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Schwarze Haarzunge: Hässlich, aber harmlos

PHARMAZIE

 
Schwarze Haarzunge

Hässlich, aber harmlos


Von Diana Helfrich / Antibiotika sowie Arzneistoffe, die Mundtrockenheit verursachen, können eine Schwarze Haarzunge auslösen. So unangenehm ihr Anblick ist - die Erscheinung ist gutartig.

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Der Leidensdruck ist groß: Eine schwarze Zunge, aus der Haare wachsen – die black hairy tongue (BHT, nigritis linguae, lingua villosa nigra oder Schwarze Haarzunge) ist ein Phänomen, das schon beim Hinsehen Ekel auslösen und bei Betroffenen zudem ein Kitzeln, ja sogar einen Würgereiz hervorrufen kann. Schon lange wird die BHT auch mit Arzneimitteln in Zusammenhang gebracht. Ein Forscherteam um Dennis F. Thomson von der Southwestern Oklahoma State University (USA) zeigte nun durch die erneute Auswertung vorhandener Daten, dass die Schwarze Haarzunge tatsächlich von Antibiotika und von Mitteln, die zu Mundtrockenheit führen, hervorgerufen werden kann (Drug-induced black hairy tongue: Pharmacotherapy 2010; 30 (6): 585-593).




Vor einer schwarzen Zunge muss man sich nicht fürchten. Manche Arzneimittel oder auch Rauchen können zu der unschönen, aber harmlosen Erscheinung führen.

Foto: Fotolia/Klose


Die gutartige Veränderung zeigt sich meist im hinteren Drittel der Zunge. Was dabei als Haare erscheint, sind tatsächlich verlängerte und verdickte Papillen, hervorgerufen durch eine gestörte Abstoßung der obersten, ver­hornten Schichten der Haut. Die Haare sind dann Fänger für zum Beispiel Essens­reste, Pilze oder Bakterien. Diese Ansamm­lungen tragen zu der Verfärbung bei: Die Zunge erscheint schwarz, aber auch braune, gelbe und grüne haarige Beläge sind bekannt. Darüber hinaus können die Ablagerungen zu Geschmacksveränderungen, Übelkeit, Mund­geruch und Schmerzen oder Brennen führen.

 

Schon vor fast 500 Jahren beschrieben

 

Erstmals wurde die behaarte Zunge im Jahr 1557 beschrieben, seitdem gibt es einen »kleinen, aber anhaltenden Fluss von Interesse und wissenschaftlicher Literatur« zu diesem Phänomen, so die Autoren um Thompson. Das Team hat die Veröffentlichungen der letzten 60 Jahre zusammengetragen und unter anderem nach Prävalenz ausgewertet. Diese variiert stark, unter Schulkindern in Minnesota waren 0,06 Prozent betroffen, dagegen hatte gut jeder zweite Teilnehmer (53,8 Prozent) einer Studie mit stark rauchenden Zahnarztpatienten aus der Türkei eine BHT. Bei Frauen entwickelt sie sich insgesamt seltener als bei Männern, begünstigende Faktoren sind Tabak- und Alkoholkonsum, chronische Mundtrockenheit, schlechte Mundhygiene, Drogenabusus, peroxidhaltige Mundspüllosungen, eine erst kurz zurückliegende Strahlentherapie, Trigeminusneuralgie, Krebs, Aids sowie Arzneimittel.

 

22 Fallberichte zu BHT unter Pharmakotherapie werteten die Wissenschaftler zudem nach dem Naranjo-Nomogramm aus, ein Punkt- beziehungsweise Fragensystem, das erfasst, ob der Zusammenhang zwischen einem Phänomen und einem eingenommenen Medikament als kausal einzuschätzen ist. Das Ergebnis: Bei Antibiotika und bei Mitteln, die Mundtrockenheit hervorrufen, zeigte der Punktwert tatsächlich einen kausalen Zusammenhang, auch wenn dieser nicht sehr ausgeprägt war. Über den genauen Enstehungsmechanismus sagt auch diese Studie nichts, er ist weiterhin unklar.

 

Spontanheilung möglich

 

Oft bildet sich die BHT nach einigen Wochen oder Monaten von allein zurück. Die Therapie besteht hauptsächlich im Weglassen der auslösenden und begünstigenden Faktoren, also etwa der Arzneimittel wie Anticholinergika, Diuretika oder Psychopharmaka, die oft zu Mundtrockenheit führen. Darüber hinaus kann vorsichtig versucht werden, die gestörte Abschuppung zu regulieren, etwa mit Hilfe einer weichen Zahnbürste oder eines Zungenschabers; die Autoren sprechen auch von Backpulver (Natriumhydrogencarbonat) oder dreiprozentiger Wasserstoffperoxidlösung. Diese kommt hier zum Einsatz, obwohl peroxidhaltige Mundwässer das Phänomen auch auslösen können. Der Grund: Wasserstoffperoxid kann Proteine ausfällen, die sich dann leichter entfernen lassen (eine Alternative ist Vitamin C als Lutschtablette). Es geht darum, den Mund durch Bürsten, Schaben und Spülen möglichst sauber zu halten, deshalb ist auch eine sehr gute Mundhygiene wichtig.

 

Therapien ohne Wirksamkeitsbeleg

 

Eine Pharmakotherapie, deren Wirksamkeit bewiesen ist, gibt es nicht. Allerdings wurden, auch das zeigte die Auswertung durch Thomson et al, in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Wirkstoffe genannt und empfohlen, darunter Fungizide wie Nystatin oder Fluconazol, falls ein Candida albicans Befall nachweisbar ist. Darüber hinaus kamen Triamcinolonactonid, Harnstofflösung (40%ig), Gentianaviolett, Salicylsäure, Vitamin-B-Komplex, Thymol sowie topisch und oral verabreichte Retinoide zum Einsatz. Falls die Behandlung scheitert, bleiben dem Patienten zwei weitere Optionen: Die Papillen lassen sich scheren oder mit einem Kohlendioxidlaser veröden. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 02/2011

 

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