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Neramexane: Hoffnungsträger bei Tinnitus

PHARMAZIE

 
Neramexane

Hoffnungsträger bei Tinnitus

Von Claudia Borchard-Tuch

 

Der NMDA-Rezeptorantagonist Neramexane befindet sich derzeit in einem umfangreichen internationalen Phase-III-Studienprogramm bei Tinnitus. Nun wurden erste Ergebnisse einer deutschsprachigen Studie vorgestellt.

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Neramexane ist eine Substanz mit zweifacher Wirkungsweise. Sie antagonisiert zum einen α9/10-Rezeptoren und zum anderen N-Methyl-D-Aspartat (NMDA)-Rezeptoren. Beide Rezeptorsysteme sind nach heutigem Kenntnisstand am Krankheitsgeschehen des Tinnitus beteiligt. So weisen Untersuchungsergebnisse darauf hin, dass ein Einstrom von Calciumionen an der Schädigung der Hörsinneszellen im Innenohr beteiligt ist, welche über den α9/10-Rezeptor in die Hörsinneszellen eindringen (1).

 

Bekannt ist zudem, dass die Hörsinneszellen beim subjektiven Tinnitus zu viel Glutamat ausschütten, infolgedessen der NMDA-Rezeptor in der Hörnervenzelle hyperaktiv ist. Über den NMDA-Rezeptor kommt es zu einem massiven Calciumeinstrom in den Hörnerv. Dies kann in einem solchen Ausmaß geschehen, dass der Hörnerv geschädigt wird. Gleichzeitig aktivieren die Calciumionen den Hörnerv. Dieser leitet Signale an das Gehirn weiter, sodass Ohrgeräusche wahrgenommen werden, die in Wirklichkeit nicht existieren (2). Neramexane als NMDA-Rezeptorantagonist soll hier intervenieren (3).


Subjektiver Tinnitus

Unter Tinnitus versteht man die Wahrnehmung von Geräuschen im Ohr, ohne dass eine entsprechende externe Geräuschquelle vorhanden ist. In der Regel sind diese Geräusche für Außenstehende weder hör- noch messbar, weshalb man auch vom subjektiven Tinnitus spricht. Gegenwärtig ist die Ursache nicht abschließend geklärt. Vermutet wird eine Dysbalance von erregenden und hemmenden Neurotransmittern in der Hörbahn, was zu einer Schwächung des Hörfilters und letztendlich zur subjektiven Wahrnehmung von Geräuschen führt. Mediziner unterteilen den Leidensdruck in vier Schweregrade:

 

Grad 1: 35 bis 40 Prozent der Erwachsenen haben einen Tinnitus, der sie nicht beeinträchtigt.
Grad 2: Die Ohrgeräusche wirken störend – vor allem in stressigen Situationen und bei zusätzlichen psychischen Belastungen (11 bis 17 Prozent).
Grad 3: Der Tinnitus wird als so störend empfunden, dass er den privaten und beruflichen Alltag dauerhaft beeinträchtigt. Rund 8 Prozent der Betroffenen machen sich ständig Sorgen über ihre Ohrgeräusche und berichten über weitere Probleme, die ihrer Meinung nach durch die lästigen Töne entstanden sind.
Grad 4: Es gibt Menschen, die unter dem Tinnitus so stark leiden, dass es durch die Dauerbelastung zu nachhaltigen psychischen und körperlichen Beschwerden kommt. Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme, verminderte Leistungsfähigkeit, Angst und Schmerzen können die Folge sein.

Erste Ergebnisse einer Phase-III-Studie stellte Professor Dr. Markus Suckfüll, leitender Oberarzt und Leiter der deutschsprachigen klinischen Studien vom Münchner Klinikum Großhadern, auf einer Veranstaltung der American Academy of Otolaryngology im September vor. An der randomisierten placebokontrollierten Studie nahmen 431 Patienten mit subjektivem Tinnitus teil. Die Patienten litten seit drei bis 18 Monaten unter der Erkrankung. Sie wurden in vier Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe erhielt Placebo, die anderen Neramexane in Konzentrationen von täglich 25, 50 und 75 mg über einen Zeitraum von vier Monaten.

 

Die primäre Wirksamkeitsanalyse basierte auf den Auswertungen eines validierten Befragungstests, welcher den Leidensdruck eines Tinnitus-Patienten erfasst (Tinnitus Handicap Inventory Questionaire, THI). Der Test wurde vor der Therapie, nach vier, acht, zwölf und 16 Wochen Behandlungsdauer sowie vier Wochen nach Beendigung der Therapie durchgeführt. Es zeigte sich, dass die Beschwerden in der Tinnitusgruppe, die 50 mg Neramexane pro Tag erhalten hatten, vier Wochen nach Therapieende im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant geringer waren (4).

 

Neramexane befindet sich derzeit in Phase III der klinischen Erprobung. Das Phase-III-Programm wurde in Zusammenarbeit mit den zuständigen europäischen und US-amerikanischen Behörden (BfArM, EMEA, FDA) abgestimmt. Rund 1200 Patienten in drei internationalen klinischen Studien nehmen teil. Die Studien werden in Europa, den USA und Lateinamerika durchgeführt. In Europa nehmen Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Spanien und Tschechien an der Studie teil. Die ersten Ergebnisse werden Ende 2010 erwartet (5).


Literatur

  1. Plazas, P. V., Savino J., Kracun S., Gomez-Casati, M. E., Katz, E., Parsons C. G., Millar, N. S., Elgoyhena, A. B., Inhibition of the a9a10 nicotinic cholinergic receptor by neramexane, an open channel blocker of N-methyl-D-aspartate receptors, European Journal of Pharmacology 566 (2007) 11–19
  2. Zenner, H. P., Die Entstehung von Ohrgeräuschen. Hypothesen und Modelle, http://www.tinnitus-liga.de/media/textarc/Dieentst.pdf, 2009
  3. Mazurek, B., Stöver, T., Haupt, H., Gross, J., Szczepek, A., Die Rolle der kochleären Neurotransmitter in Bezug auf Tinnitus, HNO 55 (2007) 964-971
  4. Suckfuell, M., Jastreboff, P., Wirth, Y., Krueger, H., Goertelmeyer, R., Ellers-Lenz, B., Neramexane in subjective tinnitus, Otolaryngology – Head and Neck Surgery, Volume 141, Issue 3, Supplement 1, September 2009, Page P87
  5. Entwicklungsprogramm Neramexane/Tinnitus, www.merz.de/forschung_und_entwicklung/neramexane-tinnitus/, 2009

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Beitrag erschienen in Ausgabe 44/2009

 

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