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Ehrenamt: Die Notfallhelfer

MAGAZIN

 
Ehrenamt

Die Notfallhelfer


Von Anna Hohle, Berlin / Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) feiert in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag. Viele Einsätze der Hilfs­organisation sind nur möglich, weil Menschen sich dort ehrenamtlich in ihrer Freizeit engagieren. Zeit, einen von ihnen zu begleiten. Schauplatz ist die Grüne Woche in Berlin.

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Der Mann ist rot im Gesicht, schwitzt und schnappt nach Luft. Dann holt er tief Atem und – bläst erneut in sein Waldhorn. Die Menge klatscht rhythmisch, es ist voll und es ist laut in Halle 22b. Patrick Wagner aber kann entspannt weitergehen: Der rotgesichtige Mann aus der bayerischen Blaskapelle ist heute kein Fall für ihn.




Etwa 400 000 Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich beim Roten Kreuz. Hier sieht man einige von ihnen bei einer Veranstaltung anlässlich des 150. Jubiläums vor dem Brandenburger Tor in Berlin.

Foto: dpa


Wagner, 32, dunkle Haare und Brille, ist Rettungssanitäter und einer von rund sechzig ehrenamtlichen DRK-Mitarbeitern, die an diesem Sonntag im Januar auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin im Einsatz sind. Mehr als 400 000 Besucher strömen an den zehn Messetagen auf das 5 Hektar große Gelände. Um bei medizinischen Notfällen schnell vor Ort zu sein, arbeiten Wagner und sein Kollege Ingo Dymanski heute als mobile Sanitätsstreife. Die beiden Sanitäter gehen dafür von Halle zu Halle, zeigen Präsenz und bieten bei Bedarf medizinische Hilfe an. Bis zu neun solcher Streifen sind an Messe­tagen auf dem Gelände unterwegs.

 

Wo viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen, kann schnell etwas passieren. Das weiß man nicht erst seit dem Unglück auf der Love Parade 2010. Schon bei Veranstaltungen ab 1000 Besuchern ist die Anwesenheit von Sanitätern deshalb vorgeschrieben. Mit der Größe des Events muss auch die Zahl der Helfer steigen. Einst gegründet, um verwundete Soldaten auf den Schlachtfeldern des 19. Jahrhunderts zu versorgen, engagiert sich das DRK heute nicht nur im Katastrophenschutz, in Sozialarbeit und Pflege. Die Non-Profit-Organisation stellt auch seit vielen Jahrzehnten Personal, Material und Rettungsfahrzeuge für den sogenannten vorbeugenden Sanitätsdienst bei Großveranstaltungen.

 

Präsenz bei Messen und Fußballspielen

 

Die Grüne Woche ist eine Messe für Landwirtschaft und Lebensmittel. Anders als beispielsweise bei Fußballspielen sind Tumulte hier eher nicht zu erwarten. Dennoch ist bei der großen Menge an Besuchern die Anwesenheit von Sanitätern Pflicht. Wagner und die anderen Rotkreuzler stehen für den Notfall bereit. Sie helfen in Sanitäts­wachen und als Streife, stellen den Fernmeldedienst oder bekochen ihre Kollegen in der eigens eingerichteten Küche. Nicht nur Berliner Ehrenamt­liche sind dabei, auch aus dem Rest der Bundesrepublik sind DRK-Frauen und -Männer angereist.

 

Den Ernstfall haben die Kollegen viele Male geprobt. Sollte es im Gedränge der Besucher einen medizinischen Notfall geben, wäre dank mehrerer Streifen stets schnell ein Helfer vor Ort. Auch ein Notarzt ist ständig auf der Messe anwesend, ihn kontaktieren die Ehrenamtlichen bei Bedarf über Funk.

 

»Wirkliche Notfälle gibt es auf Messe-Veranstaltungen aber zum Glück selten«, erzählt Wagner, während er und Dymanski sich aufmerksam durch die Besuchermassen schieben. Immer wieder werden die beiden angesprochen und nach Pflastern, Schmerztabletten oder auch nur dem Weg zur Toilette gefragt. Wenn es zu Einsätzen komme, dann meist, weil ein Besucher in den gut geheizten Räumen Kreislaufprobleme bekommen hat oder im Gedränge gestolpert ist, erzählt Wagner. Hinzu kommt, dass die Grüne Woche vor allem älteres Publikum anzieht und auch viele Aussteller in diesen Tagen chronisch überarbeitet sind. So steigt die Wahrscheinlichkeit für kleinere medizinische Zwischenfälle.

 

Keine Spur jedoch von Notsituationen, wie man sie auf einer Messe mit reichlich kulinarischen Spezialitäten ebenfalls erwarten könnte: Durch zu viel exotisches Essen wird hier kaum jemand zum Patienten und auch Schnapsleichen hat Wagner auf der Grünen Woche selten zu betreuen. »Dazu ist der Alkohol hier auch einfach zu teuer«, sagt der Sanitäter lächelnd. Einige Minuten später folgt sein erster Einsatz: Eine Frau mit blutendem Bein kommt angehumpelt. Routine für Wagner und Dymanski, neben Verband und Pflaster gibt es ein Lächeln und ein paar aufmunternde Worte. Kurz darauf versorgen die beiden einen Mann mit Nasenbluten, anschließend ruft ein Kollege zur Lagebesprechung – Messealltag für die Helfer. Dazwischen bleibt gerade noch Zeit, kurz ein prämiertes Rind zu tätscheln.

 

Eins wird im Laufe des Tages deutlich: Ohne die vielen Ehrenamtlichen wäre ein so unkomplizierter Ablauf der Erstversorgung wohl kaum möglich. Umso mehr drängt sich die Frage nach der Motivation der Freiwilligen auf, die viel Freizeit für ihr Ehrenamt aufwenden. Wagners Faszination für den Rettungsdienst begann 2006. Damals arbeitete der junge Mann als Pressesprecher bei einer politischen Organisation, hatte zuvor Politik studiert und mit Medizin nicht viel am Hut. Während eines Besuchs der Fußball-Weltmeisterschaft beobachtete er interessiert die vielen DRK-Helfer an der Berliner Fanmeile. »Ich wollte schon lange etwas Ehrenamtliches machen und hatte plötzlich Lust, auch genau so etwas zu tun«, erzählt Wagner.

 

Teamarbeit macht Spaß

 

Also belegte er seinen ersten Sanitätslehrgang und erwarb anschließend eine 520-Stunden-Qualifikation zum Rettungssanitäter. Seitdem ist Wagner ehrenamtlich für das Rote Kreuz unterwegs auf Messen, Konzerten und anderen Großveranstaltungen im Raum Berlin. Dabei engagiert er sich längst nicht nur beim Sanitätsdienst. Wagner steuert auch einen Kältebus für Obdachlose und setzt sich für die Verbreitung der Werte der Genfer Konventionen ein. Fragt man ihn, warum er sich engagiert, denkt der DRK-Mann kurz nach. Es sei eben ein gutes Gefühl, helfen zu können. Noch dazu machten die Ein­sätze im Team viel Spaß.

 

Rüdiger Kunz betreut die Öffentlichkeitsarbeit beim DRK-Landesverband Berlin und kennt die Motive der Ehrenamtlichen seit vielen Jahren. Zum Sanitätsdienst kämen vor allem jüngere Leute, erzählt er, Menschen mit Lust auf Abenteuer und dem Wunsch, aktiv zu helfen. Stille Persönlichkeiten engagierten sich dagegen häufig im Wohlfahrtsbereich des DRK, etwa in Betreuungsprojekten und in der Seelsorge.




Kleine Wunden zu verarzten, gehört für Sanitäter bei Großveranstaltungen zur Routine.

Foto: PZ/Hohle


Aber was heißt häufig? Nicht nur beim DRK beobachtet man seit Jahren besorgt einen Trend weg vom Ehrenamt. Insbesondere junge Leute seien immer seltener bereit, sich regelmäßig zu engagieren, erzählt Kunz. Woran das liegt, kann der Rotkreuzler nicht sagen. »Früher gab es richtige DRK-Familien«, erzählt er wehmütig. »Mutter, Vater, Kinder: Alle waren dabei.« Doch diese Zeiten seien vorbei. In Zahlen heißt das, dass mit rund 2000 Menschen heute in der gesamten Hauptstadt so viele DRK-Freiwillige arbeiten wie früher allein in West-Berlin.

 

Diese Entwicklung könnte nach Ansicht von Kunz langfristig zum Problem werden. Nicht nur müssten die Wohlfahrtsprojekte in Zukunft mit weniger Hilfe auskommen. Vor allem im Bereich Katastrophenschutz könne es riskant werden, wenn zukünftig Personal für die Bereitschaft fehle. Bei Katastrophen stoßen die hauptamtlichen Rettungs­assistenten schnell an ihre Personalgrenzen und werden dann durch Ehrenamtliche ergänzt. Mit schwindendem Nachwuchs fehlen diese Reserven.

 

Der Nachwuchs fehlt

 

Beim DRK hat man die Problematik seit einiger Zeit erkannt und versucht nun, mit veränderten Angeboten auf den Nachwuchsmangel zu reagieren. »Wir schaffen jetzt mehr Möglichkeiten für kurzzeitiges ehrenamtliches Engagement«, erzählt Kunz. So will man auch diejenigen erreichen, die sich nicht langfristig engagieren können oder wollen. Überdies geht das Rote Kreuz verstärkt in die Öffentlichkeit und wirbt für die ehrenamtliche Tätigkeit. »Wir versuchen dabei, die Arbeit weniger in problematischen Zusammenhängen mit Unfallbildern darzustellen, sondern eher mit Positivem zu verbinden«, sagt Kunz. Etwa, indem man einzelne Helfer in Kurzporträts vorstellt oder mit großen Aktionen den Zusammenhalt unter den Ehrenamtlichen herausstellt. So ließen sich im Januar aus Anlass des Jubiläums mehrere hundert Rotkreuzler aus ganz Deutschland vor dem Brandenburger Tor fotografieren.

 

Kunz und seine Kollegen hoffen, so wieder mehr Menschen zum ehrenamtlichen Helfen ermuntern zu können. Denn haben die jungen Leute erst einmal erlebt, wie viel Spaß die Teamarbeit macht, bleiben sie meist dabei. Patrick Wagner ist das beste Beispiel. Das Thema Rettungsmedizin interessierte ihn nach einiger Zeit so sehr, dass ihm die ehrenamtliche Tätigkeit nicht mehr ausreichte. 2008 hängte er deshalb seinen Politologen-Job an den Nagel und begann mit 28 Jahren ein Medizin­studium. Inzwischen ist er im 11. Semester, in Kürze beginnt sein praktisches Jahr. Sein Ziel ist es nun, später selbst als Anästhesist in der Notfallmedizin zu arbeiten. Auch internationale Einsätze, etwa in Katastrophengebieten, könnte er sich vorstellen. Aber ob im In- oder Ausland, eines ist für Wagner klar: Dem Roten Kreuz wird er weiterhin treu bleiben. /


Historie

Das Leid der Verwundeten der Schlacht von Solferino prägte den Schweizer Kaufmann Henry Dunant 1859 so nachhaltig, dass er vier Jahre später den Vorläufer des heutigen Internationalen Komitees vom Roten Kreuz gründete. Sein Ziel: Bei künftigen Schlachten sollten neutrale freiwillige Helfer die Verwundeten pflegen. Ihr Erkennungszeichen war eine weiße Armbinde mit rotem Kreuz. Das Deutsche Rote Kreuz war die erste der heute 187 nationalen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften. Es hat heute 3,5 Millionen Mitglieder.



Beitrag erschienen in Ausgabe 23/2013

 

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