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Vorsorge: Gesundheits-Checks infrage gestellt

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Vorsorge

Gesundheits-Checks infrage gestellt


Von Christina Hohmann-Jeddi / Den Sinn von allgemeinen Vorsorgeuntersuchungen zweifeln Forscher in einer aktuellen Cochrane-Publikation an. Der Metaanalyse zufolge leben Personen, die solche Tests vornehmen lassen, weder gesünder noch länger als Vorsorgemuffel.

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Ab 35 darf in Deutschland jeder Versicherte auf Kosten der Krankenkasse zum Gesundheits-Check-up. Die gründliche körperliche Untersuchung dient vor allem der Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenschäden oder Diabetes. Erkrankungen, die zunächst keine Beschwerden verursachen, sollen so in einem frühen Stadium entdeckt werden, um durch eine rechtzeitige Behandlung Folgeschäden zu verhindern.




Was bringen Vorsorgeuntersuchungen wirklich? Nicht viel – lässt zumindest eine aktuelle Studie vermuten.

Foto: Fotolia/Raths


Alle zwei Jahre bezahlen die Krankenkassen die Tests. Doch wie sinnvoll ist die auch in anderen Ländern gängige Praxis, beschwerdefreie Menschen zu untersuchen? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Arbeitsgruppe des dänischen Nordic Cochrane Centre um Lasse Krogsbøll in Kopenhagen. Die Wissenschaftler durchsuchten die verfügbare Literatur und schlossen insgesamt 14 randomisierte Interventions-Studien mit mehr als 182 000 Probanden in ihre Metaanalyse ein (doi: 10. 1002/14651858.CD009009.pub2). Neun Studien wiesen Ergebnisse zur Gesamtmortalität auf, im Durchschnitt wurden die Probanden über neun Jahre nachverfolgt.

 

Der Analyse zufolge haben Vorsorge­tests kaum Vorteile: Personen, die regelmäßig zu Gesundheits-Checks eingeladen wurden, unterschieden sich weder in der Gesamtmortalität noch in der Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs von Personen, die keine Vorsorgetests in Anspruch nahmen. Weiterhin fanden die Forscher keinen Effekt der Checks auf die Zahl der Krankenhauseinweisungen, der Krankschreibungen, weitere Arztbesuche, Überweisungen zu Spezialisten oder Behinderungen.

 

Mehr Diagnosen

 

Einen Unterschied gab es aber bei der Zahl der Diagnosen: In einer Studie stieg sie in der Vorsorgegruppe in sechs Jahren um 20 Prozent im Vergleich zur Kontrollgruppe. Keine Arbeit untersuchte die Zahl der Verschreibungen insgesamt, doch in zwei Studien nahm die Zahl der Verschreibungen von Blutdrucksenkern zu. Mögliche schädliche Folgen der Gesundheits-Checks wie Folgeuntersuchungen oder psychologische Effekte wurden nicht berücksichtigt, so die Forscher in ihrer in der Cochrane Library of Systematic Reviews veröffentlichten Publikation.

 

Aus den zur Verfügung stehenden Daten ließe sich kein Nutzen von Vorsorgeuntersuchungen lesen, folgern Krogsbøll und Kollegen. Ein Grund dafür könnte sein, dass Hausärzte Krankheiten auch dann diagnostizieren und eine Therapie beginnen, wenn Patienten wegen anderer Beschwerden zu ihnen kommen. Auch sei nicht in allen Studien dokumentiert worden, ob die eingeladenen Teilnehmer tatsächlich zum Gesundheits-Check erschienen. Das Ergebnis der Untersuchungen sei aber stark davon abhängig, ob etwa Personen mit besonders hohen Krankheitsrisiken wie Rauchen oder Über­gewicht zur Vorsorge gehen oder nicht.

 

Weitere Studien erforderlich

 

Die Wissenschaftler räumen zudem ein, dass einige Studien methodische Schwächen aufweisen. So war die Mehrheit der Untersuchungen nicht verblindet. Die Publikationen waren zudem recht alt: Die meisten Interventionen starteten vor 1980. Die damaligen Behandlungsmöglichkeiten seien aber mit den heutigen nicht vergleichbar. Die fehlende Evidenz beweise also nicht zwangsläufig eine fehlende Wirksamkeit der Früherkennungsmaßnahmen.

 

»Unsere Ergebnisse bedeuten nicht, dass Mediziner auf klinisch motivierte Tests und Präventivmaßnahmen verzichten sollten«, schreiben die Autoren. Doch für den Nutzen regelmäßiger Untersuchungen von beschwerdefreien Personen gebe es keine Evidenz. Im öffentlichen Gesundheitssystem sollte man daher diese Praxis überdenken. Zudem fordern die Wissenschaftler mehr Forschungstätigkeit auf diesem Gebiet. Große Interventionsstudien mit langer Nachverfolgungszeit seien zwar teuer, aber »bei Weitem nicht so teuer wie die Implementierung ineffektiver bis schädlicher Screeningprogramme«. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 43/2012

 

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