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Spezialnahrung

Besondere Kost für Säuglinge

20.07.2007  16:06 Uhr

Spezialnahrung

Besondere Kost für Säuglinge

Von Hannelore Gießen

 

Lactoseintoleranz, Kuhmilchallergie, Allergierisiko - viele Säuglinge brauchen heute eine spezielle Nahrung. Eine Vielzahl von Ratschlägen verunsichert die Eltern. Für Fragen ist oft die Apotheke die erste Anlaufstelle.

 

Wie hoch der Beratungsbedarf ist, zeige auch die große Zahl von Apotheken, die beim wissenschaftlichen Beratungsdienst anrufen, sagte Frau Dr. Regina Berwind von der Firma Nestlé beim Symposium »Das Kind in der Apotheke« in München. Ein häufig genanntes Problem ist, dass Säuglinge nach der Mahlzeit spucken. Meist sei dies aber kein Grund zur Sorge, erklärte die Ernährungswissenschaftlerin bei der vom Phyto-Netzwerk-München initiierten Veranstaltung. Das Magenvolumen eines Neugeborenen sei noch winzig und sein Sphinktermechanismus noch nicht voll ausgereift. Deshalb sei es völlig normal, dass Säuglinge einen Teil der Nahrung nach einer Mahlzeit wieder aufstoßen. Bedenklich sei ein solcher gastroösophagaler Reflux (GÖR) erst, wenn das Kind nach jeder Mahlzeit spuckt sowie vor und nach jeder Mahlzeit schreit, weil die Säurebelastung der Speiseröhre Schmerzen verursacht, erläuterte Berwind. Als erste Maßnahme zur Reduzierung des Spuckens bieten sich häufigere und kleinere Mahlzeiten an. Das Kind sollte außerdem nach den Mahlzeiten die Möglichkeit haben, ausgiebig aufzustoßen. Anschließend sollten die Eltern es auf die rechte Seite legen, damit möglichst wenig Druck auf den Magen ausgeübt wird. Frühes Aufsetzen dagegen, beispielsweise in Babywippen, kann den Reflux fördern, weil der schwere Kopf des Kindes auf den Mageneingang drückt.

 

Manche Eltern versprechen sich bei Sodbrennen Abhilfe von angedickter Nahrung. Doch dazu sei unbedingt der Rat des Kinderarztes einzuholen, sagte die Ökotrophologin. Angedickte Nahrung löse bei krankhaftem Reflux das Problem nicht. Die dickere Nahrung steigt zwar nicht so weit in der Speiseröhre hoch, kann diese aber dennoch reizen, weil die angedickte Milch langsamer zurückfließt. Andicken der Nahrung ist dann indiziert, wenn ein krankhafter Reflux mit Entwicklungsstörungen aufgrund von Nährstoffverlusten einhergeht. Zur Ernährung von allergiegefährdeten Kindern sind angedickte Fertignahrungen nicht geeignet, da sie kein allergenarmes Eiweiß enthalten.

 

Blähungen und Dreimonatskoliken

 

Dreimonatskoliken hätten nur selten mit der Nahrung zu tun und seien weit häufiger auf eine unreife Verhaltensregulation des Kindes zurückzuführen, sagte Berwind. Die Säuglinge könnten sich noch nicht selbst wieder beruhigen. Diese Schreiperioden, die viele Säuglinge in den ersten drei Lebensmonaten entwickeln, heißen daher heute in Fachkreisen nicht mehr »Dreimonatskoliken«, sondern Regulationsstörungen, auch wenn sich bei den Eltern weiter der Eindruck hält, dass das lang anhaltende Schreien auf Blähungen beim Säugling zurückzuführen ist. Doch die Blähungen scheinen vielmehr durch das Schreien und die dabei geschluckte Luft erst zu entstehen und nicht der Grund für das Schreien zu sein.

 

Unbegründet sind in diesem Zusammenhang vermutlich auch die vielen Einschränkungen, die sich junge Mütter beim Stillen auferlegen. Stillratgeber listen eine Fülle blähender Speisen auf, die während der Stillzeit gemieden werden sollten. Oftmals bleiben gerade noch Kartoffelbrei und Karotten als Menü übrig. Doch bisher gebe es keinerlei wissenschaftlichen Beleg dafür, dass eine blähende Kost der Mutter auch Blähungen beim Kind hervorruft, hob Berwind hervor.

 

Durchfall und Verstopfung

 

Bekommt ein Säugling Durchfall, solle er weiter nach Bedarf gestillt werden, sagte die Ernährungsexpertin. Dazwischen wird am besten Rehydratationslösung gefüttert, um den Mineralien- und Wasserverlust auszugleichen. Flaschenkinder erhalten in den ersten vier bis sechs Stunden nach Beginn des Durchfalls ebenfalls Rehydratationslösung. Die pädiatrischen Gastroenterologen empfehlen, danach wieder die gewohnte Säuglingsnahrung zu füttern, bei schweren Durchfällen anfangs auch verdünnt. Als gut verträgliche Alternative für den Nahrungsaufbau bietet sich eine sogenannte Sensitivnahrung an, die weniger Lactose und ein leicht verdauliches allergenarmes Eiweiß enthält. Der verminderte Gehalt an Milchzucker ist hilfreich, da die Verdauung von Lactose nach Durchfällen vorübergehend gestört ist.

 

Auf einer Milchzuckerreduktion würden auch die sogenannten Heilnahrungen basieren, die in der Apotheke oft nachgefragt werden, sagte Berwind. Zwar könne eine Nahrung keine Infektion heilen, doch sei Heilnahrung ebenso wie Sensitivnahrung für den Nahrungsaufbau nach Durchfällen geeignet, weil sie weniger Lactose enthält. Allerdings sind Heilnahrungen in den ersten Lebensmonaten nicht für allergiegefährdete Kinder geeignet, da sie kein allergenarmes Eiweiß enthalten.

 

Sorge bereitet vielen Eltern auch eine Obstipation ihres Kindes. Oftmals liege jedoch gar keine Verstopfung vor, sondern die Stuhlfrequenz des Säuglings werde nur falsch interpretiert, erklärte Berwind. Bei Stillbabys kann die Häufigkeit des Stuhlgangs zwischen einmal pro Woche und achtmal täglich variieren, bei Flaschenkindern zwischen einmal alle drei Tage und dreimal pro Tag. Bei flaschenernährten Säuglingen kann eine Obstipation jedochdurch Fehler bei der Nahrungszubereitung entstehen, wenn beispielsweise noch etwas mehr Pulver in die Flasche gegeben oder die Nahrung unnötig angedickt wird. Dann fehlt dem Kind ausreichend Flüssigkeit. Dauert eine Obstipation länger an, sollten Eltern auf jeden Fall den Kinderarzt zurate ziehen.

 

Lactoseintoleranz und Allergien

 

»Lactoseintoleranz ist derzeit eine Modediagnose«, sagte Berwind. Dabei werde übersehen, dass Lactose generell schlechter verdaut wird als andere Zucker. Bei jedem Kind gelangt ein Teil der Lactose in den Dickdarm, wo sie von den Darmbakterien zu Milch- und Essigsäure sowie Kohlendioxid gespalten wird. Dies führt zu einem niedrigen pH-Wert des Stuhls, der das Wachsen der physiologischen Darmflora fördert und pathogene Keime unterdrückt. Die angeborene Lactoseintoleranz, die mit Symptomen wie Blähungen, Bauchkrämpfen und Durchfällen einhergeht, ist dagegen eine sehr seltene Erkrankung. Eine echte Unverträglichkeit erfordert eine vollständig lactosefreie Ernährung, sagte Berwind.

 

Etwa 6 bis 8 Prozent aller Kinder unter zwei Jahren leiden an einer Nahrungsmittelallergie, meist gegen ein Protein der Kuhmilch. Eine sichere Diagnose ist nur mit einem oralen Provokationstest möglich, der jedoch bei Säuglingen sehr selten vorgenommen wird. Die Diagnose stützt sich meist auf Haut- oder Bluttests, die nur die allergische Sensibilisierung nachweisen, nicht die Allergie.

 

Ein Säugling mit diagnostizierter Kuhmilcheiweißallergie benötigt eine therapeutische Spezialnahrung, die von den Krankenkassen erstattet wird. Nach einiger Zeit sollte die Diagnose jedoch überprüft werden, denn eine Allergie gegen Kuhmilchprotein bildet sich häufig von selbst zurück: Nach einem Jahr ist sie in der Hälfte aller Fälle verschwunden, nach zwei Jahren bei 75 Prozent und nach drei Jahren sogar bei 90 Prozent.

 

Langsam an Gluten gewöhnen

 

Einen hohen Beratungsbedarf haben auch Eltern mit Zöliakie. Diese Unverträglichkeit von Gluten, das in Weizen, Roggen, Gerste und Hafer enthalten ist, kann die Dünndarmschleimhaut stark schädigen. Zur Prävention der Unverträglichkeit sollten genetisch prädisponierte Säuglinge in den ersten vier Monaten streng glutenfrei, am besten mit Muttermilch, ernährt werden. Jeder Monat weiteres Stillen verlängert den Schutz. Aktuellen Studien zufolge lässt sich eine Zöliakie am besten vermeiden, wenn glutenhaltige Beikost, noch während des Stillens, zwischen dem vierten und sechsten Lebensmonat in kleinen Mengen eingeführt wird.

 

Frühgeborene brauchen mehr

 

Durch Fortschritte in Pädiatrie und Intensivmedizin gelingt es, immer mehr Frühgeborene zu retten, die oft weit vor dem Geburtstermin zur Welt kommen. Diese Kinder brauchen auch nach der Entlassung aus der Klinik häufig noch eine spezielle Ernährung. Für »Frühchen« wurde eine Spezialnahrung entwickelt, die mehr Eiweiß und mehr Mineralien als die normale Säuglingsmilch enthält. Diese Nahrung sollen die Kinder erhalten, bis sie ein Körpergewicht von 3500 Gramm, bei sehr kleinen Frühgeborenen sogar 5000 Gramm erreicht haben. Muttermilch enthält zwar die optimale Nährstoffzusammenstellung für ein reif geborenes Kind, nicht jedoch für ein zu früh geborenes. Deshalb sollte auch ein gestilltes Frühchen ein Supplement erhalten, das zusätzlich Eiweiß und Mineralien liefert.

 

Wenn früh geborene Säuglinge lange enteral oder parenteral ernährt werden, sei das Risiko für Fütterungsprobleme erhöht, sagte Berwind. Trinkt das Kind schlecht, geraten die Eltern unter Stress, sodass ein Teufelskreis entstehen kann: Die Eltern füttern ihr Kind unter Druck, was das Kind spürt und zunehmend eine Ablehnung gegen die Mahlzeiten entwickelt. Bei ausgeprägten Fütterungsstörungen ist ein »Esstraining« unter therapeutischer Anleitung notwendig. In einfacheren Fällen könnten Essregeln helfen, die Situation zu entspannen, riet Berwind. Feste Mahlzeiten an einem bestimmten Ort sowie eine klare Trennung von Ess- und Spielzeiten geben dem Kind Orientierung. Wichtig sei auch, die Zuständigkeit zwischen Kind und Eltern klar aufzuteilen, schloss Berwind. Die Eltern entscheiden über das Nahrungsangebot, das Kind über die Nahrungsmenge.

Säuglings- und Spezialnahrungen im Überblick

Pre-Nahrung ist eine Säuglingsanfangsnahrung, die als einziges Kohlenhydrat Lactose enthält und in ihrer Zusammensetzung und Konsistenz der Muttermilch am ähnlichsten ist.

Anfangsnahrung der Stufe 1 enthält neben Lactose eine kleine Menge an Stärke, maximal 2 g pro 100 ml, und ist sämiger als eine Pre-Nahrung.

Folgemilch ist im Rahmen einer Mischkost frühestens nach dem vierten Monat geeignet. Sie basiert auf Magermilch und enthält Lactose, pflanzliche Öle und Stärke sowie Vitamine und Mineralien. Folgemilch steht wie auch Anfangsnahrungen als mit Probiotika angereichertes Produkt zur Verfügung.

HA-Nahrungen werden bei allergiegefährdeten Kindern zur Reduzierung des Allergierisikos empfohlen. Der Eiweißanteil ist teilweise aufgespalten und wirkt hypoallergen.

Frühgeborenennahrung ist eine Spezialnahrung, die dem erhöhten Bedarf Frühgeborener angepasst ist. Sie ist energieangereichert und enthält mehr Calcium und Phosphor als normale Säuglingsnahrung sowie mehr Eiweiß, teilweise in hydrolysierter Form. Zudem ist die Nahrung mit den langkettigen mehrfach ungesättigten Fettsäuren (LC-PUFA), Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure angereichert, die für die Entwicklung von Gehirn und Sehfunktion wichtig sind.

Sensitivnahrungen sind lactosearme, allergenarme Spezialnahrungen, die bei Blähungen und zum Nahrungsaufbau bei akuten Durchfallerkrankungen eingesetzt werden.

Spezialnahrungen bei Nahrungsmittelallergien basieren auf stark hydrolysiertem Molkenpulver. Andere Produkte werden auf Basis von hydrolysiertem Sojaeiweiß hergestellt.

 

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