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Notfallmedizin: Kinderunfälle in Haushalt und Freizeit

TITEL

 
Notfallmedizin


Kinderunfälle in Haushalt und Freizeit


Von Claudia Borchard-Tuch / Plötzlich geschieht etwas, das Eltern und Betreuer in tiefsten Aufruhr versetzt: Ihr Kind erleidet einen schweren Unfall im Haushalt oder beim Spielen. Wie sollen sich Eltern in dieser Situation verhalten?

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Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 1000 Kinder durch einen Unfall. Rund eine Million Kinder verletzen sich so schwer, dass sie Erste Hilfe benötigen. Viele Unfälle, insbesondere bei kleinen Kindern, ereignen sich zu Hause. Richtiges Verhalten unmittelbar nach dem dramatischen Ereignis rettet Leben und bewahrt vor Folgeschäden. Doch vorab einige allgemeine Hinweise zum Verhalten im Notfall.

 

Über allem steht: Ruhe bewahren! Die Eltern und Betreuer müssen ihr verletztes Kind beruhigen, sollten es nicht alleinlassen und warm halten. Um die Narkosefähigkeit zu erhalten, ist es meist ratsam, dem Kind weder Medikamente noch Essen oder Getränke zu geben.
Ist das Kind bewusstlos, muss es in die stabile Seitenlage gebracht werden. Ansprechbare Patienten sollten mit leicht erhöhtem Oberkörper gelagert werden. Bei Verdacht auf eine Verletzung der Wirbelsäule sollte das Kind nach Möglichkeit nicht bewegt werden. Auf keinen Fall hochheben (2)!
Bei Atemstillstand müssen die Helfer sofort mit der Atemspende beginnen. Hierbei legen sie das Kind auf den Rücken und bewegen seinen Kopf mit leicht angehobenem Kinn etwas nackenwärts. Dann bläst man langsam und vorsichtig über 1 bis 1,5 Sekunden eine geringe Menge Luft ein, sodass sich der Brustkorb des Kindes hebt.
Ist kein Puls tastbar, ist eine Herz-Lungen-Wiederbelebung erforderlich, bis der Notdienst eintrifft. Hierbei wird das Kind auf eine harte Unterlage gelegt und 15 Herzdruckmassagen im Wechsel mit zwei Atemspenden durchgeführt (Verhältnis 15 : 2) (2).

 

Meist ist die Notfallsituation aber nicht so dramatisch. Jedoch ist es für Eltern und Betreuer nicht einfach einzuschätzen, ob sie das Kind selbst behandeln können, eine Apotheke aufsuchen oder den Rettungsdienst verständigen sollen. Dies lässt sich auch nicht immer eindeutig beurteilen. Zumeist schätzen Eltern die Gefährdung ihres Kindes höher ein als sie ist. Im Zweifelsfall gilt: Besser einmal zu viel behandeln als einmal zu wenig.

 

Im Säuglingsalter passieren die meisten Unfälle, weil Eltern und andere Betreuungspersonen nicht ausreichend aufpassen. Problematisch ist zudem, dass eine Gefährdung im Allgemeinen schwierig zu erkennen ist. Schließlich kann das kleine Kind nicht sagen, wie stark seine Schmerzen oder sein Unwohlsein sind, und ein Babyschrei kann verschiedene Ursachen haben – von harmlosen bis hin zu lebensbedrohlichen (2).




Wichtigste Regel am Wickeltisch: immer eine Hand am Kind. Stürze vom Tisch können lebensgefährlich sein.

Foto: BAG; Mehr Sicherheit für Kinder


Kleinkinder wollen die Welt entdecken, sind neugierig, spielen gerne und werden zuneh­mend mobiler. Dies erhöht die Unfallgefahr. Zudem erkennen kleine Kinder nicht, dass Verbote sie vor Gefahren schützen sollen. Nach einem Unfall lässt sich die Schwere der Verletzung oftmals nicht einfach beurtei­len, denn besonders Kleinkinder können Schmerzen nicht genau lokalisieren. Sie bezeichnen vieles als »Bauch­schmerzen«. Problematisch ist zudem, dass Kinder den Verlust von Blut und Flüssigkeit schlechter ausgleichen können als Erwachsene und deshalb schneller in einen Schockzustand geraten. Andererseits ist ein Notfall auf­grund von Herzrhythmusstörungen oder eines plötzlichen Herzstillstands extrem selten. Zudem heilen Wunden und Kno­chenbrüche bei Kindern schneller und besser als bei Erwachsenen (2).

 

Gefahrenstelle Wickeltisch

 

Stürze vom Wickeltisch zählen zu den häufigsten Ursachen für schwere Verletzungen bei Säuglingen. Nicht selten kommt es zu einem lebensbedrohlichen Schädel-Hirn-Trauma. Denn der Kopf eines Säuglings ist besonders gefährdet: Er ist relativ schwer, und die Muskulatur zur Kopfkontrolle nur wenig ausgebildet. Daher fällt ein Säugling bei Stürzen häufig auf den Kopf. Die Blutgefäße im Gehirn sind noch zart, und heftige Einwirkungen von außen, wie ein Sturz oder das Schütteln des Kindes, können schlimme Folgen haben. Die Gefäße platzen, und es kann zu einer Hirnblutung kommen.

 

Kopfverletzungen sind aber nicht nur im Säuglingsalter gefährlich. Auch bei älteren Kindern kann es zu einer Gehirnerschütterung, Prellung oder Quetschung des Gehirns (Commotio, Contusio und Compressio cerebri), einer Schädelfraktur oder Hirnblutung kommen. Erste Anzeichen können direkt nach dem Unfall oder erst nach 24 Stunden auftreten. Es kann zu Bewusstseinstrübungen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen kommen. Eine genaue Diagnostik beim Arzt ist erforderlich. Daher sollte man in der Apotheke niemals Mittel gegen Übelkeit oder Schwindel für Kinder abgeben, ohne nach dem Hintergrund der Symptome zu fragen.

 

Ist das Gehirn direkt verletzt, sind Lähmungen, epileptische Anfälle, Veränderungen der Pupillenweite, Atem- und Pulsunregelmäßigkeiten oder ein Schock möglich. Da sich eine Hirnverletzung nur mithilfe eines Computertomogramms mit Sicherheit ausschließen lässt, sollten die Eltern das Kind nach einer Kopfverletzung zum Arzt oder in die Notfallaufnahme eines Krankenhauses bringen. Eine Schädelfraktur kann röntgenologisch ausgeschlossen werden.

 

Vorsicht Wasser!

 

Bewegungsdrang und Neugier können im Wasser gefährliche Folgen haben. Ertrinkungsunfälle zählen bei Kleinkindern zu den häufigsten Todesursachen: Im Alter zwischen einem und vier Jahren sind 20 Prozent aller tödlichen Unfälle auf Ertrinken zurückzuführen. Oft bedenken Eltern nicht, dass Kinder schon bei einem wenige Zentimeter hohen Wasserspiegel, etwa in der Badewanne oder im Gartenteich, ertrinken können. Eltern sollten ein kleines Kind daher niemals unbeaufsichtigt in der Badewanne spielen lassen.




Wenn Kinder früh schwimmen lernen, sind sie im Wasser weniger gefährdet.

Foto: DLRG


Ein Ertrinkungsunfall führt immer zu einem Sauerstoffmangel. Dauert dieser länger an, kommt es zu einer Schädigung von Orga­nen oder zum Tod. Die Anzeichen eines Ertrinkungsunfalls hängen von der Dauer des Untertauchens ab. Sie können ganz fehlen oder erst nach mehreren Stunden auftreten. Typisch sind Husten, Atemnot und rasselnde Atmung. Der Puls ist rasch, die Haut verfärbt sich bläulich-gräulich, die Nasenflügel beben. Es kann zu Bewusst­seinstrübung bis hin zu Bewusst­losigkeit und Atem- und Herzstillstand kommen.

 

Ist das Kind ansprechbar, sollte man durch­nässte Kleidung entfernen, den Körper abtrocknen und warm halten. Ist es nicht ansprechbar, atmet jedoch regelmäßig, bringt man es in die stabile Seitenlage. Bei Atemstillstand müssen die Eltern sofort mit der Atemspende beginnen. Ist kein Puls tastbar, müssen sie eine Herz-Lungen-Wiederbelebung durchführen, bis der Not­dienst eintrifft (2).

 

Infektionsgefahr bei Tierbissen

 

Nach dem Kleinkindalter droht neue Gefahr: Besonders häufig werden Kinder zwischen fünf und neun Jahren Opfer von Tierbissen (8). Denn Kinder sehen Hunde und Katzen oft als Spielzeug an. Dass Tiere gefährlich beißen oder kratzen können, ist ihnen meist noch nicht bewusst. Eltern sollten daher ihren Kindern den richtigen Umgang mit Tieren zeigen und ihnen erklären, dass Tiere kein Plüschspielzeug, sondern sensible Lebewesen sind, für die bestimmte Umgangsregeln gelten: Nie fremde Tiere streicheln, ohne den Besitzer vorher zu fragen; Tiere nicht überraschen oder erschrecken, etwa beim Fressen oder Schlafen; nicht vor Hunden davonlaufen.




Manchmal täuscht der friedliche Eindruck: Auch dieser Hund bewacht sein Spielzeug.

Foto: Giesel


Berichten Eltern oder Betreuer in der Apo­theke, dass ein Kind gebissen wurde, sollte man sie sofort an den Arzt verweisen. Denn auch eine kleine Bissverletzung kann ge­fähr­lich sein. Mit dem Speichel des Tieres dringen Bakterien und Viren in die Wunde, und es kann zu einer Wundinfek­tion kom­men. Hundebisse gehen mit einem Infek­tionsrisiko von 15 bis 20 Prozent, Katzen­bisse von über 50 Prozent einher (8). Insbe­sondere tiefe oder verschmutzte Wunden, Verletzungen mit stark zerstörtem Gewebe und Bisswunden an den Händen, in Kno­chen- und Gelenknähe entzünden sich sehr leicht.

 

Besonders gefährlich ist eine Tollwut- oder Tetanusinfektion. Bei jeglicher Bissver­let­zung, Kratzwunde oder Kontamination von Schleimhäuten durch ein tollwutverdächtiges oder -krankes Tier empfehlen die Experten der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) eine postexpositionelle Tollwut-Immunprophylaxe. Hierbei erfolgt eine Impfung sowie einmalig simultan mit der ersten Impfung eine passive Immunisierung mit Tollwut-Immunglobulin (20 IE/kg Körpergewicht) (6).

 

Gegen Tetanus wird im Allgemeinen vorbeugend geimpft (7). Ist eine komplette Grundimmunisierung nachgewiesen, sollte nach einem Tierbiss eine Auffrischimpfung erfolgen, wenn die letzte Impfung länger als fünf Jahre zurückliegt. Sind weniger als drei frühere Impfungen dokumentiert, muss der Schutz immer aufgefrischt werden. Tetanus-Immunglobulin wird zusätzlich gespritzt, wenn der Impfstatus unbekannt ist oder maximal eine Impfung nachweisbar ist. Mittlerweile steht auch ein chromatografischer Schnelltest zur Verfügung, der in zehn Minuten den aktuellen Tetanus-Immunstatus ermittelt.

 

Nach einem Tierbiss können auch Staphylokokken, Streptokokken und Clostridien die Wunde besiedeln. Pasteurellen (aerobe gramnegative Stäbchen) sind bei Haus- und Stalltieren ebenfalls weit verbreitet und oft Teil der normalen oropharyngealen Bakterienflora. Die Wundinfektionen führen häufig zu Nekrosen, Lymphadenitis oder Osteomyelitis. Besonders wenn das Kind in Kopfnähe gebissen wurde, kann es zu Sinusitis, Meningitis oder einem Hirnabszess kommen.

 

Man kann das Infektionsrisiko verringern, wenn man die Wunde unter fließendem Wasser reinigt. Sobald sie nicht mehr stark blutet, sollte sie mit einem Hautdesinfektionsmittel versorgt und mit Pflaster, Pflastersprühverband oder Mullkompressen bedeckt werden. Nach einem Tierbiss muss man immer sofort den Arzt aufsuchen. Er untersucht, ob Muskeln, Nerven oder Gefäße verletzt sind, und entscheidet, ob eine Tetanus- oder Tollwutimpfung erforderlich ist.

 

Manchmal trinken kleine Kinder auch Wasser aus einem Aquarium oder naschen vom Tierfutter. Normalerweise ist dies ungefährlich, vor allem dann, wenn die Tiere gesund sind. In diesem Fall brauchen die Eltern nichts zu unternehmen. Sind die Tiere hingegen krank und hatten bereits Kontakt mit dem Futter oder ist das Wasser des Aquariums verunreinigt, sollte das Kind einem Arzt vorgestellt werden.

 

Was tun bei Wunden?

 

Oberflächliche Wunden sind nahezu alltäglich in Haushalten mit Kindern. Eine Wunde muss behutsam freigelegt werden, um ihre Breite, Tiefe und Beschaffenheit beurteilen zu können. Grundsätzlich ist jede Wunde mit einer erhöhten Infektionsgefahr verbunden, da die Haut ihre schützende Funktion als Barriere gegen Keime verliert. Besonders gefährlich ist Tetanus. Ist die Wunde großflächig und verschmutzt, sollte, wie bei Tierbissen, eine Auffrischimpfung gegen Tetanus erfolgen, wenn die vorangegangene Impfung länger als fünf Jahre zurückliegt.


Hausapotheke für Kinder

Medikamente und Phytopharmaka

Notfallmedikamente bei Vergiftungen: Kohle (hoch dosiertes Granulat) und Entschäumer (indiziert bei Aufnahme von Schaumbildnern, auch bei Blähungen)
Paracetamol-Zäpfchen gegen Schmerzen und Fieber
Anis-Fenchel-Kümmeltee gegen Blähungen
Kamillentee gegen Magenschmerzen
antiemetisch wirksame Suppositorien, zum Beispiel mit H1-Antihistaminika wie Dimenhydrinat
Milchzucker gegen Verstopfung
abschwellende Nasentropfen gegen Ohrenschmerzen
Salzlösungen zum Inhalieren, schleimlösende Phytopharmaka, Salben mit ätherischen Ölen gegen Husten (cave Campfer, Menthol)
Salben, zum Beispiel mit Arnika-Extrakt, zur Nachbehandlung von Prellungen, Zerrungen, Quetschungen, Verstauchungen oder Blutergüssen während eines längeren Heilungsprozesses
Zinkpaste, Wund- und Heilsalbe sowie Schüttelmixturen gegen Wundsein und Hautirritationen
Sonnenschutzcreme
Dauermedikamente bei chronischen Erkrankungen

 

Verbandmaterial und Hilfsmittel

digitales Fieberthermometer sowie Alkohol zu dessen Reinigung
Desinfektionsmittel zur Desinfektion kleiner Verletzungen
Gazebinden und sterile Kompressen
Pflaster in verschiedenen Größen, eventuell bunte Kinderpflaster mit lustigen Motiven
Pflasterrolle, um Verbände zu fixieren
Dreieckstuch, Rettungsdecke
Metalline-Brandtuch
Verbandschere, Pinzette, Zeckenzange, eventuell Lupe
Nasensekretabsauger zur Reinigung der Nase des Säuglings bei Schnupfen
Einmalhandschuhe
wiederverwendbare Kalt-Warm-Kompressen (im Eisfach aufbewahren). Nicht direkt auf die Haut legen!
Kältekompresse zum Einmalgebrauch (für unterwegs)
Taschenlampe

 

nach (1, 2, 5)


Nicht oder nur gering verschmutzte, oberflächliche Schürfwunden sollte man möglichst nicht berühren. Zur Reinigung verschmutzter Stellen reicht fließendes kaltes Wasser. Mit einer desinfizierten Pinzette kann man größere Schmutzpartikel entfernen. Anschließend sollte die Wunde behutsam mit einem Desinfektionsmittel abgetupft und bei Bedarf mit einem Pflaster oder Verband abgedeckt werden.

 

Die Auffassung, dass Verletzungen an der Luft am besten heilen, ist nicht unbedingt richtig. Die Wunde wird zwar relativ rasch von Schorf bedeckt, der vor Schmutz schützt. Der Schorf spannt jedoch die Haut, juckt und verleitet zum Kratzen. Wird die Wunde dagegen durch ein Hydrogel oder Hydrokolloid feucht gehalten, bildet sich keine harte Kruste, und die Wunde heilt schneller.

 

Starke Blutungen müssen die Eltern durch Aufdrücken einer sterilen Kompresse stoppen. Die betroffene Stelle sollte nach Möglichkeit hochgelagert werden. Bei größeren Wunden entscheidet ein Arzt, ob die Wunde genäht, gestrippt oder geklammert werden muss. Gelingt es nicht, die Blutung zu stoppen, legt man einen Druckverband an und ruft anschließend der Rettungsdienst. Hierbei wird eine sterile Mullkompresse auf die blutende Wunde gelegt und mit einer Mullbinde ein- bis zweimal umwickelt. Sodann legt man ein verpacktes Verbandpäckchen auf den Wundbereich und umwickelt ihn straff mit der Mullbinde. Die Enden der Mullbinde werden mit Heftpflaster festgeklebt.

 

Kommt die Blutung immer noch nicht zum Stillstand, sollte man den alten Verband nicht öffnen, sondern nochmals einen straffen Druckverband darüber legen. Eventuell gelingt es, die zuführende Ader abzudrücken. Ein größerer Blutverlust ist lebensgefährlich und kann zum Schock führen. Bei beginnendem Schock ist die Haut blass und kaltschweißig, das Kind unruhig, und der Puls rasch und flach. Als Erstes sollte der Rettungsdienst alarmiert werden. Das Kind muss mit erhöhten Beinen gelagert werden (Schocklagerung); man darf es keinesfalls allein lassen (2).

 

Erste Hilfe bei Knochenbruch

 

Ein Knochenbruch macht sich meist durch typische Symptome wie starke Schmerzen und Schonhaltung bemerkbar. Oft sind Bluterguss und Schwellung im Bereich der Verletzung sichtbar. Die Extremität kann abnorm beweglich sein, bei Bewegung ist oftmals ein Knirschen hörbar. Bei einem offenen Knochenbruch ist Knochengewebe in der Wunde erkennbar.




Klettern macht Spaß. Stabile Klettergerüste vermindern die Unfallgefahr.

Foto: BAG


Die verletzte Extremität darf nicht bewegt werden. Ein offener Bruch wird mit sterilen Mullkompressen abgedeckt, da die Gefahr einer Infektion besteht. Ist der Bruch ge­schlossen, lindert Kühlung die Be­schwer­den. Zu bedenken ist, dass ein Knochen­bruch im Oberschenkel oder im Becken eine größere Blutung nach innen hervorru­fen kann. Der Blutverlust kann einen Schock auslösen. Daher muss man bei einem Knochenbruch in der unteren Körperhälfte den Rettungsdienst rufen. Bei einem Bruch von Arm oder Hand wird der Arm in einer Schlinge (ungebundenes Dreieck­tuch) ruhig gestellt. Dann bringt man das Kind ohne Hektik in ein Krankenhaus (2).

 

Prellungen, Zerrungen oder Quetschungen machen sich durch Schmerzen, eine lang­sam zunehmende Schwellung und schmerz­bedingte Schonhaltung bemerkbar. Eventu­ell kommt es zu einem Bluterguss. Küh­lung, zum Beispiel mit kalten Umschlä­gen, hilft, die Schmerzen zu lindern und die Schwel­lung zu vermindern. Das betroffe­ne Areal sollte mit einer elastischen Binde umwickelt und ruhig gestellt werden. Die griffige P-E-C-H-Regel fasst dies zusammen: Pause, Eis, Compression und Hochlagern. Bei anhaltenden Schmerzen und Schwellung müssen die Eltern einen Arzt aufsuchen (2).

 

Gefährliches akutes Abdomen

 

Eine Bauchverletzung kann durch stumpfe Gewalteinwirkung entstehen, beispielsweise, wenn das Kind mit dem Bauch auf eine Einzäunung stürzt. Dabei ist oftmals keine offene Wunde erkennbar, sondern nur sehr kleine Prellmarken wie Abschürfungen oder ein Bluterguss. Durch den Aufprall kann es jedoch zu schweren inneren Verletzungen im Bauchraum kommen.

 

Das akute Abdomen ist die klinische Bezeichnung für eine meist akut einsetzende, oft lebensbedrohliche Symptomatik in der Bauchhöhle, die eine rasche Abklärung erfordert. Wird ein akutes Abdomen durch eine Verletzung hervorgerufen, ist dies sehr tückisch, da man äußerlich kaum etwas erkennt und die Symptome erst mehrere Stunden nach dem Unfall auftreten können. Typisch sind Leibschmerzen, Abwehrspannung, Druckschmerz, Störungen der Darmentleerung, Verschlechterung des Allgemeinzustands, eventuell Fieber, klinische Zeichen einer inneren Blutung, Kreislaufstörungen bis hin zum Schock.

 

Trotz ihrer Angst müssen die Eltern Ruhe bewahren und auch ihr Kind beruhigen. Immer sofort den Rettungsdienst alarmieren! Auch wenn das Kind über Hunger oder Durst klagt, darf es nichts essen oder trinken. Der kleine Patient sollte flach mit angewinkelten Beinen gelagert werden, um den Bauch zu entspannen. Man kann das Kind auch selbst herausfinden lassen, welche Position am günstigsten ist: Kinder spüren meist, welche Lage für sie am besten ist.

 

Im Krankenhaus erfolgt eine genaue Diagnostik mit Labor, Ultraschall, Röntgen und gegebenenfalls einer Notfallendoskopie. Bei vitaler Indikation zur chirurgischen Intervention, zum Beispiel einer schweren Bauchblutung, muss unter Umständen auf eine restlose diagnostische Abklärung verzichtet und sofort operiert werden (2).

 

Wenn Spielen ins Auge geht

 

Schon kleine Fremdkörper können das Auge reizen. Bei einem Fremdkörper im Auge oder einer Augenverletzung ist das Auge gerötet und schmerzt, es kommt zu starkem Tränenfluss, und das Lid verkrampft sich. Der Drang ist groß, das Auge zu reiben.

 

Bei einer Verletzung durch einen größeren Fremdkörper dürfen die Eltern nicht versuchen, diesen zu entfernen; wichtig ist, das Kind vom Reiben des Auges abzuhalten. Dabei hilft ein Augenverband: Auch bei einseitiger Augenverletzung stets beide Augen leicht und ohne Druck mit einer sterilen Kompresse abdecken und diese mit einem Dreiecktuch fixieren. Den Rettungsdienst rufen!

 

Kleine Fremdkörper wie Staubpartikel oder eine Mücke kann man dagegen vorsichtig selbst entfernen. Oft sind die Fremdkörper nur mit einer Lupe erkennbar. Befindet sich der Fremdkörper unter dem Oberlid, wird hierzu das Oberlid an den Wimpern gefasst und über das Unterlid gezogen. Als Nächstes lässt man das Oberlid langsam über die Wimpern des Unterlids zurückgleiten. Liegt der Fremdkörper unter dem Unterlid, so zieht man das Unterlid bei offenem Blick nach oben und vorsichtig wieder nach unten und entfernt den Fremdkörper mit einem sauberen Tuch zur Nase hin. Führt dies nicht zum Erfolg, ist der Augenarzt gefordert.

 

Bei Verätzungen am Auge durch Säure oder Laugen muss man schnellstens handeln. Man öffnet das zusammengekniffene Auge vorsichtig mit zwei Fingern und spült es mindestens zehn Minuten lang mit viel klarem Wasser. Hierbei dreht man den Kopf zur verletzten Seite und deckt das gesunde Auge mit einem Tuch ab. Als Nächstes wird ein Augenverband angelegt. Der Rettungsdienst muss sofort verständigt und die ätzende Substanz in die Augenklinik mitgenommen werden (2, 4).

 

Fremdkörper in den Atemwegen

 

Kleine Spielzeugteile, Bausteine, Murmeln, Perlen oder Erdnüsse können verschluckt werden und die Atemwege verlegen. Plötzlich kommt es zu Husten mit Atemnot; eventuell sind Atemnebengeräusche wie Giemen, Keifen oder Atemrasseln zu hören. Atemabhängig sind Einziehungen an Hals und Brust sichtbar. Die Sprache ist heiser, und das Kind würgt.

 

Man darf nicht versuchen, blind mit einem Finger einen nicht sichtbaren Fremdkörper aus dem Mund zu entfernen, denn es besteht die Gefahr, diesen nach unten zu schieben. Das Kind sollte zunächst kräftig husten, was man durch Klopfen zwischen den Schulterblättern unterstützen kann. Oft entfernt dies den Fremdkörper am effektivsten. Gelingt es, den Fremdkörper durch Husten nach oben zu befördern, kann er aus dem Mund entfernt werden. Steckt er weiterhin in den Atemwegen, muss sofort der Rettungsdienst alarmiert werden.

 

Ist die Atmung eingeschränkt oder besteht deutliche Atemnot, legen die Eltern das Kind vorsichtig über ihr Knie oder ihren Unterarm. Der Oberkörper des Kindes muss herabhängen. Man klopft in der Ausatmungsphase zwischen die Schulterblätter, um einen Hustenreflex auszulösen. Sind keine Atemgeräusche oder Atembewegungen zu erkennen, müssen die Ersthelfer eine Mund-zu-Mund-Beatmung ausführen, bis der Rettungsdienst eintrifft.

 

Weitaus weniger gefährlich sind Fremdkörper in Nase und Ohr. Besonders Krabbelkinder gehen in der Wohnung häufig auf Entdeckungsreise und stecken sich kleine »Fundstücke« wie Erdnüsse oder Knöpfe in Nase und Ohr. Steckt der Fremdkörper in der Nase, ist die Nasenatmung einseitig behindert. Das Kind niest. Bei spitzen Gegenständen schmerzt die Nase und kann bluten. Bleibt ein Fremdkörper längere Zeit in der Nase, läuft eitriges, übel riechendes Sekret aus.

 

Ein Fremdkörper im äußeren Gehörgang kann Husten auslösen. Ist der Gehörgang oder das Trommelfell verletzt, kommt es zu akuten Schmerzen und möglicherweise zu einer kleinen Blutung.

 

Nur wenn der Fremdkörper sichtbar aus dem Nasengang oder dem äußeren Gehörgang herausragt, kann man versuchen, ihn durch vorsichtiges Ziehen, eventuell mithilfe einer Pinzette, zu entfernen. Andernfalls den Arzt aufsuchen (2). Keine Nasen- oder Ohrentropfen geben!

 

Verbrennungen rasch kühlen

 

Verbrennungen und Verbrühungen lösen, je nach Tiefe der Gewebeschädigung, starke Schmerzen, Hautrötungen und Blasenbildung aus. Die Ausdehnung des Verbrennungsschadens wird in Prozent der Gesamtkörperoberfläche angegeben; dabei hilft die Neunerregel oder die Handflächenregel (Grafik).




Grafik: Aufteilung der Körperoberfläche nach der Neunerregel; sie hilft bei der Abschätzung der Größe einer Verbrennung; aus (3)


Faustregel: Die Handfläche des Brandopfers entspricht etwa 1 Prozent seiner Körperoberfläche (3).

 

Bei Verbrühungen müssen die Kleider sofort entfernt werden. Bei Verbrennungen hingegen werden die Kleider nur ausgezogen, wenn sie nicht haften. Die Körperstellen sollten 5 bis 10 Minuten mit lauwarmem Wasser gekühlt werden. Vom Spülen mit kaltem Wasser ist abzuraten, da es die Wundheilung verzögert. Der betroffene Bereich sollte mit einem sterilen Metalline-Brandtuch abgedeckt werden, das in der Apotheke erhältlich ist und in jeder Kinder-Hausapotheke vorrätig sein sollte. Das Brandtuch verklebt nicht mit der Wunde und erhält die Wärme. Man legt die mit Metalline beschichtete Seite auf die verletzte Haut und fixiert die Auflage locker mit einer Mullbinde oder einem Dreieckstuch. »Hausmittel« wie Salben, Puder, Öle oder Desinfektionsmittel sind obsolet (2).

 

Störungen der Hämodynamik können bei ausgedehnten Verbrennungen zu einem Schock führen. Der Rettungsdienst muss sofort alarmiert werden. Die Prognose hängt von der Ausdehnung der Verbrennung, Begleiterkrankungen und dem Alter des Patienten ab. Während bei Erwachsenen der lebensgefährliche Punkt bei 30 Prozent verbrannter Körperoberfläche liegt, liegt er bei Kindern bereits bei 20 Prozent.

 

Vergiftungen

 

Über 90 Prozent aller Vergiftungsfälle passieren zu Hause (siehe Kasten) (9). Vor allem kleine Kinder bis zu sechs Jahren nehmen oft aus Neugierde bunte Tabletten oder Reinigungsmittel aus einer vermeintlichen Saftflasche zu sich. Eine zweite wichtige Altersgruppe sind Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren, die einen Selbstmordversuch mit Tabletten unternehmen oder mit Drogen experimentieren.


Häufige Vergiftungen bei Kindern

Medikamente (40 Prozent aller Vergiftungsfälle)
Putz- und Spülmittel
Zigaretten
Pflanzen, Pilze
Lebensmittelvergiftungen
Kupfermünzen, Knopfzellen
Farben, Lacke
Nagellackentferner
Cremes

Letztendlich gilt: Jede Substanz kann toxisch wirken – entscheidend ist die eingenommene Menge. Hat sich ein Kind vergiftet, wirkt es oftmals von einer Minute auf die andere schwerkrank. Es kann schwitzen, sich übergeben und die Pupillen können sich weiten oder verengen. So führen Opiate und Acetylcholinesterasehemmstoffe zu einer Miosis. Möglicherweise fängt das Kind an, zu schwanken und zu stammeln oder es ist kaum ansprechbar. Ein rosiges Kolorit oder Blässe der Haut, Herzrasen oder ein kaum mehr wahrnehmbarer Herzschlag können Anzeichen einer Vergiftung sein. So führen Methämoglobinbildner zu einer grauen Hautfarbe; alle zentral dämpfenden Substanzen bedingen eine Zyanose. Alkohol und Antihistaminika haben eine Tachykardie zur Folge, Betablocker oder Acetylcholinesterasehemmstoffe hingegen führen zu einer Bradykardie (1, 2, 8).

 

Bei Verdacht auf eine Vergiftung muss man sofort den Notarzt rufen. Wichtig sind die Fragen: Was, wann und wie viel hat das Kind eingenommen? Das Kind sollte beruhigt werden. Ist es ansprechbar, können die Eltern versuchen, seinen Mund zu öffnen, um Reste der giftigen Substanz mit einem Finger auszuwischen. Als Erstmaßnahme und nach Rücksprache mit dem Notarzt können sie dem Kind in Wasser aufgelöste medizinische Kohle zu trinken geben (0,5 g/kg Körpergewicht, maximal 2,0 g/kg KG). Um im Vergiftungsfall die nötige Menge zu erreichen, eignet sich hoch dosiertes Granulat mit 50 g Kohle pro Flasche (7, 9). Aktivkohle wirkt durch unspezifische Adsorption und kann deshalb gegen fast alle Gifte eingesetzt werden. Ein Entschäumer wie Dimeticon ist bei einer Tensidvergiftung indiziert. Neben diesen beiden Arzneimitteln, die am häufigsten bei Vergiftungen bei Kindern eingesetzt werden, muss jede Apotheke gemäß der Apothekenbetriebsordnung zahlreiche weitere Antidote vorrätig halten (9).




Tischdecken, Kerzen und heiße Kannen sind für Kleinkinder ebenso interessant wie gefährlich.

Foto: BAG



Eventuell können die Eltern versuchen, Erbrechen auszulösen. Das Emetikum Apomorphin ist bei Kindern kontraindiziert, da es zu Kreislaufkollaps und Atemhemmung kommen kann. Erbrechen darf auf keinen Fall provoziert werden, wenn das Kind einen Krampfanfall erlitten hat, unregelmäßig atmet oder sein Bewusstsein gestört ist. Auch bei Vergiftung mit ätzenden oder Schaum bildenden Substanzen wie Haushaltsreinigern oder Wasch- und Spülmitteln darf kein Erbrechen ausgelöst werden. Da Milch die Resorption eines Gifts beschleunigen kann, darf das Kind auf keinen Fall Milch trinken (2).

 

Hausapotheke für alle Fälle

 

Grundsätzlich gilt: Die Hausapotheke kann weder den Apotheker noch den Arzt ersetzen. Bei ernsten oder lang andauernden Beschwerden muss immer eine Apotheke aufgesucht oder ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden. Alle Personen, die Kinder betreuen, müssen wissen, wo sich die Hausapotheke befindet und wie man diese öffnet. Nützlich sind eine Broschüre mit Erste-Hilfe-Maßnahmen und ein Zettel mit Notrufnummern, zum Beispiel von Apotheke, Kinderarzt, Notfalldienst von Arzt/Zahnarzt, Toxikologischem Zentrum, Rettungsdienst und Taxi. /


Literatur

  1. Hausapotheke: Für den Notfall gerüstet, Pharmazeutische Zeitung online, www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=30594, 2010.
  2. Institut für präklinische Notfallmedizin der ASH e. V., Erste Hilfe am Kind. Ratgeber für den Umgang mit verletzten und erkrankten Kindern, www.notfallmedizin.de/download/kino.pdf, 2010.
  3. Kirchner, S., Lauterbach, S., Verbrennungen. Rasches Handeln kann Haut und Leben retten. Pharm. Ztg. 153, Nr. 23 (2008) 2320-2325.
  4. Lang, G. K., Augenheilkunde. 4., überarb. Aufl., Thieme 2008.
  5. Notfall-Training Schweiz, Hausapotheke für den Haushalt mit Kindern. www.notfalltraining.ch/download/Checkliste%20Hausapotheke%20Kinder.pdf, 2010
  6. Mitteilung der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut, Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut. Epidem. Bulletin; Nr. 30, 27. Juli 2009; www.rki.de/cln_[...].pdf, 2010.
  7. Rote Liste 2010, Arzneimittelverzeichnis für Deutschland (einschließlich EU-Zulassungen und bestimmter Medizinprodukte, Rote Liste® Service GmbH 2010.
  8. Springer Medizin, Gefahr für das Kind. Zugeschnappt: Erste Hilfe bei Tierbissen. www.lifeline.de/special/saeugling_kleinkind/gefahren/content-130305.html, 2010.
  9. Staiger, C., Vergiftungen im Haushalt. Gefährlicher Griff zur falschen Flasche. Pharm. Ztg. 148, Nr. 50 (2003) 4520-4525.

Die Autorin

Claudia Borchard-Tuch studierte Medizin an der Universität Düsseldorf, erhielt 1982 die Approbation und schloss ein Jahr später ihre Promotion ab. Nach einer Tätigkeit als Assistenzärztin studierte sie Informatik an der Fernuniversität Hagen und schloss mit dem Diplom ab. Seit 1983 ist Dr. Borchard-Tuch freiberuflich tätig als Fachjournalistin und bearbeitet naturwissenschaftliche und medizinische Themen für Fachzeitschriften und große Zeitungen. Zudem verfasst sie wissenschaftliche Publikationen für die Pharma­industrie und ist Autorin mehrerer Bücher.

 

Dr. med. Claudia Borchard-Tuch

Forsthofweg 9

86441 Zusmarshausen

claudia.borchard-tuch@a-city.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 27/2010

 

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