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Manche sind infektiöser als andere

MEDIZIN

 
Superspreader

Manche sind infektiöser als andere

von Christina Hohmann, Eschborn

 

Manche Infizierte stecken ungewöhnlich viele andere Menschen an. Diese so genannten Superspreader kommen bei fast allen Infektionskrankheiten vor und können den Verlauf von Epidemien stark beeinflussen. Deshalb sind sie jetzt in den Fokus von Epidemiologen geraten.

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Die schwere Lungenerkrankung Sars (Severe Acute Respiratory Syndrome) verbreitete sich 2003 in einigen Regionen kaum, während sie in anderen kleine explosionsartige Epidemien hervorrief. Für diese waren, wie nun bekannt ist, Superspreader verantwortlich: Personen, die deutlich ansteckender waren als durchschnittliche Sars-Patienten. So steckte zum Beispiel ein chinesischer Arzt, der sich bei einem Patienten infiziert hatte, in einem Hotel in Hongkong mindestens zehn weitere Reisende aus sechs Ländern an. Darunter auch eine Flugbegleiterin aus Singapur, die den Erreger an etwa 100 Menschen weitergab.

 

»Für Erkrankungen wie Sars ist es der Jackpot, wenn sie solche Superspreader infizieren«, sagt Dr. James Lloyd-Smith von der University of California in Berkley. Es sei schon lange bekannt, dass einige Individuen Infektionskrankheiten stärker verbreiten als andere, doch bisher fehlten die Methoden, diese Unterschiede verlässlich zu messen. Daher war die Bedeutung der interindividuellen Variationen bisher unklar. Lloyd-Smith und seine Kollegen werteten aus diesem Grund epidemiologische Daten von acht Erkrankungen wie Sars, Masern, Pocken und Ebola aus. Mit mathematischen Methoden entwickelten sie Verbreitungsmodelle von einzelnen Epidemien der vergangenen 60 Jahre. Dabei stellten sie fest, dass bei den meisten Erkrankungen die Verbreitung asymmetrisch ist: Viele Patienten stecken keine weiteren Personen an, während einzelne Superspreader kleine Epidemien verursachen, berichten die Forscher in der Fachzeitschrift »Nature« (Vol. 438, Seite 355 bis 359).

 

Bei sexuell übertragbaren Krankheiten wie Gonorrhö und Aids hatten Epidemiologen diese heterogene Infektiosität schon vor längerem erkannt und die so genannte »20/80-Regel« entwickelt. Sie besagt, dass die ansteckendsten 20 Prozent der Patienten für 80 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich sind. Diese Regel gilt auch für nicht sexuell übertragene Erkrankungen, wie Lloyd-Smith und seine Kollegen nun zeigten. Bei Sars gingen sogar 90 Prozent der Neuinfektionen auf 20 Prozent der Patienten zurück. Bei Masern und Pocken waren es etwa 60 bis 70 Prozent. Bei Ebola bestätigte sich die Regel allerdings nicht. Hier infizierten 20 Prozent nur etwa 30 Prozent der neuen Patienten. Vermutlich führt die Virusinfektion zu rasch zum Tode, als dass Infizierte noch viele weitere Personen anstecken könnten.

 

Wer ist ein Superspreader?

 

Die Autoren betonen in ihrer Veröffentlichung, welche Bedeutung ihre Ergebnisse für die Überwachung und Bekämpfung von Epidemien haben. Wenn sich zu Beginn eines Ausbruchs Superspreader identifizieren ließen, um sie zu isolieren und ihre Kontaktpersonen zu impfen, ließen sich Epidemien im Keim ersticken. Diese gezielten Maßnahmen wären sehr viel effektiver als eine Impfung großer Bevölkerungsteile. Wie sich aber besonders infektiöse Personen während eines Ausbruchs erkennen lassen, können die Forscher nicht sagen. Um dies zu ermitteln, seien weitere Untersuchungen und eine genaue Dokumentation der Übertragungswege bei neuen Epidemien notwendig.

 

»Die Faktoren, die Superspreader ausmachen, variieren von Krankheit zu Krankheit und haben vermutlich eine genetische wie auch eine Verhaltenskomponente«, glaubt Wayne Getz, Mitautor der Studie. Eine Rolle spielen der Beruf der Infizierten sowie deren Mobilität, wie die Beispiele des chinesischen Arztes und der Stewardess zeigen. Außerdem scheint die Menge an Erregern, die Patienten ausscheiden, bedeutend zu sein. So könnten ein geschwächtes Immunsystem oder eine zusätzliche Erkrankung, vor allem wenn sie Husten oder Schnupfen verstärkt, die Infektiosität von Patienten steigern. Ein deutscher Pockenpatient hatte 1970 im Krankenhaus etwa zwölf weitere Menschen infiziert, weil er an einer Bronchitis litt und somit große Mengen infektiösen Materials aushustete. »Dieses Muster, dass eine Erkrankung der anderen hilft, scheint sehr verbreitet zu sein«, sagt Lloyd-Smith. Ein Superspreader, der 2003 in Hongkong einen kleinen Sars-Ausbruch verursachte, hatte ein chronisches Nierenleiden. Wegen des geschwächten Immunsystems konnten sich die Erreger bei ihm besonders gut vermehren, weshalb er zu einer Art »Virenschleuder« wurde.

 

Manchmal helfen auch unvorhersehbare äußere Faktoren den Viren bei der Verbreitung. So wurde ein Sars-Patient, der in einer Klinik in Hongkong einen Ausbruch hervorrief, mit einem Inhalator behandelt. Mit diesem verbreitete er die virus-beladenen Tröpfchen in der gesamten Station.

 

»Obwohl es ein beachtlicher Vorteil wäre, hoch infektiöse Individuen zu identifizieren, bevor sie die Infektion übertragen können, ist dies einfacher gesagt als getan«, schreiben Alison Galvani und Robert May in einem Begleitartikel in »Nature«. Dieses »ambitionierte« Ziel sei aber zu erreichen, wenn die Faktoren für die heterogene Infektiosität eingehender untersucht werden.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 51/2005

 

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