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Von ungemachten Betten

MAGAZIN

 
Was bislang zu kurz kam

Von ungemachten Betten

von Daniel Rücker, Eschborn

 

Erbarmen! Seit 50 Wochen quälen uns geltungssüchtige Politiker mit immer wieder denselben Phrasen. Über 50 Wochen haben wir ihre mehr oder weniger gelungenen Vorschläge artig dokumentiert, analysiert und kommentiert. Doch nun reicht es. Weihnachten ist ein Fest der Freude. Da wollen wir nicht länger miesepetern.

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Natürlich spielt Sex auch in diesem Jahresrückblick seine gewohnte Rolle. Um die Vorfreude zu erhöhen und weil in diesem Jahr einfach andere Dinge wichtiger waren, müssen sich die Schmuddelfreunde aber noch ein wenig gedulden. Wir starten mit einem anderen Thema, ebenfalls von globaler Bedeutung, allerdings weniger erfreulich: dem Übergewicht.

 

Auch wenn der Begriff Pandemie zurzeit für die Vogelgrippe reserviert ist, scheint er uns für die Fettsucht noch weitaus zutreffender. Die Kalorienseuche hat mittlerweile sogar das Land erreicht, in dem der Einklang von Körper und Seele Staatsreligion ist, China. Dort hat das Frittierfett die Sojasoße verdrängt. Unter Huhn mit fünf Köstlichkeiten versteht Chinas Nachwuchs heute Chickenwings mit Cola, Pommes, Mayo, Ketchup und Softeis. Die Folgen sind beeindruckend. Wirtschaftlich ist China noch nicht am Vorbild USA vorbeigezogen, ernährungstechnisch schon: Auf rund 200 Millionen schätzt das Gesundheitsministerium die Zahl der Übergewichtigen. 60 Millionen Chinesen gelten als adipös. Wir sind beeindruckt und fragen uns, wann China wohl das Reich der Fritte genannt wird.

 

Doch Fettsucht hat auch ihre guten Seiten. Die Friedensbewegung ist in den achtziger Jahren noch kläglich gescheitert. Ihre Mission haben nun Pizza und Pasta übernommen. In vielen Ländern sind die jungen Männer einfach zu mollig fürs Militär. So schlug der zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr im Oktober Alarm, weil zwei von fünf Rekruten den Fitnesstest nicht mehr bestehen. Wenn es so weitergeht, dürften die Tage der Nato gezählt sein. Die Grünen täten gut daran, unter diesem Aspekt ihre Vorliebe für Vollwertkost zu prüfen.

 

Wo wir uns erst gerade so nett über das Essverhalten von Asiaten amüsieren, sollte ein Vorfall in der thailändischen Baan-Phai-Klinik nicht unerwähnt bleiben. Die war Ende Mai überfüllt. Mehr als 100 Menschen hatten sich den Magen verdorben. Und zwar mit einer Speise, die so weit von amerikanischem Fast Food entfernt ist wie die Deutschland vom Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft. Die Herren und Damen Thailänder hatten verdorbene Grillen gegessen. Mit Erstaunen nehmen wir zur Kenntnis, dass deutsche Lebensmittelketten offensichtlich thailändische Filialen unterhalten und dort auch regionale Küche anbieten. Gleichzeitig fragen wir uns aber auch, ob Grillen auf der Verpackung oder direkt auf dem Chitinpanzer umetikettiert werden.

 

Um Gliedertiere geht es indirekt auch in eine Empfehlung britischer Forscher. Sie raten dazu, das Bett nach dem Aufstehen ungemacht zurückzulassen. In unordentlichen Betten könnte der Schweiß besser verdampfen. Darunter litten vor allem Milben, die auf Feuchtigkeit angewiesen seien. Weil eine Erkenntnis nur gut ist, wenn sie das Gesundheitssystem entlastet, beziffern die Wissenschaftler die Kosten, die die Behandlung von durch Milben ausgelöste Krankheiten verursachen, auf eine Milliarde Euro. Ehrfürchtig schauen wir auf diese Zahl und schlagen vor, dass Apotheker, die ihr Bett nicht machen, zum Ausgleich weiterhin in begrenzten Umfang Naturalrabatte annehmen dürfen.

 

Vom ungemachten Bett ist es nicht weit zu der Frage, welche Männer bei Frauen gut ankommen. Da lieferte das beliebte Fachjournal »Evolution and Human Behaviour« einen ebenso wertvollen wie unerwarteten Hinweis. Draufgänger, so legte sich der Verhaltensforscher William Farthing fest. Männer, die auf Free climbing, Bungee-Jumping und private Autorennen stehen, sind bei der weiblichen Hälfte der Menschheit weitaus weniger beliebt als sie selbst vermuten. Das schwache Geschlecht bevorzuge den vorsichtigen Mann. Wir fragen uns, warum dies den Wissenschaftler erstaunt. Natürlich ist nicht der bei Frauen beliebt, der Kopf und Kragen riskiert. Die Sympathien gehören denen, die über die Kamikaze-Fraktion berichten. Und das soll auch so sein, ist sich zumindest der männliche Teil der PZ-Redaktion einig.

 

Auch die ewige Diskussion, welche Kopulationsfrequenz nun die richtige ist, wurde in diesem Jahr durch einen wertvollen Beitrag bereichert. Zwei bis dreimal pro Woche lautet die Antwort, gilt aber leider nur für Männer und speziell für deren Immunsystem. Als Dreingabe zum Höhepunkt gibt es für sie nämlich noch ein Plus an natürlichen Killerzellen, fanden Wissenschaftler an der ETH in Zürich heraus.

 

Als Fachredakteure freuen wir uns natürlich über jeden Ansatz, Zwischenmenschliches auf eine zelluläre Ebene zu heben. Gleichzeitig können wir uns aber den Kalauer nicht verkneifen, dass niemanden ernsthaft überraschen kann, wenn Männer auf die Gegenwart von Frauen mit der Produktion von Killerzellen reagieren.

 

Wenn Sex das Immunsystem stimuliert, ist es nicht vewunderlich, dass ein Ehestreit den Körper schwächt. Der familiäre Zwist schlägt nicht nur auf die Stimmung, sondern auch auf die Selbstheilungskräfte des Körpers. Bei streitenden Eheleuten heilen Wunden schlechter. Der Schlag mit dem Nudelholz nach einem durchzechten Abend trifft das Opfer also doppelt hart. Tröstend bleibt da höchstens festzuhalten, dass das Nudelholz als solches im Aussterben begriffen ist und dem Aufruf zur Friedfertigkeit nun ein weiteres Argument zur Seite gesprungen ist. In der Vorweihnachtszeit ist dies eine gute Botschaft.

 

Nochmal kurz zurück zum Bett und zu - diesmal ungewollten - Schlafstörungen. Hierzu konnten Wissenschaftler in den vergangenen zwölf Monaten fundamentale Beiträge liefern. Die Qualen der durchwachten Nacht treffen nämlich nicht jeden. Großstädter, und ungebildete Frauen werden besonders häufig heimgesucht. Trifft es Männer, sind es besonders häufig die Gebildeten. Wie viele statistische Untersuchungen, hat diese Erkenntnis für die Betroffenen wenig Nutzen. Die morgendliche Begrüßung in der Redaktion hat sich dagegen fundamental verändert. Alle Kollleginnen verweisen beharrlich auf ihren gesegneten Schlaf, selbst wenn verquollene Augen vom Gegenteil künden. Dagegen tragen die Kollegen eine durchwachte Nacht wie eine Trophäe vor sich her. »Habe heute schon wieder kaum geschlafen. Na, ihr wisst ja, bei intelligenten Männer ist das eben so.«

 

Vom dummen Scherz ist es nicht weit bis zum dummen Redakteur. Und Dank der neuen Kommunikationsmöglichkeiten ist es ohnehin nicht mehr weit bis zum nächsten Dummen. Strenggenommen lesen Sie gerade einige Zeilen, die im Vergleich zum vorhergehenden Absatz mit einem um zehn Punkte reduzierten IQ geschrieben werden. Das Versenden von E-Mails und SMS lässt sich nämlich auch in einer Redaktion nicht vermeiden, führt aber zu einem temporären zerebralen Stromausfall, sagen britische Wissenschaftler. Wer viel mailt oder simst gerät unter Stress und der Intelligenzquotient lässt vorübergehend um zehn Punkte nach. Dagegen lasse ein Joint die Hirnleistung nur um vier Punkte sinken. Wenn Sie jetzt der PZ-Redaktion eine Frage mailen und eine merkwürdige Antwort erhalten, seien sie bitte nachsichtig - Cannabis ist eben gesünder.

 

Gar nicht gesund im Hirn sind dagegen offensichtlich die Zuschauer von Soaps. Damit habe ich auch nicht gerechnet, werden sie nun vielleicht sagen. Wenn Sie weiterlesen, können Sie ihre Vermutung jetzt aber auch mit Indizien unterfüttern. Hausärzte haben festgestellt, dass immer mehr Fernsehzuschauer Krankheiten imitieren, die sie zuvor im Fernsehen gesehen haben. Neun von zehn befragten Mediziner konnten in ihren Praxen schon Menschen begrüßen, die sich im Vorabendprogramm infiziert hatten. Auch Lifestyle-Sendungen und Zeitschriften gelten als pathogen. Uns bereitet dies natürlich echte Sorgen. Vielleicht sollten Sie es sich gut überlegen, ob sie noch die Ressorts Pharmazie und Medizin in der Pharmazeutischen Zeitung lesen wollen. Dort wimmelt es vor Krankheiten und manche sind sogar recht unangenehm. Natürlich ist es ihre Entscheidung, zumindest wollten wir aber bei Zeiten gewarnt haben.

 

Gewarnt werden sollten auch Pottwale, und zwar vor dem Tieftauchen. Die Tiere können, zur großen Verwunderung der gesamten Redaktion, die Taucherkrankheit bekommen. Wenn sie zu schnell wieder hochkommen, leiden Moby Dicks Kollegen an denselben Symptomen wie Menschen. Wir machen uns echte Sorgen um diese Tiere. Zumal nicht die Kreatur, sondern der Mensch Schuld trägt. Die Pottwale tauchen wahrscheinlich nur deshalb so schnell auf, weil Sonarexperimente der US-Militärs sie irritieren, vermuten die Forscher.

 

So kurz vor Weihnachten wollen wir auch nicht vergessen, die katholische Kirche angemessen zu würdigen. Seitdem dort die Gastgebernation der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft an den Schalthebeln der Macht sitzt, tut sich im Vatikan einiges. Um junge Gäubige anzusprechen, bietet Radio Vatikan auf seiner Website Predigten zum Download an. Jesuiten sprechen schon davon, dass so der iPod zum iGod wird und die Playstation eine Praystation. Wir ergänzen, dass dies genau der Weg ist, wie aus einer Messe eine Message, und aus Advent ein Event werden kann. Wenn jetzt der Organist noch ein paar bpm draufpackt und die Kirchen von 23 Uhr bis 6 Uhr morgens durchgehend öffnen, dann ist die ständige Vertretung des Herrn endgültig im Hier und Jetzt angekommen.

 

Gute Nachrichten, und damit wollen wir schließen, gibt es aber auch im weltlichen Leben. Sie stammen natürlich von dort, wo die Welt eigentlich immer schon ein bisschen besser war als anderswo - aus Bayern. Dort blüht der Bürokratie der Garaus. Eine vor zwei Jahren eingeläutete Kampagne trägt jetzt Früchte. So hat die CSU mit einem Federstrich den Staatsapparat fast bis zur Unkenntlichkeit verschlankt: Ab sofort erhalten ehrenamtliche Würstl-Griller keine Gesundheitsbelehrung mehr. Bislang musste sich jeder Freiwillige, der auf einem Kindergarten-, Schützen- oder Feuerwehrfest Fleisch über Feuer gehalten hat, zuvor zwei Stunden behördlich belehren lassen. Damit ist nun Schluss. Wir bewundern Stoibers-Burschen, die sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufgehalten haben, sondern das Übel direkt an der Wurzel anpacken.

 

Die Entscheidung ist auch deshalb gut, weil sie dem Bürger ein Stück mehr Eigenverantwortung gibt, ihn selbstständiger macht. Deutschland kommt nur nach vorn, wenn jeder weiß, dass er sein Leben selbst regeln muss, dass er sich nicht hinter einem starken Staat verstecken kann und eventuelle Risiken des Würstelgrillens den Behörden aufhalsen kann. Wir freuen uns über so viel Entschlossenheit in der Voralpenrepublik und wünschen uns mehr davon im ganzen Land. In diesem Sinne, ein frohes und selbstbestimmtes Fest.


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 51/2005

 

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