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Großhandel

Kartellamt schickte Ermittler

 

von Thomas Bellartz, Berlin

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Bei einer bundesweiten Durchsuchungsaktion hat das Bundeskartellamt am vergangen Freitag auch die Vorstandsetagen der vier größten deutschen Pharmagroßhändler durchsucht. Grund für die drastische Maßnahme sollen Absprachen bei Skonti oder Konditionen sein. Allerdings hatten es die Ermittler anscheinend auf ganz andere Unterlagen und Informationen abgesehen.

Die Bonner Behörde hatte an 18 verschiedenen Einsatzorten zeitgleich Mitarbeiter in die Hauptverwaltungen der Großhandelsunternehmen Anzag, Sanacorp, Phoenix und Gehe geschickt. Verstärkt wurden die Fachkräfte vom Personal der zuständigen Landeskriminalbehörden. Einen Durchsuchungsbeschluss hatte das Amtsgericht Bonn den Ermittlern in die Aktentaschen gepackt.

Zu den Durchsuchungen habe man sich entschieden, weil es den Anfangsverdacht gebe, dass die betroffenen Großhändler Absprachen über Konditionen getroffen hätten, erläuterte Anja Scheidgen, Pressesprecherin des Bundeskartellamts. Es habe „Hinweise aus der Branche“ gegeben, denen man nun nachgegangen sei. Nun werde man die eingesammelten und kopierten Unterlagen auswerten. „Das kann einige Zeit in Anspruch nehmen“, so Scheidgen.

Die Pressesprecherin wollte zwar nicht mitteilen, um welche Unternehmen es sich handele und wer ansonsten durchsucht worden sei. Bestätigt wurden die Durchsuchungen am Dienstag aber von Anzag, Gehe, Phoenix und Sanacorp. Bei allen Unternehmen wurden die Geschäftsräume, in der Regel die Vorstandsabteilungen, untersucht. Zudem mussten sich auch einige Vorstandsmitglieder, teilweise sogar die Vorstandsvorsitzenden, eine Durchsuchung ihrer Privaträume gefallen lassen.

Bei der Frankfurter Anzag bestätigte man gegenüber der PZ die Durchsuchungsmaßnahmen wegen des „Verdachts wettbewerbsbeschränkender Vereinbarungen“. Bei der Mannheimer Phoenix, dem größten deutschen Pharmagroßhändler, reagierte man sehr deutlich auf die Durchsuchungsaktion. In einer am Dienstag verbreiteten Mitteilung heißt es: „Die Vorwürfe sind haltlos und insbesondere angesichts des bestehenden ruinösen Rabattwettbewerbs nicht nachvollziehbar.“ Bei Phoenix werte man „die Durchsuchungsaktion als „ein Nachspiel zu der im September erfolgten Beteiligung des Unternehmens an der Anzag“. Man sei an einer schnellen Aufklärung der Vorwürfe, „die im deutlichen Widerspruch zu den aktuellen Marktgegebenheiten stehen“, interessiert und werde mit dem Bundeskartellamt kooperieren.

Phoenix deutet in der Stellungnahme an, was am Wochenanfang quer durch den Pharmagroßhandel längst die Runde gemacht hatte. Denn nicht nur bei den betroffenen Unternehmen vermutet man, dass die Kartellbehörde nach einer Möglichkeit gesucht habe, um sich Unterlagen für das vor dem Bundesgerichtshof anhängige Verfahren zu besorgen. Das Amt spricht sich gegen eine Mehrheitsbeteiligung der Sanacorp an der Anzag aus.

Die Pressesprecherin bestätigte auf Anfrage der PZ auch, dass man von der Übernahme des DZ-Bank-Anteils an der Anzag durch Phoenix und Celesio „erst aus der Zeitung“ erfahren habe. Mittlerweile habe die Behörde bei der DZ Bank eine Stellungnahme zu der Vorgehensweise eingefordert. Man werde die Angelegenheit kartellrechtlich prüfen, hieß es am Dienstag aus Bonn.

Auffällig war bei der Durchsuchungsaktion, dass lediglich die vier Protagonisten rund um die Mehrheitsübernahme bei der Anzag ins Visier der Ermittler geraten waren. So wurde in keinem anderen der übrigen rund ein Dutzend Pharmagroßhandlungen ermittelt. Und dies, obwohl auch diese durchaus im Verdacht stehen könnten, Konditionen miteinander abzusprechen.

Auch wenn die Sprecherin des Kartellamts darauf hinwies, dass die beiden Verfahren „getrennt werden müssten“, legt sich ein Schatten über diese Vorgehensweise. Denn nach PZ-Informationen nahmen die Ermittler auch Unterlagen mit, die nichts mit der unterstellten Absprache von Konditionen, Rabatten oder ähnlichem zu tun hatten. So soll bei der Sanacorp in Planegg ein Ordner mit Informationen über Aufsichtsratssitzungen bei der Anzag in Gewahrsam genommen worden sein. Ähnliche Vorgänge waren auch aus anderen Unternehmen zu hören. Überdies sollen auch die Räume des Sanacorp-Aufsichtsratsvorsitzenden Jürgen Funke in Wiesbaden durchsucht worden sein.

Spätestens dies ist ein Anlass, um an den Aktionen der Kartellbehörde Zweifel aufkommen lassen. Denn ein Aufsichtsratsvorsitzender ist – im Gegensatz zu den Mitgliedern der Geschäftsleitung – so gut wie nie in Fragen von Konditionen et cetera konkret eingebunden, geschweige denn überhaupt entscheidungsbefugt.

Aus der Behörde wurde am Dienstag mehrfach betont, dass die Untersuchung in einem „sehr frühen Stadium“ sei. Daher wolle man keine weiterführenden Informationen geben.

Bei der Sanacorp in Planegg bei München bestätigte man die Durchsuchungen, für die man allerdings wenig Verständnis zeigt. Es gebe keine Gründe für eine solche Annahme der Kartellbehörden. Im Gegenteil: Ebenso wie die anderen betroffenen Unternehmen verwies man auf den verschärften Wettbewerb, der die Branche in den letzten Monaten geprägt habe. So büßte gerade die Sanacorp in großem Umfang Erträge ein. Ganz im Gegensatz zu den Ermittlungen der Kartellbehörde hat der Wettbewerb innerhalb des Pharmagroßhandels dramatisch Formen angenommen.

Die Großhändler vermuten nun, dass die willkommene Initialzündung für die Aktion die Herabsenkung der Skonti gewesen sein könne. Vor einigen Wochen hatte die Phoenix als erster Großhändler seinen Kunden mitgeteilt, bei der Skontogewährung zukünftig weniger großzügig verfahren zu können, und auf die wirtschaftlichen Zwänge verwiesen. Dem waren nach und nach andere Großhändler gefolgt.

Das allerdings habe weniger mit Absprachen als mit dem natürlichen Marktgefüge eines Oligopols zu tun, machten die Betroffenen am Dienstag fast unisono deutlich. Angesichts aufwendiger Veranstaltungsreihen zur Umsetzung der Gesundheitsreform und teilweise deutlichen Verschiebungen bei den Marktanteilen verblassen die Annahmen der Gesetzeshüter ohnehin. Das verdeutlichen auch die jüngsten Übernahmegerüchte bei den privaten Großhandlungen.

All das stützt die schriftliche Stellungnahme der Gehe vom Montag. Darin ist die Rede davon, dass die Ermittlungen durch „falsche Informationen“ ausgelöst worden seien.

Bezeichnenderweise richtete die Wettbewerbsbehörde ihre Ermittlungen nach nicht gegen die in Deutschland agierende Gehe Pharma Handel GmbH, sondern gegen die Konzernmutter Celesio. Die hat aber grundsätzlich eher weniger mit dem nationalen Geschäft zu tun. Allerdings, und das ist das Pikante, ist eben nicht die deutsche Gehe, sondern die Celesio an der Anzag beteiligt. Das wirft die Frage auf, ob dieser Fehler nicht auf die tatsächlichen Beweggründe der Kartellbehörde hinweist.

Klar ist, dass auch ein laufendes Ermittlungsverfahren des Bundeskartellamtes vor dem Bundesgerichtshof (BGH) keinen positiven Eindruck hinterlassen würde. Eigentlich wird ein Urteil des BGH zur Fusion von Anzag und Sanacorp für Anfang 2004 erwartet. Bis dahin dürften die Ermittlungen der Bonner Behörde beileibe nicht abgeschlossen sein. Gleichgültig, ob nun zu Recht oder Unrecht ermittelt wird und zu welchem Ergebnis die Ermittler tatsächlich kommen: Die Chancen der Sanacorp auf einen positiven Entscheid für die Mehrheitsübernahme der Anzag werden sicherlich nicht größer.

In Planegg jedenfalls ist man mächtig sauer auf die Kartellbehörde. Man ist sich dort, ebenso wenig wie bei den anderen durchsuchten Großhändlern, einer Schuld bewusst.

Hinter vorgehaltener Hand kursierten am Dienstag mehrere Namen, denen ein Interesse am Scheitern der Sanacorp nachgesagt wird. Nicht zuletzt der frühere Anzag-Chef Karl-Peter Haack, der die Interessen des Investors Permira vertritt, wird sich angesichts der aktuellen Situation die Hände reiben. Er wird immer wieder in Verbindung gebracht mit dem britischen Großhandelskonzern Alliance Unichem. Haack wie auch Ex-Anzag-Chef Horst Trimborn unterhalten dem Vernehmen nach ein gutes Verhältnis zu der Unternehmensführung der Briten. Man kennt sich noch aus gemeinsamen Tagen bei der Ypso. Bei der Alliance Unichem jedenfalls hatte man auf einen Einstieg über die Anzag in den deutschen Markt gesetzt – bis plötzlich Phoenix und Celesio dazwischenfunkten und der Deal platzte. Inwieweit all diese Interessen eine Rolle im Vorfeld der Ermittlungen gespielt haben, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.

 

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Beitrag erschienen in Ausgabe 47/2003

 

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