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Johanniskraut, Baldrian und Passionsblume: Die Geschwister der Seele

ORIGINALIA

 
Johanniskraut, Baldrian und Passionsblume

Die Geschwister der Seele


Von Sabine Anagnostou / Schon zu antiken Zeiten sahen sich die Ärzte mit der »Melancholia« und ihren Symptomen konfrontiert. Heute ist sie uns besser unter dem Namen Depression bekannt und hat sich inzwischen zu einer Volkskrankheit entwickelt. Über Jahrhunderte waren Heilpflanzen, die man aufgrund althergebrachter Erfahrungen applizierte, essenzielle Elemente der Behandlung von Depressionen und bis heute stellen sie eine bedeutende Therapieoption dar. Klassiker der Melancholie- beziehungsweise Depressionsbehandlung sind Johanniskraut, Baldrian und Passionsblume.

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Die in Europa heimischen Arzneipflanzen Johanniskraut und Baldrian haben ebenso wie die aus Amerika stammende Passionsblume eine uralte Tradition in der Heilkunde und alle drei werden – wenn auch unterschiedlich lang – von alters her bei nervösen oder psychischen Leiden unterschiedlicher Art eingesetzt.




Kräuterbücher sind Quellen traditionellen Wissens über Heilpflanzen. Zum Beispiel das Kreutterbuch (1611) des Pietro Andrea Mattioli.

Foto: Institut für Geschichte der Pharmazie Marburg/Retzar


Bis heute hat man ihre Inhaltsstoffe intensiv erforscht und die traditionellen Anwendungen konnten spezifiziert werden. Alle drei Arzneipflanzen haben sich bei der Behandlung psychischer oder psychisch bedingter Beschwerden bewährt und gelten als etablierte Phytotherapeutika. Damit bestätigt sich auch bei diesen traditionellen Heilpflanzen die Annahme, dass langjährige, teils über Jahrhunderte praktizierte und damit durchaus empirisch untermauerte Heilanwendungen von Medizinalpflanzen Hinweise auf entsprechend wirksame Inhaltsstoffe sein können.

 

Johanniskraut – Nomen est omen

 

Johanniskraut (Hypericum perforatum L.) gehört zu den ältesten Medizinalpflanzen des europäischen Arzneischatzes. Seit antiken Zeiten sprach man dem gelbblühenden Gewächs mit seinen drüsig punktierten Blättern, denen Hypericum das Epitheton perforatum verdankt, weil sie, gegen das Licht gehalten, durchlöchert erscheinen, vielfältige Heilwirkungen zu und ebenso mannigfaltig waren Zubereitungsformen und Applikationsarten. Bereits aus zahlreichen volkstümlichen Bezeichnungen, (1) bei denen die Heilwirkung mit christlichen Glaubensinhalten verquickt ist wie Herrgottsblut, Christiwundkraut, Johanniskraut, Herrgottswunderkraut oder Gottesgnadenkraut oder einer besonderen Kraft gegen das Böse als Krankheitsverursacher schlechthin wie Teufelsflucht oder Jageteufel zugeschrieben wird, kommt die hohe Wertschätzung der Pflanze zum Ausdruck.


PZ-Originalia

In der Rubrik Originalia werden wissen­schaftliche Untersuchungen und Studien veröffentlicht. Eingereichte Beiträge sollten in der Regel den Umfang von zwei Druckseiten nicht überschreiten und per E-Mail geschickt werden. Die PZ behält sich vor, eingereichte Manuskripte abzulehnen. Die veröffentlichten Beiträge geben nicht grundsätzlich die Meinung der Redaktion wieder.


Die heute wissenschaftlich erwiesene und immer wieder untersuchte Anwendung als Antidepressivum war zwar über die Jahrhunderte hinweg nicht diejenige, die bei einer historischen Traditionsanalyse primär ins Auge fällt, doch ist sie bereits im frühen Mittelalter fassbar. So enthält das im 8. Jahrhundert verfasste Lorscher Arzneibuch als wohl ältestes Dokument der Klostermedizin eine Rezeptur zur Behandlung der Melancholie, die unter anderem Johanniskraut aufweist, (2) ohne dass sich die Pflanze dann in der mittelalterlichen Heilkunde generell als Mittel gegen seelische Leiden etablierte.




Abbildung 1: Johanniskraut im New Kreüterbuch (1543) von Leonhart Fuchs, Cap. CCCCLXXVI .

Institut für Geschichte der Pharmazie; Marburg


Eine Indikation formiert sich

 

Etwa seit dem 16. Jahrhundert schenkten die Heilkundigen dieser Indikation zunehmend ihre Aufmerksamkeit. (Abbildung 1) Schon der berühmte Arzt Paracelsus (1493/94-1541) lobte in seinen Schriften zur Heilmittellehre (1525/26) die Wirksamkeit des Johanniskrauts gegen seelische Leiden, die den Menschen zur Verzweiflung bringen und in den Selbstmord treiben könnten. Zwar blieb er noch althergebrachten apotropäischen Vorstellungen verhaftet und riet deshalb, Johanniskraut bei sich zu tragen oder unter das Kopfkissen zu legen, doch empfahl er zudem die perorale Applikation, indem der Kranke »oft dran schmecken sollte«. (3) Während des 17. Jahrhunderts persistierte der meist äußerliche, apotropäisch begründete Gebrauch gegen böse Mächte, die nicht selten als Verursacher seelischer Erkrankungen galten, doch setzte man die Pflanze – wie der Frankfurter Stadtphysikus Johann Schroeder (1600-1664) in seinem weithin bekannten Werk Trefflich versehene Medicin-Chymische Apotheke oder höchstkostbarer Arzeney-Schatz (1685) ausführte – offensichtlich zunehmend als Arznei, etwa als Dekokt oder Essenz, zur Behandlung der »Melancholia« in diversen Erscheinungsformen ein (4), die wir aus heu­tiger Sicht dem Krankheitsbild der Depression zuordnen können.

 

Probates Mittel gegen die Melancholie

 

Der Gebrauch des Johanniskrauts zur Behandlung der Melancholie muss sich schließlich bewährt haben, wie die Empfehlungen namhafter Autoren pharmakobotanischer sowie medizinisch-pharmazeutischer Werke im Verlauf des 18. Jahrhunderts schließen lassen. So schrieb der niederländische Arzt und Botaniker Peter Hotton (1648-1709) in seinem Thesaurus phytologicus (1738), eine Essenz aus Johanniskraut helfe Melancholikern auf wunderbare Weise, wie man vielfach erfahren habe. (5) In der Armen-Apotheck (1721) aus der Feder des Arztes Johann Samuel Carl (1676-1757), die Informationen über Krankheiten und Therapien sowie Anleitung zur fachgerechten Herstellung von Arzneien für medizinische Laien enthielt, die sich eine ärztliche Behandlung nicht leisten konnten und sich daher selbst versorgen mussten, ist zu lesen, dass Johanniskraut eine »gute Nervenstärkung« sei (6), sodass diese Pflanze sicher auch volkstümlich nicht selten als Heilmittel bei psychischen Leiden herangezogen wurde. Die aus den Blüten mit Branntwein hergestellte Essentia hyperici empfahl auch der große Mediziner und Gelehrte Albrecht von Haller (1708-1777) in seiner Onomatologia medica completa (1755) innerlich gegen die Melancholie zu verabreichen. (7) In Zedlers Universal-Lexicon heißt es dann Mitte des 18. Jahrhunderts geradezu euphorisch, Johanniskrautessenz tue den Melancholischen gut, denn sie habe eine erstaunliche Kraft, die Melancholie und »verderbte Einbildung« (Zwangsvorstellungen, unbegründete Ängste) zu kurieren und sie helfe weit mehr als alle anderen edlen und kostbaren Arzneien. (8)




Abbildung 2: Porzellangefäß Herba Hyperici, letztes Drittel 19. Jh.

Deutsches Apotheken-Museum, Heidelberg


Obsoletum est?

 

Trotz des offensichtlich etablierten Gebrauchs als Antidepressivum geriet das Johanniskraut wie viele andere althergebrachte Heilpflanzen im Zuge der zunehmenden Entwicklung und Produktion synthetischer Arzneimittel während des 19. Jahrhunderts fast in Vergessenheit. So heißt es denn auch bereits Ende des 18. Jahrhunderts im 30. Band der von Johann Georg Krünitz (1728-1796) begründeten, 242 Bände umfassenden Oekonomischen Encykclopädie, das Johanniskraut sei neben diversen anderen Anwendungen auch als ein besonders wirksames Heilmittel bei allen Nervenkrankheiten, »bey hypochondrischen, hysterischen und melancholischen« Leiden befunden worden. Doch, so bedauerte der Verfasser: »Je schöner die äusserliche Gestalt dieser Pflanze ist, und je vorzüglicher ihre Kräfte und Wirkungen sind, wie wir bald hören werden: desto mehr muß man sich verwundern, daß sie bey uns Neuern fast gänzlich in Vergessenheit und Verachtung gekommen ist.« (Abbildung 2) In der Tat findet das Johanniskraut in der pharmazeutischen Fachliteratur wie Hagers Handbuch der pharmaceutischen Praxis und pharmakognostischen Standardwerken wie Alexander Tschirchs (1856-1939) Handbuch der Pharmakognosie bestenfalls am Rande mit Verweis auf einen obsoleten oder nur noch volksmedizinischen Gebrauch Erwähnung oder wurde gänzlich ignoriert.

 

Vom alten zum neuen Antidepressivum

 

Obwohl der therapeutische Einsatz des Johanniskrauts deutlich in den Hintergrund trat, verschwand die Heilpflanze nie völlig aus dem Arzneischatz. In zahlreichen europäischen Arzneibüchern blieb sie offizinelle Arzneidroge und trat als Bestandteil von Teemischungen und Fertigarzneimitteln, wie Schlaf-Tropfen »Dr. Saile« oder Hypericum-Plantrit zur Behandlung von nervösen Beschwerden auf. (9) Die seit hunderten von Jahren prinzipiell stets präsente Verwendung des Johanniskrauts als Antidepressivum rückte mit den Studien des Nervenarztes Daniels etwa seit den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder in das Interesse der Wissenschaft, und insbesondere das Präparat Hyperforat entwickelte sich daraufhin schnell zu einem erfolgreichen Therapeutikum der Depression und ihrer Symptome. Seitdem wurde die antidepressive Wirkung der traditionellen Heilpflanze intensiv untersucht und gilt heute als klinisch gesichert, wenn auch die zweifelsfreie Zuordnung entsprechender dafür verantwortlicher Wirkstoffe und -mechanismen bislang noch nicht möglich war. Zahlreiche Fertigarzneien aus Hypericumextrakten stehen inzwischen zur Behandlung leichter bis mittelschwerer Depressionen zur Verfügung. Seit November 2009 wird Johanniskraut offiziell in der deutschen Leitlinie für Depressionsbehandlung geführt. (10)




Abbildung 3: Baldrian im Contrafayt Kreüterbuch 1532–1537 von Otto Brunfels, Cap. CXV.

Institut für Geschichte der Pharmazie, Marburg


Baldrian – »macht holdselig, eyns und friedsam«

 

Baldrian blickt auf eine nicht weniger lange Tradition als Johanniskraut in der europäischen Heilkunde zurück. Bereits antike Autoren wie der griechische Arzt Dioskurides (1. Jahrhundert) schrieben Baldrianarten diverse Heilwirkungen zu, wobei Kenntnisse über die sedative Wirkung der Pflanze noch fehlen. Doch bereits im frühen Mittelalter erscheint eine Baldrianart (Valeriana phu L. oder Valeriana officinalis L.) als Bestandteil einer Rezeptur des Lorscher Arzneibuchs (8. Jahrhundert), die unter anderem bei Schlaflosigkeit Abhilfe schaffen sollte. (11) Dies kann in der Tat, wie der Würzburger Medizinhistoriker Johannes Mayer betont, als Indiz verstanden werden, dass die sedativen Eigenschaften des Baldrians zu dieser Zeit bereits bekannt waren. Doch setzte sich, den maßgeblichen medizinischen und pharmazeutischen Schriften nach zu urteilen, diese Indikation im Mittelalter nicht durch. Indes lässt sich, wie Mayer überzeugend darlegt, eine volkstümliche Überlieferung postulieren, denn verschiedene, um 1500 entstandene handschriftliche und gedruckte Quellen bergen Hinweise, dass man die Pflanze in verschiedener Weise als Sedativum gebrauchte. Der Kräuterbuchautor Otto Brunfels (um 1489-1534) jedenfalls mag um eine beruhigende Wirkung gewusst haben, merkte er doch an, das gemeinsame Trinken von Baldrianwasser mache holdselig, einig und friedlich. (12) (Abbildung 3)

 

Eine Indikation von vielen

 

Spätestens seit dem 17. Jahrhundert ist es offensichtlich, dass man Wirkungen des Baldrians beziehungsweise der Baldrianwurzel auf das zentrale Nervensystem beobachtet hatte und ihn dementsprechend therapeutisch zu nutzen versuchte. So lobt Schroeder in seinem mehrfach aufgelegten pharmazeutischen Handbuch Trefflich versehene Medicin-Chymische Apotheke oder höchstkostbarer Arzeney-Schatz (1685) den Baldrian als »göttliches Mittel wider die schwere Noth«, wie man die Epilepsie seinerzeit nannte. Diese Indikation für Baldrianarten führt dann die Pharmacopoea Wirtenbergica 1760 ebenso an wie Zedlers Universal-Lexicon(13), ohne dass im breiten Anwendungsspektrum, das den Baldrian geradezu als Panazee auswies, diesem Indikationenbereich eine ausgesprochene Präferenz zukam. Schließlich beschäftigte sich der Arzt Johann Carl von Ackern (1764-1792) in seiner 55-seitigen Dissertation De Valeriana, eiusque characteribus, viribus atque effectibus (1789) ausführlich mit den medizinischen Eigenschaften und der entsprechenden Verwendbarkeit des Baldrians. (Abbildung 4) In dieser Monografie erläutert der Verfasser explizit krampfwidrige beziehungsweise krampflösende Wirkungen der Baldrianwurzel samt daraus resultierender Verwendungsmöglichkeiten bei Epilepsie im Besonderen und sogenannten »nervösen« Leiden im Allgemeinen. Wenngleich auch andere Heilkräfte des Baldrians untersucht werden, stehen nun Wirkungen des Baldrians – meist von Valeriana officinalis L., auf das zentrale Nervensystem – vor allem krampflösende und krampfwidrige – im wissenschaftlichen Fokus. (14)




Abbildung 4: Titelblatt der Dissertation von Johann Carl von Ackern De Valeriana (1789)

(http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:3:1-151876 (Zugriff 4.11.2011)


Der Durchbruch im 19. Jahrhundert

 

Viele der überlieferten Indikationen für den Baldrian gerieten im 19. Jahrhundert in Vergessenheit, während sich die Pflanze mit dem Indikationenspektrum des Nervinums zu einem essenziellen Element des europäischen Arzneischatzes entwickelte. Ende des 19. Jahrhunderts heißt es dann in dem bekannten Werk Köhler‘s Medizinal-Pflanzen: »Die Baldrianwurzel, welche im Aufguss als Pulver, Tinktur et cetera gereicht wird, ist eines der vorzüglichsten Mittel gegen krampfhafte Leiden, Hysterie, Hypochondrie, Mygräne, Epilepsie und andere Nervenleiden.« (15) (Abbildung 5) Als offizinell galt nunmehr meist Valeriana officinalis, die in zahlreiche Pharmakopöen Europas Aufnahme gefunden hatte und in Form von Extractum Valerianae, Tinctura Valerianae, Tinctura Valerianae aetherea, Tinctura Valerianae ammoniata oder Oleum Valerianae appliziert wurde. Freilich enthielten dann auch viele Zubereitungen zur Behandlung sogenannter Nervenleiden Baldrianwurzel, etwa Aqua Valerianae, Species nervinae Hufeland, Guttae antispasmodicae C. J. Meyer oder Syrupus antineuralgicus Lebrou. Angeboten wurde übrigens ein in Italien produziertes baldrianhaltiges Pulver, das in Hagers Handbuch der pharmaceutischen Praxis als »neues und kostbares Heilmittel gegen Epilepsie (Fallsucht) und gegen alle Gattungen Nervenleiden« verzeichnet ist. (16) (Abbildung 6)

 

Ein bewährtes Sedativum

 

Trotz der zunehmenden Entwicklung spezifischer synthetischer Arzneimittel mit Einfluss auf das Nervensystem blieb die offensichtlich als Nervinum bewährte Baldrianwurzel ein essenzielles Element der Therapie, das auch in diversen Arzneispezialitäten wie Nervosin, Pizzala gegen Hysterie und Nervenleiden oder Dr. Rays Nervol gegen Schlaflosigkeit zur Anwendung kam. (17) Während die pharmazeutischen und pharmakognostischen Standardwerke zunächst noch vor allem die spasmolytischen Eigenschaften der Baldrianwurzel betonten, trat im Kontext der wissenschaftlichen Erforschung der Inhaltsstoffe, die schon Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hatte, zunehmend die sedative Wirkung samt dem Einsatz als Schlafmittel in den Vordergrund. Gemäß dem Lehrbuch der Pharmakognosie für Hochschulen von 1946 galt Baldrian als Sedativum, dessen Wirkung seit langem bekannt war, und man empfahl die Wurzel bei »allgemeiner Nervosität, bei nervösen Schlafstörungen und Herzbeschwerden«. (18) Baldrianhaltige Fertigarzneimittel wie Baldocrat®, Baldravin®, Baldrian-Dispert® und Baldriantropfen »Dr. Riethmüller«® verabreichte man dann auch als Sedativum, Herz- und Nervenberuhigungsmittel, bei nervöser Schlaflosigkeit, Übererregbarkeit oder Angstgefühlen. (19) Heute zählt Baldrian zu den wohl am meisten gebrauchten pflanzlichen Sedativa und gilt als anerkanntes Phytotherapeutikum für die Langzeittherapie von Unruhezuständen und Schlafstörungen. Obgleich man Baldrian intensiv untersucht hat, konnte man die für die nachgewiesene Wirkung verantwortlichen Inhaltsstoffe nicht ermitteln. Man geht heute davon aus, dass sie dem Zusammenwirken mehrerer Stoffgruppen zuzuschreiben ist. (20)




Abbildung 5: Baldrian in Köhler’s Medizinal-Pflanzen (1887)

mit freundlicher Genehmigung von Kurt Stueber, www.biolib.de


Passionsblume – traditionelles amerikanisches Nervinum

 

Im Gegensatz zu Johanniskraut und Baldrian stammt die Passionsblume aus dem traditionellen amerikanischen Arzneischatz. (21) Ihren Name verdankt sie übrigens ihrer auffallend schönen Blüte, in der man die Symbole der Passion Christi versinnbildlicht sah. Während in Europa heute die in Nordamerika heimische Passiflora incarnata L. als offizinell gilt, bedient man sich in Südamerika wohl seit Jahrhunderten auch anderer Spezies Passiflora. Wenngleich der niederländische Arzt Willem Piso (1611-1678) in seinem Werk über die Natur und Heilmittel Brasiliens De Indiae utriusque re naturali et medica (1658) bereits diverse Passionsblumenarten samt medizinischer Verwendbarkeit beschrieben hatte (Abbildung 7), finden sich eindeutige Hinweise für den sedativen Gebrauch der Passionsblume erst in der Materia médica misionera (Anfang 18. Jahrhundert) aus der Feder des Heilkundigen Pedro Montenegro (1663-1728). In diesem Werk legte der spanische Jesuit seine auf jahrelanger Erfahrung, persönlichen Studien und Informationen der Eingeborenen basierenden Kenntnisse über meist amerikanische Medizinalpflanzen nieder. Die Passionsblume, von der er verschiedene Arten kannte, empfahl er als »quid pro quo del lupulo«, als gleichwertigen Ersatz für den Hopfen, womit davon auszugehen ist, dass er ihre sedativen Eigenschaften kannte und dieses Wissen wahrscheinlich den Eingeborenen Paraguays verdankte, sodass hier eine alte Tradition nicht ausgeschlossen ist. (22) Passionsblumenarten schätzte man in Südamerika auch in den folgenden Jahrhunderten – manche heute noch – als Sedativa. So erklärte etwa Domingo Saggese in seinem Werk über argentinische Heilpflanzen, Passiflora caerulea L. (Abbildung 8), die bis heute volksmedizinisch in Argentinien als nervenberuhigende Arznei genutzt wird, (23) werde seit undenklichen Zeiten benutzt, sie sei ein krampflösendes Mittel ersten Ranges und eines der besten Nervenberuhigungsmittel überhaupt. (24) Umso überraschender ist es, dass sich Passiflora dann von Nordamerika ausgehend in Europa als Heilpflanze etablierte.




Abbildung 6: Aqua Valerianae um 1820.

Apothekenmuseum Winkler, Innsbruck


Entscheidende Impulse aus Nordamerika

 

Obgleich schon bald nach der Entdeckung Amerikas Berichte einschließlich Informationen über den heilkundlichen Gebrauch der Pflanze Europa erreichten und die Pflanze selbst Anfang des 17. Jahrhunderts nach Europa gebracht wurde, erfreute sie sich hier zunächst vor allem wegen der Symbolträchtigkeit ihrer Blüten als Zierpflanze großer Beliebtheit. Der neapolitanische Arzt Nardo Antonio Recchi wies zwar in seinem Kommentar zur Passionsblume im monumentalen Werk des spanischen Arztes Francisco Hernández (1514/17–1587) Rerum medicarum Novae Hispaniae thesaurus (1648) über mittelamerikanische Heilpflanzen darauf hin, dass die Passionsblume gegen die Melancholie helfe, (25) doch konnte sie sich vorerst weder in dieser noch in anderen Indikationen als Heilmittel durchsetzen. Dies änderte sich erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Um 1840 hatte man Passiflora incarnata, die zuvor schon volksmedizinisch als Antiepileptikum geschätzt wurde, (26) in Nordamerika in die Therapie eingeführt und bereits um 1900 genoss sie allgemeine Anerkennung als Spasmolytikum und Sedativum und wurde vor allem bei Schlaflosigkeit, Neurasthenie sowie anderen Erkrankungen der Nerven empfohlen. Insbesondere betonte man allenthalben, dass der durch Passiflora incarnata herbeigeführte Schlaf erholsam und ohne üble Nachwirkungen sei. (27)

 

Zum anerkannten Sedativum in Europa

 

In Europa fand Passiflora incarnata dann 1901 Aufnahme in das Deutsche Homöopathische Arzneibuch. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte sich ihr Gebrauch offensichtlich bewährt, denn Gerhard Madaus widmete ihr in seinem Lehrbuch der biologischen Heilmittel (1938) eine ausführliche, auf einschlägige wissenschaftliche Publikationen gestützte Abhandlung, in deren Mittelpunkt vor allem die beruhigende, schlafbringende und krampfstillende Wirkung der Heilpflanze steht. (28)




Abbildung 7: Passionsblume in der De Indiae utriusque re naturali et medica (1658) von Willem Piso.

Apothekenmuseum Winkler, Innsbruck


Zur Therapie verfügte man über diverse Kombinationspräparate mit Passiflora wie Passidil, Passinil oder Passiorin, die gegen nervöse Erschöpfungszustände, neurovegetative Dystonien, Erregungszustände und Schlaflosigkeit verabreicht wurden. (29) Mitte des 20. Jahrhunderts begann dann auch die systematische Untersuchung der Inhaltsstoffe von Passiflora incarnata.

 

Heute gilt sie als etabliertes Phytotherapeutikum, das in verschiedenen Mono- und Kombinationspräparaten zur Verfügung steht und dessen Wirkung bei leichten nervösen Spannungszuständen und Einschlafstörungen belegt ist. Eine anxiolytische Wirkung wurde nachgewiesen und Patienten mit Angststörungen erfolgreich therapiert. (30) Indes ist auch bei dieser traditionell als Sedativum angewendeten Heilpflanze bislang nicht eindeutig geklärt, auf welchen Inhaltsstoffen exakt die Wirkung basiert.

 

Ein starkes Trio

 

Angesichts der Übereinstimmungen im traditionellen Anwendungsspektrum von Johanniskraut, Baldrian und Passionsblume lag freilich auch stets der Gedanke nah, sie gemeinsam in Kombinationspräparaten zur Wirkungsverstärkung einzusetzen. So finden sich im 20. Jahrhundert diverse Arzneimittel und empfohlene Rezepturen, die neben diversen anderen Bestandteilen meist nur zwei dieser drei Heilpflanzen enthalten: zum Beispiel Schlaf-Tropfen »Dr. Saile« (Baldrian und Johanniskraut), eine als Nervinum und bei Schlaflosigkeit empfohlene Rezeptur (Baldrian und Johanniskraut), Sedariston® zur Behandlung von vegetativer Dystonie (nervöse Störungen mit verschiedenen Beschwerden wie Unruhe, Einschlafstörungen, Magendruck, Schwindelgefühl, Herzklopfen und Herzbeklemmung – Baldrianwurzel und Johanniskraut) oder Hyperflorin® (Johanniskraut und Passionsblumenkraut). (31)




Abbildung 8: Passiflora caerulea

Foto: Fotolia /Axel Gutjahr


Mit den Präparaten (Phyto)-beridin®, Kytta Sedativum® und Neurapas® kamen dann Fertigarzneimittel auf den Markt, in denen neben anderen alle drei Heilpflanzen vertreten sind. (32) Sie dienten unter anderem zur Behandlung von Nervosität, Reizbarkeit, Einschlafstörungen (Phyto-beridin®), von Angst und Spannungszuständen, Erregung und Schlafstörungen (Kytta Sedativum®), reaktive, agitierte und larvierte Depression, Melancholie, Neurasthenie und Organneurosen (Neurapas®). Eine reine Dreierkombination stellt nur das Phytotherapeutikum Neurapas® balance dar, das gegen leichte Depressionen mit nervöser Unruhe zum Einsatz kommt. Jüngst konnten übrigens in präklinischen Studien synergistische Effekte zwischen Johanniskraut und Passionsblume nachgewiesen werden, sodass bei der antidepressiven Behandlung die Dosen von Hypericum durch die Kombination mit Passiflora bei gleicher Wirksamkeit reduziert werden können. (33)

 

Tradition – ein Indiz für die Wirksamkeit

 

Die heilkundliche Tradition von Johanniskraut, Baldrian und Passionsblume zeigt exemplarisch, dass gerade Anwendungen, die seit Jahrhunderten praktiziert wurden, durchaus sinnvoll sind und sogar durch heutige wissenschaftliche Untersuchungen begründbar und damit berechtigt sind. Dabei müssen solche tradierten Anwendungen nicht immer diejenigen sein, die stets im Fokus der Aufmerksamkeit standen oder besonders weit verbreitet waren, vielmehr gilt es nachzuweisen, welche Wirkungen der Pflanzen über Jahrhunderte persistierten, und diese gegebenenfalls für die moderne Phytotherapie wiederzuentdecken. Die pharmaziehistorische Analyse der althergebrachten Anwendung von Johanniskraut, Baldrian und Passionsblume beweist wieder einmal, dass traditionelle Heilpflanzen bemerkenswertes Potenzial für die moderne Phytotherapie bergen können. /


Literatur

  1. Siehe H. Marzell: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. Bd. 2, Leipzig 1972, Sp. 946–949.
  2. U. Stoll: Das ‚Lorscher Arzneibuch‘. Ein medizinisches Kompendium des 8. Jh. (Codex Bambergensis medicinalis 1). Text, Übersetzung und Fachglossar. Stuttgart 1992 (Sudhoffs Archiv, Beihefte; 28), S. 275.
  3. [Paracelsus]: Medizinische, naturwissenschaftliche und philosophische Schriften. Herausgegeben von Karl Sudhoff. Bd. 2, München/Berlin 1930, S. 114, 116f.
  4. J. Schroeder: Trefflich versehene Medicin-Chymische Apotheke oder höchstkostbarer Arzeney-Schatz. Nürnberg 1685, S. 944.
  5. P. Hotton: Thesaurus phytologicus. Das ist: Neu=eröffneter und reichlich=versehener Kräuter-Schatz. Nürnberg 1738, S. 165.
  6. J. S. Carl: Armen-Apotheck. Büdingen 1721, S. 38.
  7. A. von Haller: Onomatologia medica completa oder Medicinisches Lexicon. Frankfurt/Leipzig 1755, Sp. 796f.
  8. J. H. Zedler: Großes vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste. Halle/Leipzig 1732–1754, Bd. 13, Sp. 1472.
  9. Siehe hierzu C. Tschupp: Johanniskraut. Hypericum perforatum L. Vom Hexenkraut zum modernen Arzneimittel. Liebefeld BE 2004 (Veröffentlichungen der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie; 26), S. 163, 168f., 173, 174, 178–180; Gehes Codex. 7. Auflage, Dresden 1937, S. 1299, 1459.
  10. S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. Langfassung, Version 1.2, August 2011, basierend auf der Fassung von November 2009. AWMF-Register-Nr.: nvl-005, S. 96.
  11. U. Stoll [wie Anm. 2], S. 261.
  12. O. Brunfels: Contrafayt Kreüterbuch. Straßburg 1532–1537. Reprint München 1964, Cap. CXVI. Siehe hierzu J. Mayer: Zur Geschichte von Baldrian und Hopfen. Eine moderne Verbindung alter Arzneipflanzen? In: Zeitschrift für Phytotherapie 24 (2003), S. 70–81, hier 70–72.
  13. Pharmacopoea Wirtenbergica in duas partes divisa. Stuttgart 1760, S. 41; J. H. Zedler (wie Anm. 8), Bd. 3, Sp. 202.
  14. J. C. von Ackern: De Valeriana, eiusque characteribus, viribus atque effectibus. Halle 1789, S. 20, 26–38.
  15. G. Pabst (Hrsg.): Köhler‘s Medizinal-Pflanzen in naturgetreuen Abbildungen mit kurz erläuterndem Texte. Bd. 1, Gera-Untermhaus 1887, S. 47.
  16. Hagers Handbuch der pharmaceutischen Praxis. Für Apotheker, Ärzte, Droguisten und Medicinalbeamte. Zweiter Theil, Berlin 1878, S. 1218–1221.
  17. Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis. Für Apotheker, Ärzte, Drogisten und Medizinalbeamte. Zweiter Band. Berlin 1927, S. 898.
  18. G. Karsten / U. Weber: Lehrbuch der Pharmakognosie für Hochschulen. Jena 1946, S. 97.
  19. Gehes Codex. 9., neubearb. Auflage, München 1960, S. 130f.
  20. R. Hänsel / O. Sticher (Hrsg.): Pharmakognosie – Phytopharmazie. 9., überarb. und aktual. Aufl. Heidelberg 2010, S. 770f.
  21. Siehe hierzu ausführlich: S. Anagnostou: Maracujá, Granadille, Flor de la Pasión. The historical tradition of the Passionflower in medicine and pharmacy in America and Europe. In: Analecta historico medica III (2005), t. 1, S. 143–162; und S. Anagnostou / C. Staiger: Passiflora – Jahrhundertealte Tradition und moderne Pharmazie. In: Zeitschrift für Phytotherapie 27 (2006), S. 6–11.
  22. P. Montenegro: Materia médica misionera. Noticia preliminar de Raúl Quintana. Buenos Aires 1945, S. 101.
  23. E. L. Ratera / M. O. Ratera: Plantas de la flora argentina empleadas en medicina popular. Buenos Aires 1980, S. 126.
  24. D. Saggese: Yerbas medicinales argentinas. Breves apuntes de las propriedades de las mismas e indicaciones para su uso. Novena edición, corregida y aumentada por Angel Antonio Saggese. Rosario 1949, S. 71f.
  25. F. Hernández: Rerum medicarum Novae Hispaniae thesaurus. Rom 1648; Reprint Rom 1992, S. 302.
  26. J. D. Schoepf: Materia medica americana potissimum regni vegetabilis. Erlangen 1787; fotomech. Neudruck, Leipzig 1974, S. 131.
  27. H. W. Felter / J. U. Lloyd: King’s American Dispensatory. Cincinnati 1898, s.v. Passiflora. www.henriettesherbal.com/eclectic/kings/passiflora.html (Zugriff 30.10.2011); und F. J. Petersen: Materia medica and Clinical Therapeutics. Los Olivos, CA 1905, s. v. Passi­flora incarnata. www.henriettesherbal.com/eclectic/petersen/passiflora.html (Zugriff 30.10.2011).
  28. G. Madaus: Lehrbuch der biologischen Heilmittel. Abteilung I: Heilpflanzen. Bd. 2, Leipzig 1938; Nachdruck, Hildesheim/New York 1976, S. 2070–2073.
  29. Gehes Codex. 9., neubearbeitete Auflage, Stuttgart 1960, S. 935f.
  30. Siehe hierzu L. Krenn: Aktuelles über Passi-flora incarnata. In: Zeitschrift für Phytotherapie 27 (2006), S. 47–50; und S. Akhondzadeh / H. R. Naghavi / M. Vazirian et al.: Passionflower in the treatment of generalized anxiety: a pilot double-blind randomized controlled trial with oxazepam. In: Journal of Clinical Pharmacy and Therapeutics 26 (2001), S. 363–367.
  31. Gehes Codex. 7. Auflage, Dresden 1937, S. 1459; G. Madaus (wie Anm. 28), S. 1594, B. Helwig: Moderne Arzneimittel: eine Spezialitätenkunde nach Indikationsgebieten für Ärzte und Apotheker. 4., völlig neubearb. und erw. Aufl. 1972, S. 124; Tschupp (wie Anm. 9), S. 195.
  32. Rote Liste. Verzeichnis pharmazeutischer Spezialpräparate. Aulendorf 1967, S. 669; Rote Liste. Verzeichnis von Fertigarzneimitteln der Mitglieder des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie e. V. Aulendorf 1981, Nr. 70 011; Tschupp (wie Anm. 9), S. 190.
  33. B. L. Fiebich / R. Knörle / K. Appel / T. Kammler / G. Weiss: Pharmacological studies in an herbal drug combination of St. John’s Wort (Hypericum perforatum) and passion flower (Passiflora incarnata): In vitro and in vivo evidence of synergy between Hypericum and Passiflora in antidepressant pharmacological models. In: Fitoterapia 82 (2011), S. 474–480.

Kontakt

Privatdozentin Dr. Sabine Anagnostou, Institut für Geschichte der Pharmazie, Philipps-Universität Marburg, Roter Graben 10, 35032 Marburg, E-Mail: anagnost@staff.uni-marburg.de


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 48/2011

 

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