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Mit den Augen des Anderen sehen

TITEL

 

SeitenWechsel

Mit den Augen des Anderen sehen

von Christiane Berg, Hamburg

Sozialarbeit auf Zeit: Kein Abenteuerurlaub, sondern eine Woche der Konfrontation mit schweren Schicksalen steht Führungskräften bei der Teilnahme am Projekt „SeitenWechsel“ bevor.

„Grenzen überschreiten und voneinander lernen“: Die Ursprünge dieser ganz speziellen „Weiterbildung für Manager“, an der in Deutschland in den letzten drei Jahren über 300 Geschäftsmänner und -frauen aus großen, mittelständischen, aber auch kleineren Unternehmen, Agenturen und Kanzleien teilgenommen haben, liegen in der Schweiz.

Lernen in fremden Welten

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Das Projekt SeitenWechsel® wurde 1993 von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft – SGG lanciert und in Zusammenarbeit mit Fachleuten entwickelt. Im Land der Groß- und Privatbanken haben seither über 1300 Manager für fünf Tage ihren Arbeitsplatz aus der Welt des Profits, der Zahlen und des Budgets an soziale Brennpunkte verlegt.

Als Schwestergesellschaft der SGG holte die an Werten der Hanse orientierte Patriotische Gesellschaft von 1765 das Konzept, das in Wirtschaftskreisen großen Zuspruch findet, im Jahr 2000 nach Hamburg. Inzwischen wird SeitenWechsel bundesweit praktiziert. Doris Tito, Leiterin des neuartigen Vorhabens in der Elbmetropole, verweist auf die „Möglichkeit zur Persönlichkeitsentwicklung besonderer Art“. Das während des einwöchigen Praktikums in sozialen Institutionen gewonnene Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge komme nicht nur Unternehmenskulturen, sondern auch dem Gemeinwesen zugute.

 

Patriotische Gesellschaft Die Hamburger Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe, kurz Patriotische Gesellschaft von 1765, wurde im 18. Jahrhundert von Bürgern der Hansestadt als erste derartige deutsche Gesellschaft und Schwestervereinigung der ebenfalls noch existierenden Patriotischen Gesellschaften in Frankfurt am Main, Stockholm, Basel und Lübeck gegründet. Ihr Anliegen ist es, das Gemeinwohl der Stadt zu fördern. Hierzu engagieren sich die 450 Mitglieder der ältesten Bürgerinitiative Hamburgs in Arbeitskreisen, Projektgruppen und Kommissionen, die Stellungnahmen erarbeiten, Projekte planen oder Veranstaltungen organisieren.

Das Haus der Patriotischen Gesellschaft an der Trostbrücke 4-6 ist ihr Sitz und steht auf dem Platz, auf dem sich bis zum großen Hamburger Brand 1842 das Rathaus der Stadt befand. Wie das ehemalige Gebäude der Gesellschaft wurde dieses bei der Feuersbrunst zerstört. Bis zur Fertigstellung des jetzigen Rathauses diente die steinerne Schönheit über ein halbes Jahrhundert dem Hamburger Parlament als Tagungsort. Hier fand auch die von der Patriotischen Gesellschaft initiierte verfassungsgebende Versammlung der Freien und Hansestadt Hamburg statt.1943 wurde das Gebäude im Inneren völlig zerstört und erst 1957 wieder hergerichtet. Dadurch erklärt sich der denkmalgeschützte 50er-Jahre-Stil der Innenarchitektur.

 

Sucht-, Flüchtlings-, Drogen-, Wohnungslosen-, Kinder- und Jugendhilfe, Behindertenbetreuung, Sterbebegleitung, Psychiatrie, Strafvollzug, Alten- und Krankenpflege: „Bei der Bestimmung ihres Gastgebers haben die Firmen und Manager freie Wahl“, sagt Tito und nennt 60 soziale Institutionen, die sich zur Mitarbeit bereit erklärten. Die Bandbreite reicht vom Obdachlosenheim, Asyl- und Durchgangszentrum über die Frauenvollzugsanstalt bis hin zum Hospiz.

Auch die Liste der am SeitenWechsel interessierten Firmen, Betriebe, Handelshäuser und Sozietäten ist lang. Bisher haben nicht nur leitende Mitarbeiter von Rechtsanwaltskanzleien und Versicherungsagenturen, sondern auch Spitzenkräfte der Airbus Deutschland GmbH, BMW AG, DaimlerChrysler AG oder Phoenix AG, der Hamburgischen Elektrizitätswerke, der HSH Nordbank oder des Otto Versands die Chance zur Erweiterung ihres Blickfelds genutzt. Unter ihnen Dr. Wolfgang Meyer-Ingold, Leiter Research medical bei der Beiersdorf AG, Hamburg. Er entschied sich für den Einsatz auf der Station P 74 der Psychiatrie im Klinikum Nord/Ochsenzoll mit dem speziellen Behandlungsangebot „Entzug von illegalen Drogen“.

Nie zuvor erfahrene Intensität

Die Situation der 15-Betten-Station ist charakterisiert durch den Tatbestand, dass sie gleichermaßen drogenabhängige schwangere Frauen beziehungsweise Mütter mit Kind sowie körperlich schwer erkrankte Drogenkonsumenten mit psychischen und somatischen Sekundärdiagnosen wie Hepatitis, Geschlechtserkrankungen, Leberzirrhose oder HIV-Infektionen jeden Alters betreut. Die Patientinnen und Patienten sind zumeist mehrfach abhängig und oftmals sehr fordernd. Zu einem hohen Prozentsatz leiden sie unter ausgeprägter körperlicher, seelischer und sozialer Verwahrlosung. Sexueller Missbrauch in der Kindheit, Prostitution, Beschaffungskriminalität, latente Suizidalität, Neurosen und Psychosen, Essstörungen und eine sehr hohe Rückfallquote prägen das Stationsklima.

Meyer-Ingold beschreibt den Wechsel in die für ihn völlig fremde und zunächst auch angstbesetzte Arbeitswelt als „eine in solcher Intensität zuvor nie gemachte Erfahrung, die bei mir zu deutlich veränderten Blickwinkeln sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich geführt hat“. Mit großer Anerkennung schildert der mit einer Apothekerin verheiratete Vater eines 16-jährigen Sohnes die hohe Professionalität und den rückhaltlosen Einsatz der Ärzte, Pflegekräfte und Sozialpädagogen. Trotz der Trostlosigkeit, mit der diese oftmals konfrontiert werden, hätten sie nie Frust oder gar Resignation gezeigt.

„Den Anforderungen im Entzug ist man nur durch fachliche Kompetenz, immense persönliche Stabilität sowie die Fähigkeit zu vorbehaltloser Zusammenarbeit im Team gewachsen“, so der Diplom-Chemiker, der seit 22 Jahren bei Beiersdorf und dort für den Bereich feuchte Wundheilung und Pflasterherstellung zuständig ist. Trotz größter Widrigkeiten hätten es die Mitarbeiter in Ochsenzoll geschafft, stets Einfühlungsbereitschaft und Motivationskraft aufzubringen. Meyer-Ingold: „Ich war tief beeindruckt von dem Mut und der positiven Grundhaltung des Stationspersonals.“

Beindruckende Begegnungen

Der Forschungsleiter betont, dass er von Anfang an voll in den Tagesablauf der Ärzte, Pfleger und Sozialhelfer integriert worden ist. Er habe sowohl an den pünktlich um 8.30 Uhr und 13.30 Uhr stattfindenden Besprechungen der 13 Mitarbeiter als auch an den Morgen- und Abendrunden beziehungsweise Einzelgesprächen mit den Patienten teilnehmen können. Sei er zunächst in Sorge gewesen, gerade bei diesen auf Vorbehalte zu stoßen, so sei ihm niemand mit Feindseligkeit begegnet. Im Gegenteil: „Ich wurde mit großer Neugier in den Kreis der Junkies aufgenommen. Die meisten haben sich auch für das, was ich tue, interessiert.“

Meyer-Ingold spricht von „Begegnungen“ und bleibenden Erinnerungen. „Die hinter einzelnen Schicksalen verborgenen Lebensläufe und Biografien sind erschütternd und stimmen nachdenklich“, lautet eines seiner Resümees. Er habe in dieser Woche eine andere Einstellung zu drogenabhängigen Menschen gewonnen, die nicht nur „von weniger Berührungsängsten, sondern auch von sehr viel mehr Akzeptanz des anderen“ gekennzeichnet sei.

Die dreimal tägliche Medikamentenausgabe (Tabelle), so Meyer-Ingold, habe er nur „aus der Ferne“ beobachtet, zumal diese stets streng kontrolliert wird und in den dokumentierten Verantwortungsbereich eines „Teamers“ fällt. Dieser Teamer muss den Schlüssel zum Medikamentenschrank am Körper tragen.

 

Tabelle: Gängige Medikamente im Drogenentzug (Auswahl)

Arzneistoffe Einsatzgebiet L- und DL-Methadon Substitution im Rahmen einer umfassenden Behandlung der Betäubungsmittelabhängigkeit Clomethiazol Prädelir, Delirium tremens, akute Entzugssymptomatik Clonazepam, Diazepam, Oxazepam Entzug von Benzodiazepinen bei ausschleichender Dosierung des Suchtstoffs Carbamazepin Prophylaxe und Anfallsverhütung im Entzug bei Tabletten- und Alkoholmissbrauch Prothipendyl, Temazepam Ein- und Durchschlafstörungen Clonidin Linderung der Beschwerden des akuten Opiatentzugssyndroms Mianserin, Doxepin, Mirtazapin depressive Verstimmungen, Entzugserscheinungen Promethiazin, Chlorprothixen, Lorazepam Angst, Erregungs- und Unruhezustände, zur Abschirmung von psychischem Stress

 

Auch sonst gelten auf der Station strenge Vorgaben. So werden Patientinnen und Patienten, die zu spät zur Morgenrunde kommen, von dieser und somit weiteren Tagesaktivitäten (Sport, Kunsttherapie, Qi Gong, progressive Muskelentspannung, Kino, Kegeln) ausgeschlossen. Besonders bei Verdacht auf Einnahme unzulässiger Drogen wird hart durchgegriffen. Alkohol-, Urin- und Zimmerkontrollen haben in der Vergangenheit schon mehrfach von einer Minute auf die andere zu Entlassungen geführt.

„Das ist mir klar geworden. Es hat keinen Sinn, Konflikte zu deckeln.“ Meyer-Ingold konstatiert, dass ihm die Bedeutung eindeutiger Regeln und Vorgaben zum Erhalt von Glaubwürdigkeit und Respekt auch im Firmenalltag bewusst geworden sei. Vor allem aber habe er gelernt, wie „wichtig es ist zuzuhören“, so der Vorgesetzte von zwanzig Mitarbeitern. „Dafür habe ich mir nie Zeit genommen. Heute versuche ich, diese Erkenntnis in mein Tagesgeschäft zu integrieren“. Fünf-Sterne-Hotels, Reisen, Dinner, internationale Kontakte: Es habe ihn seit jeher irritiert, dass „so viele Menschen in der Geschäftswelt auf Grund ihrer Privilegien abheben und jeden Bezug zur Realität verlieren“. Mehr als zuvor fühle er sich bestätigt in seiner Ansicht, dass es „wesentlich ist, stets Bodenhaftung zu bewahren“.

An die Belastungsgrenze gehen

Der Entzug von Suchtstoffen wie Heroin, Kokain, Alkohol und Benzodiazepinen kann trotz medikamentöser Therapie mit klassischen Entzugssymptomen wie erweiterten Pupillen, Tremor, Schwitzen, Bluthochdruck, Übelkeit und Erbrechen, Knochen- und Gliederschmerzen, Durchfall, Schlafstörungen, Gefühlsschwankungen, Krampfanfällen, Halluzinationen und Orientierungsschwäche einhergehen. Ärzte und Pfleger der Station P 74 müssen stets auf Notfälle vorbereitet sein. Meyer-Ingold erinnert sich der „ständigen Bereitschaft zur Krisenintervention“.

Zu den Aufgaben des Stationspersonals zählt auch die prä- und postoperative Versorgung bei chirurgischen Eingriffen, zum Beispiel am Herzen (Bypässe) beziehungsweise das Anlegen von Wundverbänden bei offenen Beinen. Aus Angst vor Geschwüren, Spritzenabszessen, Venenerkrankungen, Thrombosen, Hepatitis und AIDS habe er den Einsatz in einer Drogeneinrichtung im Vorfeld zunächst gar nicht in Erwägung gezogen, ja innerlich sogar abgelehnt, bemerkt der SeitenWechsler. Vielmehr habe er sein Interesse an der Betreuung von Behinderten oder von unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen signalisiert. Es sei das von der Projektleitung vorgegebene Einstiegskriterium, „möglichst nah an die Belastungsgrenze zu gehen“, das ihn zur Neuorientierung bewogen habe.

„Es empfiehlt sich, während des SeitenWechsels die Bereiche zu wählen, vor denen man sich am meisten fürchtet. Je weiter man vermeintliche Grenzen überschreitet, desto größer ist der persönliche Gewinn“, bestätigt Tito. Die Betriebswirtin und ehemalige Produktmanagerin umschreibt das „breite Lernspektrum: Die SeitenWechsler erlangen in der ihnen fremden Welt die Fähigkeit, Menschen mit ihren Bedürfnissen wahr und ernst zu nehmen. Sie werden in die Lage versetzt, Beziehungen aufzubauen und zu halten, auch wenn sie mit der Einstellung und der Meinung ihres Gegenübers nicht einverstanden sind.“ Im Gegensatz zu gängigen Führungsseminaren sei der Rollentausch beim SeitenWechsel authentisch.

Vom Feedback profitieren

Ob Drogenhilfe, Asylheim oder Entlassung aus dem Gefängnis: Es könne von großer Tragweite sein, die eigene Scham und Irritation zu erleben, wenn man auf Wohnungssuche für Obdachlose immer wieder „zur Nummer“ und „abgespeist“ wird. Es mache „sehr still“, in der Begegnung mit Drogensüchtigen zu sehen: Es ist „glückliche Fügung“, wenn das eigene Leben einen geraden Verlauf genommen hat.

„Die vermeintlich großen Probleme in der eigenen Firma werden für die meisten SeitenWechsler plötzlich nebensächlich.“ Tito zitiert entsprechende Aussagen, die dieses belegen. „Viele sprechen von Lebenserfahrungen, die sie nicht missen möchten. Ihr Menschenbild habe sich geschärft. Andere berichten, dass sie sich im Betrieb bei Auseinandersetzungen anders verhalten und gegebenenfalls auch nach den Gründen eines möglichen Leistungsabfalls in ihrer Abteilung suchen.“

Die Mutter einer sechsjährigen Tochter, die bis 2000 Geschäftsführerin der ebenfalls von der Patriotischen Gesellschaft herausgegebenen Hamburger Obdachlosenzeitung „Hinz und Kunzt“ war, hebt hervor, dass „auch die sozialen Institutionen ihren eigenen Gewinn erzielen“. Diese verstünden das Projekt als konkreten Schritt gegen die Ausgrenzung von Menschen am Rande der Gesellschaft und versprächen sich somit auch eine Imageverbesserung.

„Wir können vom Feedback und der Wertschätzung Außenstehender nur profitieren. Außerdem haben wir die Erfahrung gemacht, dass auch Patientinnen und Patienten Zuwendung in Gestalt einer interessierten und wohlwollenden Person genießen. Die Teilnahme am Projekt SeitenWechsel bietet uns die Möglichkeit, mit gängigen Klischees und Vorurteilen aufzuräumen“, unterstreichen Dieter Ameskamp und Marianne Streng, die auf der Station P 74 als Sozialarbeiter und Sozialpädagogin tätig sind.

Seit neuestem wird SeitenWechsel auch gegenläufig praktiziert. Erstmals werden im kommenden Jahr 27 Mitarbeiter sozialer Institutionen in Hamburger Firmen ein Praktikum absolvieren. Sozialarbeiter und Sozialpädagogen sollen bei Unternehmen wie der Daimler Chrysler AG, der Deutschen Bank AG, Lufthansa, Revenue Services GmbH, Otto GmbH & Co. oder der BMW AG Einblicke in die Wirtschaft bekommen.

„Auch hier wird nur mit Wasser gekocht.“ Diese Erkenntnis, so Tito, soll dem Abbau von Ängsten der „weichen“ Sozialhelfer vor „harten“ Managern dienen. Bei Beiersdorf wird Edeltraut Schönsee, Mitarbeiterin der Obdachlosenhilfe „Herz As“, unter anderem die Unternehmenskommunikation besuchen. Schönsee ist bei „Herz As“ für die Sammlung von Spenden zuständig. „Jetzt kann ich aus erster Hand erfahren, warum große Firmen bestimmte Projekte unterstützen und andere ablehnen“, äußerte sie sich der PZ gegenüber.

Auf dünnem Eis

Der „Seitenwechsel andersherum“, der laut Tito „lediglich dem Sammeln kognitiver und nicht emotionaler Erfahrungen“ dient, soll die Ausnahme bleiben. Koordination, Organisation und Akquisition: Es ist der bislang geübte, traditionelle Switch der Perspektive, dem die Projektleiterin weiterhin ihre Arbeits- und Überzeugungskraft widmen will. Es sei ein „manchmal mühsames Geschäft“ gerade in wirtschaftlich schweren Zeiten. Dennoch betrachte sie ihre Tätigkeit „als große Bereicherung“. Tito: „Mir ist es wichtig, einer Aufgabe nachzugehen, von deren Notwendigkeit ich 100-prozentig überzeugt bin und hinter der ich voll stehen kann.“

Jeder SeitenWechsel beginnt mit einem Vorbereitungstag. Im Rahmen einer so genannten Marktbörse stellen sich die sozialen Einrichtungen den künftigen Hospitanten mit entsprechenden Materialien und Postern auf eigens eingerichteten Ständen und in persönlichen Gesprächen vor. Die Interessentinnen und Interessenten werden eingehend darüber informiert, was sie in ihrer Einsatzwoche erwartet.

„Nur dieser eine Tag war für mich schon ungeheuer einprägsam“, hält Peter Kleinschmidt, seit einem halben Jahr Mitglied des Vorstandes der Beiersdorf AG, fest. „Um zu wissen, worum es geht“, will der Verwaltungs- und Personalchef im kommenden Monat selbst eine Woche „SeitenWechsel“ praktizieren. Allein auf der „Marktbörse“ habe er bereits Kenntnisse sammeln können, über die er bisher nur gehört und gelesen habe. Umzug in ein neues Zuhause, Erkundung der neuen Umgebung, Suche nach einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz, Behördengänge: Kleinschmidt hat sich für die Mitwirkung am Programm „Wohnen nach Haft“ und die Begleitung ehemaliger Strafgefangener bei ihren ersten Schritten auf dem Weg in die Freiheit entschieden.

Die Teilnahme der Beiersdorf AG am Projekt SeitenWechsel sei auf seinen Vorgänger zurückzuführen. „Es ist mir ein dringendes Anliegen, diese Idee weiterzuverfolgen“, so der Betriebswirt, der in unterschiedlichen Marketingfunktionen viele Jahre für das weltweit vertretene Unternehmen mit den Kernbereichen Körperpflege, Wundversorgung und Klebetechnologie im Ausland war. Ihn störe die häufig zu beobachtende Selbstgefälligkeit von Menschen in leitenden Positionen, die sich in der „künstlichen Scheinwelt des Geschäftslebens“ ungerechtfertigt in Sicherheit wiegen und nur zu oft die Nähe zur gesellschaftlichen Realität verwirken. Sucht, Krankheit, Wohnungs- und Arbeitslosigkeit: Es könne jeden treffen. „Das Eis ist dünn, auf dem wir gehen, nur ist das leider nicht jedem bewusst.“ Wertschätzung, Präsenz, Vorbildfunktion, Kritikfähigkeit, Improvisationsvermögen: Durch den SeitenWechsel erhoffe er sich die nachhaltige Stärkung der sozialen Kompetenzen seiner Führungskräfte, fasst Kleinschmidt zusammen.

Res publica

Der Wirtschaftsethiker Professor Dr. Peter Ulrich, St. Gallen, begrüßt das Projekt „SeitenWechsel“ als Beitrag zur Stärkung der „res publica“ und etabliert die „humane Moralität“, die im Kern nichts anderes als die Fähigkeit zum gedanklichen und emotionalen Sichtwandel sei. Moralisches Urteilsvermögen beruhe auf der „normativen Logik der Zwischenmenschlichkeit“, das heißt auf der Fähigkeit des imaginären Rollenwechsels. Ulrich: „Indem wir uns in die Lage eines anderen Menschen versetzen, gewinnen wir sowohl die Möglichkeit der Anteilnahme an seinen Empfindungen als auch die Chance zur Selbstreflexion. Wir sehen gleichsam mit seinen Augen und von seinem Standpunkt aus.“

Der Schweizer Hochschullehrer macht deutlich, dass jedermann sich von klein auf im anderen spiegelt und nur so seine zwischenmenschliche Beziehungs- und Bindungsfähigkeit, sprich: seine soziale Identität, sein Selbstbild, sein Selbstbewusstsein und seine Autonomie entfalten kann. „Unsere Selbstachtung ist von unserer wechselseitigen Achtung und Anerkennung als Personen gleicher Würde nicht ablösbar.“ Darauf basierend besäßen wirkliche Persönlichkeiten die Fähigkeit zur stabilen Balance von Autonomie und Ich-Stärke einerseits und sozialer Integration und Gemeinsinn andererseits.

Da die Selbstachtung von Menschen, die unter sozial diskriminierenden, beschämenden und entwürdigenden Bedingungen leben müssen, über kurz oder lang beschädigt wird, sei eine auf wechselseitiger Anerkennung und Achtung beruhende „wahrhaftige Bürgergesellschaft“ ohne ein tragfähiges Maß an sozialer Gerechtigkeit und Solidarität der „Starken“ mit den „Schwachen“, der „Gewinner“ mit den „Verlierern“, nicht zu erlangen.

Integer bleiben

Ulrich: „Wer einen gesunden Bürgersinn hat, der begreift diese Zusammenhänge intuitiv. Er weiß, worauf es für seinen persönlichen Anstand ankommt. Er reagiert entsprechend entrüstet auf Erscheinungsformen maß-, rücksichts- oder gar schamloser Selbstsucht.“ Als besonders empörend empfänden gesunde, normal fühlende Menschen es, wenn ausgerechnet so genannte Verantwortungsträger „abheben“ und gängige Maßstäbe nicht mehr gelten lassen.

„Reflektierte Wirtschaftsführer sind Akteure mit Bürgersinn. Sie spalten ihr wirtschaftliches Erfolgsstreben nicht von ihrem Selbstverständnis als gute Bürger ab und bleiben genau in diesem Sinn integer“, ist die Quintessenz des Ethikers. „Kein gesunder Geschäftssinn ohne eine Portion Gemeinsinn: Wirklich kompetente Wirtschaftsbürger tragen zu einer anständigen Gesellschaft bei, in der jedermann - auch der Schwache - die Erfahrung machen darf, ein Leben in Achtung führen zu können, unabhängig davon, auf welcher Seite der Leistungsgesellschaft er oder sie steht.“

 

Kontakt Das Projekt SeitenWechsel® findet in Hamburg viermal jährlich statt. Die Weiterbildungsmaßnahme für Manager und Spitzenkräfte dauert jeweils fünf Tage und kostet pro Person 1700 Euro plus Mehrwertsteuer. Davon werden 570 Euro plus Mehrwertsteuer an die soziale Einrichtung zur Deckung der dort entstehenden Kosten sowie als Anerkennung weitergereicht. Interessenten finden die Adressen der neun bundesweiten Kooperationspartner des Projekts sowie nähere Informationen zur Teilnahme unter der Internet-Adresse www.seitenwechsel.com.

 

Literatur

  • Ulrich, P., Was bedeutet soziale Kompetenz aus wirtschaftsethischer Sicht? Patriotische Gesellschaft von 1765 (Hrsg.), Hamburgische Notizen Nr. 4 (2003).
  • Ettlin, T. (Hrsg.), Seitenwechsel, Lernen in anderen Arbeitswelten. Orell Füssl Verlag AG, Zürich 2003.

 

Die Autorin

Christiane Berg studierte Pharmazie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel und wurde 1984 in der Abteilung Toxikologie des Zentrums Klinisch-Theoretische Medizin II (Leitung: Professor Dr. Otmar Wassermann) promoviert. Im selben Jahr begann sie ihre Tätigkeit als Redakteurin der Pharmazeutischen Zeitung in Frankfurt am Main. Sie kommt dieser Aufgabe seit Gründung eines norddeutschen Büros 1989 von Hamburg aus nach. Christiane Berg ist Mitautorin des „Lehrbuches für pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte - Die PKA“ sowie Autorin der Patientenratgeber „Umwelt und Gesundheit von A - Z“ und „Gut durch die Wechseljahre“, die im Govi-Verlag erschienen sind. Sie berichtet regelmäßig für die Neue Apotheken Illustrierte und ist seit über 15 Jahren Mitglied der Redaktion Videopharm, Videomagazin zur Apothekerfortbildung.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Christiane Berg
Alte Rabenstraße 8
20148 Hamburg

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© 2003 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de


Beitrag erschienen in Ausgabe 51/2003

 

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