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Traumatherapie: Die seelischen Verletzungen heilen

MEDIZIN

 
Traumatherapie

Die seelischen Verletzungen heilen


Von Nicole Schuster / Zeugen eines Unglücks wie der Katastrophe in Duisburg tragen seelische Wunden davon. Summieren sich belastende Erlebnisse in der Lebensgeschichte auf, kommt es zu einer »Posttraumatischen Belastungsstörung«. In der Akutsituation verringern Arzneimittel die Symptome. Langfristig kann nur eine Psychotherapie helfen.

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Die Katastrophe bei der diesjährigen Love-Parade in Duisburg mit 21 Toten und unzähligen Verletzten bleibt vielen Zeugen als ein traumatisches Ereignis in Erinnerung. Der Begriff Trauma kommt vom griechischen »Wunde« und beschreibt ein emotional extrem belastendes Geschehen. Durch den inflationären Gebrauch in der Umgangssprache stumpft der Begriff allerdings ab. Schon ein verlorener Wettkampf, ein geringer Misserfolg im Beruf oder ein Streit mit dem Nachbarn können hier unter den Begriff »Trauma« fallen.




Wer traumatische Ereignisse, wie das Unglück in Duisburg überlebt hat, muss noch lange mit seelischen Wunden leben. Wichtig für die Verarbeitung ist ein guter sozialer Rückhalt.

Foto: picture alliance


Wie gut jemand schlimme Erlebnisse verkraftet, hängt von seinen seelischen Ressourcen ab. Kinder haben traumatischen Ereignissen nur wenig entgegenzusetzen und sind ihnen quasi schutzlos ausgeliefert. Wer eine glückliche Kindheit erlebt, besitzt als Erwachsener eine stabile Basis dafür, widerstandfähig gegenüber Situationen zu sein, die innere Verwundungen hinterlassen können. Weiter spielt die Art des traumatischen Erlebnisses eine Rolle. Am empfindlichsten reagiert man, wenn das Ereignis durch einen Menschen ausgelöst wird, beispielsweise bei einem Gewaltverbrechen. Besonders schlimm sind Gewaltverbrechen, die sich wiederholen, wie bei einem wiederholten sexuellen Missbrauch. Unglücke wie eine einmalige Naturkatastrophe verkraftet man in der Regel seelisch besser.

 

Im Körper von Menschen, die eine traumatische Situation erleben, läuft eine Stressreaktion ab. Die vermehrte Ausschüttung von Cortisol und Adrenalin führt zu einem erhöhten Puls und Blutdruck, außerdem steigt der Blutzuckerspiegel an. Der Organismus stellt sich damit auf Flucht und Lebensrettung ein. Die Verarbeitungsprozesse im Gehirn können gleichzeitig heruntergefahren werden. Darum können sich viele Menschen nicht mehr an den genauen Ablauf eines Unfalls oder Überfalls erinnern.




Menschen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen isolieren sich und können den Alltag nicht mehr meistern.

Foto: DAK/Wigger


Intensive Erinnerungen

 

Noch Tage bis Wochen nach dem traumatischen Erlebnis leiden viele Betroffene unter Beschwerden wie Albträumen, Nervosität oder erhöhter Ängstlichkeit. Bei bestimmten Auslösern, die nicht einmal offensichtlich etwas mit dem Vorfall zu tun haben müssen, durchleben sie die Situation erneut und die Bilder des Schreckens erscheinen wieder vor ihren Augen. Auslöser für diese als »Flashback« bezeichneten Erinnerungen können neben bestimmten Worten oder Gegenständen auch Gerüche oder Geräusche sein, ebenso Berührungen. »Die Erinnerungen sind so intensiv, dass die Angst im Hier und Jetzt intensiv erlebt wird«, sagt Professor Dr. Thomas Elbert von der Forschungsambulanz für Flüchtlinge und Folterüberlebende der Universität Konstanz gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. Doch nicht nur gedanklich erfährt der Mensch sein Trauma erneut, auch der Körper versetzt sich wieder in Alarmbereitschaft. Es entsteht erneut eine körperliche Stressreaktion, die mit Panikattacken verbunden sein kann. In diesem Akutstadium kann Patienten eine symptom­orientierte Psychopharmakatherapie helfen. Gerade Benzodiazepine können aber dazu führen, dass sich die Symptome verschlechtern und dadurch eine Chronifizierung begünstigen. Laut Leitlinie ist ihr Einsatz nur bei akuter Suizidgefahr empfehlenswert, und dann sollte die Anwendung auch nur kurz andauernd erfolgen. Bei länger andauernder Therapie besteht Suchtgefahr.




Sexueller Missbrauch, besonders wenn er wiederholt auftritt, ist einer der häufigsten Auslöser von Posttraumatischen Belastungsstörungen.

Foto: Weißer Ring


Nach dem schlimmen Erlebnis müssen Betroffene wieder ins normale Leben zurückfinden. Dabei können ihnen ein strukturierter Tagesablauf, ausreichender Schlaf sowie eine gesunde Ernährung helfen. Von großer Bedeutung ist der soziale Rückhalt. Wer sich auf ein festes Netz an Freunden und seine Familie verlassen kann, dem gelingt es leichter, die Schreckenssituation zu verarbeiten. Unterstützend zur Entspannung und um den Stress zu reduzieren, empfehlen sich Atemübungen, Muskelentspannung oder Fantasiereisen. Etwa zwei Drittel jener, die eine traumatische Situation erlebt haben, können auf diese Weise über das Erlebte hinwegkommen und genesen mithilfe ihrer Familie, Partner und Freunde wieder.

 

Bei bestimmten Patienten entwickelt sich nach dem traumatischen Vorfall eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Das ist definitionsgemäß dann der Fall, wenn der sich akuttraumatisierte Zustand auch noch über Wochen nach dem Auslöser anhält. Ab einer Dauer von drei Monaten wird eine Chronifizierung immer wahrscheinlicher. Dies ist besonders häufig bei Kriegsveteranen und Missbrauchsopfern der Fall. Die Betroffenen isolieren sich von ihren Mitmenschen, sind meist unfähig, ihren Beruf weiter auszuüben und meiden alle Situationen, die sie irgendwie an das Geschehene erinnern können. Viele entwickeln in der Folge weitere psychische Erkrankungen wie Phobien, Zwangserkrankungen und Depressionen bis hin zu Suizid­absichten.

 

Gesamte Biografie entscheidend

 

Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe seines Lebens eine PTBS durchmachen zu müssen, liegt je nach Untersuchung bei bis zu 8 Prozent. Unter den Opfern und Zeugen von traumatischen Erlebnissen wie der Massenpanik in Duisburg liegt der Anteil bei 20 bis 30 Prozent. Frauen sind generell etwa doppelt so oft betroffen wie Männer, was daran liegt, dass sie häufiger als Männer Opfer von Vergewaltigungen werden. Sexueller Missbrauch ist eine der häufigsten Ursachen der PTBS.

 

Damit sich eine PTBS entwickelt, reicht ein einschneidendes Erlebnis wie die Love-Parade in der Regel nicht aus. »Erst die ganze bisherige Lebenserfahrung des Menschen führt dazu, dass ein bestimmter letzter Auslöser zur Posttraumatischen Belastungsstörung führt«, erklärt Elbert. Bei der Psychotherapie darf der Blick daher nicht allein auf ein bestimmtes belastendes Ereignis fixiert sein. Elbert: »Die Behandlung verspricht dann am erfolgreichsten zu sein, wenn die gesamte Lebensgeschichte des Traumapatienten mit allen Bausteinen, die zur Posttraumatischen Belastungsstörung geführt haben, betrachtet wird.« Der Traumaexperte setzt als Kern­element der Therapie auf das Narrationsverfahren, dem zwischenmenschlichen Mitteilen der Erfahrungen. Dabei arbeitet der Patient zusammen mit dem Therapeuten nicht nur ein einzelnes Ereignis, sondern seine gesamte Biografie auf. Dieses Verfahren kann sogar bei Menschen helfen, die über lange Zeit und mehrfach traumatisiert wurden und bei denen im Gedächtnis die verschiedenen Episoden nicht mehr voneinander abgrenzbar sind.

 

Andere Verfahren sind, dass der Patient das Geschehene aus der Beobachterrolle schildern soll oder aufkommende Bilder malt. Auch eine Methode namens Eye Movement and Reprocessing (EMDR) führt bei einigen Betroffenen zur Besserung. Hierbei bewegt der Therapeut seine Hand vor den Augen des Patienten hin und her. Währenddessen soll der Patient das Erlebte schildern. Wissenschaftler können noch nicht genau erklären, worauf der Erfolg dieser Behandlungsmethode beruht. Auch nur wenige extra dafür ausgebildete Spezialisten sind für diese Therapieform geeignete Ansprechpartner.

 

Unterstützender Bestandteil der Behandlung kann eine Pharmakotherapie sein. Hier setzen Ärzte vor allem auf Antidepressiva. Erfolge lassen sich vor allem mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRIs) und MAO-Hemmern erzielen. Zu beachten ist hier die Suizidalität als mögliche Nebenwirkung.

 

Ziel jeder Traumatherapie ist es, die Funktionsfähigkeit der Betroffenen wiederherzustellen, sodass sie ihre Rolle in der Gesellschaft, in der Familie und im Beruf wieder aufnehmen können. »Wenn diese Funktionsfähigkeit wiederhergestellt ist, können wir von Heilung sprechen«, sagt der Psychologe. Und er geht sogar noch weiter: »Menschen können an einem Trauma reifen. Sie erleben vieles in der Folge bewusster, wissen das Leben mehr zu schätzen und gewinnen ein neues Selbstvertrauen.« Wer einmal ein schlimmes Lebensereignis überwunden hat, weiß, welche starken, inneren Kräfte er hat. /

 

Literatur

  1. F. Neuner, M. Schauer, T. Elbert (2005): Narrative Exposure Therapy (NET). A Short-Term Intervention for Traumatic Stress Disorders after War, Terror, or Torture. Cambridge/ Göttingen: Hogrefe & Huber Publishers.
  2. AWMF-Leitline: Diagnostik und Behandlung von akuten Folgen psychischer Traumatisierung (Stand 05/2007): www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/051-027.htm
  3. AWMF-Leitlinie: Posttraumatische Belastungsstörung (Stand 01/2006): www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/051-010.htm

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Beitrag erschienen in Ausgabe 32/2010

 

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