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Zwischen Mythen und Moderne

TITEL

 
PZ-Leserreise Baltikum

Zwischen Mythen und Moderne

von Conny Becker und Kerstin A. Gräfe, Tallinn und Riga

 

Tief verwurzelter Aberglaube neben Parlamentswahlen per Internet - Kräuterschnäpse als Allzweckwaffe neben Genbanken, die den Zusammenhang zwischen Erbgut und spezifischen Erkrankungen verraten sollen: In Estland und Lettland ist neben all den Traditionen der Aufbruch in die Moderne deutlich zu spüren.

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Mythen sind in Estland allgegenwärtig. So soll es in dem nördlichsten baltischen Staat einen alten Mann geben, der jedes Jahr einmal fragt, ob Tallinn schon fertig sei. Er suche Ruhe und wolle die estnische Hauptstadt zerstören, aber erst, wenn sie fertig ist, um dann den größtmöglichen Schaden zu erzielen. Daher verneinen die Esten die Frage stets und antworten, sie würden noch bauen. Und das tun sie auch. In Estland, das am 1. Mai 2004 in die EU aufgenommen wurde, kann man sehen und spüren, dass die Bürger vorankommen und den anderen EU-Staaten in nichts nachstehen wollen. So hat jeder Bürger laut Gesetz das Recht auf kostenlosen Internetzugang.

 

In der Hauptstadt Tallinn, dem einstigen Reval, sind die Gegensätze zwischen Moderne und Vergangenheit auch räumlich gut sichtbar: Während in den Randbezirken weiter gebaut wird und sich im Zentrum ein modernes Bankgebäude neben dem anderen in den Himmel streckt, gleicht die gut erhaltene Altstadt einer Welt für sich. Und so fanden sich auch die Teilnehmer der PZ-Leserreise im Juli dieses Jahres plötzlich in einem mittelalterlichen Ambiente wieder. Im ältesten Rathaus Nordeuropas fiel es nicht schwer, sich in die Zeit hineinzuversetzen, in der man Holzsandalen mit Plateausohlen nicht aus modischen Gründen trug, sondern um sich auf der Straße vor Jauche, Abfällen und möglichen Infektionen zu schützen. Als Ursache für die Seuchen des Mittelalters galten bei den Esten aber auch Himmelserscheinungen und Sternschnuppen, die als Ausdruck für den Zorn Gottes gesehen wurden.

 

Skurril muten aus heutiger Sicht die damaligen Heilmethoden an. Gegen die Pest sollte neben der Beichte das Meiden von warmem feuchten Südwind sowie von Kohl und Sauerkraut helfen. Bei Lepra wurde empfohlen, Kreuzotterfleisch zu verzehren und getrocknete Kröten in die Zimmer zu hängen, um die Krankheit zu erschrecken. Verwunderlich sind diese Methoden nicht, wenn man bedenkt, dass auch Barbiere und Saunamänner zu den »Heilern«  in mittelalterlicher Zeit zählten.

 

Im Jahr 1422 wurde erstmals die Ratsapotheke (Raeapteek) erwähnt, eine der ältesten noch in Betrieb befindlichen Apotheken der Welt, in der die Apotheker aus Deutschland eine mehr als 500 Jahre bewährte »Medizin« testen konnten. Denn der auf das Jahr 1467 zurückgehende »Klarett« wird immer noch hergestellt - auch wenn der 15-prozentige Gewürzwein, der neben Rheinwein ätherisches Öl und Gewürze wie Ingwer enthält, mittlerweile nicht mehr als Allzweckmedizin dient.

 

Als typisches Souvenir ist heute der 40-, 45- oder 50-prozentige Likör Old oder Vana Tallinn an jeder Ecke zu haben. Dieses »Digestivum« enthält zahlreiche Zutaten, darunter Zitronenöl, Zimt und Vanille. Getrunken wird er in der Regel pur, zum oder manchmal auch im Kaffee. Zudem versteckt sich der Alte Tallinn heutzutage auch gerne mal im Cocktail oder als Füllung in einer Schokolade.

 

Apothekentradition  in Riga

 

Auch die Letten kennen einen berühmten Kräuterextrakt, den Rigaer Schwarzen Balsam, der bis Mitte des 19. Jahrhunderts als Heilmittel in lettischen Apotheken zu finden war. Er wurde 1752 von Abraham Kunze erfunden, der kein Pharmazeut, sondern Kaufmann jüdischer Abstammung war. Dieses 45-prozentige Elixir aus 24 Arzneipflanzen war das reinste Wundermittel und wirkte bei Magenkrämpfen genauso wie bei chirurgischen Wunden und Liebeskummer. Der Legende nach soll das Wundergetränk bereits der russischen Kaiserin Katharina der Großen geholfen haben, als sie in Riga zu Besuch war und dort krank wurde. Heute gibt es den Schwarzen Balsam in Alkohol- und Souvenirläden oder aber im Pharmaziehistorischen Museum in Riga, wo die Teilnehmer der PZ-Leser-Reise die Entwicklung des Apothekenwesens in Lettland verfolgen konnten.

 

Die erste Apotheke in Riga, die Lielâ apiteka (Große Apotheke) oder Râtslaukuma aptieka (Apotheke am Ratsplatz), wurde 1375 gegründet. Erst 200 Jahre später folgte die zweite, die Mazâ Apiteka (Kleine Apotheke) oder Zilona aptieka (Elefanten-Apotheke).

 

Die Apothekentradition wurde aus Deutschland nach Riga importiert, so sollen die ersten Pharmazeuten aus Deutschland gekommen sein. Wer damals Apotheker werden wollte, musste männlich sein und sechs Jahre in einer Apotheke als Lehrling lernen. Daran schloss sich eine mindestens zehnjährige Wanderzeit nach Deutschland, Frankreich oder bis nach Italien an, meist mit Aufenthalt an den dortigen Universitäten. Aus Nürnberg und Augsburg stammten die ersten Pharmakopoen, die in Riga verwendet wurden.

 

Anfang des 19. Jahrhunderts wechselte die Ausbildung an eine baltische Universität, die Universität von Dorpat, das heutige Tartu in Estland. Alternativ konnten die angehenden Pharmazeuten ab 1835 auch die Rigaer Apothekerschule besuchen und dann eine Abschlussprüfung an der estnischen Universität absolvieren. Gegründet wurde die Schule vom Rigaer Verein für Chemiker und Pharmazeuten, der auf den lettischen Wissenschaftler David Hieronimus Grindel zurückgeht. Der bedeutende Chemiker und Pharmazeut war Professor an der Universität in Dorpat und gründete nicht nur die erste chemisch-pharmazeutische Gesellschaft, sondern auch die erste pharmazeutische Zeitschrift Russlands. Im Jahr 1919 wurde schließlich auch an der Chemischen Fakultät der Universität von Lettland in Riga eine Abteilung Pharmazie eingerichtet, an der bis zum Zweiten Weltkrieg 235 Studenten lernten. Ihre Praxiserfahrung erhielten sie in der Universitätsapotheke, deren Inventar im Museum noch zu sehen ist.

 

Inzwischen hat in der Universität von Lettland das neue Bachelor/Master-System Einzug gehalten und auch an der Riga Stradin´s Universität wird Pharmazie in Lettland gelehrt - hier allerdings im alten 5-Jahres-System. Die jährlich rund 40 lettischen Jungpharmazeuten finden 2005 eine Apothekenlandschaft vor, die fortgeschrittener ist als ihnen lieb ist. Fremd- und Mehrbesitz sollen nach großzügiger Liberalisierung jetzt wieder abgeschafft werden. Dies ist bereits gesetzlich beschlossen, sodass es nach einer Übergangszeit bis Ende 2010 in der Regel heißen wird: Ein Apotheker (= Besitzer) pro Apotheke. Die maximal erlaubten zwei Filialapotheken müssen dann außerhalb der Stadt und mindestens 5 km von der nächsten Apotheke entfernt sein. Der Versandhandel in Lettland soll allerdings bestehen bleiben.


Klostermedizin: Die Heilkräfte der Natur

 

Sie schufen die Grundlagen der modernen Medizin und waren Jahrhunderte lang die Einzigen, die die medizinische Versorgung der Menschen übernahmen: die Mönche. In gebührendem Ambiente, im 1246 zu Ehren der Heiligen Katharina gegründeten Dominikanerkloster in Tallinn, referierte Dr. Gerhard Gensthaler, München, über die Klostermedizin im Mittelalter.

 

Die Ursprünge der Klostermedizin liegen in den frühesten Zeiten der Klostergeschichte. Im Abendland erlangte das Mönchstum durch Benedikt von Nursia und seine Klostergründung von Monte Cassino (um 527) weltgeschichtliche Bedeutung. Zum einen verfügte der Gründervater, dass jeder Mönch pro Jahr ein religiöses Buch lesen müsse. Zum anderen verfasste er ein Regelwerk (»Regula Benedicti«), in dem es - nach dem berühmten Grundsatz »ora et labora« - heißt, »die Sorge für die Kranken steht vor und über allen anderen Pflichten«. Das Revolutionäre an seiner Idee: Nicht nur den Angehörigen des eigenen Ordens sollte geholfen werden, sondern allen Kranken, die im Kloster um Hilfe baten.

 

Die Mönche vertieften in klostereigenen Gärten ihre Studien in Medizin und Kräuterheilkunde, gaben ihr Wissen innerhalb des Klosters weiter und zeichneten Pläne für eine ideale Klosteranlage. In länglichen Beeten wurde jeweils nur eine Pflanze kultiviert, um die Reinheit des Krauts zu gewährleisten und die Verwechslungsgefahr zu vermindern.

 

Im 8. Jahrhundert wurde im Kloster Lorsch das damalige medizinische Wissen im »Lorscher Arzneibuch« niedergeschrieben, »das Handbuch für den Mönchsarzt und -apotheker schlechthin«, so Gensthaler.

 

Erst die Erfindung des Buchdrucks 1448 und die Gründung von Universitäten ebneten dann den Weg für die weitere Verbreitung und Vertiefung des medizinischen Wissens.


Als Provisor in Estland

 

Wie es in der Apothekenlandschaft in Estland aussieht, erfuhren die Teilnehmer der PZ-Leserreise aus erster Hand. Bei einem typisch estnischen Abendessen in der Altstadt Tallins hatten sie die Gelegenheit, sich mit Apothekerinnen und Apothekern aus Tallin auszutauschen. In sehr gutem Deutsch war vor allem von der Geschäftsführerin des estnischen Apothekerverbands EPA, Apothekerin Kaidi Vendla, viel zu erfahren.

 

So gibt es im Estnischen zwar den Begriff des Apothekers, er wird jedoch umgangssprachlich für eine Person benutzt, die in der Apotheke arbeitet. Korrekt sprechen die Esten vom Pharmazeuten (PTA) und Provisor (Apotheker), wobei Ersterer drei Jahre die Medizinschule in Tallinn, Letzterer ein 4,5-jähriges Studium an der Universität Tartu (plus sechs Monate Praktikum) absolviert hat. Das Studium entspricht einem Master-Abschluss. Die Diskussion um den Bachelor-Abschluss wird auch in Estland geführt. Vendla hält ein nur dreijähriges Studium an der Universität für nicht angemessen.

 

Jedes Jahr machen im Durchschnitt je 30 Provisoren und Pharmazeuten ihren Abschluss, wobei Frauen mit mehr als 75 Prozent deutlich in der Mehrzahl sind. Für deutsche Kollegen unverständlich: Laut Gesetz zählen Apotheker und PTAs nicht zu den Heilberufen.

 

Wer in Estland eine Apotheke leiten will, muss Provisor sein und mindestens drei Jahre in einer Apotheke oder Krankenhausapotheke gearbeitet haben. Anders sieht es mit dem Besitzen aus: In Estland ist der Fremdbesitz erlaubt und so zählen die beiden führenden Großhändler in Estland, die skandinavische Tamro-Gruppe (gehört zur Phoenix AG) und die estnische Magnum Medical, aber auch Aktiengesellschaften und Firmen zu den Apothekeninhabern. Die Betriebserlaubnis läuft somit häufig nicht auf den Apotheker, sondern auf die entsprechende Firma sowie den Ort der Apotheke. Sie gilt zunächst für fünf Jahre, etwa alle drei Jahre wird die Apotheke inspiziert.


Pseudo Customer auf Estnisch

 

Testkäufer, die die Beratungsqualität unter die Lupe nehmen, gibt es in Estland noch nicht. Die staatlichen Inspektoren prüfen lediglich, ob verschreibungspflichtige Medikamente ohne Rezept abgegeben werden. Der Verband EPA, der sich auch die Wissenserweiterung seiner Mitglieder auf die Fahne geschrieben hat, beteiligt sich aber an der Kampagne »Questions to ask about your medicines«. Dieses finnisch-estnische Programm will Apothekenkunden dazu auffordern, Fragen zu ihren Medikamenten zu stellen. Daneben organisiert der Verband zusammen mit der Universität von Tartu Fortbildungen, die von Oktober bis Mai einmal monatlich stattfinden. Auch die Pharmazeutische Betreuung soll vorangetrieben werden, sie steckt noch in den Kinderschuhen.

 


Unklar ist, wie viele der rund 480 Apotheken im Fremdbesitz sind, da nicht alle dem Verband angehören und es keine Kammern gibt, sondern nur ein staatliches Lizenzregister. Im Jahresbericht 2004 von Tamro ist von 176 Mitgliedsapotheken bei »Apteek1«, der größten freiwilligen Apothekenkette Estlands, zu lesen. Schätzungen zufolge sind etwa 80 Prozent der Apotheken vom Großhandel beeinflusst, so die Apothekerin. Magnum Medical habe mit 47 Prozent und Tamro Eesti mit rund 30 Prozent der Apotheken kooperationsartige Verträge, die zum Beispiel das Sortiment festlegen. Die Großhändler können ihren eigenen Apotheken große Rabatte geben, auch Kooperationen erhalten laut Vendla bessere Rabatte als unabhängige Apotheken, auch wenn dies eigentlich verboten ist.


Tabelle: Estland und Lettland im Vergleich

Ländername Republik Estland Republik Lettland 
Landesfläche 45.227 km²  64.589 km² 
Einwohnerzahl 1,35 Millionen 2,32 Millionen 
Hauptstadt Tallinn (Reval) Riga 
Währung Krone (EEK), 1 Euro=15,65 Kronen Lats (LVL), 1 Euro=0,6 Lats 
Amtssprache Estnisch Lettisch 
Apothekenzahl 486 879 
Apotheker/PTA 780/570 1300/1400 
Niederlassungsfreiheit ab 2006 beschränkt beschränkt 
Mehrbesitz erlaubt maximal zwei Filialen 
Fremdbesitz erlaubt wieder verboten, Übergangszeit bis 2010 
Versandhandel verboten erlaubt 

Kein Notdienst, kein Versandhandel

 

Nicht die Apothekenverkaufspreise, sondern die Spannen für die Aufschläge sind in Estland staatlich geregelt, weshalb auch verschreibungspflichtige Medikamente unterschiedliche Preise haben. Die Regelung enthält prozentuale Aufschläge bis zu einem Packungspreis von 700 Kronen, das heißt rund 45 Euro. Ab 700 Kronen gilt ein Fixaufschlag von 80 Kronen. Erstattet werden alle Medikamente - insgesamt etwa 3000 - die das estnische Arzneimittelamt und die Krankenkasse auf eine Positivliste gesetzt haben. Es gilt: Pro Rezept ein Medikament - das können aber auch drei Packungen sein. Eine gestaffelte Rezeptgebühr wie in Deutschland existiert nicht, vielmehr gibt es eine Grundgebühr von 20 Kronen.

 

Die staatliche Krankenkasse Haigekassa, in der nahezu alle Esten versichert sind, erstattet je nach Präparat und Patient 100, 75 (für Rentner und Kinder bis 18 Jahre: 90) oder 50 Prozent des Arzneimittelpreises, allerdings nur bis zu staatlich festgelegten Festbeträgen. Das heißt, auch für ein Medikament mit einem Erstattungssatz von 100 Prozent, etwa Arzneimittel gegen Krebs, Diabetes, Parkinson oder HIV, kann der Patient zusätzlich zur Grundgebühr zur Kasse gebeten werden. Bei Arzneimitteln aus der 50-Prozent-Gruppe muss der Patient ein Minimum von 50 Kronen zahlen. Die Berechnung der Zuzahlung gleicht also einem Zahlenrätsel, aber mit ein bisschen Übung beziehungsweise dem Computer ist sie zu bewältigen.

 

Auch die Patienten akzeptieren laut Vendla in der Regel, dass sie für ihre Gesundheit zahlen müssen. Waren Arzneimittel in russischer Zeit kostenlos oder zumindest fast kostenlos, müssen die Patienten inzwischen durchschnittlich mehr als ein Drittel des Arzneimittelpreises bei verschriebenen Medikamenten übernehmen. OTC-Präparate, Vitamine, Mineralstoff-Supplemente und Phytopharmaka müssen sie selbst kaufen.

 

Alle Rezepte gehen mittlerweile in Estland elektronisch an die Abrechnungsstelle der Krankenkasse, allerdings müssen Apotheker und PTA die Daten in den Computer einspeisen. Ab 2007 soll es das elektronische Rezept neben der alten Papierform und eine elektronische Gesundheitskarte mit Server bei der Krankenkasse geben.

 

Schwierig wird es, wenn ein Patient nachts oder an Feiertagen ein Medikament benötigt, denn es existiert kein geregelter Notdienst. Wer in Tallinn wohnt, hat Glück: Hier gibt es eine Apotheke, die ständig geöffnet hat. Nachdem die Stadt diesen Extradienst seit Februar dieses Jahres nicht mehr finanziert, läuft er in Eigeninitiative weiter. Daneben hat man in Tartu die Möglichkeit, in einer Apotheke außerhalb der normalen Öffnungszeiten (von 8/9 Uhr bis 21 Uhr, zum Teil bis 23 Uhr, auch sonntags) Arzneimittel zu bekommen - ebenfalls ein freiwilliges Angebot. Versandhandel existiert in dem baltischen Land nicht, er ist gesetzlich verboten.

 

Estlands Nokia

 

Ein weiteres naturwissenschaftliches Highlight der Reise erwartete die PZ-Reisenden in der estnischen Universitätsstadt Tartu. Das kleinste der baltischen Länder startete 2000 eines der ehrgeizigsten Genprojekte des 21. Jahrhunderts: Hier soll die weltweit größte Gendatenbank entstehen. Im Gegensatz zu Craig Venter, dessen Firma Celera Genomics fast ausschließlich Venters eigene DNA entschlüsselte, wollen die Esten ihr gesamtes Volk sequenzieren. Von etwa einer Million Esten, das entspricht zwei Drittel der Bevölkerung, soll systematisch die Erbinformation entschlüsselt und in die Datenbank eingespeist werden.


Baltisches Apothekenwesen: Zahlen und Fakten

 

In Estland gibt es etwa 320 Apotheken und 160 Hilfsapotheken, in denen im Mittel 1,6 Apotheker (»Provisoren«) und 1,1 PTA (»Pharmazeuten«) arbeiten. Die zusätzlichen 29 Krankenhausapotheken sind nur für die stationäre Versorgung zuständig. Insgesamt kommen auf 1,35 Millionen Menschen und eine Fläche, die etwa der von Niedersachsen entspricht, rund 780 Apotheker und 570 PTA in öffentlichen Apotheken. Darüber hinaus existieren 15 tierärztliche Apotheken.

 

Ab Januar 2006 wird in dem baltischen Staat, in dem eine hohe Apothekendichte besteht, eine Niederlassungsbeschränkung eingeführt. Dann soll eine Neueröffnung nur noch möglich sein, wenn auf eine Apotheke in Städten weniger als 3000 Einwohner kommen beziehungsweise auf dem Land ein Mindestabstand von 1 km gewährleistet ist. Der Durchschnitt 2004 betrug 2814 Einwohner pro Apotheke (Deutschland: 3858). Dieses Jahr wird die Einwohnerzahl pro Apotheke weiter sinken, da auf Grund des neuen Gesetzes deutlich mehr als 30 Betriebserlaubnisse eingeholt wurden, verglichen mit sieben bis zehn in den vergangenen Jahren. Allein im Dezember sind laut EPA rund 20 Lizenzen beantragt worden.

 

In Estland erlaubt das Gesetz den Mehrbesitz, genauer drei Filialen, und darüber hinaus den Fremdbesitz, etwa durch Großhändler. Der Versandhandel ist dagegen verboten.

 

In Lettland gibt es rund 880 Apotheken, von denen etwa 40 Krankenhausapotheken sind. In ihnen arbeiten etwa 1300 Apotheker und 1400 PTAs. Auch die Letten haben bereits ihre Erfahrung mit dem Fremd- und Mehrbesitz gemacht. Nach einem kurzzeitigen »Ketten-Intermezzo« kam eineinhalb Jahre später die Kehrtwendung: Nach einer Übergangszeit soll es ab 2011 keinen Fremd- und Mehrbesitz mehr geben. Auch Filialapotheken sollen nur noch in geringem Umfang zulässig sein. So sind pro Apotheke in ländlichen Gebieten nicht mehr als zwei Filialapotheken erlaubt, und dies auch nur, wenn in einem Umkreis von fünf Kilometern nicht bereits eine andere Apotheke oder Filialapotheke vorhanden ist. In Lettland ist im Gegensatz zu Estland der Versandhandel erlaubt.


»Interessant sind vor allem die so genannten Single-nucleotide-Polymorphismen (SNP), winzige Abweichungen im Erbgut«, erklärte Professor Dr. Andres Metspalu, Professor für Biotechnologie an der Universität Tartu und einer der Initiatoren des estnischen Genomprojekts, den deutschen Apothekern. Die SNPs offenbaren die genetische Individualität eines Menschen. Die meisten SNPs sind unauffällig. Einige verursachen jedoch Krankheiten, andere sind dafür verantwortlich, dass Patienten ein Medikament nicht vertragen oder nicht darauf ansprechen.

 

Mit einer »SNP-Karte« könnte man zum Beispiel Responder beziehungsweise Non-Responder für bestimmte Arzneistoffe herausfiltern und so die Arzneimitteltherapie effektiver und nebenwirkungsärmer machen, hofft Metspalu. Darüber hinaus könne man bei der Prävention von Krankheiten von den persönlichen Genprofilen profitieren, da diese Anfälligkeiten für bestimmte Erkrankungen dokumentieren. Dies gelte nicht nur für die Esten, sondern für alle Europäer, »denn genetisch betrachtet sind wir von Finnland bis Italien recht ähnlich«.

 

Wie sieht dieses Projekt in der Praxis aus? Zunächst wird der Genspender über das Projekt aufgeklärt. Nachdem er sein Einverständnis schriftlich erklärt hat, befragt ihn sein Hausarzt nach Gesundheitszustand, Lebensstil und Umwelteinflüssen und entnimmt eine Blutprobe. Nach der Anonymisierung von Fragebogen und Probe werden diese in separaten Archiven untergebracht, im Labor das Erbgut sequenziert und anschließend zur Speicherung an eine Genbank geschickt. Furcht vor dem Staat scheinen die Esten nicht zu haben: Protest gegen die totale Erfassung des Volkes regt sich kaum. Metspalu führt die enorme Akzeptanz auf die intensive Aufklärungsarbeit zurück, an der er sich ebenso wie viele seiner Kollegen und Eesti Geenivaramu, die nationale Genbank-Stiftung, mit Fernsehauftritten und Zeitungsartikeln beteiligt hat. Die Verheißungen sind enorm. Die gewaltige Genbank werde eine Attraktion für internationale Forscher und Pharmafirmen und so der Nukleus eines großen wirtschaftlichen Aufschwungs sein. Die Optimisten schwärmen - mit Blick auf das High-Tech-Wunder beim reichen Nachbarn Finnland - von »Estlands Nokia«.


Wenn Nationalgerichte auf den Magen schlagen

 

Die estnische Küche wurde nicht von Gourmets ersonnen. Sie ist relativ schwer, aber schmackhaft. Zum Frühstück gibt es Fisch und Würstchen. Die Suppen sind solide - mit Gemüse, Brot oder Milch. Es gibt viel Kartoffeln, Schweinefleisch, Sahne. Fisch wird vorzugsweise geräuchert oder mariniert gegessen.

 

Estnische Nationalgerichte, Honigbier und hausgemachtes Brot konnte die PZ-Reisegruppe im Tallinner »Olde Hansa« probieren. Da konnte ein deutscher Magen schnell überfordert sein. Wie man Entzündungen in Magen oder Speiseröhre therapiert oder vermeiden kann, referierte PZ-Chefredakteur Professor Dr. Hartmut Morck, Eschborn, im Wintergarten des Botanischen Gartens in Tallinn. In erster Linie sollten Stressoren gemieden werden. Der Keim Helicobacter pylori wird  mit einer siebentägigen Kombibehandlung aus einem Protonenpumpenhemmer und zwei Antibiotika eradiziert.

 

Der übermäßigen Säureproduktion im Magen können Betroffene auch mit H2-Antihistaminika zu Leibe rücken. Prostaglandine haben sich dagegen laut Morck nicht bewährt und Prokinetika seien wenig effektiv. Bei den Antazida müsste die obstipierende Wirkung bei Aluminiumsalzen und die laxierende bei Magnesiumverbindungen bedacht wer-den. NaHCO3 sei bei Schwangeren kontraindiziert, da das freigesetzte Kohlendioxid zusätzlichen Druck im Oberbauch verursacht.

 

Schichtgitter-Antazida wie Hydrotalcid binden die Protonen »moderat«, was einen Reboundeffekt verhindert, so Morck. Darüber hinaus würden nicht polare toxische Gallensäuren komplett gebunden, polare, weniger toxische Gallensäuren hingegen nur zu etwa 60 Prozent. Ein weiterer mukosaprotektiver Effekt besteht darin, dass die Konzentration von Wachstumsfaktoren (EGF, bFGF) steigt, was zu einer vermehrten Zellteilung und Regeneration der Schleimschicht führt. Zudem gebe es Hinweise darauf, dass Läsionen der Magenschleimhaut mit dem Hydrotalcid-Schichtgitter wieder aufgefüllt werden können.

 

Dr. Ulrike Weingärtner von Bayer Vital, Wuppertal, stellte den Apothekern ein modernes Instrument der Arzneimittelforschung vor: die apothekenbasierte Anwendungsbeobachtung (AWB). Mit dieser Methode können die Wirksamkeit und Verträglichkeit eines Präparats in seiner breiten Anwendung überprüft und wertvolle Informationen gewonnen werden, die den Apotheker in seiner Beratung unterstützen.

 

So zeige zum Beispiel eine AWB mit Enzym Lefax® Kautabletten, dass mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer das Präparat nicht zur richtigen Zeit anwenden.  Die meisten nahmen die Kautabletten bei Bedarf, unabhängig von den Mahlzeiten. Sie sollten jedoch direkt zu den Mahlzeiten gekaut werden, um optimal wirken zu können. Der Apotheker könne den Kunden im Beratungsgespräch auf die Bedeutung der richtigen Anwendung hinweisen.

 

Auch bei »sensiblen« Patientengruppen wie Säuglingen und Kindern sei die AWB ein wertvolle Methode, sagte Weingärtner. Eine Anwendungsbeobachtung mit Lefax® Pump-Liquid brachte ans Licht, dass Eltern, die das Pump-Liquid ohne ärztliche Verordnung kauften, die Dosierung während der Behandlungswoche teils erhöhten, teils verringerten. Insofern sei es Aufgabe des Apothekers, Eltern immer auf die empfohlene Dosierung von 1 bis 2 Pumpstößen und die regelmäßige Anwendung zur Mahlzeit hinzuweisen, um eine optimale Wirkung zu erzielen.


Esten unterstützen Genomprojekt

 

Was die Esten am meisten beruhige, sei das neue Genomgesetz, sagte Metspalu. Das Gesetz wurde im Dezember 2000 verabschiedet - übrigens nur mit drei Gegenstimmen. »Es garantiert Freiwilligkeit und Vertraulichkeit.« Man habe aus den Fehlern der Isländer gelernt. Die betreiben seit Ende der neunziger Jahre ebenfalls ein landesweites Genomprojekt. Die Daten wurden weitgehend an die Firma Decode Genetics verkauft, deren Aktivitäten zu einem beträchtlichen Teil von dem Schweizer Pharmakonzern Hoffmann-La Roche finanziert werden. »Bei uns hingegen liegen die Eigentumsrechte an den Blutproben und den Daten beim Staat, nur die Nutzungsrechte an den anonymisierten Daten dürfen verkauft werden«, so Metspalu.

 

Doch auch in Estland haben industrielle Geldgeber ein gewichtiges Wort mitzureden. Dass das estnische Genomprojekt noch auf Sparflamme läuft, liegt an Ungereimtheiten mit dem Investor, dem amerikanischen Biotechunternehmen EGeen. »Grundlagenforschung und Industrie haben verschiedene Erwartungen«, weiß Metspalu inzwischen. Die Investoren wünschten mehr Rendite für ihr Kapital und bedrängten die Initiatoren, vorwiegend Daten für einige Volkskrankheiten zu sammeln. Doch eine Ausrichtung rein auf Pharmaforschung, wie etwa in Island, lässt das estnische Gesetz nicht zu: Das Genomprojekt soll dem ganzen Volk dienen und auch der Grundlagenforschung.

 

Große Hoffnungen setzt Metspalu auf das mit drei anderen großen Biobanken unterschriebene Memorandum »Public Population Project in Genomics«. Das Konsortium unter kanadischer Federführung hat sich dazu verpflichtet, die Datensammlungen von nationalen Datenbanken zu harmonisieren und gegenseitig frei verfügbar zu machen.

 

Den Sprung in die Moderne haben die Esten geschafft und die Aufholjagd zu den anderen EU-Staaten aufgenommen. Vielleicht offenbart das Genomprojekt sogar eine ihrer Eigenschaften, die sie trotz verschiedener Belagerungen immer nach vorn hat blicken lassen: die Beharrlichkeit. So vergleichen sich die Esten auch mit Wacholder, der nicht hoch ist, aber zäh.


Die Autorinnen

Conny Becker studierte Pharmazie an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Nach dem praktischen Jahr in einer öffentlichen Apotheke und der Appro-bation im Jahr 2001 arbeitete sie als freie Journalistin in Madrid. Von November 2002 bis Ende 2003 absolvierte sie ein Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung und arbeitet seitdem als Redakteurin in der Hauptstadtredaktion der PZ.

 

Kerstin A. Gräfe studierte Pharmazie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Nach der Approbation 1993 promovierte sie von 1994 bis 1998. Im Anschluss absolvierte sie ein halbes Jahr als Postdoc am Medical College of Virgina in Richmond, USA. Seit 1999 arbeitet Dr. Gräfe als Wissenschafts-Redakteurin und seit 2003 bei der Pharmazeutischen Zeitung. Dort leitet sie das Ressort Pharmazie.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 51/2005

 

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