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Gute Schläfer verweigern den Handel mit Bomben

MAGAZIN

 
Was bislang zu kurz kam

Gute Schläfer verweigern den Handel mit Bomben

von Daniel Rücker, Eschborn

Menschen lieben Jahresrückblicke. Und der Verlockung, mit alten Beiträgen 90 Minuten Primetime abzudecken, können auch die Medien kaum widerstehen. In Zeitschriftenredaktionen ist in Jahresendnähe das Wiederaufkochen von Konserven ebenfalls guter Brauch. Die PZ will da nicht zurückstehen, mit einem Unterschied: Zum Jahresende erzählen wir Ihnen neue Geschichten.

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Was Deutschland wirklich bewegt, kommt bei uns naturgemäß zu kurz. So lange Ulla Schmidt keinen Prinzen heiratet, Biggi Bender sich erfolgreich der Versuchung widersetzt, „Deutschland sucht den Superstar“ zu moderieren, und Horst Seehofer keinerlei Ambitionen zeigt, am Hawaii-Triathlon teilzunehmen, fehlt uns einfach der Zugang zu den Themen, die Auflage machen.

Dazu gehören natürlich und wie immer an erster Stelle Meldungen aus der Schmuddelzone. Beim Sex hat die PZ Defizite - zumindest in der Berichterstattung. Wenn wir uns schon einmal dem Thema aller Themen widmen, dann tun wir es mit Begriffen wie erektiler Dysfunktion, c-GMP oder PDE-5-Hemmer. Ohne Frage wichtig, dennoch wenig geeignet, die Phantasie der Leser in positiver Weise anzusprechen. Ansonsten ist Sex für die Redaktion tabu.

Dabei gibt es durchaus Wissenswertes über Facetten der nonverbalen zwischengeschlechtlichen Interaktion zu berichten. Etwa aus Indonesien. Dort hat die Firma DKT Indonesia Kondome auf den Markt gebracht, die - so berichtet dpa – Europäer in ihrem Geruch an ungereinigte Urinale erinnern. Indonesier nicht, denn die schätzen eine Frucht, die anscheinend genauso riecht. Kondome mit Durian-Frucht-Geschmack wurden in kürzester Zeit zum großen Renner. In wenigen Tagen wurden 150.000 Stück verkauft.

Über die Motivation können wir an dieser Stelle nur spekulieren. Da es bei der erfolgreichen Brautschau aber vor allem auf eine gelungene Mischung aus Tarnen, Täuschen und Aufschneiden ankommt, drängt sich die Vermutung auf, dass die Kondome vielleicht von größeren Gebrechen des Trägers ablenken sollen oder zumindest den Vorteil haben, dass man sie auch im Dunklen findet.

Sonder-Süchte

Mehr als 150.000 verkaufte Kondome sind eine prima Überleitung zum nächsten Thema. Ort der Handlung ist die Charité in Berlin, die Protagonisten sind eine spezielle Sorte Süchtige, die etwas tun, was uns mit Sorge erfüllen muss: Sie werden immer mehr. Was das mit verkauften Kondomen zu tun hat? Nun, die Patienten leiden an Sex- und Kaufsucht, Arbeitssucht kommt noch hinzu. Neben der Charité kümmert sich bereits ein halbes Dutzend Selbsthilfegruppen um die Leidenden.

Betrachtet man das sozioökonomische Umfeld in Deutschland, dann stellt sich die Frage, ob es gesamtwirtschaftlich vertretbar ist, Sex-, Arbeits- und Kaufsucht zu bekämpfen. Wir haben seit Jahren eine schlappe Binnennachfrage, zu wenige Kinder und mehr als 4 Millionen Arbeitslose, dann sollte man nicht jeden rettenden Strohhalm gleich abknicken. Es schwer genug, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.

Schwer haben es auch die Grippeviren, zumindest im russischen Worsma. In der Stadt an der Wolga führte vergangenen Winter der Direktor der örtlichen Schule einen ebenso unorthodoxen wie nach Selbstauskunft erfolgreichen Kampf gegen die Grippe. Was in Deutschland trotz Impfung und neuer Medikamente nicht gelingt, schafft er mit der Hilfe zweier hochbetagter Männer, einem Österreicher und einem Deutschen. Die Musik von Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Sebastian Bach hält in der Lehranstalt die Viren in Schach. Bis in den Februar hinein gab es keine Grippefälle.

Jaja, schon klar. Das Probandenkollektiv ist eindeutig zu klein, um die antivirale Wirksamkeit von Bach und Mozart zu belegen. Außerdem fehlt die Placebogruppe und wer sagt denn, dass andere Musik nicht vielleicht noch besser wirkt? Wir werden die Entwicklung dennoch weiter im Auge behalten. Mit Blick auf die Folgen der Gesundheitsreform, sollten Apotheker mögliche neue Ertragsquellen nicht vorschnell ablehnen. Ein CD-Ständer nimmt in der Offizin nicht viel Platz weg. Vielleicht hört man schon in den nächsten Jahren folgenden Satz in der Händel-Apotheke. „Oh, Sie leiden unter Verstopfungen, dann hören Sie doch dreimal täglich eine viertel Stunde Küblböck.“ Was Herr Glaeske wohl dazu sagen würde?

Breites Sortiment

Im Vergleich zum Bremer Arzneimittelbewerter haben Mexikos Apotheker eine recht lockere Einstellung zu apothekenüblichen Waren. Bis vor kurzem verkauften sie noch Zigaretten in ihren Apotheken. Nachdem das Gesundheitsministerium dies verbot, verzichten sie ab sofort freiwillig darauf. Stattdessen verkaufen sie nun Bier. Schließlich enthalte es nur wenig Alkohol, rechtfertigt der Vorsitzende der mexikanischen Apothekervereinigung, Pascual Feria, die Sortimentserweiterung. Ihrer Aufgabe als Heilberufler scheinen sich die mittelamerikanischen Kollegen nicht in jedem Fall bewusst zu sein. Gegenüber der Deutschen Presseagentur sagte Feria auch: „Wir wollen alles verkaufen, außer Bomben.“ Bomben nicht zu verkaufen, erscheint auch für deutsche Apotheker sinnvoll. Wenn man schon mal eine hat, sollte man sie nicht vorschnell wieder weggeben. Die nächste Gesundheitsreform kommt bestimmt.

Sicher ist auch die Wiederkehr von Ostern und dem Hasen, der dem Fest den Namen gab. Natürlich weiß auch die PZ-Redaktion, dass es den Osterhasen in Wirklichkeit gar nicht gibt, wir wollen dies aber nicht an die große Glocke hängen. Damit richten wir uns ganz nach dem Rat des schulpsychologischen Dienstes in Münster. Der empfiehlt Eltern, ihre Kinder nicht vorschnell mit der Erkenntnis zu konfrontieren, dass der fleischgebliebene Bruder des Milka-Schmunzelhasen nur in ihrer Phantasie existiert. Die Kinder könnten schweren Schaden nehmen, wenn man dem Fest das Geheimnisvolle nehme. Kinder wollten an den Osterhasen glauben. Ulla Schmidts Zuversicht, im kommenden Jahr das große Fest der sinkenden Kassenbeiträge zu feiern, zeigt, dass es nicht nur Kinder sind, die einen Hang zum Phantasieren haben. Was wohl Herr Glaeske dazu sagt?

Kinder sollen nicht nur an den Osterhasen glauben, sie sollen auch auf Diäten verzichten. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hält nichts davon, dass Kinder unter 12 Jahren sich an die religiösen Regeln der Fastenzeit halten. Das bedeutet natürlich nicht den völligen Verzicht auf Verzicht. Geradezu ultramodern geben sich die Kinderärzte in ihrem Alternativvorschlag. Statt Essen und Trinken einzuschränken, sollten Kinder Handy und Fernsehgerät in der Fastenzeit seltener benutzen.

Kein guter Plan, wie uns scheint. Ein Blick auf einen x-beliebigen Schulhof zeigt die Realitätsferne des Vorschlages. Kein Kind kann länger als drei Minuten auf sein Handy verzichten. Handyfasten dürfte deshalb aller Voraussicht nach gegen die Menschenrechte verstoßen. Und überhaupt: Wer hat denn was davon, wenn minderjährige Handyfaster mit schwersten SMS-Entzugserscheinungen orientierungslos durch die Fußgängerzonen ziehen. Wenn sie die wenigen noch existenten Telefonzellen belagern, um sich von Zeit zu Zeit den Hörer an das Ohr zu halten, oder einfach mal kurz mit der Hand über die Tastatur streifen; wenn sie Passanten um deren Handy bitten, weil sie nur mal kurz den Klingelton hören wollen. Nein, Kindern darf man nicht ihr Handy wegnehmen, was sollen sie denn dann tun? Miteinander spielen? Ihren Eltern beim Abwasch helfen? Am Ende noch Schularbeiten machen? Das ist doch absurd. Was dazu wohl Herr Glaeske sagen würde?

Fiffi auf der Couch

Ja, da lacht der von schulpflichtigen Kindern verschonte Kleintierbesitzer herzlichst. Doch das kann ihm schnell im Halse stecken bleiben. Denn wenn kinderlose Menschen Hunde kaufen, sind sie damit keineswegs aus dem Schneider. Um die Psyche des deutschen Haushundes ist es keineswegs zum Besten bestellt. Im Gegenteil. Die Haustierpsychologie boomt. Immer mehr Hunde müssen auf die Couch. Der Ursprung des Trends liegt dort, wo wir ihn vermutet hätten: in den USA.

Mittlerweile bieten mehrere hundert Tierpsychologen auch in Deutschland erste Hilfe an, wenn Waldi mental schwächelt. Sie helfen neurotischen Großstadt-Doggen, die nicht damit zurecht kommen, dass Herrchen zwar einen Hund will, aber keinesfalls sein 12-Quadratmeter-Appartement im 26. Stock verlassen möchte. Viele Hunde leiden darunter, dass ihr Herrchen sie nicht wirklich verstehe, sagen die Tierpsychologen.

Wir halten dies für nachvollziehbar, denn auch uns fällt es schwer, sich in ein Lebewesen hineinzuversetzen, das nachdem es 112 Mal ein Stöckchen apportiert hat, freudestrahlend auf den 113. Wurf wartet. Wir können kein Tier verstehen, das nach der zwanzigsten Verfolgungsjagd immer noch nicht begriffen hat, dass Katzen motorisch überlegen sind, und blicken verwundert auf eine Kreatur, die mitten in der Nacht panisch zu kläffen anfängt, nur weil draußen der Nachbarssohn die Haustür aufschließt. Wir fragen uns, ob es richtig ist, die Herrchen für das offenkundige Versagen ihrer Hunde verantwortlich zu machen. Wäre es nicht realitätsnäher, endlich zu erkennen, dass Hunde und Menschen einfach nicht zusammenpassen. Psychologie kleistert hier doch nur offenkundige Missstände notdürftig zu. Und das Stichwort Notdurft wäre durchaus geeignet, noch ein ganz anderes Fass im Zusammenhang mit Hunden aufzumachen.

Lieber wollen wir mit einer guten Nachricht aufhören. Es geht dabei um Sie, um die Apotheker. Sie schlafen nämlich gut, zumindest statistisch betrachtet. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Ipsos haben nur 12,3 Prozent der Freiberufler Schlafstörungen. Damit liegen Sie hinter Beamten auf dem zweiten Platz. Bei den Hausfrauen sind es dagegen 30 Prozent, die häufig nachts wachliegen. Platz zwei in der Schlafqualität - hurra, da sage noch einer, um die deutsche Pharmazie sei es schlecht bestellt. Alles ausgeschlafene Frauen und Männer. Mit dieser guten Botschaft wollen wir das Jahr beschließen, allerdings nicht ohne uns zu fragen, was wohl Herr Glaeske dazu sagt? Top

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Beitrag erschienen in Ausgabe 51/2003

 

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