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Welt-Schlaganfall-Tag: Time is brain

MEDIZIN

 
Welt-Schlaganfall-Tag

Time is brain


Von Annette Mende, Berlin / Beim Schlaganfall kommt es auf eine schnelle medizinische Versorgung an, um möglichst viel Gehirngewebe zu retten. Darauf weisen Interessensverbände jedes Jahr zum Welt-Schlaganfall-Tag am 29. Oktober hin. In Industrienationen trägt diese Aufklärungsarbeit Früchte, wie aktuelle Daten belegen. In Entwicklungs- und Schwellenländern ist die Versorgung jedoch meist schlecht – und die Fallzahlen steigen.

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Einen Schlaganfall erleiden Patienten typischerweise im höheren Lebensalter. Jetzt zeigt jedoch eine Studie in »The Lancet«, dass zunehmend Jüngere und Menschen mittleren Alters betroffen sind (doi: 10.1016/S0140-6736(13)61953-4). Bei der Global Burden of Disease Study 2010 handelt es sich um die bisher umfangreichste Analyse der weltweiten Schlaganfall-Zahlen. Berücksichtigt wurden die Jahre 1990 bis 2010.




Das Stroke-Einsatz-Mobil der Berliner Feuerwehr: Es verfügt über einen Computertomografen an Bord und kann so die Zeit bis zur Lyse bei Patienten deutlich verkürzen.

Foto: dpa


Demnach erlitten im Jahr 2010 etwa 16,9 Millionen Menschen zum ersten Mal einen Schlaganfall, 5,9 Millionen starben an den Folgen. Gegenüber 1990 bedeutete das einen Anstieg um 68 beziehungsweise 26 Prozent. Bei den 20- bis 64-Jährigen nahm die Schlaganfall-Inzidenz deutlich zu: Der Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamt-Fallzahl stieg von 25 Prozent im Jahr 1990 auf 31 Prozent in 2010. Erstmals konnte im Rahmen der Studie auch die Häufigkeit von Schlaganfällen bei Kindern und Jugendlichen ermittelt werden. Demnach erleiden jährlich mehr als 83 000 Höchstens-20-Jährige einen Schlaganfall, das entspricht immerhin 0,5 Prozent der weltweiten Inzidenz.

 

In Industrienationen war in den genannten 20 Jahren ein Rückgang der altersstandardisierten Inzidenz (minus 12 Prozent), der vorzeitigen Todesfälle (minus 37 Prozent) und der Schlaganfall-bedingten Krankheiten und Behinderungen (minus 36 Prozent) zu verzeichnen. Diese Entwicklung zeigt, dass Anstrengungen zur Prävention wie Rauchverbote und die medikamentöse Einstellung von Bluthochdruck-Patienten sowie die Sensibilisierung der Bevölkerung für Alarmzeichen eines Schlaganfalls und die verbesserte Versorgung von Patienten etwa in spezialisierten Stroke Units erfolgreich waren.

 

In Entwicklungs- und Schwellenländern ist leider das Gegenteil der Fall. Dort fordert der Schlaganfall deutlich mehr Leben (42 Prozent höhere Mortalität) und führt häufiger zu Behinderung als in reicheren Ländern. Ein Grund dafür ist aus Sicht der Autoren, dass in Staaten mit niedrigem und mittlerem Durchschnittseinkommen die Prävalenz von Risikofaktoren steigt. Dazu gehört ungesundes Essen ebenso wie Bluthochdruck, Adipositas, körperliche Inaktivität und Rauchen.

 

Zwei Arten Schlaganfall

 

Schlaganfall ist nicht gleich Schlaganfall. Typische Symptome wie Sehstörungen, Schwindel, Lähmungserscheinungen und Sprechstörungen können entweder durch eine von einem Blutgerinnsel ausgelöste Minderdurchblutung des Gehirns (ischämischer Schlaganfall) oder durch eine Gehirnblutung (hämorrhagischer Schlaganfall) verursacht werden. Wie häufig die verschiedenen Formen weltweit sind, untersuchten die Autoren einer gleichzeitig in »The Lancet Global Health« erschienenen Publikation (doi: 10.1016/S0140-6736(08)61345-8). Die Datengrundlage bildete ebenfalls die Global Burden of Disease Study 2010.

 

Demnach sind hämorrhagische Schlaganfälle deutlich gefährlicher als ischämische, obwohl sie sich nur halb so häufig ereignen. Knapp zwei Drittel (61,5 Prozent) der Schlaganfall-bedingten Behinderungen und mehr als die Hälfte (57 Prozent) der Todesfälle resultieren aus hämorrhagischen Schlaganfällen. In Entwicklungs- und Schwellenländern stieg die Inzidenz zwischen 1990 und 2010 um 19 Prozent. Hauptrisikofaktor ist auch in diesem Fall ein ungesunder, inaktiver Lebensstil, der zu Bluthochdruck führt.

 

Mit einer rasch eingeleiteten Lysetherapie lässt sich bei ischämischen Schlaganfällen der Schaden des Gehirns begrenzen. Bei hämorrhagischen Schlaganfällen ist die Lysetherapie dagegen selbstverständlich kontraindiziert. Es kommt also darauf an, möglichst schnell herauszufinden, was die Ursache für die Symptome des Patienten ist, und dann sofort zu behandeln. Die Zeit zwischen dem Eingang des Notrufs und dem Beginn der Lysetherapie ist daher ein allgemein anerkannter Parameter für die Güte der Schlaganfall-Versorgung in einer Gegend.

 

In Berlin beträgt diese Zeitspanne durchschnittlich 77 Minuten. »Das ist im internationalen Vergleich ein sehr guter Wert«, sagte Professor Dr. Heinrich Audebert von der Charité bei einer Pressekonferenz der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) in Berlin. »Allerdings sterben beim akuten Schlaganfall pro Minute 1,9 Millionen Nervenzellen ab; wir würden deshalb gerne noch schneller sein.« Zu diesem Zweck hat die Berliner Feuerwehr seit Februar 2011 ein speziell ausgestattetes Stroke-Einsatz-Mobil (STEMO) am Start. Damit gelang es, die Zeit vom Notruf bis zur Behandlung auf 52 Minuten zu verkürzen. Das zeigte eine Vergleichsstudie mit 7000 Patienten, deren Ergebnisse Audebert präsentierte. Die Behandlung war dabei so sicher wie im Krankenhaus.

 

Das Hightech-Fahrzeug verfügt unter anderem über einen Computertomografen (CT) und ein Mini-Labor, sodass der mitfahrende Neurologe noch am Einsatzort die Diagnose stellen und eine Lysetherapie beginnen kann. »Wir mussten strenge Strahlenschutz-Auflagen erfüllen und den CT nach innen und nach außen hermetisch abschirmen. Damit das STEMO nicht umsonst ausrückt, haben wir ein Abfrageprotokoll entwickelt, anhand dessen die Mitarbeiter der Leitstelle entscheiden, ob es sich bei dem Notfall um einen Schlaganfall handeln könnte«, schilderte Audebert einige Probleme des Projekts.

 

Depressionen häufig

 

Ein Schlaganfall verändert von einer Sekunde auf die andere das gesamte Leben Betroffener und ihrer Familien. Eine Folge des Ereignisses, die häufig nicht genügend ernst genommen wird, ist die Post-Schlaganfall-Depression. »Sie tritt bei mindestens einem Drittel aller Schlaganfall-Patienten auf und ist mit einem schlechteren Outcome sowie einer erhöhten Sterblichkeit assoziiert«, sagte Professor Dr. Matthias Endres, ebenfalls von der Charité und erster Vorsitzender der DSG. Dem Neurologen zufolge dauert es meist Tage oder Wochen, manchmal auch bis zu zwei Monate, bis sich die Depression nach einem Schlaganfall manifestiert. Vor allem bei Patienten mit neurologischen Einschränkungen sei die Diagnose schwierig.

 

Es ist keine Überraschung, dass Patienten, die gerade einen Schlaganfall erlitten haben und in der Folge womöglich bleibend behindert sind, depressiv verstimmt sind. »Allerdings scheinen zur Post-Schlaganfall-Depression auch biologische Mechanismen beizutragen, die über das reaktive Maß hinausgehen«, so Endres. So seien beispielsweise Depressionen nach einem Schlaganfall häufiger als bei orthopädischen Erkrankungen mit vergleichbarem Behinderungsgrad.

 

Diese biologischen Mechanismen könnten eine Erklärung dafür sein, dass Schlaganfall-Patienten von einer Therapie mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) doppelt profitieren. Endres zitierte eine Studie aus »The Lancet Neurology«, in der Patienten mit hochgradiger halbseitiger Lähmung innerhalb von fünf bis zehn Tagen nach einem Schlaganfall mit Fluoxetin oder Placebo behandelt wurden (doi: 10.1016/S1474-4422(10)70314-8). Der SSRI verhinderte nicht nur Post-Schlaganfall-Depressionen, sondern verbesserte auch den Erfolg der motorischen Rehabilitation. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 44/2013

 

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