auf ein Virus-Protein, das in Pandemrix in größeren Mengen ist und in seiner Struktur sehr stark dem Rezeptor für Hypocretin ähnelt. Auch Focetria war 2009/2010 in Europa eingesetzt worden, hatte die Narkolepsie-Häufigkeit aber nicht erhöht.

 

Darauf aufbauend analysierten die Forscher Blutproben von 20 finnischen Patienten, die nach der Pandemrix-Impfung eine Narkolepsie entwickelt hatten. Sie fanden Antikörper, die nicht nur an das Schweinegrippe-Virus H1N1 binden, sondern auch an den Hypocretin-Rezeptor. Diese Antikörper würden bei Menschen mit bestimmten Erbgutmerkmalen offensichtlich von dem Virus-Protein aktiviert und attackierten dann die Hypocretin-Andockstellen im Gehirn, schließen die Forscher. Das Ergebnis weise darauf hin, dass das Risiko, Narkolepsie zu entwickeln, bei einer Schweinegrippe-Erkrankung möglicherweise höher sei als nach einer Pandemrix-Impfung.

 

Weitere Studien seien nötig, um den vorgestellten Mechanismus zu bestätigen, kommentiert Hartmut Wekerle, emeritierter Neuroimmunologe des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie in Martinsried, die Studie. Möglicherweise gebe es weitere, bislang unbekannte Umweltfaktoren, die eine Entstehung von Narkolepsie begünstigen. Auf keinen Fall sei es gerechtfertigt, Schutzimpfungen für Kinder wegen des Pandemrix-Falls generell abzulehnen, warnt Wekerle. 

 

02.07.2015 l dpa

Foto: Fotolia/Sergey Peterman

 

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

Weitere Nachrichten

 


Infotour: Apotheker ohne Grenzen im Bulli unterwegs

Von Berlin über Fehmarn, Kiel, Sylt, Hamburg und dann südwärts geht die Sommertour der Hilfsorganisation Apotheker ohne Grenzen (AoG). Der...



USA: Erstes RNA-basiertes Medikament zugelassen

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat mit Patisiran (Onpattro®) erstmals eine small interfering  Ribonukleinsäure (siRNA) als...



ABDA-Neubau: Riesiges Plakat wirbt für Präsenzapotheken

Es ist nicht zu übersehen: Dienstag früh hat die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände an der Baustelle ihres künftigen...



Hitzewelle: Gute Bedingungen für tropische Zecken

Funde mehrerer tropischer Zecken in Deutschland beunruhigen Forscher. In Niedersachsen und Hessen registrierten Wissenschaftler in diesem...

 
 

USA: Vaginalring schützt ein Jahr vor Schwangerschaft
Die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat einen hormonhaltigen Vaginalring zugelassen, der ein Jahr lang vor einer ungewollten...

Grünes Rezept: Erstattung rezeptfreier Arzneimittel möglich
Sind bestimmt Bedingungen erfüllt, erstatten 73 von 110 gesetzlichen Krankenkassen ihren Versicherten zumindest einen Teil der Ausgaben für...

E-Rezept: ABDA plant Modell in zwei Stufen
Das Projekt E-Rezept nimmt Konturen an. Die ABDA möchte ein eigenes Konzept an den...

Patientenschutz: Klarere Regeln für Pflegedienste gefordert
Patientenschützer verlangen angesichts eines zunehmend angespannten Marktes klarere Regeln für Pflegedienst-Verträge. «Für pflegebedürftige...

Wer Macht misstraut, neigt zu Alternativmedizin
Menschen, die Machtstrukturen misstrauen, hegen oft auch Misstrauen gegenüber konventioneller Medizin und bevorzugen alternative...

Frühe Pubertät: Endokrine Disruptoren unter Verdacht
Bei zehnjährigen Mädchen wachsen schon Brüste, die erste Regelblutung kann mit elf oder zwölf einsetzen. Im Jahr 2007 lag der Durchschnitt...

«Datenklau»-Prozess: Prozessfremde Ziele vs. Diskreditierung
Am heutigen 24. Verhandlungstag im Strafprozess gegen Ex-ABDA-Sprecher Thomas Bellartz und Systemadministrator Christoph H. wollte die...

Valsartan: Spahn beharrt auf Aufklärung
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) pocht auf Aufklärung im Fall von Blutdrucksenkern mit dem Wirkstoff Valsartan, die mit einem...

Abschaffung der Importquote: Online-Petition läuft
Mit einer Online-Petition will eine niedersächsische Apothekerin ein Ende der Importquote für Apotheken erwirken. Gabriele...

Valsartan: Warum die Analysen so lange dauern
Immer noch ist unklar, ob alle oder wie viele Chargen Valsartan-haltiger Fertigarzneimittel mit Wirkstoff von Zhejiang Huahai...

Zyto-Apotheken in NRW: Überwiegend gute Noten
Das Land Nordrhein-Westfalen stellt seinen Zytostatika-herstellenden Apotheken gute Noten aus. Im Nachgang des Skandals um gepanschte...

Valsartan: Noch ein chinesischer Produzent betroffen
Auch in einzelnen Valsartan-Chargen eines weiteren chinesischen Wirkstoffproduzenten, Zhejiang Tianyu, wurde eine Verunreinigung mit...

Hormone: Kritik an EU-Richtlinie zu endokrinen Disruptoren
Eine neue Richtlinie der Europäischen Union zu hormonell wirksamen Stoffen halten Experten für unzureichend. Die Deutsche Gesellschaft für...

Lunapharm-Affäre: CDU und Grüne beantragen Sondersitzung
Die Fraktionen von CDU und Grünen im brandenburgischen Landtag haben eine weitere Sondersitzung des Gesundheitsausschusses zum...

Monsanto: 254 Millionen Euro Strafe wegen Glyphosat
Der Agrarchemie-Riese Monsanto muss einem Krebspatienten in den USA wegen verschwiegener Risiken seiner Unkrautvernichter Schadenersatz in...

Uhthoff-Phänomen: MS-Patienten geht´s bei Hitze schlechter
Sehr viele Patienten mit Multipler Sklerose (MS) fühlen sich bei Hitze müder und benommener und haben vermehrt Sehstörungen oder...

Noch mehr Meldungen...



PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 



ARCHIV DER HEFT-PDF

 
PDF der Druckausgabe zum Download
 









DIREKT ZU