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ABDA-Presseseminar: Schutzzäune für Patienten

POLITIK

 
ABDA-Presseseminar

Schutzzäune für Patienten

Von Uta Grossmann, Daniel Rücker und Bettina Sauer, Berlin

 

Die Apotheken steht derzeit im Fokus der Öffentlichkeit. Das spiegelte sich auch beim ABDA-Presseseminar wider. Mehr als 60 Wirtschaftsjournalisten diskutierten am Dienstag in Berlin mit der ABDA-Geschäftsführung über die optimale Arzneimittelversorgung.

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Jedes Jahr vor dem DAV-Wirtschaftsforum lädt die ABDA - Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände Wirtschaftsjournalisten zu einem Presseseminar nach Berlin ein. Neben Redakteuren von Fachzeitschriften besuchen vor allem die Wirtschaftsexperten der großen überregionalen Tageszeitungen, aber auch von Agenturen, Radiostationen und Fernsehsendern die Veranstaltung. Deren Ziel ist es, den Medienvertretern die drängendsten Fragen der Arzneimittelversorgung aus Sicht der Apotheker darzustellen und gleichzeitig die Kontakte zu den Medien zu vertiefen. Nachdem in den vergangenen Jahren die Teilnehmerzahl stagnierte, legte sie in diesem Jahr deutlich zu. Ein Grund für das gestiegene Medieninteresse ist die öffentliche Diskussion über die anstehende Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zum Fremdbesitzverbot in Deutschland.

 

Für ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf steht fest, dass Arzneimittel grundsätzlich in die Apotheke gehören und Apotheken nur von Apothekern geleitet werden dürfen. Den Einsteig von renditeorientierten Kapitalgesellschaften lehnte er kategorisch ab: »Die Arzneimittelversorgung in Deutschland darf kein Experimentierfeld für Handelskonzerne und Großinvestoren werden. Kranke sind keine Konsumenten und deshalb muss die Apotheke heuschreckenfreie Zone bleiben,« sagte er gleich zu Beginn seines Vortrags.

 

Nach Wolfs Einschätzung muss sich daran auch in Zukunft nichts ändern. Der ABDA-Präsident geht nicht davon aus, dass der EuGH im kommenden Winter das deutsche Fremdbesitzverbot komplett kippen wird. Wolf: »Der EuGH wird feinsinniger entscheiden, als manche Konzernlobbyisten sich das vorstellen.« Die Luxemburger Richter würden ganz sicher nicht einfach das griechische Optikerurteil abschreiben. Selbst in der EU-Kommission gebe es unterschiedliche Auffassungen über das Fremdbesitzverbot. Während EU-Wettbewerbskommissar Charlie McCreevy die deutsche Regelung am liebsten kippen würde, hält Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou eine Deregulierung für falsch. Hinzu komme, dass die Arzneimittelversorgung in der Europäischen Union eigentlich von den Mitgliedsstaaten geregelt werde.

 

Apotheker können es besser

 

Dies sei eindeutig im Sinne der Patienten, sagte Wolf. Apotheken, die von einem freien Heilberufler eigenverantwortlich geführt werden, versorgen ihre Patienten besser als von Kapitalgesellschaften betriebene Filialen. Apotheker seien Arzneimittelexperten und -manager, keine Kaufleute. Sie handelten im Sinne ihrer Kunden, nicht ihrer Aktionäre. Wolf: »Die Apotheker können es besser. Konzernchefs haften nicht für die Gesundheit ihrer Kunden.« Bei Arzneimitteln gehe es nicht um eine möglichst kostengünstige Distribution, sondern »um die Versorgung von Menschen«.

 

Den zweiten Schwerpunkt seines Vortrages hatte Wolf auf den Versandhandel und das dm-Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes gelegt. Die Leipziger Entscheidung habe die Arzneimittelversorgung in eine Schieflage gebracht. Drogerien, Dönerbuden oder Tankstellen könnten nun Medikamente anbieten und ihren Kunden »eine Kompetenz für Arzneimittel vorgaukeln«.

 

Diese, so Wolf, »Ausfransung des Versandhandels« verschärfe auch die Gefahr, dass Arzneimittelfälschungen in Deutschland auftauchten. Auch der Zoll und das Bundeskriminalamt warnten bereits vor einer drastischen Zunahme von Plagiaten. In den vergangenen Wochen hätten die Behörden mehrfach auf das Problem hingewiesen, dessen Motor der illegale Versandhandel über das Internet ist. Bislang habe die Politik dies jedoch ignoriert.

 

Bestellungen bei Fake-Apotheke

 

Wolf wiederholte die Forderung der ABDA, den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln wieder zu verbieten. Die Verbraucher seien nicht in der Lage, eine seriöse Versandapotheke von einer unseriösen zu unterscheiden. Dies habe auch der Versuch des Bonner Professors Harald G. Schweim gezeigt. Dieser konstruierte mit einfachen Mitteln die Website einer virtuellen deutschen Versandapotheke, der Fake-Apotheke. Kunden, die auf die Website gelangten, konnten die recht schlichte Fälschung nicht erkennen und bestellten dort ihre Medikamente.

 

Wolf machte deutlich, dass die Apotheker weiter für eine bestmögliche Arzneimittelversorgung kämpfen werden. Dazu gehöre ein maximaler Patientenschutz. Dieser werde auch über die Regulierung der Arzneimittelversorgung garantiert. Wolf: »Wir brauchen diese Schutzzäune.« Diese schützten jedoch nicht die Apotheker, sondern die Patienten.

 

Ein Blick über die deutschen Grenzen in die europäischen Nachbarländer lässt vor allem eines zutage treten: Die Apothekenmärkte in den einzelnen Ländern sind so unterschiedlich wie die jeweils unter individuell verschiedenen Umständen gewachsenen Gesundheitssysteme. Deshalb helfen Vergleiche selten weiter - ob sie nun in der Absicht geführt werden, vermeintlich fortschrittliche, liberalisierte Apothekenmärkte wie in Großbritannien oder den Niederlanden als Vorbild zu preisen, oder im Gegenteil als Warnung vor einer düsteren Zukunft mit einer schlechteren Arzneimittelversorgung.

 

Mark-Rüdiger Metze aus dem ABDA-Geschäftsbereich Wirtschaft und Soziales ging in seinem Vortrag auf die unterschiedlichen Apothekenmärkte in Europa ein. Das Fremdbesitzverbot, nach dem Apotheken in Deutschland im Besitz eines Apothekers sein müssen, wird insbesondere von Kreisen mit klaren wirtschaftlichen Interessen als überholt und dem Wettbewerb hinderlich dargestellt. Die Diskussion gewinnt an Brisanz, insbesondere vor dem Hintergrund anstehender Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofes und der jüngsten Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichtes, das der zweitgrößten deutschen Drogeriemarktkette dm Mitte März das Recht eingeräumt hat, über ihre Filialen per Versandhandel bestellte Arzneimittel abzugeben.

 

Metze erläuterte, dass das Fremdbesitzverbot die Voraussetzung für die Unabhängigkeit des Apothekers von Wirtschaftsinteressen schaffe. Anders als vielfach im öffentlichen Bewusstsein verankert, ist Fremdbesitz von Apotheken in fast der Hälfte der 27 Staaten der Europäischen Union (EU) verboten (48 Prozent). Für über 100.000 Apotheken in der EU gilt das Fremdbesitzverbot. Das sind mehr als zwei Drittel der europäischen Apotheken. Niederlassungsbeschränkungen existieren in 63 Prozent der EU-Länder. Deutschland zählt also zur Minderheit der EU-Staaten mit Niederlassungsfreiheit.

 

Die Apothekendichte ist im europäischen Vergleich in Dänemark am geringsten. Hier kommt eine Apotheke auf 16.800 Einwohner. Die Griechen haben es besser. Hier gibt es im Vergleich die meisten Apotheken, nämlich eine für 1200 Menschen. Deutschland liegt mit einer Apotheke für 3825 Einwohner im Mittelfeld. Eine Korrelation zwischen Apothekensystemen mit Fremd- und Mehrbesitz und einer höheren oder geringeren Apothekendichte sei nicht zu erkennen, sagte Metze.

 

Auch ein Vergleich der Arzneimittelausgaben pro Kopf in den Ländern der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) gibt keinen Aufschluss darüber, ob die Erlaubnis von Fremd- und Mehrbesitz die Arzneimittelausgaben verringert, wie es Befürworter einer Liberalisierung mit Verweis auf vermeintlich sinkende Preise durch mehr Wettbewerb gern prophezeien. Vielmehr finden sich Apothekensysteme mit Fremd- und Mehrbesitz, in denen die Arzneimittelausgaben pro Kopf höher sind als die deutschen ebenso wie solche mit geringeren Ausgaben.

 

Die ordnungsrechtlichen Rahmenbedingungen für Apotheken in Europa nahm Lutz Tisch in den Blick, ABDA-Geschäftsführer für Apotheken- und Arzneimittelrecht sowie Berufsrecht. Er erinnerte daran, dass die Arzneimittelversorgung eine staatliche Aufgabe sei, deren Normen den Bürger schützen, nicht den Apotheker. Er ist also einerseits »Erfüllungsgehilfe des Staates« bei der Organisation der Arzneimittelversorgung. Andererseits gehen seine Aufgaben weit über die der Distribution von Waren hinaus.

 

Gefahren für die Verbraucher

 

Für die Verbraucher besteht die Gefahr eines Wegfalls des Fremdbesitzverbotes darin, dass die Entscheidung über die Abgabe bestimmter Arzneimittel oder eine bestimmte Beratung nicht mehr wie in der inhabergeführten Apotheke beim Apotheker liegt, so Tisch. Dann entscheiden Nicht-Pharmazeuten aus den oberen Etagen großer Kapitalgesellschaften über pharmazeutische Belange.

 

Der Versandhandel mit Arzneimitteln, wie er in Deutschland erlaubt ist, relativiert die Verbraucherschutzstandards. Er kann die rechtlichen Vorgaben an Arzneimittelsicherheit und Verbraucherschutz, wie sie die Apothekenbetriebsordnung vorschreibt, nicht erfüllen. Durch das dm-Urteil, nach dem Arzneimittel in Drogeriefilialen bei einer Versandapotheke bestellt und später im Drogeriemarkt abgeholt werden dürfen, sind nach Einschätzung Tischs die Qualitätsstandards in der Arzneimittelversorgung abgesenkt und die Apothekenpflicht relativiert worden.

 

»Der Versandhandel als Regelversorgungsform ist ohne die Zerstörung der Apotheke in ihrer heutigen Struktur ordnungsrechtlich nicht denkbar«, folgerte Tisch. In Kombination mit Niederlassungsfreiheit und Fremd- und Mehrbesitz sei die bestehende Struktur existenziell bedroht. Tisch: »Dem muss die Politik sich stellen.«

 

Ein Spaziergang durch die Apotheke

 

Dr. Christiane Eckert-Lill, Geschäftsführerin Pharmazie der ABDA, hatte für das Wirtschaftspresseseminar eigens eine Erkundungstour durch eine Wiesbadener Apotheke unternommen. In ihrem Vortrag präsentierte sie Grundrisse der Räumlichkeiten, Fotos von Medikamentenlagern und Laborgeräten sowie einen Einblick in die Apotheken-Software. So veranschaulichte sie das Leistungsspektrum der Apotheke und stellte ihre Bedeutung für die medizinische Versorgung heraus.

 

Auf ihrem virtuellen Rundgang führte sie die Journalisten in die Offizin und die Beratungsecke. Hier erfüllt das pharmazeutische Personal eine seiner Kernaufgaben: Information und Beratung, unter anderem zu Anwendungsgebieten, Gegenanzeigen, Neben- und Wechselwirkungen, Dosierungen von Medikamenten. »Täglich werden in Apotheken mindestens 28.000 arzneimittelbezogene Probleme gelöst«, betonte Eckert-Lill. Sie präsentierte auch Räume, zu denen Kunden normalerweise keinen Zugang erhalten, zeigte das chemische Prüflabor, die Lagerflächen, die Schränke für Kühlwaren, des Depot für Notfallmedikamente und den Tresor für Betäubungsmittel. In der Regel umfasse das Warenlager etwa 10.000 Packungen, in großen Apotheken sogar bis zu 40.000. In Anbetracht der 250.000 bis 300.000 Produkte, die sich in Deutschland über Apotheken beziehen lassen, warb Eckert-Lill um Verständnis, dass Apotheker nicht alles vorrätig halten könnten. »Bestellte Medikamente treffen meist innerhalb von Stunden in der Apotheke ein und lassen sich gegebenenfalls taggenau vom Botendienst ausliefern.« Dagegen müssten Kunden, die Medikamente über den Versandhandel bestellten, meist zwei Tage auf die Ware warten.

 

Besonders betonte Eckert-Lill die Rolle der Apothekenmitarbeiter als Wächter der Arzneimittelsicherheit. »Sie unterziehen das Warenlager einer ständigen, intensiven Kontrolle, prüfen sämtliche Lieferungen auf Vollständigkeit und Unversehrtheit, kontrollieren stichprobenhaft die Qualität von Fertigarzneimitteln, achten auf nicht bekannte Nebenwirkungen oder die missbräuchliche Verwendung von Medikamenten.« Diesbezüglich gingen jährlich über 6000 Meldungen bei der zuständigen Arzneimittelkommission der deutschen Apotheker (AMK) ein. Innerhalb von Stunden vermittle sie über den pharmazeutischen Großhandel den Apotheken wichtige Arzneimittelinformationen.

 

»Etwa 15 Millionen Rezepturen werden alljährlich in Apotheken hergestellt«, kommentierte Eckert-Lill ein weiteres wichtiges Tätigkeitsfeld. Zwar mute diese Zahl im Vergleich mit den rund 1,4 Milliarden im vergangenen Jahr abgegebenen Fertigarzneimittel-Packungen bescheiden an. Doch ließen sich mithilfe der Rezepturen wesentliche therapeutische Lücken schließen, wenn etwa Fertigarzneimittel, Darreichungsformen oder Dosierungen nicht verfügbar seien oder Patienten bestimmte Hilfsstoffe nicht vertrügen.

 

Die Angebote, die Eckert- Lill zeigte, finden an derzeit 21.570 Orten in Deutschland statt. So hoch lag 2007 die Zahl der Apotheken, wie Karl-Heinz Resch, Geschäftsführer Wirtschaft und Soziales der ABDA, bei seinem Vortrag berichtete. Sie schüfen derzeit rund 144.000 Arbeitsplätze, also mehr als die pharmazeutische Industrie (113.000 im Jahr 2006), die gesetzlichen Krankenkassen (132.000 im Jahr 2006) und der pharmazeutische Großhandel (12.000 im Jahr 2006). »4,1 Millionen Kundenkontakte finden täglich statt«, sagte Resch.

 

Jede Nacht Hilfe für 20.000 Kranke

 

»Jede Nacht kommen rund 20.000 kranke Menschen in die 2000 Apotheken, die Bereitschaftsdienst leisten.« Um die Apothekenmitarbeiter auch nach dem Ende des Studiums oder der Ausbildung für ihre anspruchsvollen Aufgaben zu qualifizieren, gibt es ein umfangreiches Fortbildungsangebot. »2007 führten die Apothekerkammern rund 1900 Fortbildungsveranstaltungen mit 104.000 Teilnehmern durch«, sagte Resch.

 

In einem Exkurs präsentierte Resch als Alternative zu den derzeitig praktizierten Rabattverträgen das Zielpreismodell der Apotheker. Demnach legt der Arzt einen Wirkstoff in der passenden Dosis und Menge fest. Anschließend wählt der Apotheker ein geeignetes Präparat aus. Dabei garantiert er der Krankenkasse, einen vorher vereinbarten Zielpreis einzuhalten. Bis zu 360 Millionen Euro ließen sich schätzungsweise im Jahr einsparen, sagte Resch. Gleichzeitig würden die Bedürfnisse der Ärzte, Krankenkassen und Patienten erfüllt.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 16/2008

 

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