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Polyphenole: Dürftige Datenlage

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Polyphenole

Dürftige Datenlage


Von Christina Hohmann, Berlin / Polyphenole aus Pflanzen gelten als gesund für das Herz. Auf einen kardioprotektiven Effekt weisen zumindest In-vitro- und einige epidemiologische Untersuchungen hin. Doch die Datenlage ist dünn, Langzeitstudien fehlen.

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Polyphenole sind aromatische Verbindungen, die zu den sekundären Pflanzenstoffen ­ge­hören. »Mit der Nahrung nehmen wir eine große Zahl verschiedener Polyphenole auf«, sagte Professor Dr. Augustin Scalbert, Saint-Genès-Champanelle, Frankreich, auf dem 58. Jahreskongress der Gesellschaft für ­Arzneipflanzenforschung (GA). Dem Thema »Anwendung von Polyphenolen gegen ­kardiovaskuläre Erkrankungen« war ein Symposium auf dem Kongress gewidmet, der ­vergangene Woche in Berlin stattfand.




Was im Reagenzglas funktioniert, kann im menschlichen Organismus ganz anders verlaufen. Große ­Stu­dien zu Wirkungen von Polyphenolen, zum Beispiel aus Trauben, fehlen nach wie vor.

Foto: Fotolia/Krummeck


Die Substanzen sind in verschie­de­nen Produkten enthalten, von Früchten und Gemüse über Tee, Kaffee, Kakao bis hin zu Wein. »Sie unterscheiden sich zum Teil stark in ihren Eigenschaften, zum Beispiel in der Bioverfügbarkeit«, sagte Scalbert. Die komplexe Grup­pe der Polyphenole wird un­ter­teilt in Lignine, Tannine und Flavonoide. Am besten unter­sucht sind die Flavonoide, zu denen unter anderem die Flavo­nole, Isoflavonoide und die Antho­cyane gehören.

 

Mehr als 6500 verschiedene Strukturen sind bekannt, die in unterschiedlichem Ausmaß in Pflanzen enthalten sind. Wer den Gehalt an bestimmten Flavonoiden von pflanzlichen Lebensmitteln wissen will, kann auf eine neue Datenbank zurückgreifen, berichtete Scalbert. Unter www.polyphenol-explorer.eu sind Gehaltsangaben von 500 verschiedenen Substanzen in mehr als 400 Lebensmitteln gelistet. In der Datenbank sind für die einzelnen Substanzen auch die Originaldaten aus den Publikationen hinterlegt. Mit der Nahrung nimmt der Mensch insgesamt etwa 1 Gramm Polyphenole pro Tag auf.

 

Effekte im Labor

 

In einigen epidemiologischen Studien war eine obst- und gemüsereiche Ernährung mit einer niedrigeren Gesamtmortalität, vor allem wegen einer niedrigeren Inzidenz von Tumor- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert. Der Effekt wurde zum Teil den enthaltenen Polyphenolen zugeschrieben. In-vitro-Untersuchungen liefern Hinweise für mögliche physiologische Funktionen. So zeigten Flavonoide in In-vitro-Tests antioxidative Wirkung, einige konnten die Thrombozytenaggregation hemmen. Einen weiteren möglichen Effekt stellte Professor Dr. Valerie Schini-Kerth von der Universität Louis Pasteur, Straßburg, vor. In Untersuchungen an Koronararterien von Schweine­herzen hatte sie mit ihren Kollegen herausgefunden, dass Flavonoide aus Trauben eine endothelabhängige Relaxation der Gefäße bewirken. Die Polyphenole stimulieren die Endothelzellen zu einer vermehrten Bildung von Stickstoffmonoxid (NO), das zu einer Entspannung der glatten Muskelzellen der Blutge­fäße führt. Dabei sind Flavonoide aus Traubensaft ebenso effektiv wie aus Rotwein, der aber wegen des Alkoholgehalts eine ungeeignete Polyphenolquelle darstellt.

 

Für Rotwein-Polyphenole ist auch belegt, dass sie einen durch Angiotensin-2 künstlich induzierten Bluthochdruck bei Ratten verhindern können, berichtete Schini-Kerth. Dies funktioniert, indem die Substanzen die durch Angiotensin-2 induzierte Expression von NADPH-Oxidase in den Aorten vermeiden. Dadurch wird die Bildung reaktiver Oxygen-Spezies (ROS) und somit oxidativer Stress verhindert. Dieser wiederum reduziert die Bildung von NO.

 

Effekte beim Menschen

 

Inwieweit die in Laboruntersuchungen gemessenen Wirkungen der Polyphenole beim Menschen zum Tragen kommen, ist noch unklar. »Viele In-vitro-Studien zu oxidativem Stress konnten nie zu Effekten im Menschen in Relation gesetzt werden«, sagte Scalbert. Ob Polyphenole aus der Nahrung tatsächlich kardioprotektive Wirkung besitzen, haben Professor Dr. Aedin Cassidy von der University of East Anglia in Norwich und ihre Kollegen in einer Metaanalyse untersucht (»American Journal of Clinical Nutrition«, 2008, Band 88,1, Seiten 38 bis 50). Hierfür werteten sie 133 randomisierte kontrollierte klinische Studien aus, die jeweils eine Flavonoid-Intervention entweder mit einem Extrakt oder mit Flavonoid-reichen Nahrungsmittel beinhalteten. Endpunkte der Studien waren nicht die kardiovaskuläre Mortalität oder Morbidität, sondern Risikofaktoren wie Blutdruck, Cholesterolspiegel und die flussvermittelte Dilatation (FMD), erklärte Cassidy. Letztere ist ein Parameter für die Endothelfunktion, wobei eine starke Dilatation als Zeichen für gesunde Gefäße gilt.

 

Der Metaanalyse zufolge verbesserten Rotwein, Trauben und schwarzer Tee die Endothelfunktion nicht. Schokolade und Kakao dagegen erhöhten den FMD-Wert um 4 Prozent. Dabei lägen nur wenige ­Daten für einen regelmäßigen Verzehr über einen längeren Zeitraum vor, so Cassidy. Die längste Studie ging über zwölf ­Wochen. Beim Blutdruck ­erhielten die Forscher ähnliche Ergebnisse: Während der wiederholte Genuss von Rotwein, Trauben und Tee keinen Einfluss hatte, konnten Schokolade und Kakao den Blutdruck um 6  mmHg systolisch und 3 mmHg diastolisch senken. »Der Schutzeffekt von Schokolade für das Herz-Kreislauf-System ist aber so gering, dass mit Hinblick auf deren Fett- und Kaloriengehalt nicht zu einem regelmäßigen Verzehr geraten werden kann«, sagte Cassidy.

 

Auf den HDL-Wert hatte keine der Flavonoid-Gruppen einen messbaren Effekt, der LDL-Wert konnte durch den Konsum von grünem Tee gesenkt werden. Für viele Flavonoid-Gruppen lägen keine ausreichenden Daten vor, um eine Bewertung vorzunehmen, so Cassidy. Insgesamt fehlten große Unter­suchungen mit klinisch relevanten Endpunkten. Fehlende Daten dürften aber nicht als Wirkungslosigkeit der Flavonoide interpretiert werden, schrieb Cassidy in der Publika­tion von 2008. / 


Auszeichnungen

Im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung der Jahrestagung verlieh die Präsidentin der Gesellschaft für Arzneipflanzenforschung, Professor Dr. Brigitte Kopp, mehrere Auszeichnungen. Für sein langjähriges Engagement für die Gesellschaft wurde Professor Dr. Arnold J. Vlietinck die GA-Ehrenmitgliedschaft verliehen. Den Egon-Stahl-Preis in Bronze erhielt Dr. Melanie Laszczyk, Niefern-Öschelbronn, für ihre Forschung an Triterpen-Trockenextrakt aus Birkenrinde. Den Dr. Willmar-Schwabe-Preis erhielt Professor Dr.  Jürg Gertsch von der Universität Bern für seine Forschung zur Rolle des Endocannabinoidsystems am Entzündungsgeschehen.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 36/2010

 

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