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Keuchhusten: Raus aus den Kinderschuhen

PHARMAZIE

 
Keuchhusten

Raus aus den Kinderschuhen


Von Bettina Neuse-Schwarz / Husten, immer wieder Husten, besonders in der Nacht. Zäher Schleim über sechs bis zehn Wochen, selten Fieber, und ein Antibiotikum, das keine Besserung bringt: Schätzungsweise etwa 10  Prozent der Husten-Erkrankungen gehen in Deutschland auf das Konto des Keuchhusten-Erregers.

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Früher war Keuchhusten (Pertussis) eine Kinderkrankheit. Heute erkranken hauptsächlich Erwachsene und Jugendliche an der durch den Keuchhusten-Erreger Bordetella pertussis hervorgerufenen Infektion. Da infizierte Jugendliche und Erwachsene die Hauptansteckungsquelle für ungeschützte Säuglinge sind, empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut (RKI) seit Juli 2009 die Keuchhusten-Auffrischimpfung auch für Erwachsene.




Husten bis zum Erbrechen quält Kinder mit Keuchhusten. Bei Erwachsenen zeigt sich diese Infektion meist mit einem wochenlang andauernden Reizhusten.

Foto: Fotolia/Ella


Für Kinder empfiehlt die STIKO die Impfung bereits seit 1991. Seitdem sind die Erkrankungszahlen bei den Kleinsten kontinuierlich gesunken. Aber: Das Durchschnittsalter der an Keuchhusten Erkrankten steigt immer weiter an. So war 1995 der Pertussis-Patient durch­schnittlich 15 Jahre alt. Im Jahr 2008 lag das Durchschnittsalter bereits bei 42 Jahren, Tendenz steigend, ebenso wie die Zahl der Erkrankungen. Nach Schätzungen trifft es in Deutschland jährlich mehr als 100 000 Erwachsene. Grund für die Verschiebung der Erkran­kungshäufigkeit ist, dass die Impfung im Erwachsenenalter häufig nicht aufgefrischt wird. Die Immunität nach durchgemachter Erkrankung hält jedoch keine 15 Jahre, der Schutz durch eine Impfung währt noch kürzer.

 

Krankheit verläuft in drei Phasen

 

Die Inkubationszeit nach Ansteckung mit Bordetella pertussis beträgt ein bis drei Wochen. In dieser Zeit kann der Betroffene noch keine anderen Menschen infizieren. Das ändert sich mit den ersten Krankheitssymptomen. Wegen der hohen Infektiosität des Keuchhustenerregers werden mehr als 75  Prozent der Kontaktpersonen ebenfalls krank. Die Ansteckung erfolgt durch Tröpfcheninfektion, und gelingt selbst über Distanzen bis zu einem Meter. Das heißt: Selbst ein Gespräch mit einem Infizierten reicht für die Übertragung aus.

 

Keuchhusten verläuft normalerweise in drei Phasen: das Stadium catarrhale, das Stadium convulsivum und das Stadium decrementi. Symptome im ersten Stadium sind Husten, Schnupfen, eventuell leichtes Fieber und ein Gefühl der Schlappheit, ähnlich wie bei einem grippalen Infekt. In diesem Stadium ist die Ansteckungsgefahr am größten.

 

Der Keuchhusten demaskiert sich meistens erst nach weiteren ein bis zwei Wochen. Dann spitzt sich der scheinbar banale Infekt zu, und die anfallsartigen, schweren Hustenattacken (»Stakkato­husten«) nehmen zu, besonders nachts. Sie enden teilweise mit Erbrechen und inspiratorischem Keuchen. Abgehustet wird ein glasiger, zäher Schleim. Wichtig: Obwohl Keuchhusten bakteriell bedingt ist, hat der Auswurf nicht die für diese Infekte charakteristische grüne Färbung. Dauer des zweiten Stadiums: vier bis sechs Wochen. Im letzten Krankheitsstadium werden die Hustenattacken langsam weniger. Dauer: weitere sechs bis acht Wochen.




Geimpfte Eltern und Großeltern schützen nicht nur sich selbst, sondern auch den noch ungeimpften Nachwuchs.

Foto: Wyeth


Bei Säuglingen fehlt in vielen Fällen der Husten. Stattdessen kann es zu teil­weise lebensbedrohlichen Atemstill­stän­den kommen. Dauern diese länger als zehn Sekunden, wird das Gehirn mit Sauerstoff unterversorgt. Das kann zu bleibenden Schäden führen. Als Folge des Keuchhustens reagieren Säuglinge auch häufig mit einer Mittelohr- oder Lungenentzündung.

 

Ganz anders die Symptome bei Er­wachsenen: Hier ist das Leitsymptom ein trockener, über einen langen Zeit­raum andauernder Dauerhusten. Als Folge­komplikationen kann es zu Lungen­entzündungen, Rippen- und Leistenbrüchen, Gehirnblutungen oder Inkontinenz kommen. Meist verläuft die Erkrankung bei Erwachsenen aber eher milde. Und hier liegt die Crux: Der Keuchhusten wird daher oft nicht als solcher erkannt; das Ansteckungs­risiko für das persönliche Umfeld steigt. Studien zeigen, dass Säuglinge häufig von erwachsenen Familienmitgliedern, meist durch ihre Mütter und Großeltern, infiziert werden. Die größte Gefahr besteht für Säuglinge bis zum Alter von sechs Monaten. Einen angeborenen Nestschutz gibt es für Pertussis nicht, und mit der Grundimmunisierung wird erst im Alter von neun Wochen begonnen. Erst mit rund einem Jahr ist sie abgeschlossen.

 

Auffrischung nicht vergessen

 

Das Impfschema sieht folgende Impfungen vor: Ab dem vollendeten zweiten Lebensmonat werden zur Grundimmuni­sierung drei Impfstoffdosen im Abstand von mindestens vier Wochen verabreicht. Mindestens sechs Monate nach der dritten Impfung, das heißt zwischen vollendetem 11. und 14. Lebensmonat, erfolgt die vierte Impfung. Zur Grundimmunisierung stehen verschiedene Kombinationsimpfstoffe zur Verfügung, unter anderem ein Sechsfach-Impfstoff, mit dem gleichzeitig gegen Tetanus, Poliomyelitis, Haemophilus influenzae Typ b, Diphtherie und Hepatitis B geimpft wird.

 

Die erste Auffrischimpfung erfolgt dann zwischen dem vollendeten fünften und sechsten Lebensjahr, die zweite zwischen dem vollendeten neunten und 17. Lebensjahr. Da kein Einzelimpfstoff gegen Keuchhusten zur Verfügung steht, kommen Kombivakzinen zum Einsatz, zum Beispiel gegen Diphtherie, Pertussis und Tetanus, oder eine Vierer-Kombination gegen Pertussis, Tetanus, Diphtherie und Poliomyelitis. Erwachsenen wird die gemeinsame Pertussis-Impfung beim nächsten Tetanus-Impftermin empfohlen.

 

Antibiotika wie die Makrolide Roxi­thro- oder Azithromycin sind zwar sensibel für Bordetella pertussis, bewirken aber meistens keine Besserung des Krankheitsverlaufs. Warum? Viele Patienten gehen zu spät zum Arzt, das Antibiotikum wird daher zu spät verabreicht. Und gegen die durch die Bakterientoxine ausgelösten Symptome helfen diese Arzneistoffe nicht. Experten sprechen sich dennoch dafür aus, Antibiotika zu verordnen. Denn sie helfen, die Überträgerkette zu unterbrechen. Bereits fünf Tage nach Beginn der Antibiotikabehandlung sind die Patienten nicht mehr infektiös. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 38/2010

 

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