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Legionellen: Warmwasserfreunde

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Legionellen

Warmwasserfreunde


Von Brigitte M. Gensthaler / »Legionellen-Alarm«, »Lungenentzündung aus der Dusche« oder »Warstein im Bann der Legionellen«: Solche Schlagzeilen sorgen vor allem im Sommer und Herbst immer wieder für Aufregung. Wie gefährlich sind die Bakterien wirklich, und wie lässt sich vorsorgen?

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Manche mögen's warm: Das gilt sicher für Legionellen. Sie wachsen am besten in 25 bis 45 °C warmem Wasser. In Oberflächenwässern, im Grundwasser und im Boden findet man die Umweltkeime meist in sehr geringer Zahl. Früher nahm man an, dass sie nur im Süßwasser beheimatet sind, doch sie können sich auch im Meerwasser halten. Biofilme, in denen Einzeller wie Amöben leben, sind ideale Ökosysteme, denn Legionellen vermehren sich im Inneren von Amöben und anderen Protozoen. Für Menschen können sie zum Gesundheitsproblem werden, wenn sie Wasserleitungen in Häusern, Klimaanlagen, Schwimmbäder und Whirlpools besiedeln.

 




Vorsicht vor Aerosolen: Erregerhaltiger Wasserdampf, wie er beispielsweise beim Duschen entstehen kann, ist die Hauptquelle für Legionellen-Infektionen.

Foto: Fotolia/Andrey Volokhatiuk


Legionellen sind aerob lebende, gramnegative Stäbchenbakterien aus der Familie der Legionellaceae und kommen weltweit in zahlreichen Arten und Serogruppen vor. Alle gelten als potenziell humanpathogen. Die für den Menschen bedrohlichste Art ist Legionella pneumophila (vor allem Serotyp 1), die für etwa 90 Prozent aller Legionellosen verantwortlich ist.

 

Ein Bakterium, zwei Erkrankungen

 

Erkrankungen durch Legionellen treten in zwei Verlaufsformen auf: der Legionärskrankheit (Kasten) und dem Pontiac-Fieber. Die Legionärskrankheit ist eine atypische Form der Lungenentzündung, die lebensbedrohlich verlaufen kann: Trotz möglicher Antibiotika- Behandlung sterben laut Robert-Koch-Institut (RKI) 10 bis 15 Prozent der Patienten. Die Inkubationszeit beträgt zwei bis zehn Tage, selten bis zu zwei Wochen. Nach uncharakteristischen Anfangssymptomen können innerhalb weniger Stunden Brustschmerzen, Schüttelfrost, hohes Fieber (über 40 °C), Husten, Durchfälle und Erbrechen auftreten. Bei einer Entzündung des Hirngewebes (Enzephalitis), der Hirnhäute und des Rückenmarks kommt es zur Benommenheit bis hin zu schwerer Verwirrtheit. Die Patienten erholen sich trotz Therapie nur langsam. Manchmal bleibt die Lungenfunktion eingeschränkt oder es bildet sich eine Lungenfibrose.

 

Trotz Meldepflicht, die 2001 eingeführt wurde, ist die Häufigkeit der Legionärskrankheit nicht genau bekannt. Für 2012 gibt das RKI 654 Fälle an, geht jedoch selbst von einer erheblichen Unter­erfassung aus, da eine Legionellen-Pneumonie nicht anhand des klinischen Bildes, sondern nur durch eine spezifische Erregerdiagnostik sicher diagnostiziert werden kann. Das Kompetenznetzwerk für ambulant erworbene Pneumonien (CAPNetz) schätzt die Zahl in Deutschland auf 15 000 bis 30 000 Fälle pro Jahr.

 

Noch häufiger ist das Pontiac-Fieber, das wesentlich milder und ohne Pneumonie verläuft. Die Inkubationszeit liegt meist bei einem bis zwei Tagen. Die Patienten leiden an grippeähnlichen Symptomen wie Kopf-, Glieder- und Brustschmerzen, trockenem Husten und Fieber, gelegentlich auch an Verwirrtheitszuständen. Die Erkrankung heilt in wenigen Tagen spontan ab; Todesfälle sind nicht bekannt. Nach Schätzung des bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) treten jährlich mindestens 100 000 Erkrankungen in Deutschland auf.

 

Vorsicht vor Aerosolen

 

Eine gute Nachricht vorweg: Eine Legio­nellen-Infektion ist nicht ansteckend, das heißt nicht von Mensch zu Mensch übertragbar. Der Hauptinfektionsweg ist das Einatmen erregerhaltiger, lungengängiger Aerosole aus dem Warmwasserbereich. Potenzielle Gefahrenquellen sind Duschen, Aerosole am Wasserhahn, kontaminierte Mundhygiene-Geräte, Inhalatoren und Luftbefeuchter, aber auch Schwimmbäder, Whirlpools, künstliche Wasserfälle, Fontänen und Rutschen. Ebenso ist eine Infektion über Aerosole von Kühltürmen und Klimaanlagen möglich. Entscheidend für die Vermehrung der Bakterien sind immer die Temperatur des Wassers und seine Verweildauer im Leitungssystem.

 

Beim normalen Essen und Trinken infiziert man sich nicht mit Legionellen. Anders ist es, wenn erregerhaltiges Wasser durch Verschlucken in die Luftröhre gelangt; hier sind vor allem immungeschwächte Personen gefährdet. Die Aspira­tionsgefahr besteht auch bei Patienten mit Schluckstörungen.

 

Generell haben ältere und chronisch kranke Menschen, Raucher sowie Menschen mit Diabetes oder einem geschwächten Immunsystem ein höheres Risiko für eine Legionellen-Infektion. Weitere Risikogruppen sind Patienten, die Immunsuppressiva bekommen. Allgemein erkranken Männer häufiger als Frauen, Kinder nur sehr selten.

 

Diagnostik und Therapie

 

Die häufigste Methode zur Erregerdiagnostik ist der Nachweis des Legionella-Antigens im Urin mithilfe von Antikörpern. Das ELISA-Verfahren ermöglicht eine frühe, schnelle Diagnose und hat eine sehr hohe Spezifität. Allerdings werden nicht alle Legionellen-Arten erfasst.




Der Erreger Legionella pneumophila kann zwei Erkrankungen verursachen: die Legionärskrankheit und das Pontiac-Fieber.

Foto: CDC/Janice Haney Carr


Ferner gibt es verschiedene serologische Tests und den Nachweis von Legionellen-DNA mittels Polymerase-Kettenreaktion in Gewebeproben, Trachealsekret oder Sputum. Goldstandard ist laut RKI die Bakterienkultur, in der auch die Spezies genau identifiziert werden kann.

 

Zur Behandlung der Legionärskrankheit gilt Levofloxacin in Maximaldosis heute als Mittel der Wahl. Die Therapie dauert bei immunkompetenten Patienten fünf bis zehn Tage, ansonsten bis zu drei Wochen. Die zusätzliche Gabe von Rifampicin wird laut RKI nicht mehr empfohlen. Neuere Makrolidantibiotika wie Azithromycin oder Clarithromycin sollen ebenfalls schnell bakterizid wirken. Patienten mit Pontiac-Fieber brauchen keine Antibiotika, sondern nur eine symptomatische Therapie.

 

Die wesentliche Schutzmaßnahme vor Legionellen-Infektionen besteht in der baulich-technischen Vermeidung der Gefahrenquellen. Denn die Keime vermehren sich in kaltem Wasser kaum und lassen sich mit hohen Temperaturen abtöten.

 

Trinkwasserverordnung, DIN-Normen für technische Anlagen wie Badebecken, Whirlpools und Klimaanlagen, Empfehlungen des Umweltbundesamts und das Regelwerk des Deutschen Vereins des Gas- und Wasser­faches (DVGW-Arbeitsblatt W551; www.dvgw.de): Es gibt genaue Vorschriften, wie Kalt- und Warmwasseranlagen beschaffen sein müssen, damit Legionellen dort nicht gedeihen. Probleme sind laut LGL vor allem dann möglich, wenn das Warmwasser an der Zapfstelle nach maximal drei Litern Ablauf kühler als 55 °C und/oder das Kaltwasser wärmer als 25 °C ist. Gefährdete Personen könnten ihr Risiko senken, wenn sie – vor allem nach längerer Abwesenheit – vorsichtig die ersten Liter Wasser aus der Leitung ablaufen lassen.

 

Keine Panik, aber vorbeugen

 

Die Initiative »Lungenärzte im Netz« warnt vor Panikmache, nennt aber Vorsichtsmaßnahmen, vor allem für Personen mit geschwächten Abwehrkräften: In warmen Ländern sollte man die Dusche erst einige Minuten heiß laufen lassen und dabei das Bad verlassen. In Häusern und Ferienwohnungen in warmen Ländern sollte darauf geachtet werden, dass die Wassertemperatur in Boilern mindestens 60 °C beträgt und in den Rohrsystemen nicht unter 50 °C sinkt. Klimaanlagen in Autos und Büros sollten regelmäßig gewartet und gereinigt werden. Außerdem sind Inhalatoren und Luftbefeuchter regelmäßig gründlich zu reinigen und bei Nichtbenutzung trocken aufzubewahren. Duschköpfe, Wasserhähne und abmontierbare Armaturen sind mindestens halbjährlich zu entkalken und zu desinfizieren. Raucher sollten das Laster aufgeben, um ihr Risiko zu senken.

 

Sind Legionellen-Erkrankungen und -Ausbrüche nachgewiesen, muss immer nach der Infektionsquelle gesucht werden. Als Erstmaßnahme zur Dekontamination von Wassersystemen empfiehlt das RKI eine Chlorung oder die Erhitzung des Wassers auf über 70 °C. Die thermische Desinfektion tötet Legionellen im Trinkwasser und in Bio­filmen ab. /


Krankheit der Legionäre

1976 kam es in Philadelphia, USA, während eines Veteranentreffens zu einer Epidemie. 182 von rund 4000 Teilnehmer der American Legion erkrankten an einer schweren Pneumonie, der Legionärskrankheit; 29 starben. Die Ur­sache war damals noch unbekannt.

 

Meist treten Legionellosen als Einzelfälle auf. Aber es gibt auch größere Ausbrüche: 1999 bei einer Blumenschau in den Niederlanden, wo es durch zwei Whirlpools zu 233 Erkrankungen mit 22 Todesfällen kam, 2001 in Murcia in Spanien mit 805 Erkrankungen und drei Todesfällen über Kühl-/Klimaanlagen und 2010 in Ulm und Neu-Ulm mit 65 Erkrankungen und fünf Todesfällen über ein kontaminiertes Rückkühlwerk einer Großklimaanlage. Gelegentlich kommt es zu Erkrankungen auf Kreuzfahrtschiffen, meist über das Wassersystem oder Whirlpools.



Beitrag erschienen in Ausgabe 39/2014

 

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