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Krebserkrankungen: So normal wie möglich ernähren

MEDIZIN

 
Krebserkrankungen

So normal wie möglich ernähren

Von Christina Hohmann

 

Eine wirksame »Krebsdiät«, die den Tumor aushungert, gibt es nicht. Im Gegenteil: Eine zu einseitige Ernährung kann die häufig bei Krebspatienten auftretende Gewichtsabnahme verstärken. Betroffene sollten sich vielmehr so ernähren, wie es auch Gesunden geraten wird.

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Die richtige Ernährung spielt nicht nur bei der Vermeidung von Krebserkrankungen eine entscheidende Rolle, sondern trägt auch bei Krebspatienten zum Erfolg der Therapie und zur Steigerung der Lebensqualität bei. Daher sollten Betroffene durch ausgebildete Ernährungsberater betreut werden. Dies empfiehlt der World Cancer Research Fund (WCRF) ausdrücklich in seinem Bericht von 2007.

 

Qualifizierte Ernährungsberater können dazu beitragen, dass Patienten ihren Körper ausreichend mit Energie und wichtigen Nährstoffen versorgen. Sie können außerdem mit Mythen aufräumen. So vertrauen Krebskranke und ihre Angehörigen häufig auf sogenannte Krebsdiäten, die versprechen, das Tumorwachstum aufzuhalten oder den Krebs zu beseitigen. Doch dafür fehlt jeder wissenschaftliche Beweis. Krebsexperten und Fachgesellschaften warnen nachdrücklich vor solchen Diäten. Nicht nur, dass ihr Nutzen nicht belegt ist, manche Formen können auch lebensgefährlich für Krebskranke sein.

 

So zum Beispiel die Krebskur nach Breuss, nach der Patienten 42 Tage lang nur Tees und Säfte zu sich nehmen sollen. Auch die Methode nach Gerson, die eine streng vegetarische Ernährung mit Kaffee-Rizinus-Einläufen kombiniert, hat schon zu schweren Komplikationen bei Krebspatienten geführt, schreibt der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) auf seiner Website. Eine einseitige Ernährung kann zu Mangelernährung führen und die Gewichtsabnahme verstärken, was sich ungünstig auf den Therapieerfolg und das Wohlbefinden der Patienten auswirkt. Zudem rauben solche starken Einschränkungen große Teile der noch verbliebenen Lebensqualität.

 

Essen, was schmeckt

 

Allgemeiner Konsens der verschiedenen Fachgesellschaften ist daher, dass Krebspatienten sich möglichst so ernähren sollten wie Gesunde. Wenn keine Einschränkungen vorliegen, sollten die gleichen Empfehlungen eingehalten werden, wie sie für die Krebsprävention gelten (siehe hierzu Ernährung: Krebs ist vermeidbar, PZ 42/2009), heißt es im WCRF-Bericht. Im Einzelnen ist dies, möglichst schlank zu bleiben, hochkalorische Lebensmittel zu meiden, körperlich aktiv zu sein, sich gesund und ausgewogen zu ernähren und den Konsum von Alkohol, Salz und Fleisch zu reduzieren. Der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zufolge sollten Krebspatienten zwischen 30 und 40 kcal pro kg Körpergewicht zu sich nehmen, um Gewichtsverluste und Mangelernährung zu vermeiden.

 

Es gibt jedoch bestimmte Umstände, unter denen diese allgemeinen Empfehlungen nicht zutreffen, wenn zum Beispiel der Verdauungstrakt durch den Tumor, die Therapie oder deren Nebenwirkungen in seiner Funktion beeinträchtigt wird oder wenn Krebspatienten stark abmagern. Dann sind an die Ernährung spezielle Anforderungen zu stellen, und es ist nötig, zusammen mit Ernährungsfachkräften eine individuelle Diät zu erarbeiten.

 

Ungewollte Gewichtsverluste

 

Ernährungsstörungen und Gewichtsabnahme zählen zu den häufigsten Symptomen von Krebserkrankungen. Bei der Diagnosestellung haben bereits 50 Prozent der Krebspatienten an Gewicht verloren, informiert die DGE. Dieser Gewichtsverlust kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Zum einen kann der Tumor den Energieverbrauch erhöhen, wie es zum Beispiel bei Bauchspeicheldrüsen-, Lungen- oder Leberkrebs oft der Fall ist. Zum anderen kann die Erkrankung den Stoffwechsel so beeinflussen, dass Nährstoffe schlechter verwertet werden, oder das Geschmacksempfinden verändern und damit eine Appetitlosigkeit verursachen.

 

Auch die Therapie selbst und deren Nebenwirkungen können zur Gewichtsabnahme beitragen. Häufig führen Chemo- und Strahlentherapie zu Übelkeit und Erbrechen, Appetitlosigkeit, Geschmacksveränderungen, Durchfall oder Entzündungen der Schleimhäute im Mund und Hals, die alle die Nahrungsaufnahme beeinträchtigen. Unabhängig von ihrer Ursache ist eine Mangelernährung für den Krebspatienten sehr schädlich, denn sie kann den Stoffwechsel stören und das Immunsystem schwächen. Beides kann den Erfolg der Tumortherapie beeinträchtigen und die Lebenserwartung des Patienten senken. So sterben laut DGE-Informationen 25 Prozent der Patienten an der Mangelernährung selbst.

 

Bei Tumorkachexie gelten einige Empfehlungen, die von denen für Gesunde abweichen. So sollten Betroffene über 30 Prozent ihrer Energie aus Fett beziehen. Die Speisen sollten hierfür mit Fett zusätzlich angereichert werden, zum Beispiel kann man Schlagsahne in den Kaffee oder Butter unter die Soße mischen.

 

Wenn dies nicht hilft und der Patient weiter abnimmt, kann eine Zusatznahrung in Form von Trinknahrung (»Astronautenkost«), Sondennahrung oder eine parenterale Ernährung angezeigt sein. Ein Eingreifen ist dann nötig, wenn der Patient rapide abnimmt (mehr als 5 Prozent des Ausgangsgewichts in drei Monaten) oder sein Gewicht weniger als 90 Prozent des Sollgewichts für seine Größe beträgt.

 

Spezielle Empfehlungen

 

Bei Appetitlosigkeit ist es hilfreich, kleine Portionen zu verzehren und dafür aber häufiger über den Tag verteilt alle zwei bis drei Stunden zu essen. Patienten können auch nachts essen, wenn Hungergefühle auftreten, rät die DGE. Mahlzeiten sollten appetitlich angerichtet sein. Häufig werden kalte Speisen gegenüber warmen bevorzugt. Wenn es der behandelnde Arzt erlaubt, kann auch ein Aperitif etwa eine Stunde vor dem Essen getrunken werden, so die DGE. Appetitanregend wirken auch Bitterstoffe etwa in Grapefruitsaft, Ginger Ale, Bitter Lemon oder Ingwertee.

 

Eine häufige Nebenwirkung der Chemo- und Strahlentherapie ist, dass sich das Geschmacksempfinden verändert. Dies verschwindet meist nach Ende der Behandlung wieder, kann bis dahin aber die Freude am Essen erheblich schmälern. Für diese Zeit sollte der Patient essen, worauf er Lust hat. Er sollte sich nicht zwingen, Lebensmittel zu essen, gegen die er im Moment eine Abneigung spürt. Häufig werden süße oder sehr stark gewürzte Speisen als unangenehm empfunden.

 

Vor dem Essen den Mund auszuspülen, kann auch helfen den schlechten Geschmack zu mildern. Insgesamt ist es hilfreich, häufig kleinere Mengen zu trinken. Vor allem Getränke mit Bitterstoffen oder Zitronenaroma helfen, den Speichelfluss anzuregen und damit den schlechten Geschmack zu beseitigen.

 

Gegen die Übelkeit

 

Übelkeit und Erbrechen sind sehr belastende Nebenwirkungen der Krebstherapie, die trotz der Gabe von Antiemetika häufig auftreten (siehe dazu Übelkeit und Erbrechen: Schattenseite der Tumortherapie, PZ 41/2009). Auch hier hilft es, kleine Portionen über den Tag verteilt zu sich zu nehmen. Nach dem Essen sollte gut durchgelüftet werden, um den Essensgeruch zu beseitigen. Die Patienten sollten in Ruhe essen und trinken, da rasches Essen die Beschwerden verstärkt.

 

Die DGE empfiehlt eine leichte Kost – besonders fette, süße oder blähende Speisen sind zu meiden. Dagegen sind kühle und leicht gewürzte Gerichte zu bevorzugen. Gegen den Brechreiz helfen auch stärkehaltige, trockene Lebensmittel wie Toast, Cracker oder Zwieback. Bei einigen Patienten ist es hilfreich, Eiswürfel zu lutschen oder kalte Getränke zu trinken. Bei häufiger Übelkeit und Erbrechen sollten Patienten möglichst nicht ihre Lieblingsspeisen essen, da sie sonst eine Abneigung gegen diese erlernen.

 

Eine weitere Nebenwirkung der Tumortherapien sind Schäden an der Schleimhaut. Die Schleimhäute im Mund-Hals-Bereich sind äußerst empfindlich und können sich bei Krebspatienten entzünden, was das Schlucken sehr erschwert. Diese Patienten sollten bevorzugt weiche oder pürierte Kost zu sich nehmen, rät die DGE. Geeignet sind Cremesuppen, Gemüsepürees und kalorienreiche Mixgetränke. Durch Zufügen von Butter, Sahne oder Mayonnaise werden pürierte Speisen noch besser schluckbar, und als positiver Nebeneffekt noch energiereicher.

 

Scharfe, sehr salzige und säurehaltige Lebensmittel wie saures Obst sind bei angegriffenen Schleimhäuten zu meiden, da sie im Mund »brennen«. Ebenso sollten scharfkantige, bröselige Lebensmittel wie Salzstangen oder Toast und sehr harte Nahrungsmittel wie Rohkost vom Speiseplan gestrichen werden, da sie an den wunden Stellen zusätzlich scheuern. Eventuell können Patienten Babykost aus Gläschen probieren, die passiert ist und zudem einen geringen Säure- und Salzgehalt hat. Bei sehr starken Beschwerden kann zeitweise auf Trinknahrung umgestiegen werden, bis sich die Entzündungen gebessert haben.

 

Patienten sollten außerdem darauf achten, nicht zu heiß oder zu kalt zu trinken, und auf kohlensäurehaltige Getränke verzichten. Besser geeignet sind stilles Wasser und Tees wie eventuell Kamillentee. Tees, vor allem Pfefferminz- und Zitronentee, werden auch für Patienten empfohlen, die aufgrund der Therapie an mangelnder Speichelproduktion leiden. Kleinere Mengen sollten häufig zwischendurch getrunken werden. Auch stilles Wasser, Malzbier oder Getränke mit Bitterstoffen können den Speichelfluss anregen. Milch wirkt sich ungünstig aus, da sie die Schleimbildung im Mund fördert, auf Sauermilchprodukte und Sojaprodukte trifft dies aber nicht zu.

 

Nicht nur Mund und Hals, sondern auch das tiefere Verdauungssystem kann durch die Krebstherapie geschädigt werden. Durchfall ist eine häufige Folge. Bei starken Beschwerden sollte eine leicht verdauliche, lactose-, fett- und ballaststoffarme Kost eingehalten werden. Geeignete Speisen sind Hafer- und Reisschleimsuppen, Weißmehlprodukte und geriebener Apfel sowie zerdrückte Banane. Dazu können Fencheltee und schwarzer Tee getrunken werden. Zu vermeiden sind Vollkornprodukte, frisches Obst, fette und gebratene Speisen, Milch und Milchprodukte. Auch auf Kaffee und Säfte sollte bei Durchfall verzichtet werden.

 

Mangelernährung und Gewichtsverlust sind zentrale Probleme bei Krebspatienten. Da die Ursachen für vielfältig sind, ist es wichtig den Grund zu ermitteln, um das Problem beheben zu können. Lässt sich durch eine Wunschkost und die genannten Empfehlungen nicht erreichen, dass sich das Körpergewicht des Patienten stabilisiert, so muss in Einzelfällen über eine enterale oder parenterale Ernährung (siehe hierzu Künstliche Ernährung: Lebensrettende Lösungen, PZ 24/2009) nachgedacht werden.


Serie Ernährung

Dieser Artikel ist Teil der Serie Ernährung. Die nächste Folge zum Thema »Ernähung bei Nieren- und Steinerkrankungen« erscheint in PZ 46 und ist bereits am Montag, dem 9. November, online verfügbar unter »Zum Thema«.


Literatur

»Ernährung bei Krebs« – Die blauen Ratgeber, Broschüre der Deutschen Krebshilfe (2008)
Zweiter WCRF-Report: Ernährung, körperliche Aktivität und Krebsprävention – Eine globale Perspektive, World Cancer Research Fund (2007)
Deutsches Krebsforschungsinstitut: Ernährung bei Krebs (www.dkfz.de)
DGE-Beratungsstandards: Krebserkrankungen (2001)
DGE-Infothek: Essen und Trinken für Krebskranke (2001)

Buch-Empfehlungen

Unsere Autorinnen und Autoren haben eine Literaturliste mit empfehlenswerten Büchern zum Thema Ernährung zusammengestellt:

 

Ernährung allgemein

Hans-Konrad Biesalski u. a., Ernährungsmedizin (2004), Thieme Verlag
Hans-Konrad Biesalski und Peter Grimm, Taschenatlas der Ernährung (2007), Thieme Verlag

 

Kalorien/Vitamine

DGE, Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr (2008), Umschau Verlag
Ibrahim Elmadfa u. a., Die große GU Nährwert-Kalorien-Tabelle 2008/2009, Gräfe und Unzer Verlag (2008)
Nestlé Deutschland, Kalorien mundgerecht (2006), Umschau Verlag
Karl-Heinz Bässler u. a., Vitamin-Lexikon (2007), Komet-Verlag

 

Gewichtsreduktion

Alfred Wirth, Adipositas: Ätiologie, Folgekrankheiten, Diagnostik, Therapie, Springer-Verlag Berlin (2007)
Martin Wabitsch und andere, Adipositas bei Kindern und Jugendlichen: Grundlagen und Klinik (2004), Springer-Verlag
Joachim Westenhöfer, Abnehmen ab 50 (2005), Govi-Verlag
Tanja Schweig, Abnehmen und schlank bleiben (2002), Govi-Verlag

 

Diabetes mellitus

A. Liebl und E. Martin, Diabetes mellitus Typ 2 (2005), Govi-Verlag
J. Petersen-Lehmann, Diabetes heute, mehr Sicherheit und Freiheit (2003), Govi-Verlag
J. Petersen-Lehmann, Diabetes-Wissen von A bis Z (2006), Govi-Verlag
Arthur Teuscher, Gut leben mit Diabetes Typ 2 (2006), Trias Verlag
Eberhard Standl, Hellmut Mehnert, Das große Trias-Handbuch für Diabetiker (2005), Trias Verlag
Annette Bopp, Diabetes, Stiftung Warentest (2001)

 

Allergien/Intoleranzen

Andrea Betz-Hiller, Zöliakie. Mehr wissen, besser verstehen (2006), Trias Verlag
Thilo Schleip, Fructose-Intoleranz (2007), Trias Verlag
Thilo Schleip, Lactose-Intoleranz (2005), Ehrenwirth Verlag

 

Cholesterin

C. Eckert-Lill, Kampf dem Cholesterin (2003), Govi-Verlag

 

Hypertonie

M. Conradt, Blutdruck senken, der richtige Weg (2004), Govi-Verlag

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.govi.de.



Links zum Thema Ernährung


Weitere Themen im Ressort Medizin...

Beitrag erschienen in Ausgabe 44/2009

 

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