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Videoapotheke

Bildschirmberatung in der Box

20.07.2010  14:37 Uhr

Von Uta Grossmann / Eine Kabine außerhalb von Apotheken, in der Apotheker per Videotechnik Kunden beraten – so will CoBox-Erfinder Ulrich Baudisch Versorgungslücken auf dem Land schließen. Noch gibt es nur sieben CoBoxen, alle in Hessen. Im Entwurf der neuen Apothekenbetriebsordnung ist vorgesehen, Videoapotheken zu erlauben.

Wenn es nach Ulrich Baudisch ginge, würde die CoBox-Videoapotheke in der neuen Apothekenbetriebsordnung als dritter Vertriebsweg für Arzneimittel neben der Offizin und dem Versandhandel verankert. Ausgeschlossen ist das nicht, immerhin ist im Verordnungsentwurf vorgesehen, die Beratung und Arzneimittelbestellung unabhängig vom Versandhandel außerhalb von Apotheken per Videokonferenztechnik zu erlauben. Damit soll die Arzneimittelversorgung in strukturärmeren Gebieten gesichert werden.

 

Anhörung im Ministerium

 

Allerdings ist das noch lange nicht verabschiedet. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hatte für vorigen Donnerstag zu einer internen Anhörung über den Entwurf einer neuen Apothekenbetriebsordnung eingeladen. Dem Vernehmen nach bewerteten Ministeriumsvertreter Videoapotheken grundsätzlich positiv.

Die CoBox (Communication Box) ist eine patentierte Erfindung des Architekten Ulrich Baudisch und des Bankers Jörg Gratz. Die Idee entstand Ende 2008, ein Jahr später wurde die erste CoBox aufgestellt. Sieben CoBoxen als Videoapotheken gibt es bisher, alle in Hessen: in medizinischen Versorgungszentren, Sanitätshäusern oder Sparkassen. Die Umgebung soll seriös sein. »Wir würden niemals eine CoBox bei McDonalds oder in einer Dönerbude auf­stellen«, sagte Ulrich Baudisch. Er kümmert sich als Vorstandsvorsitzender der CoBox AG um die Verbreitung dieses »Vertriebs­kanals für beratungsrelevante Produkte und Dienstleistungen«.

 

Die CoBox ermöglicht es Apothekern, sich per Video in eine kleine Beratungsbox außerhalb der Apotheke zuzuschalten. Sobald ein Kunde die Box betritt, wird per Lichtschranke ein Signal ausgelöst und in der Offizin blinkt ein Lämpchen. Drückt der Kunde den Beratungsknopf, erscheint der Apotheker in Lebensgröße auf einem 52-Zoll-LCD-Bildschirm und spricht mit dem Kunden. Der kann ein Rezept in einen Schlitz schieben, das der Apotheker als Scan erhält. Entscheidet sich der Kunde nach der Beratung, das Rezept einzulösen, bleibt es in der Box und wird vom Apothekenboten abgeholt. Der Apotheker überprüft es und zeichnet es ab, erst dann werden die Medikamente ausgeliefert, zum Teil noch am selben Tag. Der Kunde bezahlt per EC- oder Kreditkarte.

 

An ihre Grenzen stößt eine solche Beratung per Video allerdings, wenn etwa die Handhabung von Insulin-Pens oder Asthma-Inhalatoren gemeinsam eingeübt werden soll. Das geht nur im direkten Kontakt in der Offizin.

Das Regierungspräsidium Darmstadt hat die Video­apotheken erlaubt, weil es sie als Apothekenbetriebs­räume, die dem Versandhandel dienen, betrachtet. Daher ist für die genehmigten hessischen CoBoxen auch eine Versandhandelserlaubnis erforderlich. Damit ist Baudisch nicht glücklich. Er möchte sich vom Versandhandel abgrenzen und betrachtet die CoBox als »moderne pharmazeutische Beratungs- und Versorgungsform«, die »emotionale Nähe« ermögliche. Deshalb wünscht er sich ein bundesweit einheitliches Zulassungsverfahren, das die CoBox als dritten Vertriebsweg neben Offizin und Versandhandel anerkennt.

 

Unterschiede zu Visavia

 

Rechtliche Probleme sieht Baudisch nicht. Im Unterschied zum Abgabe-Terminal Visavia von Rowa, das das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig für unzulässig erklärt hat, werde bei der CoBox die Dokumentationspflicht erfüllt, weil der Apotheker das Originalrezept vor der Auslieferung in Händen halte. Die Beratung erfolge nicht wie bei Visavia über ein externes Servicecenter, sondern ausschließlich durch das Apothekenpersonal. Das Interesse an der CoBox sei groß. »Die Apotheker ländlicher Regionen fordern die CoBox, um ihren mehrheitlich älteren, immobilen und häufig nicht motorisierten Patienten die teils sehr weiten Wege zur nächsten Apotheke zu verkürzen«, so Baudisch.

 

Einige Bürgermeister kleinerer Gemeinden, in denen die Apotheke schließen musste, wollen sich bei ihm über das Potenzial der CoBox beraten lassen.

 

Ernüchternder Praxistest

 

Der Praxistest kann jedoch für Ernüchterung sorgen, wie in Neu-Anspach, einem Städtchen im ländlichen Hintertaunus. Die Feldberg-Apotheke stellte vor acht Monaten in einem Sanitätshaus im Gewerbegebiet eine CoBox auf. »Das war der blanke Reinfall«, berichtete Apothekerin Dr. Sabine Steurer. Sie vertritt derzeit die Inhaberin Dr. Ingrid Lebert-Keiner, die Urlaub macht. Viele Kunden seien mit der Technik nicht klargekommen, zumal es anfangs große Probleme gegeben habe. Mal fiel das Vi­deobild aus, mal war der Ton weg, dann funktionierte die Zahlung mit EC-Karte nicht. Wenn fünf oder sechs Kunden am Tag die CoBox nutzten, war das schon viel, doch es wären 20 Besucher pro Tag nötig, damit sich die Sache rechnet.

 

Viele dachten, das Medikament komme wie beim Visavia-Automaten direkt heraus und waren irritiert, als sie erfuhren, dass sie auf die Lieferung durch die Apotheke warten mussten. Es gab Kunden, die 20 Kilometer entfernt wohnen und sich eine Packung Ibuprofen bringen ließen. Vor einem Monat schaltete die Feldberg-Apotheke die CoBox ab.

Positive Erfahrungen hat Apotheker Thors­ten Junk gemacht. Er installierte im März in einem Medizinischen Versorgungs­zentrum in Marburg eine CoBox, knapp zwei Kilo­meter von seiner Lahn-Apotheke entfernt. »Es läuft gut«, sagte er, zwischen 15 und 30 Kunden kämen täglich in die Box. Wirt­schaftlich rechne sich das, obwohl in der Nähe weitere Apotheken seien. Junk plant eine zweite CoBox in Vöhl am Edersee. Die nächste Apotheke ist 15 Kilometer entfernt, der ortsansässige Apotheker ist 73 und fin­det keinen Nachfolger. Wenn er Ende Sep­tem­ber aufhört, soll die CoBox die Versor­gung der ländlichen Gemeinde sicher­stellen. Um solche Versorgungslücken zu schlie­ßen, ist die CoBox nach Junks Überzeugung gut geeignet. So bleibe die Arzneimittelabgabe in den Händen der Apotheker. »Die Alternative wäre die Pick-up-Stelle bei Schlecker«, warnte Junk.

 

Bei der Standesvertretung konnte CoBox-Erfinder Baudisch bisher nicht landen. Er habe die ABDA – Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände mehrfach um ein Gespräch gebeten, um gemeinsam Spielregeln und einen Ethikkatalog für die CoBox auszuarbeiten, bisher jedoch ohne Erfolg. »Wir versuchen es weiter«, sagte Baudisch.

 

Der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes, Fritz Becker, sagte der PZ, es gebe in der Arzneimittelversorgung keinen Notstand auf dem flachen Land, der zusätzliche Beratungsstellen wie die CoBox notwendig mache. Grundsätzlich sieht er die Videoapotheke kritisch. Aus Verbrauchersicht könne eine solche indirekte Beratung via Bildschirm das persönliche Gespräch in der Offizin nicht ersetzen. Der Kunde wisse nicht, ob Vertraulichkeit gewährleistet sei oder möglicherweise die ganze Apotheke das Gespräch mithöre. »Wenn das die Zukunft der Apotheke sein soll, sehe ich ganz große Schwierigkeiten«, sagte Becker.

 

Eigener Verband geplant

 

Auf die Skepsis der Standesvertretung reagieren die Befürworter der Videoapotheke mit einer eigenen Verbandsgründung. 25 Apotheker habe er bereits als Gründungsmitglieder gewonnen, sagte Baudisch. Die Interessenvertretung soll im Spätsommer gegründet werden.

 

Die CoBox ist nicht auf den Apothekensektor beschränkt, es gibt sie auch in Sparkassen, allerdings bisher erst zwei. Drei weitere werden nach Baudischs Angaben im Spätsommer in Westfalen-Lippe aufgestellt. Darüber hinaus gebe es Gespräche mit Reisebüros. /

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