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Mit dem Feuerzeug setzte sich J. W. Döbereiner ein Denkmal

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- Titel Govi-Verlag

ZUM 150. TODESTAG

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Mit dem Feuerzeug setzte sich J. W. Döbereiner ein Denkmal

von Franz Kohl, Freiburg

Als am 24. März 1849 der Professor für Chemie an der Universität Jena für immer die Augen schloß, verlor die noch junge akademische Chemie in Deutschland einen ihrer prominentesten Vertreter: Johann Wolfgang Döbereiner. Er war nicht nur ein anerkannter theoretischer Chemiker, sondern auch ein Pionier des chemischen Experimentalunterrichts und ein Praktiker, "der, selbst ein anerkannter Analytiker, (die) Analyse zu lehren zum mindesten ebenso gut verstand, wie die Franzosen".

Johann Wolfgang Döbereiner (1780 bis 1849) hatte sich aus einfachsten Verhältnissen aufgrund seines Talents, seines Fleißes und seiner Arbeitskraft zu einem der ersten Hochschullehrer für Chemie und Pharmazie im deutschen Sprachraum emporgearbeitet. Bereits bei seiner Berufung genoß er auch die fördernde Gunst des großherzoglichen Hofes und speziell des Ministers für Kulturangelegenheiten, Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832). Dessen Aufmerksamkeit hatte der junge Apotheker durch zahlreiche Publikationen über praktische Erfindungen und Beobachtungen ebenso wie durch theoretische Leistungen auf sich gezogen.

Im Jahre 1810 zunächst zum außerordentlichen Professor an der Jenenser Fakultät berufen, repräsentierte Döbereiner bald eine bestimmte Arbeits- und Forschungsrichtung in Chemie, pharmazeutischer Praxis und Analytik. Seine weiteren wissenschaftlichen Leistungen haben die mit seiner Berufung verbundenen Hoffnungen dann vollauf bestätigt und seine Gönner in jeder Hinsicht zufriedengestellt. Zwischen dem Chemieprofessor Döbereiner und seinem "Dienstherrn" Goethe entwickelte sich eine beide Seiten befruchtende wissenschaftliche Freundschaft, die sich in gegenseitigen Besuchen, vielfältigen Förderungen und einem erhalten gebliebenen Schriftwechsel dokumentiert (18).

Ein Apothekergeselle mit vielseitiger Erfahrung

Johann Wolfgang Döbereiner wurde am 13. Dezember 1780 in Hof geboren. Da sein Vater bald nach Bug bei Münchberg umzog und zunächst als Knecht, später als Ökonom und Verwalter auf einem Rittergut tätig war, verbrachte der Sohn seine Jugend unter materiell bescheidenen Verhältnissen in einer ländlichen Region. Durch den Pfarrer eines benachbarten Dorfes wurde ihm ein elementarer Unterricht zuteil, der es ihm ermöglichte, eigenen Interessen folgend 1794 in die Apothekerlehre nach Münchberg im Bayreuthischen zu gehen; sein Lehrherr wurde Dr. Christian Lotz (19). Nach zügig abgeschlossener Lehre ging er 1797 als Apothekergeselle auf eine mehrjährige Wanderschaft, die ihn nach Dillingen (Donau), Karlsruhe und Straßburg führte. Er nutzte die Aufenthalte, um seine allgemeinen sprachlichen, historischen, geographischen und naturwissenschaftlichen Kenntnisse zu erweitern. Zu eigentlichen Studien an einer Universität kam er allerdings nicht.

1802/1803 kehrte Döbereiner in seine Heimatregion zurück, heiratete die Jugendfreundin Clara Knab und bekam dadurch Verbindung zu einer angesehenen Münchener Familie. Da seine Mittel für den Kauf einer von ihm schon früh ersehnten Apothekerkonzession nicht ausreichten, erwarb er im Landstädtchen Gefrees zwischen Hof und Bayreuth eine Produktenhandlung, die er zu einer chemisch-pharmazeutischen Fabrik zu erweitern wollte. Dabei erreichte er rasch praktische Fortschritte, über die er ab 1803 im neu begründeten "Neuen allgemeinen Journal der Chemie" berichtete, das von Adolph Ferdinand Gehlen (1775 bis 1815) - damals Professor der Chemie an der Akademie der Wissenschaften in München - herausgegeben wurde.

Zwar mußte Döbereiner bereits 1806 seine langsam florierende Handlung wegen Behinderung durch neidische Konkurrenten aufgeben, fand aber in Münchberg eine Anstellung in einer Färberei und Bleicherei. Dort befaßte er sich ausführlich mit den chemischen Prozessen beim Färben und Bleichen. Die Einführung der Chlorbleiche brachte auch diesen Betrieb zeitweilig zum Florieren. Dies führte ihn wiederum zu zahlreichen neuen wissenschaftlichen Einsichten; etliche davon wurden in Gehlens Journal publiziert und zogen nach und nach die Aufmerksamkeit der Fachwelt auf sich.

Infolge wirtschaftlicher Engpässe, ausgelöst durch die Einführung der Kontinentalsperre, wandte sich Döbereiner einige Jahre später der Brauerei und dem Brennwesen zu. Dies gab ihm Gelegenheit, in nahen wissenschaftlichen Verkehr zum Gymnasialprofessor Johann S. Ch. Schweigger in Bayreuth und zum dortigen Apotheker Fr. Chr. Max Vogel zu treten, aber sein Wunsch, eine eigene Apotheke zu übernehmen, schien weiter nicht realisierbar.

In dieser finanziell prekären Situation erreichte Döbereiner im August 1810 ein Schreiben des akademischen Senats der Universität Jena, in dem ihm die zunächst außerordentliche Professur der philosophischen Fakultät angetragen wurde. In Nachfolge des durch den Tod Göttlings (1809) verwaisten Lehrstuhls sollte Döbereiner fortan Chemie, Pharmazie sowie chemische und pharmazeutische Technologie in Jena lehren. Döbereiner akzeptierte das überraschende Angebot mit großer Freude.

Die Dotierung war eher bescheiden und betrug zunächst 350, später 450 Taler, wovon ein erheblicher Betrag für die Ausrüstung und den Erhalt des chemischen Laboratoriums benötigt wurde. 1819 wurde Döbereiners Gehalt im Zuge seiner Ernennung zum ordentlichen Professor auf 500 Taler erhöht, lag aber damit weiterhin wesentlich unter dem, was später etwa der viel jüngere Friedrich Wöhler (1800 bis 1882) bald nach seiner Berufung an die polytechnische Schule in Kassel (1832) bezog. Dennoch ist Döbereiner dem Weimarischen Großherzog und seinem Minister Goethe stets in besonderer Dankbarkeit verbunden geblieben. Fünf Rufe an auswärtige Universitäten (Bonn, Dorpat, Halle, München und Würzburg) lehnte er jeweils ohne nähere Prüfung ab und verblieb bis zu seinem Tode fast vier Jahrzehnte in Jena, wo er in zwar materiell bescheidenen, aber subjektiv zufriedenstellenden Verhältnissen sein wissenschaftliches Leben verbrachte und zu wichtigen Entdeckungen gelangte.

Aufbau eines chemischen Unterrichtslaboratoriums in Jena

Sein Amtsvorgänger Johann Friedrich August Göttling (1753 bis 1809) hatte bald nach seiner Berufung 1789 als Professor der Chemie in Jena damit begonnen, Vorlesungen in experimenteller Chemie zu halten. Dabei betrieb er auch "ein chemisches Forschungslaboratorium", "aus dem wertvolle analytische Untersuchungen hervorgegangen sind" (10, S.2). Ihm kommt ein wesentliches Verdienst zu, den chemischen Unterricht und insbesondere dessen experimentelle Ausrichtung in Deutschland zu begründen – zu einer Zeit, als die Experimentalchemie im deutschen Sprachraum an den Universitäten noch kaum entwickelt war und fast eine Generation vor der Eröffnung des berühmten Gießener Laboratoriums durch Justus Liebig (1803 bis 1873).

Nach Göttlings Tod sollte die von ihm betriebene Arbeitsrichtung gemäß dem Wunsch des Großherzogs und seines Ministers von Goethe fortgesetzt werden. Der Versuch, den im benachbarten Erfurt tätigen Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770 bis 1837) zum Wechsel nach Jena zu bewegen, scheiterte, weil Trommsdorff seine gesicherte Position nicht aufgeben wollte. Nach Beratung mit Professor Gehlen in München fiel die Wahl auf den noch relativ unbekannten Döbereiner.

Nachdem Döbereiner Ende 1810 nach Jena berufen worden war, wurde ihm im folgenden Jahr das kleine, ursprünglich für Göttling eingerichtete und in einem Seitenflügel des großherzoglichen Schlosses untergebrachte Laboratorium zugewiesen. Zugleich bekam er das Mitbenutzungsrecht an einem im Jenaer Schloß befindlichen Auditorium. Die Verhandlungen, die zur Ausstattung seines Lehrstuhls erforderlich wurden, hatte Döbereiner mit dem Minister Goethe am 8. und 9. November 1810 geführt. Aus der herzoglichen Bibliothek wurden weitere Bücher zur Verfügung gestellt und insbesondere der Ankauf der von Göttling genutzten Apparate von dessen Witwe in Aussicht gestellt. Döbereiner bedankte sich in einem Schreiben vom 7. Dezember 1810 an seinen Minister (16, S. 43):

"Der Lehrstuhl der Chemie der hiesigen Universität ist nun mit allem ausgestattet, was nur zu wünschen und zu glänzenden Versuchen erforderlich ist, wofür Ew. Exzellenz ich den Dank meines Herzens auszudrücken nicht Worte genug habe. Ich werde Gelegenheit haben, der Welt zu sagen, was Hochdieselben für mich und die chemische Wissenschaft taten, und mich glücklich preisen, wenn mir durch Tätigkeit und Fleiß es gelingen wird, das Vertrauen eines Chefs zu gewinnen, für den mein Herz mit so viel Ehrfurcht schlägt".

Labor und Präparationsmaterial standen in leidlichem Umfang zur Verfügung, und im Jahre 1814 wurde dem neuen Professor auch ein "Präparant", also ein Laboratoriumsgehilfe, zugestanden. Da die geringen Beheizungsmöglichkeiten namentlich im Winter sehr nachteilig waren, suchte Döbereiner nach einer anderen räumlichen Lösung. Im Frühjahr 1816 wurde ihm der Erwerb des "Hellfeldischen Hauses", das vor dem Neuthor in Jena lag, in Aussicht gestellt. Hier fanden nicht nur Döbereiners Familie, sondern auch die chemische Bibliothek und ein eigener Unterrichtsraum ihren Platz. In unmittelbarer Nähe war die Errichtung eines neuen Laboratoriums geplant, das die sorgfältige Ausführung von Experimenten auch vor einer größeren Zuhörerschaft erlauben sollte.

Im Hellfeldischen Haus richtete man zunächst einen größeren Raum zum Experimentieren für Döbereiner und seine Studenten her. Seit dem Wintersemester 1820/1821 hielt er, nachdem er den Unterricht in Pharmazie abgegeben hatte, ein öffentliches "chemisch-praktisches Kollegium" ab. Ab 1822 konnte er auch einen eigenen Glasbläser beschäftigen, der ihm nahezu jedes gewünschte physikalisch-chemische Glasgerät herstellte. Im Laufe der 1820er Jahre wuchs das neu errichtete "großherzoglich chemische Laboratorium" an Ansehen und Zuhörerschaft.

Im Winterhalbjahr 1828/1829 nahmen etwa zwanzig Studierende an den chemischen Analysierübungen teil. Damit erreichte Döbereiner eine für seine Zeit weite Ausstrahlung. Der weitgehende Autodidakt, der nie im Leben einen systematischen akademischen Unterricht genossen hatte, entwickelte eine erstaunliche Lehr- und Vortragsbegabung. Er wurde nicht nur einer der ersten, sondern auch einer der besten Lehrer der Chemie seiner Zeit (10, 19).

Nach dem Tod des Großherzogs Carl August am 14. Juli 1828 förderte auch der neue Großherzog Carl Friedrich die wissenschaftlichen Bemühungen Döbereiners und bewilligte den weiteren Ausbau des Laboratoriums. Das "neue Laboratorium" wurde neben dem Hellfeldischen Haus, in dem Döbereiner weiterhin wohnte, errichtet und im Herbst 1833 vollendet. Es diente ihm bis zu seinem Tod als Arbeitsstätte. Allerdings war es ihm nicht mehr vergönnt, an seiner neuen Wirkungsstätte namhafte Entdeckungen zu machen.

Wissenschaftliche Leistungen mit vielfältigem Praxisbezug

Döbereiners literarische Arbeiten gehen von seinen ersten, oft anwendungspraktisch bestimmten Tätigkeiten aus. Sie galten pragmatischen Aspekten der Färberei und Bleicherei, der Brau- und Brennkunst und sind heute nur von sehr spezialistischem Interesse. Eine bedeutsame Beobachtung seiner Bayreuther Zeit (bereits 1808) war die fermentative Umwandlung von Stärkekleister in gärungsfähigen Zucker. Im Stil der damaligen Zeit - die Entdeckungen zur Elektrizität von Galvani und Volta (11) hatten ein ungemeines Interesse ausgelöst - vermutete Döbereiner als Erklärung der alkoholischen Gärung zunächst einen elektrischen oder galvanischen Prozeß, überzeugte sich aber bald, daß der Vorgang ohne elektrische Erscheinungen abläuft. In weiteren Versuchen bemühte er sich, das Mengenverhältnis zwischen dem Zucker und dem bei der Gärung entstehenden Alkohol und der Kohlensäure zu bestimmen.

Weiterhin erkannte er die Essigsäure als Oxidationsprodukt von Weingeist und ermittelte die zur Essigbildung erforderliche Menge Sauerstoff. Die von ihm 1821 beschriebene stufenweise Oxidation des Alkohols zu "Sauerstoffäther" und zu Essigsäure griff später Justus von Liebig auf; aus Döbereiners "Sauerstoffäther" isolierte und charakterisierte er 1832 ein Acetal und 1835 Acetaldehyd. Im Schrifttum wurde mitunter bereits Döbereiner selbst die Entdeckung des Acetaldehyds (19) zugeschrieben.

Von Döbereiners Pionierarbeiten auf den Gebieten der Gärungs- und Essigsäureforschung profitierten besonders die Essigsäurefabrikation und benachbarte Gewerbezweige. Früh schon hat er 1814 eine "Anleitung zur kunstmäßigen Bereitung verschiedener Arten Essige" verfaßt, die mehrere Auflagen erlebte. Weitere Bücher zu verwandten Themen waren 1822 "Zur Gärungschemie und Anleitung zur Darstellung verschiedener Arten künstlicher Weine, Biere usw." sowie zwei Jahrzehnte später (1844) noch einmal seine "Beiträge zur Gärungschemie" (2).

Als Professor an der Landesuniversität des Herzogtums Weimar war Döbereiner ebenso wie sein Vorgänger Göttling verpflichtet, die naturwissenschaftlich interessierten Hofkreise, allen voran den Minister von Goethe sowie den Großherzog selbst, in die Geheimnisse und Fortschritte der chemischen und pharmazeutischen Wissenschaften einzuführen, ihnen typische Versuche zu demonstrieren und sie über wissenschaftliche Neuerungen auf dem laufenden zu halten. Hierzu gehörte auch die Demonstration der damals als epochal empfundenen Entdeckung des dänischen Physikers Hans Christian Oerstedt (1777 bis 1851), der 1820 den Einfluß des elektrischen Stroms auf die Magnetnadel gefunden hatte. Döbereiner baute dessen Versuche nach und zeigte seinem Minister Goethe die Prinzipien des Oerstedtschen Elektromagnetismus. Ähnliches galt für die stöchiometrischen Zusammenhänge in der Chemie. Damit hatte sich Döbereiner in seinen früheren Jahren stark beschäftigt, da zu Beginn des 19. Jahrhunderts die exakte stöchiometrische Analyse der Zusammensetzung der zunächst anorganischen Verbindungen ein wichtiges Anliegen der sich konstituierenden Chemie war. Döbereiner setzte hierbei die von Lavoisier und Jeremias Benjamin Richter (1762 bis 1807) aufgestellten Forschungsprinzipien fort; in etlichen Einzelanalysen klärte er die Zusammensetzung wichtiger Verbindungen auf.

Bahnbrechende Arbeiten zur Platin-Katalyse .....

Die Mehrzahl der Untersuchungen erbrachten zwar wichtige Detail- und Spezialkenntnisse, führten aber nicht zu grundsätzlichen Einsichten. Doch zu zwei Problemen der allgemeinen Chemie konnte Döbereiner wegweisende Beiträge liefern, die rasch die Anerkennung seiner Zeitgenossen fanden und für die Weltgeschichte der Naturwissenschaften bedeutsam wurden. Seine Arbeiten auf dem Gebiet der Platin-Katalyse mündeten in die Entdeckung des berühmten Döbereinerschen Feuerzeugs. Seine Leistungen zur Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten im Aufbau der chemischen Elementarsubstanzen gelten als Pionierarbeiten zur Entdeckung des Periodensystems der chemischen Elemente. Um 1869/1870 entwickelten dann der deutsche Chemiker Lothar Meyer (1830 bis 1895) und der russische Forscher Dimitrj Medenlejew (1834 bis 1907) das Periodensystem.

Döbereiners vielleicht bekannteste Entdeckung – diejenige der katalytischen Wirkung des Platins – geht auf seine frühe Beschäftigung mit dem Platinerz zurück. Dieses hatte bereits Ende des 18. Jahrhunderts die Aufmerksamkeit der Chemiker erregt, wegen seines hohen spezifischen Gewichts und seiner Resistenz gegen verschiedene chemische Reagentien. In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts wurden mehrere neue Metalle (Osmium und Iridium, später Palladium und Rhodium) darin entdeckt.

In den Jahren nach 1820 entdeckte Döbereiner, daß die Gegenwart von Platin die Reaktionen zwischen Wasserstoff und Sauerstoff (Entflammung des auf "Platinschwamm" strömenden Wasserstoffgases) bei Kontakt mit atmosphärischer Luft fördern kann, wobei das Platin dabei weder verbraucht noch verändert wird. Er erkannte bereits weitgehend, daß es sich um eine Wirkung handelt, die mit einer besonderen Charakteristik ausgezeichnet ist, für die er allerdings noch keinen Begriff fand. Erst Jöns Jacob Berzelius (1779 bis 1848) gab der Reaktionsweise 1836 die bis heute gültige Benennung "Katalyse" (3, 7). Döbereiner versuchte auch, dem beobachteten Phänomen eine lange gültige Erklärung zu geben. Insgesamt kann er als einer der maßgeblichen Pioniere der Katalyseforschung gelten.

Über seine Entdeckungen berichtete er 1824 unter dem Titel "Über neuentdeckte, höchst merkwürdige Eigenschaften des Platins und die pneumatisch-capillare Tätigkeit gesprungener Gläser", später noch in seinen „Beiträgen zur physikalischen Chemie" (Jena 1824 bis 1835) und schließlich 1836 unter Einbeziehung der Aspekte von Feuerzeugen in seinem Buch "Zur Chemie des Platins in wissenschaftlicher und technischer Beziehung" (5).

.....und zur Ordnung der Elemente

Döbereiners vorbereitende Arbeiten, die schließlich zur Entdeckung gewisser Verhältnisgesetze im Aufbau der chemischen Elemente führen sollten, datieren bereits aus den Jahren 1816 und 1817, wurden aber erst 13 Jahre später zusammenfassend veröffentlicht. Ausgehend von seinen zahlreichen stöchiometrischen Untersuchungen hatte er 1816 eine "Darstellung der Verhältniszahlen der irdischen Elemente" versucht. Wenig später (1817) beobachtete er, daß sich gewisse quantitative Gesetze hinsichtlich der spezifischen Gewichte und der Atomgewichte bei Elementgruppierungen finden lassen. So kam in der Gruppe der Alkalien das Natrium in seinem Atomgewicht sehr nahe an das arithmetische Mittel von Lithium und Kalium heran; genauso stellte in der Gruppe Schwefel, Selen, Tellur das spezifische Gewicht des Selens genau das arithmetische Mittel zwischen Schwefel und Tellur dar. Ebenso in der Reihe Chlor, Brom, Jod: Hier bildete das Atomgewicht des Broms das arithmetische Mittel zwischen den Atomgewichten des Chlors und des Iods.

Als Prinzip der Gruppierung nahm Döbereiner die Trias an und faßte die Elemente jeweils in Gruppen zusammen, die Leopold Gmelin (1788 bis 1853) (7) später in seinem Handbuch der Chemie als "Triaden" bezeichnete.

Döbereiner veröffentlichte seine Beobachtungen erst viele Jahre später (1829) in Poggendorffs Annalen der Physik und der Chemie; sie wurden aber etliche Jahre kaum beachtet. Auch Berzelius, der in einem anderen Zusammenhang von einer Dreizahl im Elementenaufbau sprach, hob Döbereiners Arbeit nicht besonders hervor. Dennoch begannen die Bemühungen zur Systematik der chemischen Elemente mit diesem 1829 erschienenen Artikel Döbereiners, den 1850 ein anderer junger Apotheker fortsetzte: In diesem Jahre erschien Max Pettenkofers (1818 bis 1902) Arbeit "Über die regelmäßigen Abstände der Äquivalentzahlen der sogenannten einfachen Radicale".

Die wichtigsten praktischen, theoretischen und akademischen Leistungen Döbereiners fallen somit in die Jahre von etwa 1808 bis 1835. Danach nahm seine Produktivität langsam, aber unverkennbar ab. Hinzu kam, daß seine wichtigsten Förderer verstorben waren, der Großherzog Carl August 1828 und Goethe 1832. Bei allem Fleiß und unverkennbarer Begabung fehlte Döbereiner die Stärke der überragenden Persönlichkeit, die ihn zu einem maßgeblichen Protagonisten seines Fachs gemacht hätte – Eigenschaften, die die deutlich jüngeren Friedrich Wöhler (geboren 1800) und Justus Liebig (geboren 1803) besaßen. So trat seine Bedeutung seit Mitte der 1830er Jahre gegenüber den "heller leuchtenden Sternen" der Chemie zurück.

Literatur:

  1. Döbereiner, J.W., Zur pneumatischen Chemie. 5 Tle in 1 Bd. Cröker, Jena 1821-1825.
  2. Döbereiner, J.W., Zur Gärungschemie und Anleitung zur Darstellung verschiedener Weine, Biere usw. 1822.
  3. Döbereiner, J.W., Über neu entdeckte, höchst merkwürdige Eigenschaften des Platins und die pneumatisch-capillare Tätigkeit gesprungener Gläser. 1824.
  4. Döbereiner, J.W., Versuch zu einer Gruppierung der elementaren Stoffe nach ihrer Analogie. Poggendorff: Annalen der Physik und Chemie, 1829; Wiederabdruck in: Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften, Nr. 60.
  5. Döbereiner, J.W., Zur Chemie des Platins in wissenschaftlicher und technischer Beziehung für Chemiker, Metallurgen, Platinarbeiter, Pharmazeuten, Fabrikanten und Besitzer der Döberein’schen Platinfeuerzeuge. Stuttgart 1836.
  6. Döbereiner, J.W., Beiträge zur Gärungschemie. 1844.
  7. Fluck, E., Leopold Gmelin – Ein Heidelberger Chemiker und sein Werk. Naturwissenschaftl. Rundschau 11 (1989) 435-441
  8. Göttling, J.F.A., Beiträge zur Berichtigung der antiphlogistischen Chemie, auf Versuche gegründet. Hoffmanns Witwe und Erben, Weimar, 1. Stück 1794, 2. Stück 1798.
  9. Göttling, J.F.A. (Hrsg.), Almanach oder Taschenbuch für Scheidekünstler und Apotheker auf das Jahr 1798, 19. Jg. Hoffmann-Verlag, Weimar 1797. Insges. 50 Bde. 1780-1829.
  10. Gutbier, A., Goethe, Großherzog Carl August und die Chemie in Jena. Rede am 19. Juni 1926 in Jena. Verlag Gustav Fischer, Jena 1926.
  11. Kohl, F., Von Froschschenkeln und „tierischer Elektrizität". Vor 200 Jahren erschien Galvanis berühmte Schrift zur Neurophysiologie. Dtsch. Ärzteblatt 88 vom 14. November 1991, A 4045-4046
  12. Kohl, F., Johann Friedrich August Göttling: Apotheker, Redakteur und Lehrer. Pharm. Ztg. 138, Nr. 46 (1993) 3703-3708
  13. Kohl, F., Lavoisier: der Begründer der modernen Chemie. Pharm. Ztg. 139, Nr. 42 (1994) 3587-3596
  14. Kreyenberg, G., Die Bedeutung Johann Wolfgang Doebereiners. Ein Vortrag, gehalten in der Math. Ges. zu Jena. Verlag Carl Doebereiner, Jena 1862
  15. Mittasch, A., Döbereiner, Goethe und die Katalyse. Stuttgart 1951
  16. Prandtl, W., Deutsche Chemiker in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.Verlag Chemie GmbH, Weinheim/ Bergstraße 1956
  17. Sachtleben, R., Beiträge über Joseph Priestley, Carl Wilhelm Scheele, Justus von Liebig und Friedrich Wöhler. In: Gerlach, W. (Hrsg.), Der Natur die Zunge lösen. Leben und Leistung großer Forscher. Franz Ehrenwirth Verlag München 1967.
  18. Schiff, J., Goethes chemische Berater und Freunde. Dtsch. Rdsch. III (1911-1912) 450-466.
  19. Zekert, O., Berühmte Apotheker, Bd. 1, Stuttgart 1955. Beiträge zu: Göttling, Buchholz, Wiegleb, Döbereiner.

Anschrift des Verfassers:
Dr. Franz Kohl,
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Beitrag erschienen in Ausgabe 18/1999

 

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