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Kombitherapie: HIV-positives Baby funktionell geheilt

PHARMAZIE

 
Kombitherapie

HIV-positives Baby funktionell geheilt


Von Annette Mende / Ärzten der US-amerikanischen Johns- Hopkins-Universität ist es gelungen, ein HIV-infiziertes Baby funktionell zu heilen. Sie behandelten das Neugeborene, anders als von den Leitlinien derzeit empfohlen, mit drei statt einem antiretroviralen Medikament. Im Alter von zwei Jahren war im Blut des Kindes trotz Absetzen der Arzneimittel kein vermehrungs­fähiges HI-Virus mehr nachweisbar.

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Im Gegensatz zu einer vollständigen Eradikation, nach der die Krankheits­erreger, um die es geht, im Blut eines Patienten überhaupt nicht mehr vorhanden sind, spricht man von einer funktionellen Heilung, wenn die Erreger zwar noch nachweisbar sind, aber vom Immunsystem ohne die Hilfe von Arzneistoffen unter Kontrolle gehalten werden. Das war laut Deborah Persaud, die den Fall bei einer Retroviren-Fachkonferenz in Atlanta am Montag vorstellte, bei dem Mädchen der Fall.




HI-Viren unter dem Elektronenmikroskop. Der Fall eines kleinen Mädchens aus den USA liefert Hinweise darauf, dass die frühe Gabe einer medikamentösen Dreifachkombi die Bildung schwer zugänglicher Reservoirs des Erregers verhindern kann.

Foto: RKI/Hans Gelderblom


Start mit Dreifachkombi am zweiten Lebenstag

 

Die Tochter einer HIV-positiven Mutter erhielt laut einer Pressemitteilung der Universität bereits 30 Stunden nach der Geburt drei verschiedene antiretrovirale Medikamente, nachdem ihre HIV- Infektion durch mehrere positive Testergebnisse bestätigt worden war. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge waren das Zidovudin (AZT), Lamivudin und Nevirapin. Weitere Tests an den Tagen sieben, zwölf und 20 zeigten eine abnehmende Viruslast, bevor diese an Tag 29 unter die Nachweisgrenze sank. Die antiretrovirale Therapie wurde bis zum 18. Lebensmonat des Babys fortgesetzt. Danach tauchte die Mutter mit dem Kind eine Weile lang nicht mehr in der Klinik auf; außerdem setzte sie die Medikamente bei ihrer Tochter ab.

 

Sechs Monate danach ergaben neuerliche Proben, dass das Virus im Blut des Mädchens mit Standardverfahren nicht mehr nachweisbar war. Mittels »ultraempfindlicher Verfahren« fand sich eine einzige HIV-RNA-Kopie im Plasma, schreibt Persaud im Abstract zu ihrer Vorlesung. Replikationsfähig waren diese Viruspartikel aber nicht, was die Wissenschaftler belegten, indem sie eine Blutprobe des Mädchens zusammen mit gereinigten CD4-positiven T-Zellen kultivierten. In der Kultur blieb die Vermehrung von HIV aus.

 

»Mit einer antiretroviralen Kombitherapie, die bei Neugeborenen schon im Alter von wenigen Tagen beginnt, könnten diese Kinder in eine Langzeit-Remission gebracht werden, ohne dass sie ihr ganzes Lebens lang Medikamente einnehmen müssen«, sagt Persaud in der Mitteilung der Universität. Die Virologin vermutet, dass dieses Vorgehen die Bildung von viralen Reservoirs verhindert. Das seien therapeutisch nur schwierig erreichbare »Verstecke« schlummernder Viren, aus denen die Erreger normalerweise innerhalb von Wochen nach dem Abbruch einer antiretroviralen Kombitherapie wieder freigesetzt werden.

 

Sollte sich der Erfolg dieses Therapieregimes wiederholen lassen, könnte es Eingang in die Empfehlungen zur Postexpositionsprophylaxe von Neugeborenen finden. Diese sehen derzeit nur eine Monotherapie mit Zidovudin vor. Laut der deutsch-österreichischen Leitlinie »HIV-Therapie in der Schwangerschaft und bei HIV-exponierten Neugeborenen« ist in Risikosituationen wie beispielsweise einer Frühgeburt bei unzureichender Viruskontrolle der Mutter auch eine Zweifachkombination aus Zidovudin plus Lamivudin möglich. Nevirapin soll laut Leitlinie nur in Ausnahmefällen und in maximal zwei Gaben noch zusätzlich verabreicht werden.

 

Um die geltenden Behandlungsstandards auf den Prüfstand zu stellen, ist es selbstverständlich noch zu früh: »Wir wollen jetzt herausfinden, ob dieses Mädchen eine ungewöhnliche Reaktion auf die sehr früh begonnene Therapie gezeigt hat, oder ob sich der Erfolg bei anderen Hochrisiko-Neugeborenen wiederholen lässt«, erklärt Persaud. Sie ist sich sicher, dass der Fall eine Rationale für den Start sogenannter Proof-of-Principle-Studien bietet.

 

Erfolg nicht überbewerten

 

Professor Dr. Norbert Brockmeyer, Sprecher des Kompetenznetzes HIV/Aids warnt gegenüber der Nachrichtenagentur dpa vor allzu großer Euphorie. »Der Fall wurde 26 Monate nachverfolgt. Das ist schon eine ganz gute Zeit, aber man muss schauen: Hält sich das oder ist das Virus doch noch irgendwo im Körper integriert?« Und auch wenn das Mädchen lange Zeit stabil in Remission bleibt, ist das Verfahren nur auf eine sehr kleine Patientengruppe anwendbar. Denn die funktionelle Heilung gelingt nur, wenn die Medikamente sehr früh gegeben werden, erinnert Brockmeyer. Fast jeder dritte HIV-Infizierte komme aber erst bei Ausbruch der Krankheit, also sehr spät, überhaupt in die Klinik. / 



Beitrag erschienen in Ausgabe 10/2013

 

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