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Depressionspatienten: Zurück in den Job

MEDIZIN

 
Depressionspatienten

Zurück in den Job


Von Christina Hohmann-Jeddi, Frankfurt am Main / Immer mehr Menschen werden wegen psychischer Erkrankungen krank­geschrieben. Wer lange ausfällt, kann Schwierigkeiten haben, in den Job zurückzukehren. Eine frühe Therapie und eine geeignete Wiedereingliederung können die Rückkehr erleichtern.

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Die Zahl der Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen hat 2012 einen neuen Höchststand erreicht. Dies zeigt unter anderem der aktuelle DAK-Gesundheitsreport, der Ende Februar vorgestellt wurde. Demnach stieg die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Leiden von 1997 bis 2012 um 165 Prozent. Damit sind die psychischen Erkrankungen auf Platz 2 nach Muskel- und Skeletterkrankungen als Grund für Arbeitsausfälle vorgerückt.




Depressionen schränken die Leistungsfähigkeit und die Konzentration von Betroffenen ein. Das muss bei einer Wiedereingliederung in den Beruf berücksichtigt werden.

Foto: Fotolia/Minerva Studio


»Solche Statistiken lassen vermuten, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen in den vergangenen Jahren angestiegen ist«, sagte Professor Dr. Jens Kuhn vom Zentrum für Neurologie und Psychiatrie am Universitätsklinikum Köln auf einem Symposium der Firma Lundbeck in Frankfurt am Main. Doch ob es sich wirklich um eine Zunahme von Neuerkrankungen handelt, oder ob dieser Anstieg der Fehltage auf ein verändertes Diagnoseverhalten der Ärzte zurückgeht, könne noch nicht definitiv beantwortet werden. »Die Analysen hierzu sind noch nicht abgeschlossen.« Es spreche aber vieles dafür, dass sich das Diagnoseverhalten der Ärzte geändert habe.

 

Ob ansteigend oder nicht: Psychische Erkrankungen sind häufig. Laut der »Studie zur Gesundheit der Erwachsenen in Deutschland« (DEGS1) des Robert-Koch-Instituts haben fast jeder vierte männliche und jede dritte weibliche Erwachsene in einem 12-Monats-Zeitraum zumindest zeitweilig unter einer voll ausgeprägten psychischen Störung gelitten. Nach den Angsterkrankungen liegt die unipolare Depression dabei auf dem zweiten Platz, so Kuhn. Etwa 13 bis 16 Prozent der Deutschen erkranken im Laufe ihres Lebens an einer behandlungsbedürftigen Depression.

 

Enorme Kosten

 

Neben dem Leid für die Betroffenen verursachen Depressionen auch enorme Kosten. Die direkten Behandlungskosten betragen etwa 5,2 Milliarden Euro pro Jahr, erklärte der Psychiater. Die indirekten Kosten lägen viermal höher. Hierzu zählen auch die Kosten, die durch Arbeitsausfälle und Frühberenten entstehen.

 

Denn psychische Erkrankungen wie Depression sind mittlerweile der häufigste Grund krankheitsbedingter Frühberentung: Sie machten 2010 bereits 39,3 Prozent der etwa 181 000 Fälle aus. »Eine schnelle und effiziente Wiedereingliederung depressiver Patienten in die Arbeitswelt ist daher ausgesprochen wichtig«, sagte Dr. Karin Siegrist von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Ein Problem bei der Wiedereingliederung sei, dass die Depression die Leistungsfähigkeit stark reduziert. »Laut Studien zur Selbsteinschätzung liegt die Arbeitsleistung bei depressiven Patienten im Schnitt etwa 5,6 Stunden pro Woche niedriger als bei Gesunden«, erklärte die Soziologin. Zudem nehme auch die Konzentrationsfähigkeit ab, Flüchtigkeitsfehler schlichen sich ein, und Betroffene hätten Angst, verantwortungsvolle Aufgaben zu übernehmen.

 

Für den Erfolg einer Wiedereingliederung spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, so zum Beispiel die Schwere der Erkrankung, mögliche Komorbiditäten wie Schlafstörungen, Angsterkrankungen und Alkoholmissbrauch, oder die Erkrankungsdauer. »Je länger eine Depression schon besteht, desto schwieriger wird die Rückkehr in den Job«, sagte Siegrist. Auch das Alter der Patienten ist wichtig: Mit zunehmendem Alter sinken die Chancen auf eine erfolgreiche Wiedereingliederung. Zudem sei es wichtig, frühzeitig mit einer Behandlung zu beginnen. Eine effektive antidepressive Therapie verbessere die Chancen nachweislich, so Siegrist.

 

Stufenweise vorgehen

 

Am besten geeignet für die Rückkehr in den Beruf sei eine stufenweise Wiedereingliederung nach dem sogenannten Hamburger Modell, sagte Siegrist. Hierbei stimmt der Patient mit seinem Arzt einen Eingliederungsplan ab, der den Gesundheitszustand des Patienten berücksichtigt. Der Arbeitnehmer arbeitet zunächst nur wenige Stunden am Tag. Die Arbeitszeit kann dann stufenweise gesteigert werden, bis wieder eine volle Berufstätigkeit erreicht ist. »Am besten kehrt der Betroffene an seinen alten Arbeitsplatz zurück, da das Einarbeiten in neue Tätigkeiten zusätzlichen Stress verursacht«, erklärte die Soziologin. Während der Eingliederung erhält der Arbeitnehmer weiterhin Krankengeld von der Krankenversicherung. Voraussetzung für dieses Modell sei, dass alle Beteiligten mit dem Vorgehen einverstanden sind: Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Krankenkasse.

 

»Das Konzept braucht eine kontinuierliche persönliche Betreuung des Patienten durch einen sogenannten Case-Manager«, sagte Siegrist. Dies könne der Betriebsarzt oder der Hausarzt sein, der den Arbeitnehmer während der Wiedereingliederung durchgehend betreut. Wichtig seien auch flankierende Maßnahmen wie ambulante Gruppentherapie und die Schulung von Vorgesetzten. Wenn die Arbeitsbedingungen zur Entstehung der Erkrankung beigetragen haben, müssen diese verändert werden, so die Referentin. Hilfreich sind hier flexiblere Arbeitszeiten und der Ausbau von Belohnung im Sinne von Wertschätzung der Leistung, fairer Kritik, Transparenz der Entscheidungen und Förderung des Arbeitnehmers, zum Beispiel durch Weiterbildungs- oder Aufstiegsmöglichkeiten.

 

Entscheidend für den Erfolg der Wiedereingliederung sei auch, dass der Patient eine wirksame leitliniengerechte Therapie erhält, sagte Kuhn. »Die Rückkehrrate ist höher, je besser eine Therapie wirkt.« Das Antidepressivum sollte gut verträglich sein und möglichst keine Nebenwirkungen haben, die die Leistungsfähigkeit weiter einschränken. Außerdem ist auch bei dem Patienten ein Umdenken nötig, sagte Kuhn. »Betroffene sollten ihr Handeln selbst hinterfragen: Muss man nachts E-Mails checken oder ständig erreichbar sein? Muss man Arbeit mit ins Wochenende nehmen?« Wer sich nicht zu stark selbst unter Stress setzt, kann von der Arbeit, der damit verbundenen Wertschätzung und den sozialen Kontakten sogar profitieren. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 10/2013

 

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