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Robert Wilhelm Bunsen und die Pharmazie

TITEL

 

- Titel Govi-Verlag

ZUM 100. TODESTAG

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Robert Wilhelm Bunsen
und die Pharmazie

von Arnt Heilmann und Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Heidelberg

Bunsen als Mensch, Forscher und Lehrer - dies mag bekannt sein. Aber das Verhältnis zur Pharmazie? Ein Mann, der gemeinhin als "Apothekerfresser" gilt? Und doch hat Robert Wilhelm Bunsen entscheidende Impulse für die Institutionalisierung der Pharmazie an den Universitäten des 19. Jahrhunderts gegeben. Ein Beitrag zu seinem 100. Todestag am 16. August 1999.

Robert Wilhelm Eberhard Bunsen wurde am 30. März 1811 in Göttingen geboren. Sein Vater, Christian Bunsen, war Professor an der Universität Göttingen und "Bibliotheks-Custos", die Mutter Auguste Friederike Quensel entstammte einer Hannoveraner Offiziersfamilie. In Göttingen besuchte er Volksschule und Gymnasium bis zur Sekunda, um als Fünfzehnjähriger an das Gymnasium in Holzminden zu wechseln. Zu Ostern 1828 legte Bunsen die Reifeprüfung ab und bezog noch im gleichen Jahr die Universität seiner Vaterstadt, an der er das Studium der Naturwissenschaften und der Mathematik aufnahm.

Zu seinen akademischen Lehrern gehörte Friedrich Stromeyer (1778 bis 1835), einer der wenigen, der bereits vor Liebig die Chemie nicht nur in Vorlesungen behandelte, sondern die Schüler zu eigenen analytischen Arbeiten anhielt. Johann Friedrich Hausmann (1782 bis 1859), Professor für Mineralogie und Geologie, weckte das Interesse an der Geognosie, Bunsens heimlicher Liebe. Für eine von der philosophischen Fakultät 1830 gestellte Aufgabe über die verschiedenen Arten der Hygrometer erhielt Bunsen den ausgelobten Preis; seine Arbeit "Enumeratio ac descriptio hygrometrorum quae inde a Saussurii temporibus proposita sunt" (Aufzählung und Beschreibung der Hygrometer, die von Saussures Zeiten an vorgeschlagen wurden) wurde im gleichen Jahr als Dissertationsschrift angenommen.

Nach seiner Promotion begab sich Robert Wilhelm Bunsen auf eine ausgedehnte Studienreise, die ihn in die Zentren der wissenschaftlichen Chemie Deutschlands und Frankreichs führte. In Berlin besuchte er die Vorlesung von Sigismund Friedrich Hermbstädt (1760 bis 1833) und arbeitete in Heinrich Roses (1795 bis 1864) Laboratorium. Über Gießen, wo er mit Justus von Liebig (1803 bis 1873) zusammentraf, Heidelberg und Bonn gelangte er im Oktober 1832 nach Paris. Auf Vermittlung von Théophile Pelouzes (1807 bis 1867) konnte Bunsen als auditeur libre den Vorlesungen der Ecole polytechnique beiwohnen. Dort freundete sich der Deutsche auch mit den jungen Wissenschaftlern Jules Reiset und Victor Regnault an. Im Mai 1833 reiste er über Lyon, die Schweiz und Österreich zurück nach Göttingen.

Bereits im Januar 1834 habilitierte sich Robert Wilhelm Bunsen an der Göttinger Universität mit einer analytischen Arbeit über Ferrocyano-Komplexe. Zusammen mit dem Mediziner Adolph Arnold Berthold (1803 bis 1861) hatte er entdeckt, daß frisch gefälltes Eisenoxid als Antidot bei Arsenvergiftungen wirkt. Die Ergebnisse erschienen 1834 in der Schrift "Das Eisenoxydhydrat, ein Gegengift der arsenigen Säure".

Nach dem Tode Friedrich Stromeyers im August 1835 wurde Robert Wilhelm Bunsen mit der vertretungsweisen Leitung des chemischen Laboratoriums beauftragt. 1836 trat Friedrich Wöhler (1800 bis 1882), Lehrer an der höheren Gewerbeschule Kassel, die Nachfolge Stromeyers an. Die Stelle in Kassel übernahm Bunsen. Während seiner dreieinhalbjährigen Tätigkeit begannen seine Arbeiten zur Kakodylreihe, metallorganischen Verbindungen des Arsens, in deren Verlauf er bei einem Unfall das rechte Augenlicht verlor.

Mit 28 Jahren als Professor in Marburg

In Marburg vertrat der 73jährige Ferdinand Wurzer (1765 bis 1844) die Chemie. Als zweiter Professor wirkte sein Assistent Carl Winkelblech (1810 bis 1865), der sich 1835 habilitierte und zwei Jahre später auf Antrag der Philosophischen Fakultät zum außerordentlichen Professor ernannt wurde. Winkelblech machte sich berechtigte Hoffnungen auf die Nachfolge Wurzers, als dieser im Mai 1839 beim kurhessischen Ministerium des Inneren um seine Emeritierung nachsuchte. Ohne Wissen und gegen den Willen der beteiligten Professoren und der Marburger Universität wurde in Kassel durch "höchstes Reskript" vom 7. August 1839 entschieden, Robert Wilhelm Bunsen als außerordentlichen Professor mit 650 Talern Gehalt an das Chemische Institut nach Marburg zu berufen und im Austausch Carl Winkelblech an die höhere Gewerbeschule Kassel zu versetzen. Dem erst 28jährigen Bunsen traute man allerdings die alleinige Leitung des Instituts nicht zu, so daß der Physiker Christian Gerling (1788 bis 1864), der im gleichen Stockwerk des Deutschordenshauses mit seinem Institut untergebracht war, mit vierteljährlichen Revisionen beauftragt wurde.

Als 1841 das Physikalische Institut verlegt wurde, vergrößerte man das Bunsensche Laboratorium auf zwanzig Praktikumsplätze. Zugleich ernannte man Bunsen, der bisher die Institutsleitung nur in Vertretung Wurzers innehatte, zum Direktor des Chemischen Instituts und ordentlichen Professor in der Philosophischen Fakultät.

In Marburg führte Robert Wilhelm Bunsen seine in Kassel begonnenen Arbeiten zur Kakodylreihe fort. Durch Reduktion mit Zink gelang ihm die Darstellung des freien "Kakodylradikals", wodurch Lavoisiers Radikaltheorie bewiesen schien. Dieser hatte postuliert, daß sauerstoffhaltige organische Verbindungen analog den Metalloxiden als Oxide komplexer organischer Radikale aufzufassen seien. Jöns Jakob Berzelius zollte Bunsen in seinen "Jahresberichten über die Fortschritte der physischen Wissenschaften für das Jahr 1839" seine Anerkennung: "[...] denn ein so durch alle Einzelheiten durchführbares Beispiel in einem zusammengesetzten Radikal haben wir bis jetzt noch nicht gehabt." Bunsen konnte nicht ahnen, daß es sich bei dem vermeintlichen Radikal um ein Dimeres handelt; er war der festen Überzeugung, daß die Natur organischer Verbindungen nun geklärt sei und wandte sich neuen Aufgaben zu.

Bunsens Untersuchung zur Kakodylreihe, die Ergebnisse zur Verbesserung der Hochofenprozesse und die Entwicklung der nach ihm benannten Zink-Kohle-Batterie - bis zur Erfindung des Dynamos die ergiebigste elektrische Energiequelle - ließen ihn so bekannt werden, daß er 1850 von drei Universitäten Rufe erhielt. Den Ruf an die Universität Halle lehnte er ab, da ihm erst 1849 von Kurhessischer Seite Gehalt und Etat erhöht worden waren. Als aber im gleichen Jahr eine Anfrage aus Breslau erging und ihm vom preußischen Kultusministerium der Bau eines neuen chemischen Laboratoriums in Aussicht gestellt wurde, willigte Bunsen ein.

An Bunsens Entschluß konnte auch ein erstes Angebot aus Heidelberg nichts ändern: Am 16. Dezember 1850 wurde er zum ordentlichen Professor an der Universität Breslau bestellt. Vor seinem Weggang aus Marburg veranlaßte er noch, daß Hermann Kolbe (1818 bis 1884) zu seinem Nachfolger ernannt wurde und leitete die Neuregelung des Pharmaziestudiums ein, indem er Constantin Zwenger zu einem eigenen Institut verhalf.

Breslauer Intermezzo

Nicolaus Wolfgang Fischer (1782 bis 1850), Bunsens Vorgänger in Breslau, hinterließ ein schweres Erbe. "Die Sauwirthschaft, welche ich in meinem hiesigen Laboratorium vorgefunden habe, übertrifft in der That Alles, was ich aus eigener Erfahrung kenne. Schon ist aus Morgen und Abend der siebente Tag geworden und noch immer bin ich nicht mit dem Ausmisten dieses Augiasstalles fertig" (UB Heidelberg, Heid HS 2741). Dies schrieb Bunsen am 2. Mai 1851 an seinen Freund Ernst Ludwig Theodor Henke (1804 bis 1872) in Marburg. Von seinen Universitätskollegen wurde er freundlich aufgenommen, was ihm, der gerne zurückgezogen wirkte, unangenehm war: "[...] ich sehe aber zu meinem Entsetzen, daß ich mich durch die halbe Universität hindurchfressen und toasten muß, bis ich von allen Seiten gehörig beschnüffelt bin"(UB Heidelberg, Heid HS 2741, Brief an Henke 2.5.1851). Bei einer dieser Gelegenheiten lernte Bunsen den jungen Gustav Kirchhoff (1824 bis 1887) kennen, dem er 1854 zur Leitung des "physikalischen Kabinetts" der Universität Heidelberg verhelfen sollte.

In Breslau gelang es Bunsen mit seiner Zink-Kohle-Batterie erstmals, ein Metall - Magnesium - elektrolytisch abzuscheiden. Die Arbeit mit Jodstickstoff führte zur Entwicklung der Jodometrie, der ersten brauchbaren maßanalytischen Methode. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er 1853 in Wöhler und Liebigs Annalen; ein Jahr später erschien der textlich vermehrte Sonderabdruck "Ueber eine volumetrische Methode von sehr allgemeiner Anwendbarkeit".

Photochemische Untersuchungen in Heidelberg

Nach mehreren Schlaganfällen schied Leopold Gmelin (1788 bis 1853), der der Medizinischen Fakultät angehörte, krankheitsbedingt im Frühjahr 1851 aus seinem Amt aus. Die Heidelberger Medizinische Fakultät sprach sich in ihrem Gutachten über die Neubesetzung zunächst für Justus von Liebig aus. An zweiter Stelle wurde Robert Wilhelm Bunsen benannt. Den Vorschlag der Philosophischen Fakultät, man möge Wilhelm Delffs (1812 bis 1894), Professor für theoretische Chemie in Heidelberg, berufen, lehnte die Fakultät mit dem Hinweis ab, daß nur "eine anerkannte Celebrität" würdig genug sei. Die Verhandlungen mit Liebig zogen sich in die Länge, da ihn gleichzeitig Max von Pettenkofer im Auftrage König Maximilians II. von Bayern für München gewinnen wollte. Die zugesagte Entbindung von jeglicher Unterrichtsverpflichtung gab schließlich den Ausschlag zugunsten Münchens.

Nun leitete die badische Seite Sondierungen mit Bunsen ein und stellte ihm einen Neubau des Chemischen Instituts in Aussicht. Dies veranlaßte ihn, nach nur anderthalbjähriger Tätigkeit in Breslau 1852 den Ruf an die Universität Heidelberg auf den vakanten Lehrstuhl Gmelins anzunehmen. Am 6. August 1852 wurde Bunsen zum Ordinarius und Direktor des Chemischen Laboratoriums ernannt. Das Jahresgehalt belief sich auf 2700 Gulden, 400 Gulden Mietentschädigung und 750 Gulden Aversum für den Laboratoriumsbetrieb. Da Bunsen der Philosophischen Fakultät angehören sollte, wechselte Wilhelm Delffs in die Medizinische, wo er sich vorwiegend der pharmazeutischen und forensischen Chemie widmete.

Im Mai 1853 wurde mit dem Bau des neuen Chemischen Instituts auf der "Riesenbleiche" an der Akademiestraße begonnen. Nach nur zweijähriger Bauzeit konnte es zum Sommersemester 1855 bezogen werden. Mit fünfzig Arbeitsplätzen, Hörsaal und Dienstwohnung war es das größte und am besten ausgestattete Universitätslaboratorium auf deutschem Boden.

Aus Breslau brachte Bunsen seinen Assistenten Johann August Streng (1830 bis 1897) mit, dem als zweite Kraft Georg Ludwig Carius (1829 bis 1875) zur Seite gestellt wurde. Carius blieb der einzige Assistent, der nach seiner Habilitation 1855 weiter am Chemischen Institut tätig war. Zusammen mit Henry Roscoe (1833 bis 1915) veröffentliche Bunsen von 1855 an seine "Photochemischen Untersuchungen" über die Einwirkung des Lichts auf ein Knallgasgemisch. In der zweiten Abhandlung in Poggendorffs Annalen von 1857 folgte eine genaue Beschreibung des schon zwei Jahre früher entwickelten, nach Bunsen benannten Gasbrenners, der erstmalig eine regelbare nichtleuchtende Flamme bei gleichzeitig hoher Temperatur bot. Wilhelm Ostwald (1853 bis 1932) betrachtet die "Photochemischen Untersuchungen" als Bunsens größte Meisterleistung, obwohl sie seinen Namen nicht so bekannt gemacht haben wie die folgenden Arbeiten mit Gustav Kirchhoff.

Entdeckung der Spektralanalyse

Mit Gustav Kirchhoff, nach einem Scherzwort "Bunsens größte Entdeckung", verband den Forscher eine Freundschaft aus der Breslauer Zeit. Gemeinsam gelang ihnen 1859 die Entdeckung, daß jedes chemische Element bei seiner Verbrennung im glühenden Gaszustand charakteristische, den Fraunhoferschen Linien des Sonnenlichts komplementäre Linien in seinem Spektrum aufweist, die man bei Beobachtung durch einen Spektralapparat zu deren Identifikation heranziehen konnte. Diese Erkenntnis führte schon bald zur Entdeckung zahlreicher neuer Elemente: Caesium (1860) und Rubidium (1861) durch Bunsen selbst, Thallium (1861) durch den englischen Privatgelehrten William Crookes, Indium (1863) durch Ferdinand Reich und Robert Julius Richter, Helium (1868) durch den französischen Astrophysiker Pierre J. C. Janssen, Gallium (1875), Scandium (1879), Argon und weitere Edelgase (1894).

Die Spektralanalyse erregte nicht nur in wissenschaftlichen Kreisen größtes Aufsehen. Großherzog Friedrich von Baden ließ sich die Methode höchstpersönlich in einem Experimentalvortrag vorführen. Zahlreiche junge Chemiker strebten nun an das Laboratorium, um ihre Fähigkeiten zu komplettieren.

Im Jahre 1863 erhielt Bunsen von der badischen Regierung die Zusage, einen zweiten ordentlichen Professor nach Heidelberg berufen zu dürfen. Auf seinen Vorschlag wurde Hermann Kopp (1817 bis 1892), der berühmte Historiograph der Chemie aus Gießen, zum "Professor der Chemie" ohne nähere Bezeichnung des Faches berufen. Da Bunsen in Heidelberg nur eine große Vorlesung über Experimentalchemie abhielt, las Kopp alle ergänzenden Bereiche: Angewandte Kristallographie, theoretische Chemie, physikalische Chemie, Geschichte der Chemie, Stöchiometrie sowie Meteorologie und physikalische Geographie. Indes gab es keine Vorlesung zur organischen Chemie; Bunsen beschränkte sich auf den anorganischen Teil der Chemie und überließ den in eigenen Laboratorien tätigen Dozenten das Feld der Organik.

Bis zu seinem 78. Lebensjahr leitete Robert Wilhelm Bunsen das Chemische Institut. Von rheumatischen Beschwerden geplagt, suchte er beim Großherzog um seine Emeritierung nach, die ihm zu Ostern 1889 gewährt wurde. Zum Nachfolger wurde sein Schüler Victor Meyer (1848 bis 1897) berufen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er zurückgezogen in einem Wohnhaus der Heidelberger Weststadt. Am 16. August 1899 starb Bunsen; er wurde auf dem dortigen Bergfriedhof beigesetzt.

Neun Jahre nach seinem Tod, am 1. August 1908, setzte man dem Ehrenbürger der Stadt an der heutigen Friedrich-Ebert-Anlage ein Denkmal. Zu dem Bronzestandbild führte eine breite Treppe hinauf, die von allegorischen Darstellungen der schlafenden und erwachenden Wissenschaft flankiert wurde. Bei der Verlegung der Bahnlinie versetzte man es in den fünfziger Jahren an seinen heutigen Standort in der Hauptstraße vor den Friedrichsbau; an die Stelle, an der bis 1855 das chemische Laboratorium Leopold Gmelins untergebracht war.

Bunsens Stellung zur Pharmazie

Vergleicht man den Werdegang Robert Wilhelm Bunsens mit dem anderer bedeutender Chemiker seiner Zeit, so fällt auf, daß Bunsen sich unmittelbar dem Studium der Naturwissenschaften zuwenden konnte und nicht, wie etwa Justus von Liebig, den Umweg über eine - hier abgebrochene - Apothekerlehre nahm. Obgleich er somit keinen direkten Bezug zur Pharmazie hatte, griff Bunsen in die Entwicklung der pharmazeutischen Hochschulausbildung in Marburg und Heidelberg ein und setzte Akzente, die bis heute nachwirken.

Zwei Jahre nach Bunsens Berufung nach Marburg habilitierte sich am 17. März 1841, dem Tage seiner Promotion (!), Konstantin Zwenger (1814 bis 1884) für Chemie und Pharmazie in der Medizinischen Fakultät. Auf eigene Kosten betrieb er in seinem Wohnhaus am Ketzerbach ein Laboratorium. Am 4. Juni 1844 richtete Bunsen ein Gesuch an die Medizinische Fakultät, man möge Zwenger zum außerordentlichen Professor ernennen, da er selbst außerstande sei, regelmäßig einen Vorlesungszyklus über pharmazeutische Chemie anzubieten. Zwengers Ernennung erfolgte am 18. Dezember 1844, jedoch ohne Prüfungsbefugnis - die Examination der Pharmazeuten mußte weiterhin Bunsen übernehmen. Wohl der zusätzlichen Verpflichtungen durch die Pharmazie leid, setzte Bunsen 1848 in Kassel für Zwenger einen jährlichen Etat von 100 Talern durch, mit der Auflage, die Ausbildung der Pharmazeuten allein zu übernehmen. Die Zahl der Pharmaziestudierenden ist daraufhin "vom Jahre 1848 an, wo ich [Bunsen] beseitigt und durch Herrn Zwenger ersetzt wurde, [...] in höchst erfreulicher Weise auf zwölf mit regelmäßiger Zunahme gestiegen" (zit. nach Schmitz 1969, S. 249).

Im Sommer 1850 bat Bunsen den Senat, Zwenger zum Ordinarius zu ernennen und ihm ein eigenes Institut zu genehmigen. Dabei wies er dem neu zu gründenden Institut drei Zimmer des Chemischen Laboratoriums im Deutschen Haus zu und stellte 300 Taler aus seinem eigenen Etat in Aussicht. Fakultät und Senat schlossen sich diesem Vorschlag an. Durch ministeriellen Erlaß vom 22. April 1851 wurde das Pharmazeutisch-chemische Institut gegründet und Bunsens Nachfolger Hermann Kolbe angewiesen, aus seinem Aversum 300 Taler zur Verfügung zu stellen.

Auch an der Heidelberger Universität bestand 1852 keine pharmazeutische Professur. Nach dem Tod von Philipp Lorenz Geiger (1785 bis 1836) hatte die Universität ihre Strahlkraft für Pharmazeuten verloren. Wilhelm Delffs übernahm, nachdem er vor Bunsens Eintreffen kommissarisch die Leitung des Chemischen Laboratoriums innehatte, dann aber als Ordinarius in die Medizinische Fakultät übergewechselt war, seit 1853 die Ausbildung der Mediziner und Pharmazeuten. Bunsen und Delffs teilten sich das Gmelinsche Laboratorium in den Gewölben des ehemaligen Dominikanerklosters. Nach Fertigstellung des neuen Chemischen Instituts 1855 blieben die Pharmazeuten im alten Laboratorium. Als Assistent stand Delffs seit 1853 August Friedrich Bornträger (1819 bis 1905) zur Seite, der die praktischen Laborübungen leitete. Die Vorlesungen hielt Bornträger in seinem Wohnhaus in der Märzgasse 2 ab.

Im Frühjahr 1856 übersiedelte Georg Friedrich Walz (1813 bis 1862) mit seinem pharmazeutischen Privatinstitut von Speyer nach Heidelberg. Walz hatte sich 1853 in der Philosophischen Fakultät habilitiert; sein Umzug nach Heidelberg scheiterte aber zunächst am Widerstand des badischen Innenministeriums, das auf seine Beteiligung an der Revolution von 1848 hinwies. Ab Sommersemester 1856 hielt Walz Vorlesungen in Pharmazie; bereits am 23. Mai 1857 bat er beim Innenministerium um Erteilung einer außerordentlichen Professur für Pharmazie. Bunsen sah keine Veranlassung, dem Drängen nachzugeben, da "der Apotheker die Mittel zur wißenschaftlichen und kaufmännischen Ausbildung für seinen Beruf nicht so sehr auf der Universität, als vielmehr beßer noch in einem der zahlreichen pharmaceutischen Institute zu finden glaubt" (UA Heidelberg, Akten d. Phil. Fakultät 1857). Er erblickte in einer Ernennung "einen Act der Ungerechtigkeit gegen andere chemische Privatdocenten", die bereits seit längerer Zeit an der Universität lehrten. Erst nach drei weiteren Anläufen konnte Walz 1859, mittlerweile zweitältester Privatdozent, doch noch eine außerordentliche Professur für Pharmazie in der Medizinischen Fakultät erreichen. Zwei Jahre später, am 29. März 1862, beging er Selbstmord, und das pharmazeutische Privatinstitut wurde aufgegeben.

Erst nachdem Baden zum 1. Januar 1874 die Prüfungsordnung des Norddeutschen Bundes von 1869 übernommen hatte, die ein einjähriges Universitätsstudium als Voraussetzung zur Prüfungszulassung vorschrieb und die Pharmazeutische Prüfungskommission in Heidelberg angesiedelt wurde, stieg die Zahl der Pharmaziestudenten an der Universität. Im gleichen Jahr wandten sich mehrere Studierende mit der Bitte an den Engeren Senat, eine regelmäßig wiederkehrende Vorlesung über pharmazeutische Chemie aufzunehmen. August Friedrich Bornträger hielt zwar regelmäßig "Privatissima über Chemie und Pharmacie", eine Vorlesung fand aber nicht statt. Der Engere Senat bat die Fakultät um Äußerung.

Das auf den 28. Juli 1874 datierte Gutachten Bunsens, dem auch die Professoren Hermann Kopp (1817 bis 1892) und Ernst Pfitzer (1846 bis 1906) beitraten, fiel zustimmend aus. Angesichts der beschränkten Platzverhältnisse im eigenen Institut schlug Bunsen vor, Bornträger möge die Ausbildung der Pharmazeuten übernehmen. Zum Sommersemester 1875 - die Ausbildung der Pharmazeuten war mittlerweile reichseinheitlich als dreisemestriges Studium mit Staatsexamen geregelt worden - konnte Bornträger seine Lehrtätigkeit aufnehmen. Unter Bunsens Nachfolgern Victor Meyer und Theodor Curtius wurde die Pharmazie als pharmazeutisch-chemische Abteilung schließlich dem Chemischen Institut beigeordnet.

Differenzierung der Fachrichtungen

Während bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Ausbildung der Pharmazeuten sowohl in Marburg als auch in Heidelberg bei der Medizin angesiedelt war, vollzog sich binnen 25 Jahren der Übergang zur Philosophischen Fakultät; in Heidelberg noch eng verbunden mit der Chemie. Robert Wilhelm Bunsen war weitsichtig genug, zu erkennen, daß ein einzelner Wissenschaftler unmöglich alle Fachrichtungen der Chemie in der gebotenen Qualität bearbeiten könne. Während Leopold Gmelin in Heidelberg und Bunsen in Marburg noch die ganze Bandbreite der chemischen Wissenschaft in ihren Vorlesungen abdecken mußten, kaprizierte sich Bunsen in Heidelberg auf die anorganische Chemie und deren Bezug zur Physik; er gilt als Gründervater der physikalischen Chemie. Andere "Zweige der Chemie", zu der Bunsen auch die Pharmazie zählte, wurden an seinem Institut nicht gelehrt. Notwendigerweise führte dies zur Differenzierung der übrigen Fächer, so der organischen Chemie, die in Heidelberg seit Mitte des 19. Jahrhunderts von zwei hervorragenden Vertretern, August Kekulé (1829 bis 1896) und dessen Schüler Adolf von Baeyer (1835 bis 1917), in eigenen Laboratorien gelehrt wurde.

Als einer der ersten Chemiker setzte sich Bunsen aber auch entschieden für die Trennung der Pharmazie und der Chemie ein: "Es hat sich in der neueren Wissenschaft zwischen den rein theoretischen Gebieten der Chemie [...] und zwischen den die Chemie mit der Medicin und Technik verbindenden Gebieten [...] eine naturgemäße Scheidung vollzogen. [...] Das den vielfachen Zusammenhang der Chemie mit anderen Wissenschaften vermittelnde Gebiet, die pharmaceutische Chemie, hat [...] bei weitem weniger Vertreter gefunden, da es eine völlige Beherrschung des Stoffes voraussetzt und eine vielumfassende Kenntnis anderer Wissenschaften fordert, dabei aber schwieriger zu bebauen ist und der Sache nach nur einzelne specielle, für die herrschende Richtung der Wissenschaft weniger in die Augen fallende Resultate gewähren kann." (Brief an den Marburger Rektor 1865, zit. nach Schmitz 1969, S. 12).

Robert Wilhelm Bunsen ist die Errichtung pharmazeutischer Lehrstühle in Marburg und Heidelberg zu danken. Ohne ihn wäre die Pharmazie an beiden Universitäten heute nicht vertreten - daß diese Entwicklung keineswegs immer geradlinig verlief, zeigt das Beispiel von Georg Friedrich Walz, das die Konkurrenz zwischen Pharmazie und Chemie widerspiegelt. Die Chemie des 19. Jahrhunderts befand sich ihrerseits in einem Selbstfindungs- und Abgrenzungsprozeß zu den Geisteswissenschaften; einer ihrer herausragenden Vertreter war Robert Wilhelm Bunsen.

Am 4. August 1999 wird die Ausstellung „Robert Wilhelm Bunsen (1811-1899) - Stationen seines Lebens" mit einem Festakt in der Alten Aula der Universität Heidelberg eröffnet. Sie ist bis zum 4. November 1999 im Universitätsmuseum, Grabengasse 1, zu besichtigen. An der Konzeption waren das Hermann-Schelenz-Institut für Pharmazie- und Kulturgeschichte Heidelberg e.V. und das Universitätsmuseum Heidelberg beteiligt.

Bunsens wichtigste Entdeckungen

Jahr Entdeckung 1834 Eisenhydroxid als Gegengift bei Arsenvergiftung 1836-1841 Kakodyluntersuchungen 1841 Entwicklung der Zink-Kohle-Batterie 1853 Entwicklung der Jodometrie 1855 Bunsenbrenner 1855-1862 Photochemische Untersuchungen mit Henry Roscoe 1857-1859 Gasanalytische Methoden 1859-1861 Entwicklung der Spektralanalyse mit Gustav Kirchhoff; Entdeckung des Caesiums und Rubidiums 1868 Wasserstrahlpumpe

Literatur:

  1. Bernthsen, A., Die Heidelberger chemischen Laboratorien für den Universitätsunterricht in den letzten hundert Jahren. Zeitschrift für angewandte Chemie 42 (1929) 382-384.
  2. Curtius, Th., Die Enthüllung des Bunsen-Denkmales. Heidelberg 1908.
  3. Curtius, Th., Robert Bunsen als Lehrer in Heidelberg. Akademische Rede zur Feier des Geburtsfestes des höchstseligen Grossherzogs Karl Friedrich am 22. November 1905 bei dem Vortrag des Jahresberichts und der Verkündigung der akademischen Preise. Heidelberg 1906.
  4. Curtius, Th., Rissom, J., Geschichte des Chemischen Universitäts-Laboratoriums zu Heidelberg seit der Gründung durch Bunsen. Zur Feier der Enthüllung des Bunsendenkmals in Heidelberg. Heidelberg 1908.
  5. Freudenberg, K., Robert Wilhelm Bunsen. Zeitschrift für Elektrochemie. Berichte der Bunsengesellschaft für physikalische Chemie 64 (1960) 777-784.
  6. Freudenberg, K. [Hrsg.], Die Studienreise Robert Bunsens nach Berlin - Paris - Wien 1832/1833. Briefe an seine Eltern. Heidelberger Jahrbücher 6 (1962) 111-184.
  7. Freudenberg, K., Die Chemie in Heidelberg zur Zeit von L. Gmelin, R. Bunsen, V. Meyer und Th. Curtius. Heidelberger Jahrbücher 8 (1964) 87-92. Krafft, F. [Hrsg.], Große Naturwissenschaftler. Biographisches Lexikon. Mit einer Bibliographie zur Geschichte der Naturwissenschaften. 2. Aufl. Düsseldorf 1986.
  8. Krafft, F [Hrsg.], "... der Himmel bewahre Sie vor einer socialistischen Herrschaft!". Briefe von Robert Wilhelm Bunsen an Théophile Jules Pelouze und Henri Victor Regnault aus den Jahren 1841, 1848 und 1851 in der Universitätsbibliothek Marburg. Marburg 1996. Schriften der Universitätsbibliothek Marburg 74.
  9. Lang, H., Das chemische Laboratorium an der Universität Heidelberg. Karlsruhe 1858. Lockemann, G., Robert Wilhelm Bunsen. Lebensbild eines deutschen Naturforschers. Große Naturforscher 6. Stuttgart 1949. [Mayer, A.], Bunseniana. Eine Sammlung von humoristischen Geschichten aus dem Leben von Robert Bunsen nebst einem Anhang von pfälzischen Lyceums-Anekdoten dargestellt von Einem der vieles miterlebt und das übrige aus guten Quellen geschöpft hat. Heidelberg1904.
  10. Meinel, C., Die Chemie an der Universität Marburg seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Ein Beitrag zu ihrer Entwicklung als Hochschulfach. Academia Marburgensis 3. Hrsg. Philipps-Universität Marburg. Marburg 1978.
  11. Ostwald, W., Gedenkrede auf Robert Bunsen. Vortrag gehalten auf der VIII. Hauptversammlung der Deutschen Elektrochemischen Gesellschaft zu Freiburg i. B. am 18. April 1901. Zeitschrift für Elektrochemie 7 (1901) 608-618.
  12. Schmitz, R., Die deutschen pharmazeutisch-chemischen Hochschulinstitute. Ihre Entstehung und Entwicklung in Vergangenheit und Gegenwart. Ingelheim 1969.
  13. Schmitz, R., Die Naturwissenschaften an der Philipps-Universität Marburg 1527-1977. Marburg 1978.
  14. Schmitz, R., Bunsen in Marburg. Berichte der Bunsen-Gesellschaft für physikalische Chemie 85 (1981) 932-937.
  15. Vorlesungsverzeichnisse der Universität Heidelberg.
  16. Universitätsarchiv Heidelberg, Akten der philosophischen Fakultät. Universitätsbilbliothek Heidelberg, Handschrift Heid HS 2741.
  17. Stadtarchiv Heidelberg, Akten über das Bunsendenkmal.
  18. Generallandesarchiv Karlsruhe, Personalakte Bunsen.

Anschrift der Verfasser
Arnt Heilmann,
Professor Dr. Wolf-Dieter Müller-Jahncke Hermann-Schelenz-Institut für Pharmazie- und Kulturgeschichte e.V.
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Beitrag erschienen in Ausgabe 30/1999

 

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