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Anzag-Apothekerforum: Mittelstand muss aus der Krise führen

POLITIK

 
Anzag-Apothekerforum

Mittelstand muss aus der Krise führen

Von Daniela Biermann und Daniel Rücker, Frankfurt am Main

 

Die Finanzkrise ist nicht schuld an den aktuellen Problemen der Wirtschaft, sagt Professor Dr. Lothar Späth, Ex-Ministerpräsident von Baden-Württemberg und ehemaliger Chef der Jenoptik AG. Beim Anzag-Apothekerforum in Frankfurt zeigte er auf, wie Deutschland die Krise überwinden kann.

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»Es ist jetzt nicht die Zeit, die Entstehung der Finanz- und Wirtschaftskrise im Detail zu analysieren«, sagt Professor Dr. Lothar Späth. Entscheidender sei es, sich auf die Zeit nach der Krise vorzubereiten. Das bedeutet für den ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg einen Umbau der Wirtschaft und ein flexibleres Sozialsystem.

 

Seine große Hoffnung bei der Überwindung der Krise setzt Späth auf den Mittelstand. Dieser sei heute schon der Motor der Wirtschaft, bringe die notwendige Innovationskraft, Deutschland nach der Krise wieder gut aufzustellen, sagte er beim Anzag-Apothekerforum am Samstagnachmittag im Frankfurter Hotel Intercontinental. Rund 200 Apothekerinnen und Apothekern erläuterte Späth, der nach der Wiedervereinigung das Unternehmen Jenoptik an die Börse geführt hatte, wie sich Deutschland auf die Zukunft vorbereiten muss.

 

Die aktuelle Krise ist dabei für Späth eher ein Katalysator als der Auslöser für die aktuellen Probleme. Deutschland müsse seine Wirtschaft ohnehin umbauen. Die Produktion sei  so oder so nicht mehr in der Lage, die Wirtschaft zu tragen. Unternehmen wie Mercedes, BMW oder Opel hätten die aktuellen Probleme, weil der Markt weniger Autos benötige. Dasselbe gelte für andere Produkte.

 

Die Rolle des Schrittmachers der Wirtschaft muss laut Späth jetzt die Dienstleistungsbranche übernehmen. Nur sie kann die Bedürfnisse der alternden Gesellschaft befriedigen. Späth: »Ein Neunzigjähriger kauft keine Autos, aber er braucht Pflege, Gesundheitsdienstleistungen und  andere Services. Hier sieht er auch eine große Chance für die Apotheker, denen er als Mittelständler auch zutraut, schnell und flexibel neue Angebote zu entwickeln.

 

Umbau der Wirtschaft

 

In seiner rund einstündigen Rede sang Späth ohnehin das Hohelied des Mittelständlers, der für ihn ein Synonym für die Stärke der deutschen Wirtschaft ist. Die Selbstständigen hätten Deutschland zum Exportweltmeister gemacht, jetzt müssten sie den Umbau zur Dienstleistungsgesellschaft tragen.

 

Die Finanzkrise macht nach Späths Überzeugung auch die wegen der demografischen Entwicklung ohnehin notwendigen Änderungen an den Sozialsystemen noch deutlicher. Zurückgehende Beschäftigung und stagnierende Löhne würden die Finanzlage der Renten- und der Krankenversicherung weiter verschärfen. Die Vollversorgung für alle könne es nicht mehr geben, sagte er. Die Politik müsse dies den Menschen ehrlich sagen.

 

In Zukunft würden die Sozialsysteme nur noch eine Grundsicherung für alle anbieten. Weitere Leistungen sollten sich die Versicherten zukaufen können. Denkbar seien auch Modelle, in denen sich Menschen Ansprüche auf Sozialleistungen erarbeiten. Späth: »Wir werden in Zukunft viele Menschen haben, die wenig Geld, aber viel Zeit haben.« Diese könnten als »junge Alte« bei der Versorgung der Pflegebedürftigen mithelfen und sich auf diesem Weg selbst für das Alter absichern. So würden auch die Kosten der Pflege sinken. Späth: »Wir werden es uns in einer alternden Gesellschaft nicht leisten können, alle Pflegebedürftigen zu den Gehaltsvorstellungen von Verdi zu versorgen.«

 

Späth rechnet mit einigen sehr schwierigen Jahren. In zwei bis drei Jahren werde die Krise womöglich überwunden sein, dann müssten die jetzt gemachten Schulden so schnell wie möglich zurückbezahlt werden. Er hält es deshalb für höchst unehrlich, wenn die Bundestagsparteien jetzt Steuersenkungen nach der Bundestagswahl in Aussicht stellten. Die Politik sollte hier den Menschen in Deutschland reinen Wein einschenken.

 

Kreativer Wettbewerb

 

Sparen darf Deutschland aber keinesfalls bei Bildung und Forschung. Innovationskraft sei das wichtigste Kapital der Deutschen. Wie Pisa gezeigt habe, hat Deutschland hier schon den Anschluss an die internationale Spitze verloren. Dieser Rückstand müsse wieder aufgeholt werden. Aber auch dies gelte unabhängig von der Krise. In der anschließenden Podiumsdiskussion gab Späth den Apothekern den Rat, den Wettbewerb nicht zu scheuen. »Er ist etwas Kreatives. Unterschätzen Sie nicht die Waffe Einfallsreichtum.«

 

Dabei müsse der Apotheker als Unternehmer den Wettbewerb immer im Auge behalten und sich für Neues interessieren. »Mischen Sie sich auch in die Kommunalpolitik ein«, riet Späth. Hier gebe es größere Chancen, etwas zu bewegen. »Dort finden sich oft pragmatische Lösungen über Parteigrenzen hinweg.«

 

Entscheidend für den Erfolg sei heute das Marketing für die eigenen Produkte und Dienstleistungen. Der Apotheker müsse sich deshalb immer wieder fragen, wie er bei seinen Kunden ankomme und was diese von ihm erwarteten. Die offensive Kommunikation mit Patienten und potenziellen Kunden sei auch für einen Apotheker unerlässlich. Späth: »Wenn man sich selbstständig macht, muss man immer den Wettbewerb auch wirklich wollen.«

 

Auf überregionaler Ebene dagegen komme es zu typischen (faulen) Kompromissen wie dem Gesundheitsfonds. Hier trafen laut Späth zwei verschiedene Philosophien der Regierungsparteien aufeinander. Aus Steuerpolitik wurde Gesundheitspolitik gemacht. Zu unserem derzeitigen politischen System gebe es aber keine Alternative.

 

Europa ist nicht zu stoppen

 

Keine Alternative gibt es laut Späth auch zur Europäisierung. Sie sei wie die Globalisierung nicht zu stoppen und dürfe auch keinesfalls zurückgedreht werden. Allerdings sei jeder Zeitdruck bei der Harmonisierung kontraproduktiv. »Es gibt keinen Grund zur Eile. Im Sturmlauf werden wir kein einheitliches Europa bekommen.« Auch die Gesundheitswesen würden sich letztlich annähern, doch hier gelte noch viel stärker, dass die Staaten nicht überfordert werden sollten. Späth: »Ich bin leidenschaftlicher Europäer. Brüssel soll sich in den kommenden Jahren zurückhalten.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2009

 

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